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Blutsbande
von Katrin Freund
Es war eine düstere Dezembernacht, kurz nach Weihnachten, und Zoé war allein zurückgeblieben in dem großen Herrenhaus. Erst vor wenigen Stunden hatte sie ihre Eltern in den Ski-Urlaub verabschiedet und ihnen zugesichert, gut aufs Anwesen aufzupassen. Max, der Schäferhund, hatte schon ein paar Mal angeschlagen, als er gegen Mitternacht endlich Ruhe gab. Die junge Frau wälzte sich unruhig im Halbschlaf hin und her, hörte das alte Haus ihrer Kindertage ächzen und knarren. Draußen heulte der Wind, die Fensterläden krachten scheppernd gegen die Wand. Wie gemütlich war es dagegen in ihrer kleinen Neubauwohnung in der City.
Zoé war gerade eingeschlafen, als sich perlende Klavierklänge den Weg durch ihren Traum bahnten. Sie versuchte die Töne zu ignorieren, doch das anfangs gedämpfte Pianospiel steigerte sich zu einem lebhaften Allegro, Raum ausfüllend und Aufmerksamkeit fordernd. Plötzlich wurde sich die 20-Jährige der unwirklichen Situation bewusst und sie erwachte schlagartig. Im fahlen Licht des Vollmondes tappte sie auf die andere Seite des Raumes, wo das Gemälde der Klavierspielerin hing. Es zeigte eine auf sympathisch anmutende Weise altmodisch gekleidete Frau, deren graziöse Finger leidenschaftlich über die Tasten des weißen Pianos flogen – und das gerade tatsächlich! Zoé traute ihren Augen und Ohren nicht und bewegte ihre Hand vorsichtig über das alte Ölbild. Sie roch die muffige Feuchtigkeit des Salons und den zarten Veilchenduft, der die Dame umwehte. Die Tür öffnete sich knarrend und ein älterer Mann mit Schnauzbart, zurückgekämmtem Haar und einem altmodischen Anzug posierte sich lächelnd neben dem Flügel.
„Hier bist du also, meine liebe Elisabeth, und probst dich in der Ouvertüre des ‚Sommernachtstraumes’! Wie raffiniert dein Spiel doch ist, fast fühle ich mich in Shakespeares Feen- und Kobold-Reich versetzt!“
„Dank dir, lieber Vater. Ich freue mich so sehr auf den Sommer, wenn Oskar und ich heiraten! Da vergesse ich gern einmal den grauen Winter!“
„Recht so, liebe Tochter. - Im Salon wird soeben der Kaffee aufgetragen. Begleitest du mich?“ - „Ich folge dir gern in einer Minute, Vater. Lass’ mich nur kurz meine Nase nachpudern!“
Der schnauzbärtige Herr verließ nickend den Raum, während Elisabeth an einem Frisiertisch die Hochsteckfrisur richtete und ihr blasses Gesicht puderte.
Zoé riss die Augen auf, als sie die große Ähnlichkeit des Mädchens zu sich selbst erkannte. Das gleiche Haar, dieselben grünen Augen und das Grübchen im Kinn. Stand sie neben ihrer Ahnin? Elisabeth im hochgeschlossenen langen Kleid raschelte zur Tür hinaus. Plötzlich peitschte ein eisiger Wind auf, dunkler Nebel erfüllte den Raum und ein schrecklicher Schrei hallte in Zoés Ohren. Erschrocken schnappte sie nach Luft und stolperte rückwärts in ihr eigenes Leben zurück. Doch der Schreck blieb: die Klavierspielerin war aus dem Gemälde verschwunden! Mit Gänsehaut am ganzen Körper nahm Zoé das Bild von der Wand, um es im Licht der Deckenlampe näher zu betrachten, doch ein gleichzeitiger dumpfer Aufprall fesselte ihre Aufmerksamkeit noch mehr. Ein verstaubtes Büchlein, eingeschlagen in blauen Samt, war hinten aus dem Gemälde gerutscht und lag auf dem Parkett: Ein Tagebuch. Sie klopfte den Staub ab, hockte sich damit aufs Bett und begann zu lesen…
Schmökerte in dem unbeschwerten Leben der 20jährigen Elisabeth von Salmuth im Jahre 1909, die stets umgeben war von interessanten Persönlichkeiten. Ließ sich einfangen vom Zauber eines vergangenen Sommers voller Feste, Musik und Poesie, schwelgte selbst fast in den Theateraufführungen im großzügig angelegten Garten der Familie.
