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Mundraub

von Erkan Yilmaz

Die junge Frau saß neben mir in der Straßenbahn, saubere Plastiksitze, gedrängte Enge. Ständig bekam ich Ellbogen ins Gesicht, von Leuten, die im Gang standen, in den Halteschlaufen hingen, musste einfach dichter an sie ranrutschen, „Verzeihung“, höflich, meine Tüte im Fußraum hinterherschiebend, sie weicht zurück ans Fenster. Den Blick starr geradeaus, blinzele ich doch verstohlen aus dem Augenwinkel zu ihr, blasses Gesicht, mit von Hitze und Verlegenheit geröteten Wangen sieht sie aus dem Fenster, ihr Schwanenhals wie Porzellan. Auf ihrer Haut liegt ein Flaum heller Härchen und allerfeinste Schweißtröpfchen sammeln sich wegen der stickigen Sommerhitze in der köstlichen Kuhle ihres Schlüsselbeins.

Sie lehnt ihre Stirn gegen die Kühle der Scheibe, hat die Augen geschlossen, und ich kann sie genauer betrachten, ihre leicht geöffneten Lippen sind rosafarben, das sehe ich jetzt, mit dem sanften Schimmer eines Lipglosses belegt, wie sie so beliebt waren bei den Mädchen zu meiner Schulzeit. Dieser irre Geschmack von Erdbeer oder Kirsche oder etwas anderem Fruchtigem, der Geschmack der Lippen junger Mädchen, der Geschmack von Unschuld.

Sonnenflecken brechen durch die Scheibe und blenden uns, alle hecheln, fächern sich mit den Händen Luft zu und recken die Hälse zum Ausgang, wenn wir an einer Station halten und die Türen für einen Moment eine Brise frischer Luft einlassen, ohne Abkühlung zu bringen. Passagiere drängeln vorbei, schieben, schubsen, alles auf engstem Raum. Sie sieht sich ebenfalls um, reckt den Hals, ist das ihre Station? Nein, sie bleibt sitzen, die Türen schließen. Sie fährt sich durchs Haar, wischt eine Strähne aus den Augen, die als blonder Wasserfall sofort zurückfällt.

Die Straßenbahn schlingert durch eine Kurve und wir werden zur Seite gedrückt, alle, Passagiere, Gepäck, Kinderwagen, Tüten, Mädchen.

Die Schwerkraft presst mich gegen sie und ich ergreife meine Chance: Rasch drehe ich meinen Kopf ihr zu und gebe ihr einen Kuss, mitten auf die Erdbeerglanzlippen.

Wie in dieser Werbung, denke ich. Da war so eine Werbung, in der sich ebenfalls wildfremde junge Menschen in der Bahn geküsst haben, weil das Aftershave oder Deo oder Kaugummi oder Mundwasser so gut gerochen hat. Oder die Cola oder die Jeans. Ich weiß nicht mehr. In der Werbung jedenfalls küssen sie sich, man schmeckt den Sommer.

Ich schmecke den Sommer auf ihren Rosaglitzerlippen, ihren Kaugummiatem, spüre die warme Brise ewiger Jugend, für einen Moment jedenfalls, bevor ich rasch aufstehe, Tüte an mich gerafft und mich zum Ausgang drängele, an den Menschen vorbei, die mich durchlassen, schnell weg durch offene Türen auf die Haltestelle hinaus und fort, wie alle Diebe.

Ich schätze, das fällt unter Mundraub.

In der Straßenbahn herrschen Hitze und Enge. Die Schenkel kleben an den harten Plastiksitzen fest, so dass man Angst hat, beim Aufstehen feuchte Flecken zu hinterlassen, und deinem Gegenüber geht es genauso. Die Luft ist furchtbar stickig, obwohl die Dachluken offen sind, ist der Gestank all dieser schwitzenden, keuchenden Menschen zu viel für mich. Bei irgendwem hat das Deo versagt, es riecht durchdringend nach Männerschweiß und was anderem, nach alten Socken und ranzigem Fett, weil jemand Pommes isst oder so. Am liebsten würde ich mir die Nase zuhalten, aber das wäre unhöflich.

