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Mein geheimnisvoller kleiner Freund

"Mama, nun komm doch endlich!" Ungeduldig schrie Stefan in Richtung Garage, in der seine Mutter mit ihrem alten, verrosteten Fahrrad kämpfte. Sie mußte mehrere Bretter und Kisten wegräumen, die sich während der Wintermonate neben dem vernachlässigten Drahtesel angehäuft hatten.
"Ich komme gleich, fahrt schon mal los!" Erika wischte resigniert den Staub vom Sattel, drückte mißtrauisch auf die luftarmen Reifen und stieg schließlich ungeschickt auf.
'Schon verdammt lange her, meine letzte Radtour', überlegte sie.
'Schon sehr lange!' quietschten die Pedale.
Mißmutig folgte sie ihrer Familie. Ja, es war Sonntag, ein geradezu prächtiger Frühlingstag. Die Sonne lockte, und die Kinder freuten sich auf diesen Ausflug, aber... ausgerechnet heute! Endlich hätte sie Zeit gehabt, in Ruhe zu arbeiten! Es wäre viel besser gewesen, wenn Reinhard alleine mit den Kindern gefahren wäre.
"Mama, guck mal, ein Eichhörnchen!" Sie hatten den Wald erreicht. Sabine zeigte begeistert auf eine dicke Buche, und Erika sah gerade noch einen flauschigen, rotbraunen Schwanz hinter einem Ast verschwinden.
'Ach du liebe Zeit! Ich muß ja noch Frau Peters anrufen und unseren Termin verschieben!' Erikas Laune wurde noch schlechter. Ihr Fahrrad klapperte lustlos und mürrisch den Waldweg entlang.
Warum hatte sie sich nicht gegen diese Radtour gewehrt? Na ja, einen Streit mit Reinhard wollte sie nicht riskieren, denn er hatte ja wirklich recht: Sie hatte in letzter Zeit viel zu viel gearbeitet und brauchte dringend Entspannung, und dann dieses Traumwetter...
'Habe ich eigentlich den Nachmittagstermin bei dem Steuerberter für nächste Woche Mittwoch eingetragen?' Erika sprang erschreckt vom Sattel, zog ihren Terminkalender aus der Jackentasche und sah nach.
"Wo bleibst du denn?" Reinhards Stimme klang ärgerlich. Erika erschrak, als wäre sie bei etwas Verbotenem erwischt worden. Hastig wollte sie den Kalender wieder einstecken, stieß dabei aber tolpatschig an ihr Fahrrad, so daß es laut scheppernd eine kleine Böschung hinunterstürzte. Der Kalender flog hinterher.
"Fahrt schon mal vor zum Rastplatz, ich komme nach!" Erika hatte Wuttränen in den Augen, als sie ihr Fahrrad wieder auf den Weg zog.
'So ein Scheißtag! Wäre ich doch nur zu Hause geblieben!'
Sie stellte das Fahrrad ab und stieg den Abhang hinunter, um den Kalender aus dem Laub zu fischen. In dem Augenblick, als sie sich bückte und das Papier berührte, bewegte sich dicht vor ihr die Erde. Erika erstarrte! Da - schon wieder! Sie hielt die Luft an. Der Waldboden zitterte leicht, türmte sich zu einem kleinen Hügel auf, an dem das Laub und der kostbare Terminkalender seitlich hinabrutschten. Danach war es einige Sekunden lang totenstill.
Erika war zu keiner Bewegung fähig. Wie hypnotisiert starrte sie auf die Spitze des kleinen Erdberges. Da - endlich - bewegte sich die Erde wieder. Einige Lehmkügelchen purzelten den Hügel hinab auf Erikas Schuhe.
Wieder war es einen Augenblick still, aber dann geschah etwas Wundervolles: Ein kleines, rosarotes Schnäuzchen wühlte sich durch die Bergspitze, es folgte ein glatter, grauer Körper mit schaufelförmigen Beinen.
Erika öffnete langsam ihren Mund. 'Ein Maulwurf?' dachte sie zaghaft. 'Sieht er mich an? Hat er denn überhaupt Augen? Wie war das doch noch bei Maulwürfen?' Sie versuchte vergeblich, sich an ihre Schulzeit zu erinnern. Sie sah nur noch den Maulwurf vor sich und spürte eine fast unerträgliche Erregung.
'Was glotzt du mich so an?' schien der kleine Kerl zu denken. Plötzlich schämte sich Erika, weil sie so wenig über ihn wußte. Nur eines stand fest: Einen Terminkalender hatte er sicher nicht! Was war in seinem Leben wichtig? Wie war es wohl dort in den Höhlen unter der Erde?
Eine kleine Ewigkeit lang starrten sich die beiden, ob mit oder ohne Augen, völlig konzentriert an. Bis das kleine Tier die elektrisierende Spannung zerriß, indem es blitzschnell in seiner Höhle verschwand.
Erika stand noch einige Minuten bewegungslos vor dem frischen Erdhügel. Ganz neue Gefühle stiegen in ihr auf, unbekannte Gedanken schwirrten durch ihren Kopf. Der Maulwurf hatte ihr gezeigt, welche Kraft, wieviel Leben in einem kleinen Augenblick liegen kann. Wenn man ihn nur bewußt spürt!
Schließlich hob sie den Terminkalender auf, wischte die Erde ab und betrachtete ihn. Kunststoffbezogene Pappe, beschriebene Papierseiten - und davon ließ sie sich beherrschen?
Wieder sah sie zu dem Erdhügel. Plötzlich konnte sie durch den Waldboden sehen! Sie folgte einem der dunklen Gänge, bis sie in das Maulwurfwohnzimmer kam. Und da saß er, ihr kleiner Freund. Er hatte soeben die Menschen kennengelernt. Er saß da und konnte sich gar nicht mehr beruhigen! Er hielt sich den Bauch - vor Lachen! Wieder quietschte und klapperte das alte Fahrrad über den Waldweg. Doch nun quietschte es vergnügt und klapperte fröhlich und ausgelassen! Der warme Frühlingswind zauste in Erikas Haaren. Da - ein Eichelhäher! Sie horchte auf die vielen Vogelstimmen, die heiter und lebenslustig zwitscherten. Ganz tief atmete sie die würzige Luft ein, nahm den leicht modrigen Geruch des Waldbodens sowie den frischen Duft der Kiefernnadeln wahr. Ein Tautropfen fiel auf ihre Hand, ihre Haut prickelte. Unter einem wolkenlosen, hellblauen Himmel wartete ihre Familie auf sie. "Hallo! Ich komme!" Erika winkte beschwingt. Der Terminkalender in ihrer Hand blitzte in der Sonne.
Ach ja, sie wollte ja noch etwas eintragen! Wieder stieg sie ab, nahm ihren Stift und schrieb quer über alle Montagstermine: 'Bibliothek - Bücher ausleihen - Thema: Maulwurf.'
Morgen würde sie es dann genau wissen: Können Maulwürfe sehen oder nicht? - Schade, daß sie nicht reden können.
Obwohl - hatte dieser kleine graue Kerl ihr nicht doch etwas ganz Wichtiges gesagt?
'Das bleibt unser Geheimnis!' dachte sie, schloß die Augen und sah das liebevolle Gesicht ihres neuen kleinen Freundes vor sich.
'Niemals werde ich dich vergessen,' beschloß sie, und die Sonnenstrahlen, die warm über ihr Gesicht tanzten, besiegelten diesen Eid.

 

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