Sie sind hier:Teilnehmer / Förderpreise / 2011 / 

Gründonnerstag

von Winfried Gessner

Dieser Morgen war sonnig und klar. Samtweich krochen die Strahlen der Frühlingssonne über das Scheunendach zu mir an den Frühstückstisch und wärmten mich an Leib und Seele. Verträumt löffelte ich mein Frühstück, in warme Milch eingeweichte Brotstücke, mit Honig gesüßt. Es war ein  besonderer Tag im März – Gründonnerstag, und meine Gedanken kreisten schon eine ganze Weile um die dunkle Scheune, die direkt unserem Haus gegenüber lag. Ich saß allein in der Küche. Nur das bullernde Herdfeuer, der Topf mit kochendem Wasser, der sich klappernd und zischend zu Wort meldete, leisteten mir Gesellschaft, ohne meine Träumereien zu stören. Wahrlich ein merkwürdiger Tag, dieser Gründonnerstag: Da ist die Sache mit den Glocken, selbst der Wetterhahn auf der Kirchturmspitze steigt heute herab und trinkt, wisperte die Großmutter und dann die Engel, die umherziehen, Quellen segnen, aus denen um Mitternacht das Osterwasser….

„Hab‘ ich dir nicht gesagt, du sollst mich rufen, wenn das Wasser kocht“, meine Mutter steckte den Kopf, streng mit einem weißen Kopftuch bedeckt, zur Türe herein. „Sitzt da und schläfst mit offenen Augen. Zieh‘ dich an – es gibt so viel zu tun in Haus und Hof.“ Schließlich goss sie das kochende Wasser in einen Eimer und verschwand. Wenn meine Mutter ihre langen schwarzen Haare hochsteckte und ein weißes Tuch wie einen Turban um den Kopf schlang, dann wusste jeder im Haus, was die Stunde geschlagen hatte: Ein Heiliger Krieg gegen Schmutz und Unordnung stand unmittelbar bevor. Die Schlacht, die heute, wie an jedem Gründonnerstag, geschlagen wurde, nannte man ‚Osterputz‘. Den Schrubber wie ein Schwert in der Rechten, daneben den Eimer heißen Wassers, aus dem die Seife vor unbändiger Putzwut schon überschäumte, so zog sie in den Kampf. Vom Dachboden bis zur Hausflur, Meter für Meter unterwarf sie das ganze Haus einem unbarmherzigen Reinigungsfeldzug und versiegelte dabei Holzdielen und Treppen mit einem rotbraunen, stechend riechenden Öl. Solchermaßen behandelte Flächen erklärte sie dann wie frisch erobertes Feindesland zur Sperrzone, niemand durfte sie ohne ihre Genehmigung betreten. Erst wenn das Öl eingesickert und das Holz wieder trocken war, legte Mutter Zeitungen oder Pappe aus und dringend notwendige Passagen wurden gewährt. Feinere Möbel polierte sie mit einem Bienenwachs, dessen Aroma etwas von der Süße des Osterfladens, von Ostersonntag und Frühling vorweg nahm. Der strenge Geruch des Fußbodenöls jedoch behielt die Oberhand und vermittelte uns das  geziemende Karwochengefühl von Reinheit, Kargheit, Fasten. Mutter regierte das Haus mit Herz und Verstand. In der Küche überwog jedoch das Herz. Besonders vor hohen Festtagen wie Ostern konnte sie unsagbar Köstliches aus der Backröhre hervorzaubern. Nächtens träumte ich von ihren schokoladegefüllten Osterhasen, die, glasiert mit Eigelb, verziert mit Schokostreuseln, das Auge eine getrocknete Weinbeere, einen Korb voller bunter Zuckereier auf den Rücken trugen. Sie erschienen mir nachts, die göttlichen Osterhasen, wie einem Heiligen die Engel und ihre stumme Botschaft schien zu sein: „Halte durch, tapferer Junge, Ostern ist nahe, dann gehören wir alle dir.“

Wieder kam mir die Scheune in den Sinn. Ich stand auf und betrachtete den Hofplatz, ein verwunschener Ort, wie mir schien, der unser Haus von der Scheune trennte. Der zerfurchte Boden war in der klaren Nacht zu einer runzeligen Schwarte gefroren, über die sich vereiste Wasserpfützen wie Splitter eines zerborstenen Spiegels verteilten, in denen die Morgensonne funkelnde Lichtwesen tanzen ließ und dabei genüsslich den Raureif von den Elektrizitätsleitungen schleckte, die wie Zuckerschnüre den Platz kreuzten. Dagegen lag das große, schwere Scheunentor noch im frostigen Schatten. Wollte man diese dunkelgraue, abweisende Holzwand allein bewegen, musste man sehr stark sein oder ein Engel, so einer, der den schweren Stein von Jesu’ Grab wegwälzte. 

