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Morgengrauen
von Thomas Eppensteiner
In den Nächten, die ich auf Streife verbringe, sehe ich in der Regel alle fünf Minuten auf meine Armbanduhr. Nach Mitternacht kommt es mir dann immer so vor, als würden irgendwelche kleine Fieslinge im Uhrwerk versuchen, die Zeit anzuhalten. Am Minutenzeiger sitzend, ihren Versuch unerbittlich vorantreibend.
Morgengrauen. Am Rand eines Randbezirkes und das Ende einer schwülen Sommernacht. Zwischen Plattenbauten, schlafenden Raupen gleich in der Peripherie liegend und Feldern, auf denen schon lange nichts mehr angebaut wird. Platz für neue Kriechtiere, die sich wohl niemals in bunte Schmetterlinge verwandeln werden. Das beste – weil einzige Lokal in der Gegend - hat schon zu. Ein Café, in dem ein Fremder besser nicht versuchen sollte, Streit anzufangen. Hier kennt man sich und selbst die Wirtin hat mehr Zeit drinnen als draußen verbracht. Ich lehne an einem Schaufenster, in dem Poster von halbnackten Frauen, Schnappschüsse von Rennwagen und Plakate mit Bierwerbung um die Wette vergilben.
Vor mir sitzt etwas, das Ekel in mir erregt, mich anwidert und nervt. Etwas, dessen Zustand ich mit einem gemurmelten „geschieht ihm ganz recht“ kommentiere. Auch das passt mir nicht, denn es ist sonst nicht meine Art, so zu denken. Mir passt gar nichts mehr um diese Zeit. Ich bin nur mehr müde und will nach Hause. Begriffe wie „Ethik“ und „Moral“ drängen sich im übermüdeten Gehirn ganz nach vorn, nehmen in der ersten Reihe Platz und beschäftigen mich. Definitionen, die Grundsätze menschlichen Handelns darstellen sollen und denen neuerdings in der Polizeiausbildung viel Platz eingeräumt wird. Moderne Polizisten sind Sicherheitsmanager, denken ethisch, moralisch und korrekt. Jetzt gerade bin ich keiner von ihnen. Mein Partner hat dieses Etwas mustergültig erstversorgt, mit allem, was dazu gehört. Ich fühle mich aber trotzdem wohler, wenn ich die nach Erbrochenem riechende Gestalt mit ihrem geschundenen Gesicht nicht ansehen muss. Ich drehe mich weg, ignoriere das Lallen und die Ausdrücke, die er auf den immer noch heißen Asphalt speit.
Vor drei Stunden waren wir schon mal da. „Betrunkener Gast will nicht gehen“. Standardsache.
Die Wirtin, drei Gäste und Roy Black, der uns aus einer Jukebox zuraunte, wie wunderbar die Welt doch sei. Ein kaputter Dartautomat, an dem ein ebenso kaputter Typ lehnte. Er wollte nicht gehen und war selbst für diesen Ort zu betrunken. Nachdem wir unsere Handschuhe angezogen hatten, ging es los. Wir packten ihn an den Armen und entfernten ihn aus dem Café. Draußen wollte er sich an mich klammern, kam in den Bereich, in den man nur vertraute Menschen lässt. Ich bin selbst in einer Gegend mit Kriechtieren aufgewachsen und spreche seine Sprache. Er erkannte den Sinn meiner Worte zwar nur zeitverzögert, wankte am Ende aber zum Glück weg, die Straße hinab. Bevor er von einem Kriechtier verschlungen wurde, versicherte er mir zum Abschied noch, dass er einer meiner sieben Väter sei, etwas mit meiner Schwester hätte und adoptierte meinen Partner im selben Satz. Kein weiterer Grund für uns, wir fuhren weiter, nichts war passiert.
Morgengrauen. Reglose Person vor Lokal. Das Etwas liegt mit einer tiefen Platzwunde oberhalb der rechten Augenbraue auf dem Gehsteig. Blut überall. Obwohl er mir vor wenigen Stunden offenbart hatte, einer meiner Väter zu sein, kann er sich nun nicht mehr an mich erinnern. Auch seinen Adoptivsohn erkennt er nicht mehr.
Nein, Zigarette habe ich keine über, nicht mal Mitleid gibt es von mir. Nach vierundzwanzig Stunden Dienst bin ich abgestumpft und kann keine Emotionen mehr hervorkramen.
Die Fieslinge im Uhrwerk haben ein Einsehen. Während ich den blauen Schein sehe, den das Licht des Rettungswagens an die Häuserwände wirft, bin ich erleichtert, dass sich der Minutenzeiger wieder bewegt. Zwei Sanitäter, die mindestens genau so müde sind wie ich, schälen sich aus dem Fahrzeug und schlurfen auf uns zu.
„Ist wohl gestürzt, der Arme“, stellt einer von ihnen mit einem mitleidigen Lächeln fest.
„Ja, wird wohl so sein. Das Lokal ist bereits zu, keine Zeugen. Wir sind in zwölf Stunden sowieso wieder im Dienst. Da werden wir die Wirtin befragen“, gähnt mein Partner und ich bin froh, nichts mehr sagen zu müssen.
„Mach` noch eine Runde über die Felder. Dann kann ich besser einschlafen“, bitte ich meinen Partner und zünde mir meine letzte Zigarette an.
Das Urteil der Jury:
Sprachlich anspruchsvoll und bildhaft mit guten, präzisen Einfällen; Stimmung kommt gut rüber, gelegentlich überanstrengt, manche abstrakten Überlegungen unnötig, aber Qualität überwiegt.



