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Auf und davon
Esther tritt heraus aus dem Schatten der Sonnenmarkise, die quer über die Terrasse der Trattoria gespannt war, der am Hügel von Corniglia gelegenen Trattoria, tritt heraus mit dem leichten Gang einer jungen Frau, die ihr Selbst bewußt in ihre Haltung aufgenommen hat.
Die nur um einen winzigen Akzent veränderte Kopfhaltung deutet an, daß sie uns gesehen hat - ein momentwährendes Lächeln - oder war es das nicht, war es vielmehr die Spur eines prüfenden Blicks? Sie hat uns gesehen. Entdeckt. Auch unsere Ängste ent-deckt? Ihr dunkles Haar fällt seidig glatt bis zur Schulter. Sie trägt ein Tablett mit Getränken, vor dem weißen T-Shirt leuchtend rot, balanciert es in verhaltenem Tempo - 'piano, piano' wird sie das später nennen -, kommt auf uns zu, die wir so lange ohne Lebenszeichen von ihr waren - vier Monate können eine mörderische Ewigkeit sein -, geht auf ihre Vergangenheit, wagt es, Gewesenes anzutasten, alte Töne mit neuen Tönen zu mischen. Ihre dunklen, grünbraunen Augen blicken uns entgegen, verlangen uns ab, die von ihr geforderte Distanz zu respektieren oder aber - das schillert auch in ihrem Blick - auf dieser neuen, kristallnen Brücke einzubrechen. Wir verstehen. Eltern tun gut daran, zu verstehen. Nach so viel Bangigkeit. Auf beiden Seiten.
März war's gewesen. Da hatte sich Esthers Krankheitsbild so beängstigend dargestellt, daß die einzige Hoffnung die Fachklinik war. Aber es gab keinen Platz. Monatelanges Warten. Wir waren erschrocken, daß Magersucht so verbreitet war. In der Gesprächstherapie hatte Esther für sich keine Worte mehr gefunden. Auch zuhause nicht, weder bei den Eltern noch bei den vier Geschwistern. Sie war sich fremd geworden, sie war neunzehn Jahre alt, die Mittlere in der bunten Geschwisterreihe. Zwei Monate später wird's ungemütlich im Haus. Es türmen sich Kisten und Schachteln. Die Familie übersiedelt - wie lange schon geplant - von Süddeutschland nach Österreich.
In dieser Aufbruchszene findet Esther einen Ausweg für sich: mit Fahrrad, Gitarre und Schlafsack macht sie sich auf den Weg in den fernen Süden.
"In die Toskana will ich, ans Meer, da sind Freunde auf einem Bauernhof. Die haben gesagt, ich kann kommen."
Das ist ihre Auskunft, als sie der Vater bei den Reisevorbereitungen antrifft. Mehr als eine vage Ortsbeschreibung erfahren wir nicht von ihr. Im Auf und Ab ihrer Krankheit ist sie nicht gerade in der "Freßperiode". Der zuvor erschreckend abgemagerte Körper ist jetzt stabil. Wir kennen die Fähigkeiten, die Flexibilität und das Durchsetzungsvermögen unserer Tochter und wissen, daß wir sie ziehen lassen müssen. Jeder Zwang würde sie nur noch mehr gefährden. Wir geben ihr unseren Segen. Mit bangem Herzen.
Unsere Sorgen um sie packen wir jeden Tag aufs neue in weitere Umzugskisten, wickeln sie mit Zeitungspapier um Gläser und Schüsseln und hoffen, daß sie uns beim Auspacken nicht genauso brennend wieder entgegenfallen. Die Auflösung des großen Haushaltes zieht unsere Gedanken auf die täglichen Notwendigkeiten und weg von dem Mädchen, das alleine, seelenkrank, mit dem Fahrrad nach Italien fährt.
Vergeblich lauern wir auf den Briefträger. Von Esther kommt keine Nachricht. In der letzten Juniwoche nehmen wir Abschied von Esslingen. Mit der Umsiedlung tauschen wir nicht nur den nationalen Boden, sondern auch das bequeme Stadtleben gegen ein ungewohntes Landleben; das zweihundert Jahre alte Wohngebäude muß erst renoviert werden. Dieses neuartige Leben nimmt uns ganz und gar in Anspruch. Trotz der Erschöpfung, mit der wir jeden Abend aufs Bett sinken, finden wir oft keine Ruhe. Während ich das Beißen meiner Tränen in den Augen verwünsche, lausche ich dem Atem nebenan: schläft der Mann, der Vater, oder wacht er auch? Wo sind seine Gedanken, seine Träume, seine Gebete?
Eines Tages kommen wir mit jungen Freunden ins Gespräch.
Was sollen wir tun? Seit einem Vierteljahr wissen wir nicht einmal, ob unsere Tochter noch lebt. Müssen wir nicht nach ihr suchen lassen? Machen wir's richtig, wenn wir uns nicht rühren? So oder ähnlich drängen sich die Fragen immer wieder auf, hier können wir sie äußern, diese jungen Menschen halten wir für kompetent.