Wie ich so in Gedanken versunken am Fenster stand, kam mein Vater von draußen mit einem Korb Brennholz herein: „Ah, mein treuer Gehilfe hat auch schon ausgeschlafen“, sprach er mich freundlich an. So viel Wohlwollen riecht nach Arbeit, dachte ich sofort. Er ging auf Zehenspitzen über Pappkartonstücke und ausgelegte Zeitungen zum Herd und ließ mich die Holzscheite einräumen. Dann verließ er, über Papierinseln zurück balancierend, die Küche: „Vor den Feiertagen müssen wir Futterrüben aus dem Keller holen, dafür brauche ich dich“, sagte er noch, bevor er die Türe hinter sich schloss.

„Da haben wir’s! Der Rübenkeller, wie schrecklich… Die Scheune erkunden, das wäre mir lieber. Wenn ich nur das Tor alleine öffnen könnte…“, grummelte ich vor mich hin. Unterdessen huschte meine Großmutter, seit Großvaters Tod von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, wie ein Rabenvogel umher und machte sich am Herd zu schaffen. Sie erzählt oft wunderliche Geschichten von Engeln, Geistern und anderen Wesen der unsichtbaren Welt.

„Was gibt es heute Mittag, Oma?“, wollte ich wissen.

„Reisbrei“, war die Antwort. Sie sprach nie viel, höchstens mit dem verstorbenen Großvater, wenn sie allein war.

„Sonst nichts?“, fragte ich überflüssigerweise, denn ich wusste schon, in der Karwoche würde es täglich nur eine fleischlose Mahlzeit geben. Mit der morgendlichen Beschaulichkeit war es nun endgültig vorbei – Großmutters geräuschvolles Hantieren mit Töpfen und Schüsseln trieb mich vor das Hoftor. Dort hatte die Sonne inzwischen die letzten Spuren des Nachtfrosts getilgt. Es tropfte und rieselte von Dächern und Zäunen und auf dem schwarzen Geäst der Bäume funkelten Tautropfen wie feiner Diamantenschmuck. Meisen, Finken und Spatzen, die vor Wochen noch als Bettler von Fenster zu Fenster gezogen waren, genossen in den nackten Baumkronen zirpend die Frühlingssonne und ließen die Laubbäume beinahe ihre Kahlheit vergessen. Am Gartenzaun zeigten die scharf gezackten Löwenzahnblätter das erste Grün. Alles war von neuer Hoffnung durchtränkt.  

Dann kamen endlich die Nachbarskinder, mit Weidenkörbchen ausstaffiert. Fritz, der schon acht Jahre alt war und seine jüngere Schwester Anna. Sofort liefen wir zur Scheune, schoben mit vereinten Kräften das schwere Scheunentor einen guten Meter zurück und schlüpften hinein. Das Tageslicht warf einen schmalen Streifen Helligkeit auf den Tennenboden. Beim Wohlgeruch von harzigem Holz und Heu in der hohen, dämmerigen Scheune ergriff etwas Feierliches unsere Gemüter. Ein Hauch von Magie wehte durch das Gebälk. Alles schien möglich in diesem Augenblick. Ich ging voraus, die anderen folgten und langsam, fast wie in einer frommen Prozession, drangen wir tiefer ins Dunkel der Scheune ein.

