Sie sind hier:Teilnehmer / Förderpreise / Archiv / 

Menschenaffen - mehr Mensch als Affe?

Freitag Nachmittag, 16. August 1996, Brookfield-Zoo in Chicago. Ein quirliger, achtjähriger Blondschopf nutzt die momentane Unachtsamkeit seiner Mutter und klettert die Bambusabsperrung hinauf, welche die Besucher von dem acht Meter tiefer gelegenen Gorillagehege trennt. Als der Junge ihr triumphierend zuwinken will, verliert er das Gleichgewicht und stürzt hinunter auf die Betonplatten im Gehege. Blutend und bewußtlos bleibt er liegen.
Während die Besucher oben entsetzt aufschreien, nähert sich Binti Jua, ein achtjähriges Gorillaweibchen, dem Kind. Ihr eigenes Junges noch am Bauch, versucht sie vorsichtig, den reglosen Körper wieder auf die Beine zu stellen. Als das nichts fruchtet, trägt sie ihn behutsam zu der Stelle, wo die Tierpfleger normalerweise mit dem Futter eintreten und schützt ihn vorsorglich vor den neugierig nahenden Gorillamännchen. So können die herbeieilenden Aufseher den Jungen rechtzeitig in Sicherheit bringen. Von einem Zuschauer auf Videofilm festgehalten und in den Abendnachrichten ausgestrahlt, bewegt dieses Geschehen eine ganze Nation. Über Nacht wird Binti Jua, das von Menschen mit der Flasche aufgezogen worden war, zum berühmtesten Menschenaffen der Vereinigten Staaten.1
Diese große Resonanz ist kein Zufall, beleuchtet doch dieses Ereignis einmal mehr das unsichere Verhältnis des Menschen zu seinen nächsten Verwandten, den Menschenaffen. Wie also sollen wir uns Bintis Verhalten erklären? Handelte sie mitfühlend und gezielt aus bewußter Einsicht in die Notlage des Jungen? War das schon fast menschlich, oder trieb sie nur ein blinder Instinkt, etwa von der Art einer Nestsäuberung?
Nicht nur die öffentliche Meinung scheidet sich an diesen Fragen. Spätestens seit Charles Darwin zum ersten Mal Mensch und Menschenaffen auf einen gemeinsamen Vorfahren in ihrer stammesgeschichtlichen Entwicklung zurückführte, suchen auch die Wissenschaftler nach einem Kriterium, welches den Menschen klar vom Affen abgrenzt.
1949 formulierte der britische Anthropologe Kenneth P. Oakley in seinem Buch ?Werkzeugmacher Mensch? den damals allgemein akzeptierten Grundsatz: Allein der Mensch vermag Kultur zu schaffen, indem er Werkzeug benutzt und seine Nachkommen gezielt in neu erworbenen Fähigkeiten ausbildet.2 Seit den sechziger Jahren aber überzeugte technologisches Pathos immer weniger. Warum sollte das spezifisch Menschliche an technische Errungenschaften gebunden sein? Eine neue Generation von Feldforschern nährte diesen Zweifel. Sie hatten den Schreibtisch eingetauscht gegen langjähriges Beobachten der Affen in ihrem natürlichen Lebensraum und berichteten Erstaunliches: Im Dschungel der westlichen Elfenbeinküste erlebte das Schweizer Forscherpaar Hedwige und Christophe Bosch, wie Schimpansen begehrte hartschalige Nüsse mit einer Hammer- (Stein) und Amboß- (Wurzelmulde) Methode knackten. Unter manchen Nußbäumen hatten sie regelrechte Werkstätten eingerichtet, die sie jedes Jahr wieder nutzten - und in denen sie ihre Sprößlinge in der rechten Technik des Zuschlagens unterwiesen. Als weitere Untersuchungen auch noch zutage brachten, daß nur 7 von 24 bekannten Schimpansentrupps an der Elfenbeinküste dieses Verfahren beherrschten und tradierten, war die Sensation perfekt:
Kulturgefälle auch unter Affen!3
Weitere Vorurteile fielen in den Laborunter-suchungen der folgenden Jahre:
- Menschenaffen erkennen sich selbst im Spiel. Die Bonobodame Matate entwickelte dabei geradezu beängstigend menschliche Züge: Spontan nutzte sie ihr Spiegelbild, sich gezielt ihre wenigen Kinnhaare auszurupfen. Dieses Verhalten war niemals zuvor bei ihr oder ihrer Gruppe beobachtet worden.
- Sie sehen gern Fernsehen - allerdings nur, wenn Affen oder King Kong im Stück vorkommen.
- Sie erkennen sich selbst als Akteure bei Videoliveaufnahmen - und nutzen diese. So holte sich der Schimpanse Austin extra eine Taschenlampe, mit der er sich vor der Kamera in wechselnden Positionen in den Hals hineinleuchtete und aufmerksam die Aufnahmen seines Racheninneren auf dem Bildschirm verfolgte. Die Biopsychologin Sue Savage-Rumbaugh vermerkt: ?Diese Tätigkeit hatten wir ihm nie nahegelegt oder vorgemacht. Sie erwuchs aus seinem eigenen Wunsch, zu erfahren, wie es in seinem Hals aussah.?4