"Versetzt euch in Esthers Situation", bitten wir; aber bevor wir weiterreden, kommt schon die eindeutige Antwort: "Keinesfalls suchen lassen. Das würde sie euch nie verzeihen. Lebt sie noch, wird sie ihren Weg weiter schaffen, und ist sie tot, nützt ihr das Suchen nichts."
Diese Klarheit ist uns eine große Hilfe. Warten also.
Unsere Geduld wird belohnt: nach vielen Wochen kommt eine Ansichtskarte aus Bergamo, wo Esther gerade Rast macht. "... sitze hier an einem schönen Brunnen", lesen wir. "Es geht mir gut ..." Drei, vier Sätze und ihr Name darunter. "Und bald kriegt Ihr einen Brief von mir", steht noch ganz klein an der Seite hingequetscht. Wieder Warten. Der August geht zu Ende ohne Brief. Auch der September. Doch im Oktober bringt der Postbote einen schmalen, hellgrünen Umschlag mit italienischen Marken darauf und Esthers Handschrift. Absender: z.Zt. Cingue Terre (bei La Spezia) Italia. Der Poststempel verrät mehr: Corniglia.
Eine Kostbarkeit - dieser Tag - dieses grüne Kuvert - und noch viel mehr dieser Brief. Auf der Vorderseite eine kräftige Buntstiftzeichnung: da winden sich Oliven- und Feigenbäume, voll mit Früchten, auf hügeligem Ufer; in der Mitte eine breite Bucht, wo hinter der Weite des Wassers die Sonne den Horizont großzügig mit Purpur überzieht. Esther läßt uns teilhaben an den Impressionen ihrer derzeitigen Welt, der sichtbaren und der nur fühlbaren. Von Kerzenschein in ihrer Schilfhütte am Meer erzählt sie, vom Wellenrauschen, der inneren Ruhe, und von ihrem großen, schwarzen Hund, den sie Shuria nennt. Sie sorgt für sein Futter und seine Streicheleinheiten; er bewacht sie dafür Tag und Nacht.
Und dann blendet sie ein bißchen zurück. "Zuletzt war ich drei Wochen auf einer Alm im Tessin", schreibt sie, "dort habe ich einen Bauern kennengelernt und zusammen mit seinem kleinen Sohn sechzig Rinder und Pferde gehütet. Es war ein einfaches und ruhiges Leben. Wir zwei - der achtjährige Bub und ich - haben einmal täglich die Tiere zusammengetrieben, Holz gesammelt, Essen gekocht und sonst getan, was uns gerade Spaß machte. Ab und zu bin ich mit dem Pferd ins Dorf geritten (eineinhalb Stunden durch die Felsen), um beim Heuen zu helfen oder Essen zu holen. Es war fast wie ein Traum. Zuletzt gab's kaum noch Arbeit, also bin ich weitergelaufen."
Ihr Fahrrad hatte sie schon lange nicht mehr, und auf dem Fußmarsch wurden ihr die letzten fünfzig Franken gestohlen. Sie tat das lakonisch mit den Worten ab: "Derjenige hat es vielleicht mehr gebraucht als ich."
Dann faßt sie ihren bisherigen langen Wanderweg und ihre Erlebnisse in dem Satz zusammen: "Für mich, glaube ich, ist es jedenfalls gut, auf eigenen Füßen zu stehen, mit allen Konsequenzen das Leben zu spüren."
In ein paar Tagen - schreibt sie weiter - will sie ihren Weg in die Toskana fortsetzen und bei der Weinernte helfen. Und wieder schreiben, wenn es was zu schreiben gibt. Unter runden Folienstückchen hat sie kleine Bergkristalle aus dem Tessin für die jüngeren Geschwister auf den Briefbogen genäht. 'Edelstein' steht darunter.
"Die Kerze geht langsam dem Ende zu", schließt sie ihren Malbrief, "und ich möchte nur noch schnell sagen, daß es mir leid tut, daß ich Euch so viele Sorgen gemacht habe."
Das ist Esther. Bei allem Durchsetzungswillen steht sie zu ihrem Feingefühl ihren Mitmenschen gegenüber. Aber hier schwingt auch etwas von der Last der eingeübten Anpassung mit. Ist es vielleicht gerade ihr Anpassungstrieb, der sie in eine unerträgliche Ambivalenz ihres Empfindens stolpern und nicht mehr herausfinden ließ - solange ihr der Abstand zu ihrer Familie fehlte - während ihre wachsende Persönlichkeit kraftvoll den Durchbruch forderte? Hatte es ihr an Stärke gemangelt, solange ihr noch nicht der notwendige, heilsame Egoismus für die Durchsetzung ihrer eigenen Gefühle hatte?
Jetzt kann sie in ihrem Brief überzeugt sagen. "Für mich ist es gut, auf eigenen Beinen zu stehen, mit allen Konsequenzen das Leben zu spüren." Da ist Neugier auf das Leben und Lust an der Eigenverantwortung zu hören, da tönt bereits etwas von dem Jubel einer befreiten 'Möwe Jonathan' heraus.
