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Der Besuch bei meiner Sippe
von Silke Stephan
Es war die letzte Woche meiner ersten Osterferien. An diesem Morgen hatte ich mit Oma im Gemüsegarten Möhren und Radieschen ausgesät. Am Nachmittag wollten wir beide einen Ausflug mit den Fahrrädern machen.
Während ich mein schickes rotes Kinderrad aus dem Schuppen lenkte, pumpte Oma den Hinterreifen an ihrem altmodischen Drahtesel auf. Danach klemmte sie auf den Gepäckträger eine Kiste mit gelben und blauen Stiefmütterchen. Ihre Tasche mit Schüppchen und Harke hängte sie an den Lenker.
Es ging los. Wir fuhren am Wald und an den Kuhwiesen entlang. Dann radelten wir munter durch die alte Zechensiedlung in Husen. Vor den Häusern saßen alte Leute, die Oma winkend grüßte, sodass ihr Rad schwankte. Hinter den Bahnschranken bogen wir in einen Rumpelweg ein. Beim Fahren hüpften die Blumen in der Kiste auf und ab und Omas Gartengeräte klimperten gegeneinander. Dieser Pfad brachte uns zur nächsten Siedlung und von dort ein Stück durch den Kurler Busch. Bald kamen wir zum Friedhof in Kurl.
Vor dem hohen Tor bremsten wir abrupt, hier galten besondere Gesetze. Der Boden musste heilig sein, dachte ich, denn das Befahren war verboten. Das jedenfalls behauptete Oma. Also schoben wir wie üblich unsere Fahrräder durch das schwarze Tor und schlugen den Weg zum kleinen Dieter ein.
Vor den Kindergräbern stellten wir unsere Räder ab und Oma begann damit, das Grab zu verschönern.
„Hol doch schon mal Wasser!“, forderte sie mich auf.
Begeistert darüber, diese spannende Aufgabe übernehmen zu dürfen, eilte ich zum Brunnen.
Den kleinen Dieter hatte ich nie kennengelernt. Er starb an Heimweh, weil er im Krankenhaus lag, so hatte es mir Oma erklärt. Damals war Mama ein Baby. Das war also sehr lange her. Trotzdem war Oma darüber immer noch traurig, das wusste ich.
Auf dem Weg kam ich bei Onkel Franz vorbei und blieb stehen, um an Tante Gretes Mann zu denken. Er war immer sehr lieb zu mir gewesen. Mir wurde warm ums Herz, aber ich wollte weiter.
Am Brunnen griff ich nach einer der Gießkannen und begann, mit dem quietschenden Schlegel Wasser zu pumpen. Dieser Ort zog mich magisch an. Es war der einzige Brunnen, den ich kannte. Bei jedem Wasserholen hoffte ich, den Froschkönig zu treffen, doch auch diesmal blieb er stumm auf dem dunklen Grund hocken. Ich quakte und quakte, aber vergeblich.
Mit der vollen Kanne schlurfte ich zurück. Oma hatte schon alle Herbstblätter beseitigt und die Stiefmütterchen gepflanzt. Gerade harkte sie den Boden um das Grab herum. Ich hob die schwere Gießkanne mit beiden Händen an und begoss Dieter und seine Blumen. Als wir beide mit unserer Arbeit fertig waren, hängte Oma die Kanne an ihren Lenker und wir schoben die Fahrräder über den Friedhof.
„Omi, ich möchte Onkel Franz gießen.“
Oma lächelte. Ich liebte sowohl meine Sippe als auch die Blumen. Also stoppten wir am Grab und ich ließ das Wasser plätschern.
„Jetzt gehen wir noch zu den Gosings“, bestimmte ich, obwohl wir das immer taten. Ich lief schneller, bog vor Oma rechts ab und schob mein Rad zielstrebig zur Gruft meiner Urgroßeltern. Die beiden waren Opas Eltern. Wenn ich hier am Grab stand, hatte ich immer ein bestimmtes Familienfoto vor Augen. Auf dem Bild waren die Urgroßeltern mit ihren zehn Kindern zu sehen. Die Mädchen in feinen Rüschenkleidern und Opa im Matrosenanzug. Ich stellte mir vor, dass Opas Schwester hier zwischen Uroma Emilie und Uropa Johann ruhte, so wie ich gern zwischen meinen Eltern auf der Besucherritze lag. Es ist gemein, dass Kinder beim Spielen sterben können, dachte ich. Cici war beim Rollschuhlaufen gegen einen Laternenmast gefahren. Sie wurde nur sieben Jahre alt und hieß eigentlich Cäcilie. Mir verpasste man eine Kurzform ihres Namens. Noch ein Grund, warum ich sie gern kennengelernt hätte.