Die Sonne sticht mir ihre Strahlen direkt ins Gesicht, daher kneife ich die Augen zu. Rote Flecken sprenkeln meine Augenlider.

Die Person neben mir drängelt auf dem Sitz, nuschelt etwas unverständliches. „Schulligung…“. Ich rücke ab, öffne für einen Moment die Augen und erhasche einen Blick auf den Mann. Abgeschabte Jacke, viel zu dick für den Hochsommer und eine schmutzige Hose, vielleicht ein Bauarbeiter oder so. Ich rutsche so weit weg wie es geht, schaue demonstrativ aus dem Fenster.

Ich muss an eine Werbung denken, in der ein Raumspray oder Geruchskiller oder so etwas den Gestank aus Badezimmern, von Toiletten und von Hunden, Haustieren, Mülleimern killt. Der Gestank ist dabei als kleines grünes Monster dargestellt, als lustige Zeichnung, die kreischend flieht, sobald man mit dem Spray anrückt.

So ein Spray wünsche ich mir jetzt.

Dieser Gestank hier ist nicht normal, er raubt mir die Luft.

Jetzt rieche ich es deutlich, Urin, ein süßlich-widerlicher Duft, als hätte jemand sich in die Hosen gemacht; mir wird schlecht. Ich blinzele zu dem Mann auf dem Sitz neben mir.

Seine Hände sind grau vor Dreck in den Falten, gelbe gebogene Fingernägel wie die eines Tieres. Mir kriecht eine Gänsehaut über den Rücken.

Lieber durch den Mund atmen. Ich lehne meine Stirn gegen die Fensterscheibe und kämpfe gegen die aufsteigende Übelkeit an.

Die Bahn wird langsamer, ich öffne die Augen und recke den Hals, um das Haltestellenschild entziffern zu können. Es ist noch nicht meine Station, dennoch ringe ich mit dem Gedanken, hier auszusteigen, auch wenn ich dann weit laufen müsste.

Alle drängeln und schubsen zum Ausgang, während neue Passagiere versuchen, einen Sitzplatz zu ergattern. Ich hoffe darauf, den Platz tauschen zu können, doch es geht zu schnell, die Menge ist zu dicht, und schon fährt die Bahn ruckend an, schaukelt uns vorwärts, so dass unsere Körper aneinanderprallen.

Angewidert weiche ich zurück, mache mich ganz klein und wische mir über die Augen, fahre mir durchs Haar, wünsche mich weit weg.

Da schlingert die Straßenbahn durch eine Kurve, die Metallräder in den Schienen kreischen und der Penner wird gegen mich geschleudert, presst mich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Wand und noch bevor ich reagieren kann, ist sein Gesicht mir ganz nahe.

Ich habe ihn mir nicht angesehen bisher, habe immer weggesehen, wollte ihn nicht sehen, sein faltiges Gesicht, das Gesicht eines alten Mannes, rote Säufernase, fauliger Atem… Da drückt mir der Kerl einen Kuss auf, ich spüre seine schiefen verfaulten Zähne, seine rissigen, aufgesprungenen Lippen auf meinen…

Empörung, Ekel, Angst quellen in mir empor, gefolgt von einer mächtigen Welle der Übelkeit, doch bevor ich schreien kann, ihn schlagen, ihn von mir stoßen, dreht er sich schon weg, schnappt sein armseliges Bündel und springt aus der Bahn.

Ich schnappe nach Luft wie ein Fisch an Land, kämpfe mit dem Brechreiz und wische mir hektisch, panisch den Mund, verschmiere mein Lipgloss im ganzen Gesicht und fühle mich dabei, als hätte man mir etwas Unwiederbringlich gestohlen.

Das Urteil der Jury:

Anspruchsvoll in der Doppelperspektive, konkret-anschaulich in der Darstellung. Die Empfindungen der Person kommen gut rüber; überzeugende Ausführung einer Alltagssituation mit leicht unwahrscheinlichem Ausgang (Kuss); keine unnötigen Kommentare.

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