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Omas Zeit

Dumpf polterte die Erde auf den Deckel des braunen Eichensarges. Fassungslos stand der zehnjährige Sascha am Grab seiner Lieblingsoma. Oma Anna war immer für ihn dagewesen, wenn seine Mutter arbeitete. Jetzt konnte er die Tränen nicht mehr zurückhalten, die er bisher tapfer unterdrückt hatte. Da spürte er, wie Muttis Hand die seine ergriff und ganz fest drückte. Auch sie weinte.
Nach ihrer Trennung von Bernd war Annegret mit Sascha in das kleine Häuschen zu ihrer Mutter gezogen. Sie arbeitete wieder in ihrem früheren Beruf als Friseuse, und Oma Anna kümmerte sich gern um den kleinen Sascha. Aber jetzt - jetzt hatte sich alles verändert.
Als sie abends aneinandergekuschelt in Annegrets Bett lagen, flüsterte Sascha leise: "Mutti, ich vermisse Oma so. Jeden Moment denke ich, daß sie aus der Küche kommt!"
"Ach Schatz, mir geht es doch genauso. Ich kann es noch gar nicht fassen. Sie war doch so munter. Nie hätte ich gedacht ..." Annegret konnte nicht weitersprechen. Ein dicker Kloß saß in ihrem Hals - vor Kummer, aber auch vor Sorge um Sascha. Bisher hatte sie ihn in liebevollen Händen gewußt. Sie mußte doch arbeiten - wovon sollten sie sonst leben?

Annegret spürte, wie Saschas Kopf an ihrer Brust schwer wurde. Gedankenverloren drehte sie eine Strähne ihres langen blonden Haares um ihren Zeigefinger. Oma Anna hat trotz ihrer achtundsechzig Jahre energisch den Haushalt geführt und Annegret dadurch viel Arbeit abgenommen. Sie verstanden sich sehr gut. Doch vor drei Tagen war nicht wie gewohnt der Frühstückstisch gedeckt. Das gab's nicht, nicht bei Oma Anna, die zeitlebens mit den Hühnern aufstand und sehr genau darauf achtete, daß alles seine Ordnung hatte. Annegret hatte vorsichtig die Tür zum Schlafzimmer geöffnet. Da lag Oma noch in ihrem Bett. Aber sie schlief nicht - ihr Herz war einfach stehengeblieben.

Die Tage bis zur Beerdigung waren wie in Trance vergangen. Annegret war so in ihren eigenen Schmerz versunken gewesen, daß sie nicht daran gedacht hatte, was Sascha wohl empfand. Erst an Omas Grab war sie sich dessen bewußt geworden. Jetzt hatte sie sich vierzehn Tage Urlaub genommen, um für Sascha dazusein.

Liebevoll betrachtete Annegret ihren Sohn. Er war Bernd wie aus dem Gesicht geschnitten. Eine Träne glitzerte noch in seinen langen dunklen Wimpern, um die ihn so manches Mädchen beneiden würde. Annegret strich ihm sanft eine widerspenstige Locke aus der Stirn. Dann fielen auch ihr die Augen zu.

Am nächsten Morgen rasselte pünktlich um sieben Uhr der Wecker. "Raus mit dir, du Schlafmütze! Ob du willst oder nicht, es geht in die Schule", zwang Annegret sich fröhlich zu sagen und gab ihm einen Kuß auf die Stirn. Sascha sah sie mit großen, traurigen Augen an. "Omi - Omi friert doch da draußen, nicht wahr, Mutti?"

"Ach Sascha, was hast du nur für Gedanken! Omas Körper liegt jetzt im Grab, ja, aber er spürt nichts mehr, auch keine Kälte. Doch ihre Seele, die ist jetzt im Himmel, und auch, wenn du sie nicht sehen kannst: In deinem Herzen wird Oma immer ganz nah bei dir sein."
Wieder kullerten Tränen aus Saschas braunen Augen. Annegret drückte ihn fest an sich. Sie machte sich Sorgen um ihn. Er hatte sich verändert. Aus dem fröhlichen, quicklebendigen Lausbub war ein in sich gekehrter, ruhiger Junge geworden.