„Da - da sind sie!“, rief Anna plötzlich ganz aufgeregt und deutete auf eine niedrige Mauer im Halbdunkel. Wahrlich, da sahen wir am Fuß einer Mauer, in drei kleinen Nestern aus Heu bunte Eier und gebackene Osterhasen. Die Eier in kräftigen Farben, Rot, Blau und Grün, im satten Gelb die Osterhasen, leuchtende Gaben wie aus einer anderen Welt, durch Zauberei in diesen dunklen Winkel versetzt. Eigentlich glaubte keiner von uns so recht, dass es den Osterhasen wirklich gab, schließlich waren wir ja schon mehr als sechs Jahre alt. Aber das Wunderbare dieses Augenblicks betörte uns vollkommen und willig gaben wir uns diesem alten Brauch hin, wie wahre Osterhasengläubige. Vorsichtig legten wir unsere Schätze in die Körbchen und verließen in gehobener Stimmung die Scheune. Beflügelt setzten wir unsere Suche in den Scheunen der benachbarten Bauernhöfe fort, wo wir ebenfalls fündig wurden: Manchmal war ein Schokoladenei darunter, manchmal ein Osterhase aus Marzipan. Nicht überall fielen uns die Leckereien einfach in den Schoß. Mal wollte uns ein grantiger Hofhund verjagen, mal verstand ein schwerhöriger Alter nicht den Zweck unseres Besuchs. Nichts und Niemand konnte uns jedoch aufhalten und gegen Mittag kam ich zu Hause an, ein Körbchen in der Hand, gefüllt mit Ostereiern, gebackenen Hasen und Lämmern, manches aus Schokolade oder Marzipan. Nun konnte der Ostersonntag kommen, ich war gerüstet. Auch war ich nun bereit, mit meinem Vater Rüben für das Vieh aus dem Keller herbei zu schaffen. Ich traf ihn beim Kehren des Hofplatzes an  – nicht nur das Haus, das ganze Gehöft musste bis Sonntag in österlicher Frische dastehen. In seinem graublauen Arbeitsanzug, den Kopf bedeckt mit einer Feldmütze aus seiner Gebirgsjägerzeit, verrichtete er ruhig, in seinem ganz eigenen Rhythmus die Arbeit. Er freute sich mit mir über die leckeren Osterhasenfunde und ich musste ihm versprechen, einen Schokoladenhasen für ihn übrigzulassen, was ich gern tat, denn er war ein guter Vater. Manchmal erzählte er mir Geschichten aus seiner Jugend, die er zum großen Teil im Kriegsdienst verbracht hatte: Erst zwei Jahre Wehrdienst und danach sechs Jahre im Zweiten Weltkrieg, der, obschon seit zehn Jahren vorüber, in seinem Denken und Sprechen stets gegenwärtig war. Aus solchen Schilderungen wusste ich auch, dass sein Vater im Ersten Weltkrieg gefallen war. Schon in den ersten Tagen des Zweiten Weltkriegs verlor er auch noch seinen älteren Bruder, der ihm den Vater ersetzt hatte. Das Leben verlangt manchmal große Opfer und am Ende steht man betrogen da. Diese Lehre wollte er mir wohl mit seinen Erzählungen aus der Kriegszeit vermitteln.

Wir machten uns auf den Weg, mein Vater mit einer großen Schubkarre, ich mit einem Korb, mit dem wir die Rüben aus dem Keller tragen würden. Der Keller befand sich einige hundert Meter vom Hof entfernt. Unser Weg dorthin führte am Friedhof vorbei, wo Frauen in dunklen Kopftüchern und blauen Mantelschürzen die Gräber von vertrockneten Pflanzen und verrotteten Grabschmuck befreiten, frische Erde auftrugen, aus der bald Stiefmütterchen, Veilchen und Vergissmeinnicht sprießen würden. Auch die Verstorbenen sollten an Ostern teilhaben und wenigstens die Auferstehung der Natur erleben.

 Wie gewöhnlich wollte uns Rolf, Nachbars alter Schäferhund, den Weg verlegen. Wir ließen ihn eine Weile wichtigtuerisch bellen, redeten ihm gut zu, bald trollte er sich humpelnd und gab den Weg frei. Schließlich standen wir vor dem Keller, der mich durch seine höhlenartige Anlage, die groben Steinblöcke, die eine eisenbeschlagene Holztüre umfassten, an das Grab Christi erinnerte, wie ich es aus meiner Bilderbibel kannte. Vater öffnete die Türe, kein Engel kam uns entgegen, um die Osterbotschaft zu verkünden - nur modriger Rübengeruch. Es war kalt und feucht, die Dunkelheit machte mich für einige Augenblicke blind. Wir füllten den Korb mit glitschigen, eiskalten Rüben. Ich fror, hauchte ständig in die hohlen Hände, um meine klammen Finger zu wärmen. Vater spürte mein Unbehagen:

„Möchtest du nicht ein Lied singen, vielleicht geht’s dann leichter?“

„Hier im Keller? Ich kann in der Kälte nicht singen.“

„Schade, aber du kannst etwas summen – das geht doch, oder?“

Ich begann ‚Das neue Morgenrot erglüht‘ zu summen, ein Osterlied, mein Vater brummte mit und bald spürte ich die Kälte des Kellers nicht mehr. Wir schafften Korb um Korb hinaus, bis die Schubkarre gut gefüllt war.

