"Die Elefanten! Die Elefanten sind wieder da!" Wild gestikulierend kam Kumar ins Dorf Kuliposi gerannt. "In Singsal haben sie schon alle Reisfelder zertrampelt." "Was sagst du da?" Mohan Kujur trat aus seiner Hütte und stellte sich dem kleinen Schreckensboten in den Weg. "Was hast du gesagt? Die Elefanten sind da?" "Ja", nickte das Kind eifrig, "in der Schule haben heute alle davon gesprochen. Eine ganze Horde ist aus den Bergen von Bamra heruntergekommen." Hier in Zentralindien leben noch immer wilde Elefanten in dem hügeligen Dschungelland. Aber seitdem die Wälder mehr und mehr abgeholzt werden, verlassen sie immer wieder ihren angestammten Lebensraum, um sich ihre Nahrung auf den Reisfeldern der umliegenden Dörfer zu holen. "Hast du selbst die Elefanten gesehen?" fragte Mohan den Jungen, denn er wollte noch nicht glauben, was seine Ohren gehört hatten. "Ich habe die Felder hinter Singsal gesehen", gab Kumar zur Antwort, "da haben sie alles abgefressen und zertrampelt. Und die Kinder aus dem Dorf erzählten, daß sie mindestens zehn große Tiere und dazu ein paar Elefantenbabies gesehen hätten." "Das müssen wir Ramchondro Das berichten. Warte. Kumar, ich gehe mit dir. Sushila", rief Mohan in die Hütte, "ich gehe mit Kumar zum Bürgermeister. Die Elefanten kommen!" Mit bloßen Füßen eilte er über die ungepflasterte Dorfstraße, die nach der eben zu Ende gegangenen Regenzeit noch tiefe Schlaglöcher auswies. Kumar, der Sohn des größten Bauern, war schon vorausgelaufen, um als erstes seinem Vater die Nachricht zu bringen. Mohan Kujurs Hütte lag am Rande des Dorfes Kuliposi. Er gehörte zur Kaste der Schmiede und hatte schon als Kind für seinen Vater den Blasebalg getreten, wenn der die Sicheln der Bauern in die glühenden Kohlen hielt. Bald hatte er gelernt, wie sein Vater auf das heiße Eisen einzuhämmern, bis die Schneide so scharf war wie ein Samurai-Schwert. Mit schnellen Schritten folgte Mohan dem Jungen, der immer wieder seine Botschaft durchs Dorf posaunte: "Die Elefanten! Die Elefanten kommen!" Mohan war schlank, aber die Beine, die beim Laufen unter dem Lendenschurz hervorschauten, hatten kräftige Muskeln, und auch Arme und Schultern zeugten von der schweren Arbeit in der Schmiede. Aufgeschreckt von den lauten Rufen des Jungen, stürzten überall Männer, Frauen und Kinder aus den Hütten. Die meisten hatten gerade um den abendlichen Reistopf gesessen, denn die Sonne stand schon tief am Horizont, und sie waren hungrig und müde von der Arbeit auf den Feldern. Nur die Kinder ließen ohne Bedenken ihre gefüllten Teller stehen und folgten Mohan und Kumar, und bald erscholl ein mehrstimmiger Chor durchs Dorf: "Hati! Hati! Die Elefanten kommen!" Inzwischen hatten sie das Zentrum des Dorfes erreicht, einen kleinen Tempel, dem Gotte Hanuman geweiht, mit einem gewaltigen Bunyan-Baum davor, dessen hängende Wurzeln schon fast den Erdboden erreichten. Ramchondro Das verrichtete gerade die abendliche Opferzeremonie, denn er war nicht nur Bürgermeister des Dorfes, sondern auch sein Priester. Mohan, Kumar und die Schar der Kinder warteten in einiger Entfernung, bis der Priester den Tempel verlassen hatte, denn Ramchondro war ein großer, kräftiger Mann, und alle fürchteten ihn wegen seines rasch aufbrausenden Zornes. Aber das Geschrei der Kinder hatte schon seine Meditationsstille durchbrochen, und so wandte er sich sofort an Mohan: "Was höre ich da, die Elefanten kommen?" "Ja", erwiderte Kumar eifrig und erzählte wieder, was die Kinder in der Schule berichtet und er selber auf den Feldern gesehen hatte. "Ruft den Dorfrat zusammen", befahl Ramchon-dro, "wir müssen überlegen, wie wir unsere Felder schützen können." Die Kinder stoben auseinander, und bald erscholl in jedem Winkel des Dorfes der Ruf: "Hati! Hati! Die Elefanten kommen! Der Dorfrat soll sich auf dem Dorfplatz versammeln!" Inzwischen war der rote Sonnenball am