Alle diese Ergebnisse erlauben kaum mehr als einen Schluß: Menschenaffen besitzen ein klares Bewußtsein ihrer selbst als Individuen und sie verstehen durchaus komplexe Zusammenhänge. Doch auch damit sollten die Überraschungen für die Wissenschaftler noch lange kein Ende nehmen.
1973 rückte Professor Takyoshi Kano von der Universität Tokio durch eine Expedition in den Urwald von Wamba, südlich des Kongo (Zaire), erstmalig eine bislang noch völlig unbeobachtete Art von Menschenaffen ins Blickfeld: Die Bonobos. Ihre Entdeckung gilt in der Fachwelt als ?eines der wichtigsten zoologischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts?5, denn die Bonobos entpuppten sich als die engsten - und die intelligentesten - Verwandten des Menschen.
Äußerlich ähneln sie den Schimpansen und wie bei diesen ist ihre DNA zu 99 Prozent mit der des Menschen identisch. Aber ihr Knochenbau ermöglicht ihnen einen so aufrichten Gang, daß eine wissenschaftliche Kommission sie 1978 als ?den besten Prototyp für den Vorfahren der Hominiden? bezeichnete. Sahen unsere Vorfahren so aus wie die Bonobos? Vieles scheint dafür zu sprechen. So zeichnete Adrienne Zihlmann, Anthropologin an der University of California, 1982 das inzwischen berühmte Bild von einem Skelett, dessen rechte Hälfte zu einem Bonobo und dessen linke Hälfte zu ?Lucy? gehörte, dem ältesten gefundenen Skelett, das schon zur Art ?Mensch? gerechnet wird (ca. 3 Millionen Jahre alt): beide Hälften ergänzen sich verblüffend gut. Teilen die Bonobos mit dem Frühmenschen den Knochenbau, so teilen sie mit dem Jetztmenschen - die Liebe zum Sex!
Dabei ist der Zungenkuß, mit dem sie im Zoo von San Diego einen unerfahrenen neuen Tierpfleger - zu seinem Entsetzen - begrüßten, nur ein Aspekt ihres reichhaltigen erotischen Programms. Hielt der Mensch einst seine Missionarsstellung für so einzigartig, daß er sie als ?more hominum?, nach Art des Menschen, dem ganzen Tierreich gegenüberstellte, so zeigt sich nun: Kein Problem für die Bonobos. Ob von vorn oder von hinten, mit Stellungswechsel oder ohne, ob Selbststimulation von Männchen und Weibchen an allen erogenen Zonen wie Lippen, Brustwarzen oder Genitalien, ob Männchen untereinander oder Weibchen miteinander - das sogenannte GG-Reiben -, nichts Menschliches ist ihnen fremd. Doch nicht nur aus diesen Gründen nennt sie der bekannte Zoologe Frans de Waal respektvoll die ?Kamasutra-Primaten?5: Wirkt Sex bei vielen Tieren oft wie eine anstrengende Pflichtkür, so strahlen Bonobos dabei über das ganze Gesicht und stoßen tiefe Laute der Zufriedenheit aus. Sex also auch bei Affen nicht nur zwecks Zeugung, sondern aus Lust?
Hätte daran noch vor wenigen Jahrzehnten niemand zu denken gewagt, so gehen heute gerade jene Forscher, die über Jahre minutiös das Verhalten der Affen aufgezeichnet haben, noch einen Schritt weiter. Frans de Waal schreibt: ?Menschenaffen reagieren auf alle Arten von Stimmungen, bevor wir Menschen überhaupt realisieren, wie nervös, depressiv oder verunsichert wir an jenem Tag sind. Und sie lesen in unseren Gedanken, wenn wir versuchen, etwas Unangenehmes zu verheimlichen, etwa einen bevorstehenden Besuch beim Tierarzt.?6
Womit auch immer die Forschung uns in Zukunft noch überraschen wird, eines ist schon beim jetzigen Erkenntnisstand nur allzu deutlich: Wir Menschen müssen unser Verhältnis und unser Verhalten gegenüber den uns so nahestehenden Menschenaffen neu überdenken. Auch Binti Jua wurde nicht einfach von einem blinden tierischen Instinkt bewegt. Zu Recht, so scheint es vielmehr, haben ihr zahlreiche alte Damen aus dem ganzen Land zur Belohnung Eiscremecoupons geschickt. Allerdings trafen sie damit unwissentlich einen echten Unterschied zwischen Gorilla- und Menschendamen: Gorillas machen sich wirklich nichts aus Eis.

1 Stern, Nr. 37, 1996, S. 20-29
2 PM 2/1996, S. 14-21
3 Savage-Raumbaugh, Sue, Kanzi, Droemer/Knaur: München 1995, S. 297
4 aus: Savage-Raumbaugh, Sue, a.a.O., S. 114
5 de Waal, Frans, Wilde Diplomaten, Hanser Verlag: München 1991, S. 201
6 PM 3/1996, S. 42

Weitere Literatur: Goodall, Jane, Ein Herz für Schimpansen, Rowohlt Verlag GmbH: Reinbek bei Hamburg 1991

Entdecken Sie jetzt
Ihr Schreibtalent
 
  Schreiben lernen mit dem Leitfaden von der Schule des Schreibens Herr Frau
Persönliche Beratung Online anmelden Gratis-Newsletter