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Bernd Gröschner - Matt in drei Zügen

Der Himmel war grau und kalt wie die Asche im Kamin. In den hohen Pappeln zu beiden Seiten der schmalen Straße, die sich durch die Parkanlage des Klinikgeländes schlängelte, nistete die Nässe. Selbst die Spatzen plusterten sich in ungewohnter Zurückhaltung zwischen den Zweigen, als trauten sie diesem Tag mitten im September noch Schlimmeres zu.
Frank Triska saß am Fenster. Er hatte die Augen geschlossen. Trotzdem sah er jede Einzelheit vor sich. Er sah die einstöckigen Klinkerbauten der verschiedenen Abteilungen der Psychiatrie, der Röntgenstation und der Wäscherei. Wie ockergelbe Butterstreusel auf einer samtgrünen Tischdecke hockten sie unter schiefgrauen Dächern auf den Wiesen, umgeben von einer unheimlichen Stille, die das Schicksal der Menschen hinter ihren Wänden vor den Augen Neugieriger verbarg.
Frank Triska spürte die Kälte durch die abgeschabte grünkarierte Wolldecke hindurch, die über seine Schultern auf die großen Räder des einfachen Rollstuhls hinabhing. Die hölzernen Greifräder sind blank, von unzähligen Händen poliert im eifrigen Kampf gegen die gnadenlosen Lähmungen, poliert von Händen, denen nach und nach die Kraft ausging und die schließlich resignierten und anderen Hoffenden den Stuhl freimachten. Triska konnte sich an keinen zwölften September erinnern, der so unangenehm war. Heute war sein Geburtstag. Einunddreißig war er geworden, außer ihm selbst hatte in diesem Jahr keiner mehr daran gedacht. Im Unglück zeigt sich der Freund, hatte sein Vater früher oft gesagt, aber auch er war allein gestorben.
Vor einem Jahr hatte Frank seinen Geburtstag noch groß gefeiert. Gundel, seine Freundin, hatte ein kaltes Buffet vom feinsten gezaubert, ja davon verstand sie etwas. Seine Mutter war dagewesen, ein paar Freunde, ein paar Kollegen. Und ausgerechnet während der Geburtstagsfeier hatte die Krankheit das erste mal - nur zaghaft und gleichsam schüchtern - an seine Tür geklopft.
"Jetzt sitzen wir schon fast zwei Stunden hier und haben immer noch nicht richtig auf unser Geburtstagskind angestoßen", Gundel kam aus der Küche und trug ein Tablett mit Sektgläsern, "los, bedient euch". Sie ging um den Tisch herum und reichte jedem ein Glas.
Lothar Speier, ein ehemaliger Schulfreund, hob sein Glas als Erster. "Hallo Frank, wie fühlt man sich denn so, wenn man endgültig die Jugend hinter sich lassen muß", er lachte dröhnend, "trinken wir auf ein langes Alter in Ruhe und Gemütlichkeit und natürlich auf eine eiserne Gesundheit!"
Lärmende Protestrufe wurden laut, vom Alkohol gelockerte Zungen beteuerten, daß man dem Gefeierten doch allerhand Jugendstreiche zutraue. Frank Triska stand auf. Er trat einen Schritt zurück, um die Schar seiner Gäste besser überblicken zu können, und hob sein Glas: "Kommt erst einmal in mein Alter, ihr Lästermäuler. Also dann Prost!"
Plötzlich durchzog ein sonderbares Kribbeln seine rechte Hand, sie fühlte sich taub und fremd an, nur einen Augenblick, doch Triska erschrak. Der Kristallkelch entglitt seinem Griff, er sah ihn wie in Zeitlupe zu Boden trudeln und auf dem Parkett zerschellen. Das Licht der Kerzen auf dem Tisch blitzte in funkelnden Reflexen im Facettenschliff des Glas und zerstob beim Aufprall in einem Funkenregen. Für einen winzigen Moment trat Ruhe ein, dann lachte Triska und sagte: "Ihr habt wohl doch recht, ich werde alt und tolpatschig."
Die seltsamen Taubheitsanfälle in Händen und Armen häuften sich. Gundel hatte ihn schließlich trotz seiner Proteste zum Arzt geschleppt. Er erinnerte sich noch an dessen Augen. Dunkel, von einem dichten Geflecht tiefer Falten umgeben, strahlten sie unter buschigen grauen Augen eine tiefe Ruhe aus. Es waren Augen, denen man bedingungslos vertrauen konnte.
"Ich will Ihnen nichts vormachen", hatte er gesagt, "Sie haben einen Tumor in der Halswirbelsäule, der operativ entfernt werden muß."
An die folgenden Erklärungen konnte er sich nicht mehr erinnern.