Horizont untergetaucht, und die Abenddämmerung breitete sich rasch aus. Die Bauern hatten ihre Abendmahlzeit beendet und strömten nun aus allen Richtungen dem Dorfplatz zu, denn jeder wußte, daß man den Bürgermeister nicht warten lassen durfte. Nachdem sich die Männer im Kreis auf dem Boden unter dem ausladenden Bunyan-Baum niedergelassen hatten, begann Ramchondro feierlich: "Ihr wißt, warum ich euch zusammengerufen habe. Eine Elefantenherde droht unsere Felder zu verwüsten. Bis zum Ende der Ernte müssen wir sie bewachen, damit nicht die Mühe des ganzen Jahres zunichte gemacht wird." "Was sollen wir tun?" Die Frage kam gleichzeitig aus vielen Mündern. "Jede Nacht muß eine Gruppe von fünf bis sechs Männern Wache halten und die Elefanten vertreiben." "Wir müssen sie erschießen", warf Mohan dazwischen, "wenn wir sie nur von den Feldern unseres Dorfes vertreiben, zerstören sie die der anderen Dörfer." "Das ist deren Sache", erwiderte der Priester streng. "Elefanten jagd man nicht. Du weißt genau, daß es verboten ist, Lebewesen zu töten." "Aber in Notwehr ... wenn sie unsere Felder abfressen und zertrampeln, müssen wir verhungern. Wir sind verantwortlich für unsere Familien ..." Mohan hatte sich ereifert, aber nun fielen die anderen aus dem Dorfrat über ihn her: "Du weißt, daß in jedem Elefanten deine Großmutter wiedergeboren sein kann. Willst du deine Großmutter töten?" "Ganesh, der Elefantengott, wird unser Dorf vernichten, wenn wir Hand an die Elefanten legen." "Es ist unser Schicksal, wir können uns zwar dagegen wehren, aber abschütteln können wir es nicht." Mohan spürte, daß es hoffnungslos war, gegen diese Mauer religiöser Überzeugung anzukämpfen. 'Elefanten jagd man nicht', sie haben ein dickes Fell und ein langes Gedächtnis. Wie sehr glichen der Bürgermeister und die alten Bauern diesen Dickhäutern! Schweigend machte er sich auf den Heimweg. Der Vollmond hing wie eine leuchtende Laterne am Himmel und erhellte die holprige Dorfstraße. Mohan dachte an seinen Vater. Er hatte ihn früh in die Schule geschickt, während die meisten Kinder im Dorf von klein auf mit den Eltern auf die Felder oder zum Holzsammeln in den Wald mußten. Bevor der Vater starb, lag er zwei Woche mit Typhus im Krankenhaus. Damals hatte Mohan ihn gepflegt, denn die Mutter mußte bei den kleinen Geschwistern bleiben. Im Krankenhaus hatte er bald begriffen, wie wichtig Latrinen für die Gesundheit sind, und obwohl die alten Bauern ihn verlachten und weiterhin am Rande der Felder ihre Notdurft verrichteten, baute er als erster im Dorf eine Latrine. Immer hatten sie ihn verspottet, aber er wußte, was er tat. Er würde auch jetzt seinen eigenen Weg gehen. Wenige Tage, nachdem die wilde Elefantenherde die Felder bei Singsal verwüstet hatte, näherte sie sich auch dem Dorf Kuliposi. Nacht für Nacht zündeten die Männer kleine Feuer an und erhoben ein großes Geschrei, so daß sich die Dickhäuter wieder zurückzogen. Da geschah etwas Unerwartetes. Mohan Kujur hatte in der Nähe seiner Felder einen ebenerdigen Brunnen gegraben, um sie auch in der trockenen Jahreszeit bewässern zu können. An jenem Abend nun hatte er es versäumt, das Loch sachgerecht abzudecken, und so passierte das Unglück, daß ein Elefantenbaby in den Brunnen fiel. Die erschrockene Elefantenmutter stieß einen lauten Hilfeschrei aus, und sofort trabte die aufgeschreckte Herde zu dem Unglücksort. Die schlauen Tiere machten sich umgehend an die Arbeit. Mit ihren Rüsseln schleppten sie Steine herbei, die zum Ausbessern der Straße in der Nähe aufgeschüttet lagen. Mit diesen Steinen füllten sie den Brunnen, so daß der verunglückte Elefanten-Sprößling langsam immer höher stieg, bis seine Mutter ihn mit dem Rüssel erreichen und aus dem Wasser ziehen konnte. Danach trompetete die ganze Horde ein ohrenbetäubendes Freudengeheul. Mohan Kujur aber fluchte. Die monatelange Mühe des Ausschachtens und das viele Geld für den Zement waren zunichte gemacht. 