Eine Woche war seit Omas Beerdigung vergangen. Wie immer hatte Annegret Saschas Pausenbrot gepackt und brachte es ihm ins Kinderzimmer. Statt sich den Anorak anzuziehen, starrte Sascha nur aus dem Fenster.
"Sascha, du kommst zu spät zur Schule. Du wirst jeden Tag langsamer!"

"Aber Mutti, ich werde nicht langsamer. Die Zeit läuft nur schneller", antwortete Sascha und schnallte sich seine Büchertasche um. Er gab Annegret einen Kuß und machte sich auf den Schulweg.

Nachdem Sascha das Haus verlassen hatte, ging Annegret zum Ausräumen in Omas Schlafzimmer. In der Schublade der Nachttischkommode entdeckte sie die kleine, silberne Taschenuhr. Wenn man den runden Deckel öffnete, ertönte eine Melodie. Im Deckel befand sich ein Foto von Oma Anna. Die Uhr hatte Annegrets Vater gehört, der schon vor zehn Jahren gestorben war. Danach hatte Oma Anna sie immer bei sich getragen. Annegret beschloß, die Uhr Sascha zu schenken.
Sascha war auf dem Heimweg. Er hatte wieder Probleme gehabt, dem Unterricht zu folgen. Dauernd schweiften seine Gedanken ab: Er sah sich, wie er nach Hause kam. Oma hatte etwas Leckeres gekocht. "Na, Junge, haste tüchtig Hunger?" fragte sie und kniff ihm lächelnd in die Backe. Sie hatte ihre Haare immer zu einem Knoten geschlungen. Einmal hatte er durch die einen Spalt breit geöffnete Schlafzimmertür gesehen, wie Oma sich frisierte. Sie kämmte gerade die offenen, graumelierten Haare, die ihr im Sitzen bis auf den Stuhlsitz fielen, und hielt mit den zusammengepreßten Lippen die Haarnadeln. Sie war ihm so anders vorgekommen, mit den offenen Haaren - irgendwie jung. Heute hatte Sascha von Lehrer Harmsdorf seine zweite Abmahnung bekommen. Sascha seufzte.

Wie jeden Tag nach der Schule machte er einen kurzen Umweg über den Friedhof. Niemand wußte davon. Er konnte Omi nicht so einfach fallen lassen. Sascha stand vor dem Grab und dachte an Oma. Sollte er beten? Vielleicht das Vaterunser? Aber es schien ihm so unpersönlich. Also erzählte er wie früher Oma Anna einfach alles, was ihn bedrückte.

"Weißt du, Omi, der Harmsdorf meint, ich störe die Klasse. Dabei mag ich doch nur an dich denken. Ich vermisse dich so. Nächste Woche muß Mutti wieder arbeiten. Dann bin ich so allein. Mutti wird dann wenig Zeit haben, auch wenn sie mir versprochen hat, daß es anders wird. Sie schimpft auch mit mir, weil sie meint, ich trödele, dabei vergeht die Zeit nur so schnell. Ach Omi, gib mir doch etwas von deiner Zeit, dir gehört doch jetzt die Ewigkeit!" Sascha pflückte noch die verwelkten Blätter von dem Rosenstock auf dem Grab. Dann machte er sich schnell auf den Heimweg.
Zu Hause erwartete ihn Annegret ungeduldig. Seit einer Viertelstunde stand das Essen auf dem Tisch. Man hörte viel im Radio, von Kindesentführungen und so, deshalb wurde sie gleich nervös, wenn Sascha nicht pünktlich war. Heute wollte sie ihm doch Omas Uhr schenken. Vielleicht half ihm das, mit seiner Trauer besser fertig zu werden. Endlich hörte sie die vertrauten Schritte auf der Treppe.

