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Cilli
Aufgeregt kläffend kommt Cilli aus einem versteckten Winkel ihres Käfigs angesprungen. Eine schwarzglänzende, feuchte Hundeschnauze drückt sich voll ungeduldiger Erwartung gegen die Gittertür. Kaum daß sich diese nur einen Spalt breit geöffnet hat, ist Cilli auch schon hindurchgeschlüpft und begrüßt mit stürmischer Freude ihre Besucherin. "Ich weiß nicht, ob diese Begeisterung wirklich mir gilt, oder nicht eher den kleinen Extra-Leckerbissen, die ich jedesmal für sie dabeihabe", sagt die Frau und lacht dabei, während sich Cilli über ihr Mitbringsel, zwei kleine Hundewürstchen, hermacht.
Seit einem halben Jahr kommt die sechs-undzwanzigjährige junge Frau regelmäßig am Wochenende im Tierheim vorbei, um Cilli zu einem ausgedehnten Spaziergang abzuholen, "wenn das Wetter mitmacht". Einen eigenen Hund zu halten, komme für sie im Moment aus Platz- und aus Zeitgründen nicht in Frage, und auf diese Weise könne sie gleichzeitig sich und dem Tier eine Freude machen. Ein solch ausgeprägtes Verantwortungsgefühl würde sich Frau N., die Tierheimverwalterin, bei mehr Menschen wünschen. Gerade jetzt, während der Ferienzeit, seien sie vollkommen überlastet, erzählt die resolut wirkende Frau mit dem modernen Kurzhaarschnitt. Anfangs böten die Tiere, die so oft unüberlegterweise unter dem Weihnachtsbaum landeten, ja noch den Reiz des Neuen und würden verhätschelt. Spätestens beim Schmieden der Urlaubspläne aber würden sie dann oft als lästige Störenfriede empfunden, die man so schnell und unauffällig wie möglich loswerden möchte. "Die Tiere werden dann einfach irgendwo ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen. Haben sie Glück, werden sie gefunden und zum Tierheim gebracht. Besonders Hunde werden dann mehr als sonst bei uns abgegeben. Über streunende Katzen wundert sich niemand, und bei Vögeln läßt man einfach aus Versehen die Käfigtür offen, aber ein freilaufender Hund erregt natürlich Aufmerksamkeit", sagt Frau N., und die Empörung über solche Praktiken steht ihr dabei deutlich in das sonst so gutmütige Gesicht geschrieben. "Die wenigstens wissen, daß wir hier im Tierheim auch Ferienplätze vermieten. Eine Woche "Vollpension" kostet zum Beispiel für einen großen Hund wie einen Bernhardiner oder Collie vierzig Mark. Bei den Beträgen, die die Leute für ihren Urlaub ausgeben, fällt das doch wirklich kaum ins Gewicht, und Hunderten von Tieren könnte dadurch viel Leid erspart werden."
Cilli ist solch ein Schicksal zum Glück erspart geblieben. Die kleine Schäferhündin kam vor anderthalb Jahren ins Tierheim, weil ihr hochbetagtes Herrchen nach einem Beinbruch nicht mehr in der Lage war, sich richtig um sie zu kümmern. Seitdem lebt sie in einem der geräumigen Käfige, die durch eine kleine Klapptür mit einem etwa sieben Quadratmeter großen Außengehege verbunden sind. Dort kann sie sich nach Herzenslust austoben, an Baumstämmen und Ästen nagen oder mit ihrem "Mitbewohner", einem jungen Boxer, zwischen den niedrigen Büschen Verstecken spielen.