'Elefanten jagd man nicht' - aber sie hatten seine Lebensgrundlage zerstört! Jetzt konnte er nicht länger untätig bleiben, mochten die anderen im Dorf auch sagen, was sie wollten. "Sushila", wandte er sich an seine Frau, "du weißt, daß ich mich schon immer gegen die Traditionen der alten Bauern gewehrt habe. Jetzt bin ich entschlossen, auch ohne ihre Zustimmung gegen die Elefanten zu kämpfen." "Sei vorsichtig!" fiel ihm Sushila ins Wort. "Elefanten haben ein dickes Fell und ein langes Gedächtnis." "Nicht schlimmer als der Bürgermeister mit seiner Religion des Fatalismus." "Aber es sind so viele! Sie sind stärker als du." Aus Sushilas Stimme klang Furcht. "Erinnerst du dich daran, wie viele es waren, die gegen uns aufstanden, weil wir ohne Heiratsvermittler auf eigenen Wunsch heiraten wollten? Damals habe ich um dich gekämpft. Jetzt werde ich für unser Dorf, unsere Felder, unsere Zukunft kämpfen!" "Denk an deinen Sohn", warf die besorgte Mutter ein. "Gerade weil ich an ihn denke ..." Mohan brach ab, weil er spürte, daß er auch seine Frau nicht in das einweihen durfte, was er nun zu tun gedachte. Am nächsten Tag fuhr Mohan in die Stadt, um neuen Zement für den Brunnen zu besorgen. Aber er kaufte nicht nur Zement. Tagelang verzog er sich danach in den innersten Raum seiner Hütte und bastelte an etwas herum. Dabei hüllte er sich in eisernes Schweigen, so daß selbst seine Frau nicht wußte, was er im Schilde führte. Und dann kam die Nacht, in der die Reihe an ihm war, mit vier anderen jungen Männern die Reisfelder zu bewachen, die kurz hinter seiner Hütte begannen. Die schmale Mondsichel segelte wie ein silbernes Schiffchen am sternklaren Nachthimmel. Mohan horchte in die Stille, während die anderen Männer um ein kleines Feuer saßen und Reisschnaps tranken. Er hatte sich ein Fernglas besorgt und spähte nun zum Wäldchen hinüber, hinter dem das Dorf Singsal lag. Da, ein dunkler Schatten schob sich langsam vor den Waldsaum. Mohan rührte sich nicht. Er beobachtete, wie die Zahl zunahm, bis er vier - fünf - sechs Tiere unterscheiden konnte. Gemächlich näherten sie sich den Reisfeldern, die gelb und reif zur Ernte standen. In wenigen Tagen könnte man mit dem Scheiden beginnen. Der Späher ließ die Herde nicht aus den Augen, aber er alarmierte die Freunde nicht. Diesmal wollte er nicht nur mit Geschrei die Elefanten vertreiben. Seine Hände zitterten leicht, als er das Tuch aufknöpfte und den mitgebrachten Gegenstand auswickelte. Dann schlich er vorsichtig, Schritt für Schritt, näher an die Felder heran. Die anderen Männer ließen noch immer den Reisschnaps kreisen. Sie hatten das Nahen der Elefantenherde noch gar nicht bemerkt. Nun hatte der Leitbulle den Weg gekreuzt und steuerte direkt auf das Feld zu, hinter dem Mohan geduckt auf der Lauer lag. In einigem Abstand folgten weitere fünf bis sechs Elefanten. Im Schutz der dichten Reisähren schlich Mohan noch wenige Schritte näher an sie heran. Als er den Kopf hob, stand der Anführer der Herde mitten auf Feldrain und zögerte kurz, bevor er seine mächtigen Stampfer in das Reisfeld setzte. Das war der Augenblick, auf den Mohan gewartet hatte. Er sprang auf und schleuderte den Gegenstand mit voller Wucht in die Richtung des nahenden Elefantenbullen. Ein ohrenbetäubender Knall zerriß der Stille der Nacht, als der Sprengkörper direkt vor den Füßen des Leittieres aufschlug. Mohans Freunde schossen in die Höhe und stießen laute Schreie aus. Nur Mohan verhielt sich mäuschenstill und duckte sich in das Reisfeld. Sekundenlang verharrte der Leitbulle wie gelähmt auf dem Fleck. Aber der Sprengsatz hatte nur leicht seinen Rüssel gestreift. Er hob den schweren Kopf und schnaufte kurz in alle Richtungen. Dann lief er los, quer durch das Reisfeld, genau auf die Stelle zu, wo der Mohan sich versteckt hielt. Er legte sich