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Jippt ja ooch noch
von Astrid Wenke
Das Klingeln brach ab. Jetzt drehte ein Schlüssel im Schloss. Eben hatte Jutta noch in ihrem Bett gelegen, vorgeschobene Unterlippe, die Knie angezogen, die Arme um das Kissen geschlungen, hatte sie mit ihrem Schicksal gehadert. Jetzt war sie hellwach.
Sie hatte sich nicht getäuscht. Es klickte im Schloss, dann: „Chhh“, als die Tür über den dicken Teppich schabte. Ein Blick auf den Wecker, kurz vor acht. So frech also - am helllichten Tag! Aber woher, fragte sich Jutta, hatten sie einen Schlüssel.
„Frau Schmidt!“ Eine klare, fordernde Stimme.
Irritiert sog Jutta mit einem schnellen Atemzug die Luft ein und wahrte sie knapp oberhalb ihrer alten großen Brüste in ihren Lungenflügeln. Sie riefen nach ihr. Sollte Jutta den Eindringlingen womöglich noch zeigen, wo sie ihr Erspartes versteckt hatte? Besser „versteckt hätte“, wenn denn jemals etwas zum Sparen übrig geblieben wäre. Na, die würden sich wundern, bei was für einer Armenhäuslerin sie auf Beutezug waren. Jutta griff nach ihrer Perücke. Wenn es auch nur Einbrecher waren, ohne Haare wollte sie ihnen nicht gegenübertreten.
Sie setzte sich auf. Gleich wurde ihr schwindelig. „Nicht wieder hinfallen“, dachte sie. Sie war ja nun operiert. Schädel aufgehauen, Tumor rausgenommen. Alles gut gegangen. Seit gestern war sie wieder zu Hause.
„Ich schaff`s nicht“, dachte Jutta. „Wie soll ich das alleine schaffen?“
Es klopfte.
„Frau Schmidt! Guten Morgen, ich bin Frau Klose. Wir haben Ihnen das Frühstück ins Wohnzimmer gestellt. Jetzt werden wir Sie mal waschen.“
„Waschen! Ik wasch mir alleene! Da schämt man sich doch!“
„Aber was denn, Frau Schmidt. Sie haben die Betreuung beantragt. Das Krankenhaus hat den Auftrag weitergeleitet und uns Ihren Hausschlüssel ausgehändigt. Meine Kollegin Frau Wendt und ich, wir kommen von nun an jeden Morgen. Wir bringen Ihnen Frühstück und helfen Ihnen beim Waschen. Dann kommt der Fahrdienst und bringt Sie zur Rehabilitation in die Tagesstätte. Abends sind Sie wieder zu Hause.“
So war das also. Jutta saß da, im Nachthemd. Ihre Beine baumelten von der Bettkante. Sie starrte ihre Pantoffeln an, die dort unten auf dem Fußboden lagen.
„Ich will nicht.“
„Aber Frau Schmidt, wenn der Fahrdienst kommt, wollen Sie schließlich anständig aussehen.“
Sie hatte immer anständig ausgesehen. Da konnte sie noch so am Boden sein, das sah man nicht. Arm, aber anständig, das hatte ihre Mutter ihr beigebracht. Selbst, als sie in Trümmern lebten - jeden Riss hatte sie genäht, jedes Loch gestopft.
Juttas Brust hob sich schwer - Mama.
Langsam zog Jutta die Perücke ab und legte sie auf den
Nachttisch. Ihre faltige Hand strich über die blonden vollen Haare. Da konnten die beiden Frauen ihren nackten Kopf sehen. Sollten sie nur. Am Hinterkopf war ein kleines Bündel Haare mit einem Zopfband zusammengebunden. Mehr war da nicht, um die Blöße zu verdecken.
„Na, denn waschen Sie mal“, sagte Jutta.