„Das hätten wir erledigt“, murmelte Vater zufrieden und klopfte mir auf die Schulter, „warst mir wirklich eine große Hilfe. Wir sollten am Ostersonntagmorgen gemeinsam zur Lützet gehen – was meinst du?“

Ich nickte begeistert - da wollte ich ja schon letztes Jahr hin. Die Lützet, so hieß ein Waldstück, das hinter unserem Keller auf einer Anhöhe lag. Von dort weckte am Ostersonntag, noch vor Sonnenaufgang, ein Bläserchor das Dorf mit Osterliedern.

Zufrieden traten wir den Heimweg an und wie so oft nach getaner Arbeit sangen wir ein Lied, ein Seefahrerlied dieses Mal: „Wer will mit uns nach Island ziehen….“. Wir sangen nicht aus Übermut, es war ja noch Fastenzeit, auch nicht, um die Leute am Wegrand, die uns kopfschüttelnd beobachteten, zu unterhalten. Nein, wir sangen wie die Vögel, die singen, weil sie singen müssen.

Pünktlich zum Mittagessen erreichten wir unser Zuhause. Es gab Reisbrei und für jeden eine Messerspitze Zwetschgenmus. Noch hungrig stand ich vom Mittagstisch auf und ging auf mein Zimmer, wo auf einem Tischchen meine Ernte aus den Osternestern stand. Ich roch an einem gebackenen Osterhasen, das Wasser lief mir im Mund zusammen und als ich überlegte, ob ‚ein Mal kein Mal ist‘, hörte ich von draußen ein hölzernes Rasseln. Hastig legte ich den Versucher zurück ins Körbchen und lief auf die Straße. Vom Dorf her zog eine Gruppe Ministranten auf, die grimmig an ihren Ratschen kurbelten und so ein ohrenbetäubendes Knattern und Scheppern ihren hölzernen Drehleiern entlockten. Sie ersetzten die Glocken, die in der Karwoche, ebenso wie die Kirchturmuhr, stumm blieben, weil ‚die Glocken nach Rom geflogen seien‘, wie ich von Großmutter wusste. Die Ministranten sagten in kurzen Versen die Zeit an, erinnerten an den Leidensweg Christi und ermahnten zum Fasten und Beten. Ihre Belehrung fiel auf fruchtbaren Boden, hatten sie mich doch vor einen Fehltritt bewahrt. Ich gelobte im Stillen, bis Karsamstag durchzuhalten,  dann würden ringsum nächtliche Osterfeuer das Ende der kalten, kargen Zeit anzeigen. Zwischen Mitternacht und Morgengrauen schöpfte man, tief im Wald, das Osterwasser aus einer geweihten Quelle – ein Heilmittel für Mensch und Tier. Dann am Ostersonntag, wenn die Sonne über die Nacht triumphierte, verkündeten Posaunen und Trompeten Mensch und Flur den Sieg des Lebens über den Tod. Überall, sogar in der Kirche, wurde fröhliches Singen und Lachen sein und in allen Häusern Essen und Trinken, so viel man wollte. Endlich erhielt der dicke Adolf seine geliebte Schnupftabaksdose wieder zurück, die seine Frau in der Karwoche versteckt gehalten hatte. Er würde vor sein Haus treten, beide Nasenlöcher mit einer gewaltigen Prise versorgen, drei Mal herzhaft niesen, dass ihm die Tränen über die roten Backen kullerten und schließlich ein  lautes „Halleluja – er ist auferstanden“ ausrufen. Dann war wirklich Ostern.

Das Urteil der Jury:

Der Autor fängt mit seinem Text ein stimmungsvolles und differenziertes Zeitbild der 50er Jahre ein.  Mit plastischen Bildern und variationsreichen Adjektiven schildert er sehr authentisch  das Brauchtum dieser Zeit. Jeder Zeitzeuge erinnert sich beim Lesen intensiv an die Farben, Gerüche und Geräusche  - war es nicht genau so? Ein in Aufbau und Sprache gelungener Text.

Entdecken Sie jetzt
Ihr Schreibtalent
 
  Schreiben lernen mit dem Leitfaden von der Schule des Schreibens Herr Frau
Persönliche Beratung Online anmelden Gratis-Newsletter