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Die Seele kommt nach
Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden.
Nur sechsunddreißig Stunden hatte die Reise gedauert, und doch schien es Michael, als habe er eine Zeitreise in ein anderes Jahrhundert, eine andere Welt, hinter sich. Fröstelnd schlug er den Kragen seiner dünnen Jacke hoch. Vielleicht würde er irgendwo noch eine Tasse Kaffee zum Aufwärmen bekommen. Er sah auf die Uhr über dem Bahnsteig. Kurz nach drei Uhr früh. Wahrscheinlich hatte das Bahnhofsrestaurant um diese Uhrzeit längst geschlossen, aber vielleicht gab es im Bahnhofsgebäude einen Automaten.
Er zog ein letztes Mal an seiner Zigarette, schnippte den Stummel weg, griff nach seinem schweren Rucksack und ging die Treppen der Unterführung zum Bahnhof hinunter.
Er kam sich wie ein Fremder vor, als er an den kleinen Geschäften, in denen tagsüber Bücher, Reiseproviant und Blumen verkauft wurden, vorbeiging. Das Angebot war überwältigend. Und am anderen Ende der Welt bangten die Menschen um die nächste Mahlzeit. Einfach unglaublich.
Noch drei Stunden bis zur Abfahrt des Anschlusszugs. Suchend schaute er sich um, bis er aus einem Seiteneingang einen kaum wahrnehmbaren Lichtstrahl dringen sah. Neugierig ging er dem schwachen Schimmer nach.
Er stieß auf eine nervös blinkende Neonanzeige über einer Metalltür. "Caritas" stand da in einfacher, schnörkelloser Schrift. ,Nun ja, einen Kaffee werde ich hier bestimmt kriegen', dachte sich Michael, öffnete die Tür und trat ein. Sofort umgab ihn wohltuende Wärme. Vom Ende eines kleinen Flurs konnte man Stimmen hören; eine Tür stand offen, und behagliches Licht lud zum Näherkommen ein. Ein junger Mann in Jeans und Sweatshirt kam gerade heraus. "Kann ich Ihnen helfen?" fragte er freundlich. "Ich war auf der Suche nach einer heißen Tasse Kaffee, aber die Restaurants haben leider alle geschlossen."
"Da sind Sie bei uns richtig. Die Kaffeemaschine läuft hier Tag und Nacht. Kommen Sie doch bitte herein."
In der Mitte der geräumigen Wohnküche stand ein großer ovaler Tisch aus Kiefernholz mit acht Stühlen. Einer davon war besetzt; ein kleiner Mann mittleren Alters in einem abgetragenen Mantel wärmte sich die Hände an einer dampfenden Tasse.
"So, dann setzen Sie sich mal. Ich hole Ihnen gleich auch eine Tasse. Der Kaffee ist ganz frisch." Michael bedankte sich, stellte seinen Rucksack ab und nahm sich einen Stuhl am Kopfende des Tisches. "Was hat Sie denn so früh zu uns verschlagen?" fragte der junge Mann, als er Michael den Kaffee hinstellte. Michael streckte die Beine aus. "Ich habe eine weite Reise hinter mir und muss noch bis halb sieben auf meinen Anschlusszug warten. Auf dem Bahnsteig war's mir zu ungemütlich."
"Mir auch", sagte der Mann gegenüber. "Mein Zug ist sozusagen schon vor langer Zeit abgefahren. Seit zwei Jahren lebe ich auf der Straße. Ab und zu komme ich im Männerhaus unter, aber heute nacht war ich zu spät dran. Alles voll. Dann komme ich manchmal hierher, auch wenn es keinen Schnaps gibt. Übrigens: Ich bin Walter. Walter Januszewski."
"Ich heiße Michael. In Honduras nannten sie mich Don Miguel, el Alemán."
"Und ich bin Thomas." Der junge Mann setzte sich zu ihnen. "Sie kommen aus Honduras?" Michael steckte sich eine Zigarette an und sog den Rauch tief ein. "Genauer gesagt, aus Bacadia, das liegt im Bergland um Taulabé. Ich war dort als Entwicklungshelfer bei den Campesinos."