Eine halbe Stunde später saß Jutta sauber und angezogen in ihrem Wohnzimmersessel. „Trinken Sie noch ne Tasse Kaffee“, bot sie an.
„Danke“, sagte die eine Schwester. „Dafür ist keine Zeit. Einen schönen Tag und bis morgen.“
„Bleiben Sie ruhig sitzen“, sagte die Andere. „Wir haben den Schlüssel. Auf Wiedersehen, Frau Schmidt.“
Jutta saß in ihrem Sessel und schwieg. Lange saß sie da. Auf ihrem Teller lagen zwei Scheiben Brot mit Marmelade. Endlich drückte sie sich von den Armlehnen ab, stand auf, nahm den Teller, ging langsam in die Küche.
„Mag keine Marmelade“, murmelte sie, als sie das Brot in den Mülleimer kippte.
„Waschen mich und wolln keinen Kaffee trinken, wo gibt’s denn so was?“ Dann saß sie wieder im Sessel.
„Schlüssel ham se ooch“, sagte sie und kratzte an der Sessellehne.
So ging es jeden Tag. In aller Frühe: „Guten Morgen, Frau Schmidt“, waschen, Marmeladebrote im Wohnzimmer. „Auf Wiedersehen“, und die Tür zugezogen.
„Nee“, sagte Jutta. „Nee.“
„Nich mal zum Kaffee bleiben die Weiber“, beklagte sie sich. „Ach Oma“, sagte Sarah.
„Könnten mich fragen, was ich essen will, ham doch alles da, Käse, Wurst, aber nee, ich krieg Marmeladebrot.“
Sarah setzte sich auf die Sessellehne und legte den Arm um die alte Frau.
„Das musst du denen sagen, Oma, dass du lieber Käse willst.“
Jutta lehnte sich zurück und schloss die Augen. Tränen liefen ihre Wangen hinunter.
Der Fernseher lief, da redete wer, und die Bilder flogen vorüber. Irgendwann saß da eine Alte in der Mattscheibe, eine wie Jutta. Die saß mitten im Bild und eine Maschine auf Rädern rollte auf sie zu, hielt ein Tablett in den Greifarmen. „In Japan arbeitet man an der Entwicklung von Robotern, die in der Pflege eingesetzt werden sollen“, so die Stimme aus dem Off.
„Na, das is mal ne gute Idee“, sagte Jutta.
An diesem Abend stellte sie ihren Wecker auf fünf Uhr. Viertel nach fünf stand sie auf. Mit dem Rollator fuhr sie ins Badezimmer, setzte sich auf den Toilettendeckel, zog sich das Nachthemd über den Kopf, hängte es über den Rollator. „Geht doch“, sagte sie. „Geht doch schon wieder.“
Zwei Stunden später saß sie im Wohnzimmer. Sie hatte die Perücke auf und sie grinste, verwegen geradezu. Sollten die Weiber kommen. Sie würde die Perücke nicht abnehmen, da war sie sich sicher.
„Guten Tag, Frau Schmidt, Sie sind schon aufgestanden!“
„Ja“, sagte Jutta. „Stellen Sie das Frühstück einfach auf den Tisch. Ich nehme Käse.“
„Wir müssen Sie noch waschen“, sagte die Eine.
„Nein“, sagte Jutta, „ich habe mich schon gewaschen.“
„Sie müssen sich schon waschen lassen, Frau Schmidt“, beharrte die Andere.
„Jarnischt muss ick.“
Da konnten die Frauen nichts machen. Frau Klose nicht und Frau Wendt auch nicht.
Als sie gingen, lachte Jutta. Im Fernsehen spielte Musik. Jutta bewegte den Fuß im Takt.
„Den Schlüssel, den hol ik mir ooch noch wieder“, sagte sie.
Das Urteil der Jury:
Die Erzählung ist überzeugend in ihrer Lakonik, vieles wird nur angedeutet, die alte Frau wird plastisch; rund und stimmig.