Am 25. Dezember 1909 endeten die Tagebucheinträge abrupt. Was war geschehen? Zoé blätterte hastig zurück in den vergilbenden Seiten. Und hier wurde von einem ganz anderen Leben berichtet. Von einem Dasein mit viel Arbeit und Sorge und weit weniger Vergnügen. Vater Heinrich, ein recht erfolgloser Tuchhändler, und Mutter Grete, die Webarbeiten und Strickwaren fertigte, lebten mit ihren drei Töchtern in bescheidenen Verhältnissen. Sie ernährten sich meist von saurer Milchsuppe, Mehlspeisen und Hülsenfrüchten. Dann wendete sich im Frühjahr 1909 schlagartig das Blatt und das Glück floss der Familie nur so zu. Heinrich eröffnete ein florierendes Galanteriegeschäft, schickte seine Töchter auf eine private Mädchenschule und erwarb ein Gutshaus mit großem Landbesitz. Fanny, Elisabeths ältere Schwester, behauptete, am 26.12.1908 ihren Vater beim Zwiegespräch mit dem Teufel belauscht zu haben, in dem dieser ihm immerwährenden Wohlstand zusagte und dafür als Gegenleistung alle 100 Jahre am St. Stephanustag eine Tochter der Blutlinie einforderte. Stets nach 100 Jahren bestünde die Möglichkeit, den Pakt aufzulösen, damit jedoch auch den andauernden Wohlstand der Salmuths zu beenden. Heinrich soll dem zugestimmt haben. Elisabeth hatte ihre Schwester nur lauthals ausgelacht und ihr eine blühende Fantasie unterstellt.
Zoé ließ das Tagebuch sinken. Vermisste man Elisabeth tatsächlich seit dem 26. Dezember 1909? In ihrem Gehirn arbeitete es fieberhaft. St. Stephanustag – Stefanstag – der war doch am 26. Dezember! Oh Gott, wenn es den Fluch nun wirklich gab? Morgen war wieder ein 26. Dezember. Genau 100 Jahre später sollte sich die Prophezeiung erneut erfüllen und der Teufel hatte es diesmal vielleicht auf Zoé abgesehen. Oder auf den Reichtum ihrer Eltern, hallte es in ihr wider. Wollte ihr die verschwundene Blutsverwandte mitteilen, dass sie deren unbeerdigte Gebeine finden musste, um ihr eigenes Leben zu retten? Zoé war vom stundenlangen Lesen plötzlich sehr müde und beschloss, ein paar Stunden zu schlafen.