"Nicht schimpfen, Mutti, ich mußte noch aufräumen", erklärte Sascha, bevor Annegret den Mund öffnen konnte, und setzte sich schnell an den Tisch. Bohneneintopf aus der Dose! Oma hatte immer alles frisch gekocht. Besonders ihre selbstgemachten Apfelknödel mit zerlaufener Butter und Zimt und Zucker liebte er. Die würde er wohl nie mehr bekommen! Seine Mutter hatte nicht so viel für's Kochen übrig.
Annegret setzte sich zu Sascha und sah ihm zu, wie er langsam seinen Teller auslöffelte. "Ich hab' etwas für dich", sagte sie leise und öffnete ihre Faust. Auf ihrem Handteller lag die silberne Taschenuhr, die er so oft bei Oma gesehen hatte. "Nimm' sie! Sie gehört jetzt dir!"

Ganz vorsichtig nahm Sascha die Uhr an sich. Langsam öffnete er den Deckel. Als die Melodie ertönte, wurde ihm ganz warm ums Herz. Ihm war, als bliebe die Zeit stehen. Aber das Wunderbarste entdeckte Sascha erst ganz zufällig, als er einmal in der Pause die Uhr öffnete: Solange die Melodie ertönte, erstarrte alles Bewegliche in seiner Umgebung. Die Menschen blieben stehen, Kein Uhrzeiger bewegte sich. Omas Uhr hatte ihm Zeit geschenkt!

Nun brauchte Sascha nur die Uhr aus der Tasche zu holen - die Melodie ertönte, und schon hatte er einen Vorsprung vor allen anderen, wie gestern auf dem Weg zur Schule, als er wieder vorher zu lange zum Anziehen gebraucht hatte. Oder wenn seine Mutter nur eine verlängerte Mittagspause machen konnte, um für Sascha ein warmes Essen zu bereiten: Mußte sie dann wieder weg, holte Sascha schnell seine Taschenuhr hervor und hatte seine Mutti dadurch eine 'Melodie-Zeit' für sich alleine.
Sascha ging immer noch regelmäßig zum Grab seiner Omi. Allerdings war er jetzt nicht mehr ganz so traurig. Er hatte durch die Uhr gespürt, daß Oma Anna immer bei ihm war.

"Hallo, Omi! Heute war vielleicht was los in der Schule! Der Andi hat dem Ritchie in der Umkleidekabine der Turnhalle zehn Mark aus dem Geldbeutel geklaut. Doch unser Trainer kam gerade in dem Moment dazu. Das gab vielleicht eine Standpauke für den Andi. Vor der ganzen Klasse! Also, tschüß Omi! Bis morgen!" Fröhlich hüpfend beeilte sich Sascha, nach Hause zu kommen.

Sascha trug Omas Uhr immer bei sich. Aber er mußte sie kaum noch öffnen. Irgendwie schien die Zeit nicht mehr so schnell zu vergehen, zumindest reichte sie jetzt für ihn, immer fertig zu werden und pünktlich zu sein. Und was das Schönste war: Seine Mutti arbeitete jetzt zu Hause. Sie hatten Omas Ersparnisse geerbt und dadurch deren Zimmer zu einem kleinen Friseursalon umbauen können. Die Kundinnen kamen jetzt zu ihr. So konnte sie immer in Saschas Nähe sein.

Eines Tages stand Sascha wieder vor Omas Grab. In seiner Tasche hatte er die silberne Uhr. Er holte sie hervor und grub ein kleines Loch in die Erde. "Danke, Omi", flüsterte er leise. "Sie gehört doch dir! Du hast so an ihr gehangen. Ich brauche sie jetzt nicht mehr!" Sascha legte die Uhr in die Mulde und bedeckte sie mit Erde. Dann ging er glücklich nach Hause.

 

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