Oma bückte sich und zupfte Unkraut. Hier pflanzte immer Tante Irma die Stiefmütterchen. Aber wenn wir vorbeikamen, schauten wir trotzdem, ob etwas zu tun war. Ich schüttelte die Gießkanne. Es kamen nur noch ein paar Tröpfchen heraus. Deshalb trabte ich erneut über den knirschenden Kies zum Brunnen.
Während ich das Wasser pumpte und quakte, hörte ich ein Geräusch hinter mir. Ich drehte mich um und erbleichte.
Sie trug das weiße Rüschenkleid und hatte ihre blonden Zöpfe mit weißen Schleifenbändern zu Affenschaukeln hochgebunden. Ich stand wie gelähmt, meine Zunge klebte am Gaumen fest. Einzig meine Augen bewegten sich und wanderten zu ihren hohen, schwarzen Schuhen, die in Rollschuhen steckten. Cici.
Aug-in-Aug standen wir uns gegenüber, bis sie mich anlächelte und nach meiner Hand griff. In diesem Moment polterte die Gießkanne in den Brunnen hinab. Wir kicherten.
„Weißt du, warum mein Bruder mich nicht mehr besucht?“, fragte Cici.
Ich schluckte schwer. „Mein Opa geht nicht zum Friedhof.“
„Aber warum denn nicht? Ich warte schon sehr lange auf seinen Besuch.“
„Er ist wütend auf Gott, weil er den kleinen Dieter hat sterben lassen.“
„Oje, immer noch. Aber jetzt bist du ja hier. Ziehst du mich mit deinem Fahrrad?“ Sie zwinkerte mir zu.
Ich traute meinen Ohren nicht. Radfahren war hier doch strengstens verboten. Fieberhaft überlegte ich, wie ich mein Rad holen könnte, ohne dass Oma etwas bemerkte. Ich wusste, sie würde sauer werden, wenn sie mitbekäme, dass ich hier auf dem heiligen Boden Fahrrad fuhr.
„Ich kann dich mit dem Seilchen ziehen“, war meine rettende Idee. Rasch zog ich mein Springseil aus der Anoraktasche. Ich legte es um meinen Bauch und reichte Cici die Enden. Dann galoppierte ich los zum Hauptweg.
„Schneller!“, ertönte es hinter mir und ich legte noch einen Zahn zu. Schon waren wir auf Höhe der Kindergräber angekommen, und ich warf einen Blick zu Dieters Grab. Erstaunt blieb ich stehen. In seinem hellblauen Strickanzug sah er genauso aus wie auf Omas Fotos. Der kleine Blondschopf hockte auf der Erde und rupfte lachend die Blüten der Stiefmütterchen ab, um damit zu spielen. Und Oma denkt immer, dass Kaninchen die Blumen abfressen, schoss es mir durch den Kopf. Vorsichtig lugte ich hinüber zum Grab von Onkel Franz. Hier war auch ein kleines Kind beerdigt worden. Aber ich sah nur Blumen und Büsche.
Aus der Ferne hörte ich Oma nach mir rufen. Hastig drehte ich mich um, aber von Cici keine Spur mehr. Mein Seilchen war auf den Boden gerutscht. Ich hob es auf und trabte zurück zu Oma.
Am nächsten Tag würden Opa und ich wie an jedem Mittwoch unseren Ausflug zum Lotto machen. Bei dieser Gelegenheit wollte ich ihm von der wundersamen Begegnung erzählen.
Das urteil der Jury:
Konkret und ohne Sentimentalität erzählt, Kinderbewusstsein wirkt überzeugend, gute Einfälle; dem Schluss hätte ein überraschender Einfall, eine Pointe o. Ä. gutgetan.