Hinter seinem Rücken ging die Tür auf. Seine innere Uhr - ein Pendel, eingebrannt im endlosen, einförmigen Rhythmus des Stationsalltags - sagte ihm, daß es die Schwester mit dem Mittagessen sein mußte. Der Rollstuhl wurde herumgedreht und zum Tisch in die Mitte des kleinen Zimmers geschoben.
"Ich habe keinen Hunger."
"Sie müssen etwas essen, Sie haben sowieso schon zuviel abgenommen", sagte die Schwester. Sie hatte selten hier Dienst, sie sprang ein, wenn jemand vom Stammpersonal fehlte. Ihre Stimme klang wie das Rascheln ihres gestärkten Kittels, kühl und ohne Interesse.
"Ja", antwortete Triska; es hatte keinen Zweck zu streiten. Seit er gefüttert werden mußte, hatte er keinen Appetit mehr. Er aß, weil er die Ermahnungen des Stationsarztes haßte. Er war kein kleines Kind mehr, dem man zuredete zu essen, damit man später groß und stark würde. Ein Häppchen für den Bundesgesundheitsminister, ein Häppchen für den lieben Doktor, ein Häppchen für die liebe Schwester!
"Wo ist Schwester Kathrin?" fragte er und ein leichtes Zittern der Erwartung klang in seiner Stimme.
"Urlaub. Eine Woche. Sie ist zu ihren Eltern gefahren, glaube ich jedenfalls. Und nun machen Sie den Mund auf." Die Schwester schob ihm einen Bissen zwischen die halb geöffneten Lippen. Während er langsam kaute, sah er Schwester Kathrin vor sich. Anfang Zwanzig, und sie war ganz anders als die übrige Schwesternschar.
Anfangs war sie auf einer anderen Station gewesen, doch eines Abends im April - er konnte noch selbst den Rollstuhl bewegen - hatte er plötzlich ein fröhliches Lied vom Ende des Korridors gehört. Er hatte die Tür geöffnet und verwundert gelauscht.
Gitarrenklänge kamen aus Zimmer 12. Frank Triska packte die Greifräder seines Rollstuhls und bewegte sich lautlos, doch von einer seltsamen Neugier getrieben, den Korridor entlang. Zaghaft klopfte er an die Tür und öffnete sie, ohne eine Antwort abzuwarten. Die beiden Alten, die in diesem Zimmer lagen, hatte er bisher nur gesehen, wenn ihr Bett über die Gänge zur Behandlung geschoben wurde. Verfallen, unbeweglich und mit leeren Augen waren sie ihm immer wie Tote auf Urlaub erschienen. Jetzt lächelten sie. Ihre Blicke waren auf ein blondes Mädchen im weißen Kittel gerichtet, das auf dem Tisch saß. Sie hatte die Beine übereinander geschlagen und hielt eine Gitarre in der Hand.
"Na, meine Herren", sagte sie gerade, "morgen müssen Sie mir aber versprechen mitzusingen. Da wird die Oberschwester schon nicht böse sein. Ruhe herrscht hier sonst den ganzen Tag - ist doch langweilig." Sie sprang vom Tisch. Ihr Blick fiel auf Triska, der sich halb durch die Tür geschoben hatte. "Hallo", rief sie, "sollten Sie nicht schon längst im Bett sein?"
Schwester Kathrin, so hieß die Neue, war bald beliebt bei allen Patienten der Station. Sie scherzte mit den Kranken, ihr Lachen war überall zu hören. Dafür wurde sie von allen geliebt. Menschen, deren Welt zusammengeschrumpft war auf eine halbe Etage in diesem Krankenhaus, deren Gedanken gefangen waren in einem Käfig aus Schmerzen und Resignation, konnten plötzlich wieder über Dinge reden, die außerhalb dieser Grenzen lagen, konnten für einige Stunden ihr Elend vergessen. Schwester Kathrin versuchte, jedem Einzelnen ein wenig Geborgenheit zu vermitteln. Mit Triska spielte sie in der Spätschicht Schach. Sie war eine lausige Spielerin, aber sie gab sich Mühe und sie war nie böse, wenn sie verlor.
Ende Juni kam Gundel das letzte mal. Sie druckste verlegen herum, endlich sagte sie: "Sei nicht böse, Frank, aber ich bin jetzt mit Lothar zusammen. Bitte, versteh mich, ich halte das nicht länger aus. Ich kann einfach nicht ein Leben lang für einen Kranken dasein." Als Triska nicht antwortete, war sie gegangen. Vielleicht waren ihre Tränen sogar ehrlich gemeint.
Am gleichen Tag schrieb seine Mutter einen Brief: "Es fällt mir so unendlich schwer, Dich nicht mehr besuchen zu können. Nach Vaters Tod bist Du das Liebste, was mir auf Erden geblieben ist. Aber es geht über meine Kraft, Dich leiden zu sehen. Ich werde mit dem Arzt in Kontakt bleiben. In der Hoffnung, Dich bald wieder in meine Arme schließen zu können, in Liebe ..." Die Ratten hatten endgültig das sinkende Schiff verlassen.