Nachdem sie am folgenden Morgen den Kamin eingeheizt und gefrühstückt hatte, begab sich Zoé mit dem Ölbild in der Hand auf die Suche nach Elisabeths ehemaligem Zimmer. Auf dem Gemälde hatte sie ein nachtblaues Kleid getragen, ihr Tagebuch war blau und Zoés Oma hatte einmal von einem blauen Salon erzählt. Dieser war inzwischen zum Hauswirtschaftsraum umfunktioniert worden. Zoé suchte die Wände ab und schob schließlich mit viel Kraft ein altes Flaschenregal zur Seite, hinter dem sich eine höchst verdächtige, zugemauerte Stelle befand. Bingo! Aus dem Werkzeugraum besorgte sie sich eine Spitzhacke, mit der sie solange Steine aus der Wand schlug, bis sie sich samt ihrer Tasche und dem Ölbild durch das Loch quetschen konnte, das den Zugang zu einem mannshohen unterirdischen Gang freigab. Im Schein der Taschenlampe arbeitete sich Zoé entschlossen voran. Wo waren sie bloß? Max, der Schäferhund, kläffte wild an ihrer Seite. Nach etwa 500 Metern kündigten Stufen und eine Tür, die sich nur sehr widerwillig öffnen ließ, das Ende des Tunnels an. Für den Bruchteil einer Sekunde fühlte sich Zoé in den Sommer von 1909 zurückversetzt, doch die dicke Staubschicht auf den ausgebleichten zerschlissenen Stoffen und die unzähligen Spinnwebennetze quer durch den Raum überzeugten sie davon, dass sie sich zum Ende des Jahres 2009 im Gartenpavillon der von Salmuths befand. Vor dem einst sehr romantischen vergläserten Bau lagerten Unmengen vermooster Holzbretter, verrosteter Stangen, Kisten und von Pflanzen umschlungener Müll. Zoé kratzte sich am Kopf. „Max, wo könnte meine Ahnin liegen?“ Der Hund tänzelte um eine Ansammlung vermodernder Kisten herum und begann wild zu bellen, so dass Zoé das Ölbild und ihre Tasche ablegte und die Bretteransammlung zur Seite hievte.
Es war Nachmittag, als sie zwischen dem wuchernden Pflanzwerk den ersten Knochen fand. Sie musste all ihre Übelkeit überwinden, um weiter zu graben und das zerbrochene menschliche Skelett freizulegen und in einer der Kisten zu sammeln. Anschließend zerrte Zoé die Kiste zum Familienfriedhof, der an der anderen Seite des Anwesens lag. Sie holte sich eine Schaufel und hub mit verzweifelter Kraft ein Loch aus dem gefrorenen Boden, in welches sie die Gebeine vorsichtig gleiten ließ. Dann füllte sie das Grab mit Erde auf und begab sich erneut zum Gartenpavillon. Sie fand eine gut erhaltene Holzlatte, aus der sie im Werkkeller ein Kreuz zurechtsägte und –nagelte und den Namen und das Todesdatum ihrer Vorfahrin ins Holz lötete. Zurück auf dem Friedhof rammte Zoé das Holzkreuz in den Boden, kniete sich erschöpft davor nieder und betete ein ‚Vaterunser’ für die Dahingegangene. Und auf einmal hörte sie das ersehnte perlende Klavierspiel. Diesmal den ‚Trauermarsch’ aus Mendelssohn-Bartholdys ‚Sommernachtstraum’. Sie sah auf und entdeckte Elisabeth im Gemälde musizieren. Wie passend, wie wunderbar…
Doch war da nicht noch etwas? Zoé erinnerte sich in dem Moment daran, als sie der Knall einer riesigen Explosion und splitterndes Glas rückwärts auf das Grab fallen ließen. Ihr Elternhaus, das wunderschöne alte Familienanwesen brannte lichterloh! All das Hab und Gut ihrer Eltern ging gerade in Flammen auf, die Antiquitäten, sämtliche Geschäftsunterlagen ihres Vaters, die Aktien, die Wertpapiere…
Später stand in der Zeitung, eine beschädigte Gasleitung in Verbindung mit dem angezündeten Kamin sei die Ursache für die brennende Hölle gewesen. Den Feuer speienden Teufel hatte niemand gesehen.
Das Urteil der Jury:
Der Text bedient die Elemente des phantastischen Erzählens und bietet im überraschenden Ende eine gelungene Verbindung zum realistischen Hintergrund. Einige sprachliche Bilder wirken in ihrer phantastischen Funktion überstrapaziert und nicht ganz logisch.