Walter schaute ihn verständnislos an. "Wo sagen Sie, und wozu?"
Michael schaute dem Rauch seiner Zigarette nach. "Die Campesinos sind kleine Bauern, die ihr Stückchen Land meist zu total überhöhten Gebühren von Großgrundbesitzern pachten. Auf den kargen Äckern bauen sie dann Zuckerrohr, Mais, Bohnen und ein paar Früchte an und müssen von ihrer Ernte auch noch einen Teil an den Grundbesitzer abführen. Sie haben gerade genug, um zu überleben. Über sechzig Prozent der Bauern in Honduras sind unterernährt."
Thomas schüttelte den Kopf. "Und bei uns stehen übergewichtige Schulkinder im Supermarkt vor den Süßwarenregalen und überlegen, welchen Schokoriegel sie sich diesmal kaufen sollen!"
Michael nickte und dachte an die einfachen Tortillas, die es an Feiertagen manchmal gegeben hatte. Fast eine Kostbarkeit, verglichen mit dem eintönigen Bohneneintopf, der auf den Herden der Campesino-Frauen sonst immer vor sich hin köchelte.
"Und was haben Sie nun gemacht?" fragte Walter noch einmal.
"Zuerst habe ich beim Bau einer Bewässerungsanlage für die Felder geholfen. Wenn es nicht regnet, ist die Ernte dahin, und die Leute müssen regelrecht hungern. Später haben wir dann noch ein Unterrichtszentrum gebaut - für Kinder und Erwachsene. Es gibt noch relativ viele Analphabeten in und um Bacadia, da schon Kinder beim Ackerbau mithelfen müssen und keine Zeit haben, in die Schule zu gehen. Wenn man den Bauern die Bodenbearbeitung erleichtert und den Kindern auf diese Weise eine Schulausbildung ermöglicht, sieht die Zukunft für sie vielleicht etwas besser aus."
Michael nahm einen Schluck aus seiner Tasse, dann stellte er sie ab und rieb sich die Augen. "Irgendwie kommt mir hier alles auf einmal so seltsam vor. Ich fühle mich wie ein Fremder im eigenen Land."
Walter lehnte sich vor. "Kennen Sie die Geschichte von David Livingstone, dem berühmten schottischen Missionar und Entdecker? Tagelang war er mit einer Reihe von eingeborenen Trägern unterwegs gewesen. Auf einmal setzten sie sich einfach auf die Erde und waren nicht mehr dazu zu bewegen, weiterzugehen. Livingstone fragte sie, ob sie krank oder mit ihrem Lohn unzufrieden seien. Sie schüttelten den Kopf und meinten, nein, es sei alles in bester Ordnung. Sie seien nur schon so lange gelaufen, es sei langsam Zeit, eine Pause zu machen, damit die Seele nachkommen könne."
Michael sah Walter erstaunt an. Wie war es möglich, dass dieser Mann in so kurzer Zeit so tief in sein Innerstes sehen konnte?
Walter nickte verständnisvoll und stand auf. "Wissen Sie, meine Seele war auch auf der Strecke geblieben bei dem hektischen Leben, das ich führte. Irgendwann hatte ich genug davon, mein Leben lief an mir vorbei; meine Seele hatte das Nachsehen. Also stieg ich aus dem Schnellzug meines Lebens aus. Seither gehe ich zu Fuß. Ich bin zwar arm und lebe von der Hand in den Mund, aber ich lebe - mit Leib und Seele."
Er setzte seinen speckigen Hut auf und wandte sich zum Gehen. An der Tür drehte er sich noch einmal um. "Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich Zeit lassen können, Michael. Viel Zeit. Und wenn Sie wieder eins mit sich sind, werden Sie erkennen, dass Ihnen das Leben hier gar nicht so fremd ist, wie es im Moment vielleicht scheint. Deutschland ist nämlich auch ein armes Land - arm an Wärme, Verständnis und Hilfsbereitschaft. Aber Sie und Thomas gehören zu den Menschen, die daran etwas ändern können. Denken Sie mal drüber nach."
Leise zog er die Tür hinter sich zu.