Abends spielte er mit Schwester Kathrin Schach. Plötzlich rief sie fröhlich und ein bißchen stolz: "Matt in drei Zügen! Sie sehen, wie schnell ich von Ihnen gelernt habe."
"Matt in drei Zügen? Tatsächlich!" Triskas Gedanken kehrten in die Enge seines Zimmers zurück und seine Ohnmacht wurde ihm erbarmungslos wie nie zuvor bewußt. "Wissen Sie, Kathrin, mein Leben hier auf der Station ist wie dieses Schachspiel", sagte er bitter. "Zwei erfolglose Operationen, die dritte in der kommenden Woche und was dann? Dann ist die Partie zu Ende. Nur, bei mir heißt es wahrscheinlich nicht matt, sondern tot in drei Zügen."
Danach hatten sie nie wieder Schach gespielt, keiner von beiden war je wieder auf dieses Gespräch zurückgekommen.
Triska lächelte bei dem Gedanken an die quirlige Schwester. Er lauschte auf das Rauschen der Kastanie vor dem Fenster. Er kannte den Baum, riesig, mit Blättern, die wie die abgespreizten Finger einer Hand aussahen. Anfangs, als er noch gehen konnte, war er oft hinausgegangen und hatte die rissige Rinde gestreichelt.
Wieder ging die Tür auf. Er kannte das Ritual. Lügen, die trösten sollten, Zweckoptimismus im weißen Kittel. Triska hörte leise Schritte neben sich und spürte die kühle, trockene Hand des Stationsarztes auf seiner Stirn.
Bevor Dr. Kienast etwas sagen konnte, kam ihm Triska zuvor: "Lassen Sie das, Doktor, Sie brauchen mich nicht zu trösten. Gehen Sie und helfen Sie denen, für die noch Hoffnung besteht."
Vor einigen Wochen war er morgens aufgewacht, als die Tür geöffnet wurde.
"Schwester Kathrin? Bitte machen Sie das Licht an."
"Aber das Licht ist doch schon an ..." Das erschreckte Schweigen, das diesen Worten folgte, sagte mehr als jede wortreiche Erklärung.
Er hörte die Schwester auf dem Korridor nach dem Arzt rufen, weit weg, wie die gelegentliche Aufregung auf der Station, die ihn nicht betraf. Die Erkenntnis, daß ein neues Unglück über ihn hereingebrochen war, kam nur langsam, bewegte sich erst ruhig wie ein schmaler Bergbach, um sich nach und nach zu verbreitern und schließlich als reißender Wasserfall ins Tal zu stürzen.
Wenige Minuten später trat Dr. Kienast an sein Bett; nur verschwommen sah er die Silhouette des Arztes, deren Schatten wie ein umstürzender Baum im Sturm über ihn fiel. Es war, als würde er in einem verschlossenen Glasbehälter sitzen, dessen milchig getrübte Wandung die Wirklichkeit nicht zu ihm durchdringen lassen wollte. Durch das Rauschen des Blutes in seinen Ohren verstand er nicht, was der Arzt sagte. Er hörte nur den beruhigenden Tonfall. Mein Gott, dachte er, warum spricht er mit mir wie ein Pfarrer? Er atmete tief durch und das Rauschen verschwand. Schemenhaft sah er den Arzt in der Tür stehen und er hörte die Worte, die Dr. Kienast Schwester Kathrin zuflüsterte: "Wir können nichts für ihn tun. Das gehört zum Krankheitsbild. In einer Woche wird er völlig blind sein."
Frank Triska hatte geschrien, Gott und den Arzt verflucht, der ihn nicht härter hätte treffen können. Seitdem hatten sie die nie ausgesprochene Übereinkunft, sich gegenseitig nichts mehr vorzumachen.
Draußen hat es zu regnen begonnen. Ganz leise nur trommeln die Tropfen auf das Fensterbrett. Die Besuchszeit mußte längst vorbei sein. Niemand war gekommen, niemand hatte an ihn gedacht. Warum auch. Das Leben da draußen ging weiter, auch ohne ihn. Frank Triska war auf einmal ganz ruhig. Vielleicht bin ich zu jung, um mein Leben an mir vorbeiziehen zu lassen, wie man das immer in Büchern liest, trotzdem war es schön - meistens jedenfalls. Die Tür war aufgegangen, Triska hatte es nicht gehört, aber er spürte, daß jemand hinter ihm stand. Freude durchströmte ihn, hob ihn hoch in einem jäh hereinbrechenden Glücksgefühl, und sagte leise: "Schwester Kathrin, wie gern würde ich eine Partie Schach mit Ihnen spielen."

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