flach auf die Erde. Aber der Leitbulle hatte ihn schon erreicht und schleuderte ihn mit seinem Rüssel über das Feld, als wolle er Fußball mit ihm spielen. Mohan schrie auf und versuchte davonzulaufen, aber schon stieß ihn der Bulle erneut wie einen Ball vor sich her. Noch ein paarmal versuchte Mohan, sich aufzurichten, aber der Elefant war schneller und ließ nicht ab von seinem Spiel, bis Mohan unbeweglich am Rande des Feldes liegenblieb. Inzwischen war der Rest der Herde dem Bullen gefolgt, und obwohl Mohans Freunde laut riefen und schrien, stapften sie alle durch den hohen Reis, bis sie den Leitbullen und sein Opfer erreichten. Als sie sich davon überzeugt hatten, daß es sich nicht mehr rührte, pflückten sie mit ihren Rüsseln Blätter von den Büschen, die das Feld säumten, und deckten den leblosen Körper damit zu. Dann trabten sie bedächtig durch das Reisfeld zurück, nicht ohne sich noch ihr nächtliches Mahl von dem zu holen, was nicht restlos in den Staub getreten war. Nur langsam begriffen die anderen Männer, was sich da vor ihnen abgespielt hatte. Als sie den Freund regungslos unter dem Blätterhaufen liegen sahen, eilten sie ins Dorf, um Mohans Frau zu rufen. Vorsichtig entfernte Sushila die Blätterdecke, hockte sich neben Mohan und hob behutsam seinen Kopf in ihren Schoß. Sie wollte gerade ihre Totenklage beginnen, da spürte sie, daß ihr Mann noch atmete. "Er lebt!" stieß sie hervor. Nun knieten sich alle um ihn und riefen seinen Namen. Aber Mohan rührte sich nicht. "Wir müssen ihn nach Amgaon bringen", damit machten sie sich auf den Weg, um die Vorbereitungen für den Krankentransport zu treffen. Zwei Wochen lag Mohan Kujur schon im Krankenhaus. Noch tat ihm jeder Atemzug weh. und ein Bein steckte bis zur Hüfte im Gips. Der Elefant hatte ihm beim Rüssel-Ballspiel mehrere Rippen und den rechten Oberschenkel gebrochen. Aber Mohan erinnerte sich jetzt wieder an alles, was vorgefallen war, nur die letzte Phase des Kampfes war aus seinem Gedächtnis gelöscht. Sushila pflegte ihren Mann mit großer Hingabe. Oft hatte sie dabei den kleinen Pobitro auf den Rücken gebunden, und wenn Mohan schlief, stillte sie ihn und wiegte ihn auf ihrem Schoß. Aber ihre Gedanken kreisten um die Reisfelder, und Angst erfüllte ihr Herz, daß sie und ihr Mann in Zukunft noch mehr zu Außenseitern im Dorf würden. Noch war keine Nachricht zu ihr gedrungen, seit die Freunde Mohan im Krankenhaus abgeliefert hatten. An diesem Tag stand plötzlich Ramchondro in der Tür zu Mohans Krankenzimmer. Sushila verzog sich schnell, denn sie fürchtete, daß der Bürgermeister gekommen war, um den aufsässigen Schmied zur Rede zu stellen. Aber Ramchondro blieb am Fußende des Bettes stehen, schaute auf das Gipsbein und fragte. "Noch arge Schmerzen?" "Nicht mehr so schlimm. Ich mache schon die ersten Gehversuche", sagte Mohan ein wenig verunsichert, denn er wußte nicht, was der Besuch des Dorfoberhauptes zu bedeuten hatte. "Deine Felder sind abgeerntet", sagte Ram-chondro nun ohne lange Umschweife. "Alle Männer im Dorf haben sich zusammengetan und die Reisernte eingebracht. Sie war gut auf den Feldern, die nicht zertrampelt waren." "Und die Elefanten?" fragte Mohan fast tonlos. "Die haben sich verzogen. Dein Sprengsatz hat ihnen wohl einen solchen Schrecken eingejagt, daß sie unsere Gegend verlassen haben. Wir konnten ungehindert den Reis ernten." Mohan schaute seinem alten Feind in die Augen. "Elefanten jagd man nicht", echote er leise, "aber man kann sie in die Flucht jagen", fügte er triumphierend hinzu. "Darum bin ich gekommen", erwiderte der Bürgermeister. "Wir wollen dir danken - und deine Krankenhausrechnung übernehmen wir." Mohan wußte nichts darauf zu antworten. Er legte seine Hände zusammen und neigte den Kopf, eine tiefere Verbeugung ließ der gebrochene Brustkasten nicht zu. Sein Herz klopfte heftig. So hatte er doch den Kampf gewonnen. | |