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Fingerübung
Es kam mit der Morgenpost: ein ganz normal aussehendes Paket in braunem Packpapier und verschnürt mit derber Doppelschnur. Es unterschied sich in nichts von den Tausenden anderen Paketen, wie sie die Postboten tagtäglich austragen. Mit diesem aber hatte es seine besondere Bewandtnis - eine ganz besondere Lieferung kam da ins Haus.
Die Aufschrift bestimmte das Paket für L. Mehlhorn; nicht für Frau oder Herrn L. Mehlhorn, sondern nur für L. Mehlhorn.
"Na so was", brubbelte Ludwig vor sich hin, als er es ins Haus trug, "ist es nun für mich oder ist es für Lissy?" Nach einem Absender hatte er vergeblich gesucht. Er war sich nicht sicher, ob er das Recht hatte, das Paket zu öffnen, jetzt, wo Lissy, seine Frau, verreist war. Bis zum Mittagessen lag das Paket unberührt auf dem Küchentisch. Fast unberührt. Einmal nur, ein einziges Mal, hatte er geprüft, ob sich die Schnur nicht etwa von alleine lösen wollte. Ein wenig später, als er am Küchentisch vorbei mußte, zum Kühlschrank, hatte er es kurz mal angehoben und ein bißchen, ganz sachte natürlich, hin- und hergeschüttelt, nun ja, und auch ein wenig daran gerochen. Nichts, kein Hinweis auf den Inhalt.
Lissy hatte sich seit Tagen nicht gemeldet. Sicher würde sie heute anrufen, dann konnte er fragen, wie mit dem Paket zu verfahren sei, dachte er beim Mittagessen.
Lissy tingelte in Bonn herum, auf Einladung eines Bundestagsabgeordneten, um "Demokratie vor Ort" zu erleben, wie es in der Einladung hieß. Zuerst hatte sie absagen wollen, denn die Fahrt fiel zeitlich mit den letzten Proben für das neue Stück zusammen, ihr erstes Kriminalstück. Sie hatte zwar nur eine kleine Nebenrolle, aber als Chefin des Theatervereins durfte man Präsenz von ihr erwarten. Dann fuhr sie doch; der Museen wegen und weil die Fahrt keinen Pfennig kostete. "Es wäre eine Sünde, so was auszulassen", hatte Ludwig ihr gut zugeredet.
Auch bis zur Kaffeestunde hatte sich Lissy noch nicht gemeldet, das Paket lag noch immer da, jetzt oben auf dem Kühlschrank, und noch immer machte sich Ludwig Gedanken, was wohl drin sein mochte. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr war er davon überzeugt, daß Leichtverderbliches in dem Paket sein müsse. Dann aber wäre es seine Pflicht, das Verderbliche vor dem Verderben zu bewahren. Schließlich hatte der Postbote mit dem Paket auch die Verantwortung für dessen Inhalt in seine Hände gelegt. Postgeheimnis hin oder her, er war geradezu verpflichtet, es zu öffnen. So zog er das Schweizer Messer aus seiner Hosentasche und zerschnitt die Schnur. Er wickelte sie sorgfältig über Daumen und Zeigefinger zu einem Püppchen zusammen. Lissy war nicht da; niemand trieb ihn zur Eile. Er genoß dieses leise Kribbeln im Bauch, diese kleine Spannung vor der Enthüllung. Langsam löste er das Packpapier ab, strich es glatt und faltete es so, daß Kante auf Kante zu liegen kam. Ludwig klappte die oberen Pappflügel auseinander; eine blaue Plastebox kam zum Vorschein. Er hob sie vorsichtig heraus und suchte auf allen Seiten den Öffnungsmechanismus.
"Da haben wir's ja", murmelte er vor sich hin und drückte auf die kleine weiße Taste an der Stirnseite. Der Deckel sprang auf. Ludwig schaute in die Box hinein und schrie im selben Moment auf. Zuerst war es nur in seinen Mundwinkeln, dieses Zucken. Augenblicklich aber bäumte es sich gewaltig auf und schoß durch alle Glieder. Wildes Entsetzen. Er zitterte am ganzen Körper. Am liebsten hätte er die Box weit von sich geschleudert, aber er besann sich noch rechtzeitig und drückte den Deckel wieder zu. Dann stürzte er ins Bad und erbrach sich. Hinterher sank er erschöpft und schlotternd vor Kälte auf dem Klodeckel nieder.