Wir Eltern jubeln auch, und der Vater macht sich auf den Weg in die Toskana, Esther zu suchen und zu besuchen.
Es hätte nicht zu ihm gepaßt, eine besondere Zuneigung zu einem seiner Kinder zu zeigen. Seine stets liebevolle, großzügige Art allen gegenüber hatte nie ahnen lassen, daß Esther, das künstlerisch begabte Mädchen, dem Vater - dem so verhaltenen, klugen Mann - besonders nahestand. Aber da war schon immer viel Übereinstimmung in ihrer beider Wesen. Und viel Verständnis füreinander. Genau das ist es, was Esther bei einem Besuch in ihrer Genesungszeit braucht.
Über Kontakte zu unserer süddeutschen Heimat hatten wir Hinweise bekommen, wo das landwirtschaftliche Anwesen in der Toskana liegen könnte, das vor Monaten Esthers Hoffnung war und nun unsere Hoffnung ist.
Drei Tage nach seiner Abreise klingelt das Telefon. "Expedition zum geheimnisvollen Bauernhof in der Toskana erfolgreich!" ruft der Vater voller Freude vom anderen Ende her. Die Stimme hört sich an wie die eines Siegers. Ein Wermutstropfen kommt hinterher: "Esther ist zum Olivenpflücken fortgefahren und wird den Winter über auf verschiedenen Höfen bei der Ernte helfen. Ich werde sie jetzt nicht sehen. Aber es geht ihr gut, sagen die Leute vom Hof, ihr neues Leben scheint nach ihrem Geschmack zu sein."
Der Winter bringt uns Neulingen auf dem Land Monate voller Überraschungen und Arbeit. Sie vergehen schnell.
Schon ist es wieder März. Die Frühlingssonne macht Appetit auf eine Italienfahrt.
Esther hat ein paarmal bei uns angerufen. Wir hörten heraus, daß sie sich mehr und mehr erholt. Sie wohnt inzwischen in den Bergen von Cinque Terre.
"Kommt mich besuchen", sagt sie eines Tages mutig ins Telefon, "schaut euch meine alte Villa an, in der ich wohne."
Mitte Mai machen wir unseren kleinen Campingbus klar für die Fahrt zu Esther. Die Trattoria 'al bosco' in Corniglia ist unser Treffpunkt. Mir wird die Reise lang. Ich habe ein bißchen Angst auf dem Weg zu unserer Tochter.
Als ich drei Tage später das aparte Mädchen in der Trattoria auf uns zukommen sehe, bin ich mir sicher: sie hat es geschafft. Esther ist Herrin über ihre Krankheit geworden. Mit dem Campari Orange, den sie uns zur Begrüßung bringt, stoßen wir auf die geglückte Begegnung an. Unser Miteinander-Reden ist zunächst viel Schweigen. Der Respekt voreinander macht uns rücksichtsvoll und etwas scheu.
Esther führt uns dann durch die Hügel einen Trampelpfad entlang hinauf zu ihre alten Villa.
"Hier, an dieser schmalen Stelle", sagt sie nebenbei, "bin ich mal im Dunkeln abgerutscht und habe mir einen Wirbel angeknackst."
Ich gebe mir große Mühe, meine alte Mutterrolle zu vergessen. Irgendwann einmal werde ich mit ihr darüber reden.
Eine gute Weile laufen wir im Gänsemarsch durch eine duftende Wildnis von Kräutern und blühenden Büschen, unten glänzt flimmernd das Meer. Da bleibt Esther stehen. "Seht, dort ist meine Villa." Sie lacht, zeigt mit dem Finger. Nach ein paar Minuten haben wir ihre "Villa" erreicht: eine Ruine ohne Dach, Teil eines ehemaligen, großen Steinhauses, das kann man noch erahnen.
"Hier lebe ich", sagt sie, "das ist mein Zimmer. Und da schlafe ich." Sie zeigt auf ein Schaffell auf dem Lehmboden; drei Wände - nicht vier - bilden ihr Zimmer, darüber als Decke das Obergeschoß, das im Nichts endet. "In der Nische dort habe ich mein Kerzenlicht. So mag ich's. Immer kann ich aufs Meer schauen. Und zum Himmel. Mein Essen verdiene ich bei zwei lieben, alten Leuten, ich helfe ihnen im Haus und bei der Gartenarbeit. Von da hab' ich auch das Gemüse, von dem ich unser Essen für heute gekocht habe. Kommt auf die Terrasse, da ist meine Küche."
Alles ist liebevoll zubereitet: das Brennholz unter dem Kochkessel, Holzkistchen als Sitze, Teller, Löffel und Gläser, eine Flasche Wein.
Es fehlt an nichts, obwohl kaum etwas da ist.
Nach dem Essen schlüpft Esther unter einen großen Busch am Haus und holt aus dem schattigen Unterholz eine kleine, braune Glasflasche, der Korken als Verzierung mit einem bunten Stoffstückchen zusammengebunden. Sie kommt auf mich zu. "Johanniskrautöl", sagt sie, "für dich", und reicht mir das Geschenk - behutsam - tastend - piano - piano -.



