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Aufgelegt
von Daniela Pawlowitsch
„Zwei Schachteln hellblaue Johnny Player, bitte, danke.“ Jeden dritten Tag brachte ich Maria Zigaretten mit. Sie rauchte nicht viel, aber wenn, dann begrüßte sie meine Gesellschaft sehr. Ich nahm mir gern die Zeit, mich mit ihr auf die Terrasse des Altersheimes zu setzen, nicht nur als Pflegerin meine Dienste zu erbringen, sondern ihr auch freundschaftlich zur Seite zu stehen, was bei einer so wunderbaren, stets positiven Frau nicht schwer fiel. Seit Maria vor sechs Monaten eingewiesen wurde, sprach sie von nichts anderem als ihrer großen Liebe Frank. Ein stattlicher Mann aus gutem Hause. Ein Reisender, der sein Leben lang nie richtig sesshaft wurde, seine Freiheiten in vollen Zügen genoss, aber dennoch nie vergaß, woher er kam, wer ihm wichtig war. Ich verfolgte jede romantische Geschichte der beiden mit höchster Aufmerksamkeit, lebte gewissermaßen sogar mit, was bei der euphorischen Wiedergabe von Maria wahrhaftig keine Kunst darstellte. Mit Händen und Füßen, aber vor allem mit Leidenschaft versetzte sie sich selbst und alle, die ihr zuhörten, in ihre herrlich altmodische, wunderschöne Vergangenheit. Eine Gabe, die man bei ihrer fortschreitenden Demenz einfach forcieren und auskosten musste.
Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen, als Maria im Mai völlig aufgelöst zu mir eilte, mich an den Händen packte und permanent nur einen Satz herausbrachte: “Er kommt, bald kommt mein Frank, endlich sehe ich ihn wieder.“ Ihre Freude spiegelte sich sofort an ihrem Äußeren wider. Sie streifte ein farbenprächtiges Kleid über, trug ihr üblich zusammengebundenes Haar wallend offen und tanzte förmlich auf den Gängen des Altersheims umher. Es war ein Aufleben, welches man nur selten miterleben darf, eine Flamme, die sich an ihrem warmen Herzen in Sekundenschnelle entzünden wollte. Ich saß noch stundenlang mit der Frau, die mir so ans Herz gewachsen war, im Garten, erfreute mich an ihren funkelnden Augen und an ihrem nie enden wollenden Elan.
Morgen wäre es dann soweit, das alljährliche Wiedersehen zwischen Frank und Maria. Sie würden stundenlang Hand in Hand spazieren gehen, einander zuhören, die Vertrautheit genießen und die Würze des Verliebtseins, die durch seltene Begegnungen dieser Art erhalten bleibt, auskosten.
In Gedanken fieberte ich mit, verspürte richtiggehend Aufregung, als mir auffiel, dass der Vormittag bereits anbrach, von Maria allerdings weit und breit nichts zu sehen oder hören war. Ich begab mich auf die Suche nach ihr, durchkämmte jeden möglichen Ort an dem sie sich zurückziehen konnte, vergebens.
Eine ungemeine Sorge stieg in mir hoch und ich beschloss, eine Runde um den anliegenden Wohnblock zu drehen, um einen kühlen Kopf zu bewahren.
Die Straße war nass, scheinbar regnete es schon seit Stunden. Die Tropfen prasselten in die Pfützen, welche sich bereits gebildet hatten und meine Schritte hallten andächtig auf dem nassen Asphalt. Bei jedem weiteren Meter, den ich zurücklegte, merkte ich, wie zunehmend das Wasser in mein Schuhwerk drang. „Was für ein seltsamer Tag“, dachte ich bei mir, als ein lautes Poltern meine Aufmerksamkeit erlangte. Es war ein Wolkenbruch, genau über der Telefonzelle an der Ecke, der den Regen an die kleinen Fenster des Unterschlupfes peitschte, wie Trommeln, die eine fesselnde Szene des Lebens einklopfen würden, nicht nur den Spannungsbogen des Unwetters hoben, sondern auch den des emotionalen Daseins. Ein Schauder durchfuhr meinen Körper, ließ Gänsehaut auf meiner Haut entstehen, als ich den Menschen, der in der Telefonzelle stand, wiedererkannte. Es war Maria. Durchnässt bis auf die Knochen, zitternd, mit leerem Blick und aufgesetzter Freude begann sie ein Gespräch: „…ja, jeden Tag über 30 Grad … strahlend blau von morgens bis abends … jede Menge Palmen, sogar hier vor der Zelle, Dattelpalmen, nehme ich an … Aber die Sache mit Ala und dem Hai, das war unglaublich … Hab ich dir doch geschrieben … Wie, nicht angekommen? … Ach so … traumhafte Bootsfahrt bei Vollmond … Nein, es ist nicht so, wie du denkst … Ich muss Schluss machen, es steht jemand vor der Zelle ... Ich dich auch … Tschüss!“
Maria atmete noch einmal kräftig durch, bevor sie den Hörer auflegte. Sie wandelte wie benommen mit gesenktem Kopf aus der Telefonzelle. Erst als ich ihren Arm berührte, mich an sie drückte, bemerkte sie seufzend meine Anwesenheit. Wir gingen eine ganze Weile still nebeneinander her, ließen Regen und Wind für uns sprechen, versuchten, durch die immer dichtere körperliche Nähe die entstandene Leere ein Stück weit wett zu machen. An der letzten Kreuzung vor dem Altersheim blieb Maria vor einer Trauerweide stehen, streichelte ihre grünen Blätter und sagte: „
Ich liebe ihn mehr, als Worte sagen können, deshalb möchte ich diese einmalige Zuneigung nicht durch Lasten schmälern und meinen Stolz als die Frau seiner Träume bewahren. Ich habe aufgelegt, einfach aufgelegt.“
Ich streichelte Maria über die Wangen, wischte ihre Tränen weg, die im Schauer des Regens beinahe verloren gingen und nahm ihre Hand. „Lass uns nach Hause gehen, meine Liebe, ich würde noch so gerne ein paar Geschichten von dir hören.“ Maria lächelte nun und ich wusste, sie war in Gedanken bei Frank, ihrem Seelenverwandten, der ihr auf diesem Wege immer nahe sein würde.
„Eine Schachtel hellblaue Johnny Player bitte, … ja, heute nur eine … danke!“
Maria hat mittlerweile vergessen, dass sie jemals Raucherin war.
Das Urteil der Jury:
Mutig und engagiert wendet sich die Autorin der individuell und gesellschaftlich brisanten und belastenden Thematik der Demenzerkrankung zu. Liebevoll zeichnet sie das Portrait der Erkrankten und den Umgang mit ihr. Die Dialoge wirken in dieser Krankheitssituation nicht sehr glaubhaft.