Ein abgehackter Finger. Was hatte das zu bedeuten? Sollte das ein Scherz sein? Nein. Kein Mensch hackt aus Übermut einen Finger ab, um ihn dann zu verschicken. Ein Würgen drückte ihm die Kehle zu. Er beschloß, sich zu entspannen und begann wie eine Gebärende zu hecheln. Das Krampfen im Hals und Brust wurde schwächer, und er hörte die Glocken von Sankt Marien, zuerst wie ein Flüstern, dann immer lauter. Sie läuteten den Abend ein. Noch nie war ihm ihr Läuten so tröstlich erschienen. Für einen Augenblick vergaß er, daß er elend auf dem Klodeckel hockte, vergaß den Finger in der Box, klammerte sich mit der ganzen Kraft seiner Seele an den Klang der Glocken.
Die Box stand noch auf dem Tisch. Da konnte sie nicht bleiben. Zuerst dachte er daran, sie wieder auf dem Kühlschrank abzustellen, aber jetzt, da er ihren Inhalt kannte, schien ihm das unpassend. Außerdem stünde das Ding dann immerzu in seinem Blickfeld. So trug er sie in den Schuppen. Das ging ganz gut, obwohl er seine Schwäche wattig in den Beinen spürte. Als er den Karton mit dem Finger auf den Hauklotz legte, auf dem er sonst das Holz für den Kamin spaltete, kroch ihm dünne Kälte über den Rücken bis in den Nacken hinauf.
Dämmrige Stille lag über Hof und Garten. Als er ins Haus kam, strömte ihm wohlige Wärme entgegen. Alles war friedlich, nur in seinem Kopf war Aufruhr: "Was ist mit Lissy, warum in Gottes Namen ruft sie nicht an!"
Noch nie hatte er einen abgehackten Finger gesehen. Sein Vater, der Rangierer bei der Bahn gewesen war, hatte mal eine abgeschlagene Hand auf dem Gleis gefunden. Aber das läßt sich viel leichter erklären als ein Finger im Paket.
Ludwig trank einen Schnaps gegen das flaue Gefühl im Magen. Das trat ihm wohl. Er genehmigte sich gleich einen zweiten und einen dritten auch. Plötzlich erschlossen sich ihm die Zusammenhänge: Das war Lissys Finger! Sie konnte nicht anrufen. Man hatte sie entführt, entführt, um Geld von ihm zu erpressen. Die Erbschaft hatte sich also schon herumgesprochen.
Er holte das Telefon aus der Diele und stellte es neben sich auf den Küchenstuhl. Fast wäre es ihm dabei aus den schweißnassen Händen geglitten. Die Gangster würden sicher anrufen, um ihm die Modalitäten der Geldübergabe mitzuteilen. Er wickelte seine Strickjacke fester um den Leib und wartete dann in aufrechter Haltung auf die Dinge, die da kommen mußten. Und wirklich, nur wenige Augenblicke später klingelte es. Totenstille um ihn herum, nur dieses Klingeln und der wilde Schlag seines Herzens. Mit zitternder Hand griff er nach dem Hörer. Sein Hals war ausgedörrt, und er krächzte kaum wahrnehmbar in die Muschel: "Ja, bitte."
"Du hast dich doch nicht etwa erkältet? Man kann dich keine Minute alleine lassen! Ludwig? Ludwig! Warum sagst du denn nichts?" Es dauerte ein paar Sekunden, bevor Ludwig begriff, daß nicht ein Gangster, sondern Lissy am anderen Ende der Leitung war; nach dem Gezeter zu urteilen, gesund und frei.
Freudentränen überschwemmten seine Augen, holperten über Fältchen, durchrollten die Täler seiner mageren Wangen, und tropften laut auf die Tischplatte. Endlich faßte er sich und sagte, daß alles in Ordnung sei, er habe sich nur eben beim Trinken verschluckt.
Lissy schwieg ein Weilchen. Sie dachte darüber nach, ob sie ihm das glauben sollte. Dann kehrte sie den Lehrer heraus: "Paß gut auf, Ludwig, ich kann nicht alles zweimal sagen, meine Telefonkarte ist so gut wie aufgebraucht. Ich habe hier etwas gekauft und es im Geschäft gleich einpacken und nach Hause schicken lassen. Ein Requisit für unser Theaterstück. Erschrick also nicht, wenn ... piep ... piep ... piep ..."



