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Tante Else

von Brita Ottemann

Ich traf Tante Else, eine Schulfreundin meiner Mutter, nur drei Mal in meinem Leben. Doch ich sehe sie noch heute, Jahre nach ihrem Tod, vor mir, höre ihre Stimme und frage sie manchmal in Gedanken um Rat. Sie gehört zu den Menschen, die auch nach einer kurzen Begegnung Spuren hinterlassen. Sie war eigensinnig und eitel, lebensfroh und mitfühlend, sie konnte über sich selbst lachen und andere zum Lachen bringen. Vor mehr als fünfzig Jahren beobachtete ich mit großen Augen, wie die geheimnisvolle Tante aus dem Westen Lippenstift, Nagellack, Wimperntusche und andere faszinierende Dinge hervorzauberte. Wie eine Märchenfee erschien mir die kleine, zierliche Frau in ihrem wunderschönen Kleid und dem glitzernden Schmuck. Das kohlrabenschwarze Haar hatte sie zu einer kunstvollen Frisur aufgetürmt. Noch heute kann ich mich daran erinnern, dass es sich fest und klebrig wie Zuckerwatte anfühlte.

Mit ihrem schmalen Gesicht, der etwas zu lang geratenen Nase und dem großen Mund war sie keine klassische Schönheit, aber eine attraktive, auffallende Erscheinung in einer ostdeutschen Kleinstadt Ende der fünfziger Jahre, in der sich die meisten Frauen mit einer Dauerwelle und einem dezenten Lippenstift begnügten.

Tante Else aber zog das volle Register der Schönheitspflege. Sie färbte die Wimpern, zupfte ihre Augenbrauen und legte Make-up auf. Der knallrote Lippenstift passte genau zum Nagellack und den pudrigen Duft ihres Parfüms hatte ich noch lange in der Nase. So elegante schwarze Lederschuhe mit hohen, bleistiftdünnen Absätzen, in denen sie selbstbewusst über das holprige Kopfsteinpflaster stöckelte, kannte ich nur aus Filmen. Zwischen den heruntergekommenen Häusern, den kaputten Straßen und den meist Grau in Grau gekleideten Menschen wirkte sie wie ein bunter Paradiesvogel. Exotisch wie ihr Äußeres war auch ihre tiefe, rauchige Stimme und ihr lautes, ansteckendes Lachen. Ich hörte es oft, als sie mich, zum Entsetzen meiner Eltern, Lippenstift und Nagellack ausprobieren ließ und wir wie zwei kleine Mädchen vor dem Spiegel hockten. Tante Else war so alt wie meine Mutter, doch sie konnte verspielt und albern wie ein Kind sein.

Mit dem Mauerbau brach der Kontakt ab, und so kam es erst mehr als dreißig Jahre später zu einem Wiedersehen. Ich erwartete eine ältere, grauhaarige Dame, die ihr Rentnerdasein genießt und vielleicht schon das ein oder andere Zipperlein hat. Stattdessen stand mir eine immer noch schlanke und schwarzhaarige, perfekt geschminkte Frau in einem schicken roten Kostüm und hochhackigen Schuhen gegenüber.

So, wie Tante Else sich als Erwachsene dagegen gewehrt hatte, nicht mehr Kind sein zu dürfen, ließ sie sich jetzt nicht in die „Rentnerecke“ stellen. Sie hatte ihre eigene Strategie entwickelt, um jung zu bleiben. Sie ging gern mit Freunden aus, reiste viel, lernte Englisch und Spanisch und arbeitete ehrenamtlich in einem Altersheim. Als ich mich darüber wunderte, warum ihre Wahl nicht auf einen Kindergarten, einen Verein oder ein Umweltprojekt gefallen war, erklärte sie mir mit einem verschmitzten Lächeln:

„Unter den Blinden ist der Einäugige König, und unter der Uralten ist der Alte jung. Was meinst du, wie gut ich mich fühle, wenn ein Neunzigjähriger „junge Frau“ zu mir sagt und das auch wirklich so meint.“ Als sie dann, manchmal nachdenklich und traurig, aber oft auch lachend, von „ihren alten Leutchen“ erzählte, spürte ich, wie viel Zuneigung und Verständnis, wie viel Lebensfreude und Optimismus sie in den Alltag dieser Menschen brachte.

Als ich mich als kleines Mädchen von Tante Else verabschiedet hatte, war die Erinnerung an eine schicke junge Frau, die noch Kind sein konnte, geblieben. Dreißig Jahre später bewunderte ich, wie sie mit dem Älterwerden fertig wurde.

Zehn Jahre danach trafen wir uns zum letzten Mal. Sie wirkte zerbrechlich, ihre Haare waren grau geworden und auch das dick aufgetragene Make-up konnte die tiefen Falten in dem müde wirkenden Gesicht nicht mehr verdecken. Doch ihren Optimismus und ihre Lebensfreude hatte Tante Else nicht verloren. Sie kümmerte sich nach wie vor um „ihre alten Leutchen“, wenn auch, wie sie mir lachend erzählte, nicht immer ganz klar war, wer wen betreute. Auch ihr Äußeres vernachlässigte sie keineswegs, sie schminkte sich sorgfältig und kleidete sich nach der neuesten Mode.

Nur auf die hochhackigen Schuhe musste sie zu ihrem großen Bedauern verzichten.

„Aber wenn ich erst da oben bin, ziehe ich sie wieder an, da lass ich mir auch vom lieben Gott nicht reinreden.“ Leider sollte sie viel schneller als gedacht die Gelegenheit dazu erhalten. Drei Monate später starb sie ganz plötzlich.

Tante Else war keine enge Vertraute oder Freundin, dazu war sie ein zu seltener Gast in meinem Leben. Doch gerade in der letzten Zeit, in der ich den Kampf gegen das Älterwerden aufgenommen habe, denke ich oft an sie. Wenn ich meine engen Jeans und hohen Absatzschuhe anziehe, Make-up auflege und zum Englischkurs (aber nicht für Senioren) gehe, sehe ich Tante Else vor mir, wie sie mir anerkennend zunickt und höre ihr ansteckendes Lachen. 


Das Urteil der Jury:

Nur eine Personenbeschreibung? Nein, der Autorin gelingt es, ein Lebensbild auf dem Hintergrund der deutsch-deutschen Geschichte zu skizzieren. Gleichzeitig reflektiert sie sehr sensibel und mit einem hintersinnigen, empathischen „Lächeln“  die Thematik des Älterwerdens einer eigenwilligen Frau.  Gut und überzeugend erzählt!

 

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