Die großzügigen Anlagen der Käfige sind jedoch leider nicht der übliche Standard und werden hier, in ..., durch die günstige Lage des Tierheims ermöglicht. Über eine kleine Seitenstraße am Rande des Wohngebietes gelangt man durch Wiesen und Felder auf einen schlecht geteerten, holprigen Weg, der sich nach vielen Biegungen und Windungen schließlich in eine Sackgasse erweitert. Nach ein paar unsicheren, suchenden Blicken, ob man sich nicht doch verlaufen hat, entdeckt man schließlich das zwischen den Bäumen halb verborgene Haus mit der Aufschrift "Städtisches Tierheim". "Früher waren wir leichter zu finden, aber die Bäume hören nun mal uns zuliebe nicht mit dem Wachsen auf!" meint das junge Mädchen lächelnd, das gerade mit Eimer und Schrubber in den Gehegen zugange ist. Pünktlich jeden Morgen werden die Käfige mit einem Wasserschlauch abgespritzt, und gereinigt und pünktlich jeden Abend die Freßnäpfe gefüllt, meist mit Trockenfutter, aber auch ab und zu mit Resten, die im nahegelegenen Schlachthof anfallen - für die Vierbeiner eine Delikatesse, für die Tierpfleger dagegen eine eher unappetitliche Angelegenheit. Andreas M., der bereits seit fünfzehn Jahren zum festen Personal des Heims gehört, stört sich aber schon lange nicht mehr an den unangenehmen Begleiterscheinungen seines Berufs. Der große, massige Mann mit den kräftigen Händen, denen man ansieht, daß sie gewohnt sind zuzupacken, glaubt allerdings, daß die Nachwuchssorgen, die Tierheime und Tierschutzverbände plagen, zum Großteil auf die Arbeitsbedingungen zurückzuführen sind, die die Tätigkeit eines Tierpflegers mit sich bringt. "Wer will schon den ganzen Tag mit fleckigen Kleidern und Gummistiefeln im Dreck stehen, wenn er statt dessen in einem feinen Anzug in einem klimatisierten Büro sitzen kann, wo er sich nicht die Finger schmutzig machen muß"" fragt er lakonisch und wischt sich die schwieligen Hände an seinem Kittel ab, auf dem der heutige Arbeitstag bereits seine deutlichen Spuren hinterlassen hat. Dazu kommen auch noch die schlechten Arbeitszeiten dazu, den Tieren ist es ja schließlich egal, ob gerade Samstag oder Sonntag ist, sie wollen auch an Wochenenden und Feiertagen versorgt sein. "Außerdem haben wir hier noch die Konkurrenz durch die Uni, die haben auch ständig Bedarf an Tierpflegern und zahlen besser, als wir uns das leisten können", sagt Andreas M. und zuckt resignierend die Schultern. Für sich selbst kann er sich allerdings nichts anderes vorstellen: Schon als kleiner Junge, als er sich zum Leidwesen seiner Mutter einen Mäuse- und Schneckenzirkus in seinem Zimmer hielt, hatte er sich einen Beruf gewünscht, bei dem er viel mit Tieren zu tun hat. Und er ist bereit, die damit verbundenen Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen. "Man darf eben nicht nur die Nachteile sehen. Wer wird schon zum Beispiel montags früh bei Arbeitsbeginn von seinen Kollegen so fröhlich begrüßt wie ich hier von meinen Schützlingen"" meint er schmunzelnd und krault Olli, den putzigen Dackelrüden, zärtlich hinter den Ohren. Dennoch, ohne die Hilfe von ehrenamtlichen Mitarbeitern geht es auch hier nicht. Die Igelstation, seit mehr als zwei Jahrzehnten eine Art Paradies für kranke und junge Igel, hätte geschlossen werden müssen, wenn sich nicht noch im letzten Moment ein tierlieber Mensch gefunden hätte, der die Arbeit fortführen möchte. Christa S., die die Station seit achtzehn Jahren leitete, konnte, weil sie in die Schweiz umzog, nicht mehr selbst für die Igel sorgen. Dafür wollte sie aber versuchen, an ihrem neuen Wohnort Unterstützung für ein ähnliches Projekt zu finden.
Im Gegensatz zu den Igeln, von denen die meisten nach dem Winter wieder in die freie Natur entlassen werden können, haben viele der anderen Tiere wahrscheinlich nicht das Glück, wieder in eine Familie aufgenommen zu werden. "Die meisten Menschen haben leider Vorurteile gegenüber den Tieren aus dem Heim, man wüßte ja nicht, wo sie herkämen und ob sie vielleicht durch frühere Erfahrungen einen Knacks bekommen hätten und gefährlich werden könnten. Andererseits sind manche der Tiere auch einfach zu alt, um sie jetzt noch in eine fremde Umgebung neu einzugewöhnen", meint Frau N.
Für Cilli dagegen stehen die Chancen gut, eine neue Heimat zu finden, sie ist noch jung und zudem von ihrem früheren Herrchen gut erzogen worden. Vorerst scheint sie das allerdings nicht besonders zu interessieren, vom Spazierengehen glücklich erschöpft, liegt sie langgestreckt hinter ihrer Hütte und träumt wahrscheinlich gerade von dem fetten Karnickel, das heute mal wieder ungestraft direkt vor ihrer Nase vorbeigehoppelt ist.



