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Am Rande des Regenbogens
Für die Kinder der Strasse ist jeder Tag in Moskau Kampf. Vor dem ersten Lichtschimmer wird Andrej erbarmungslos von beissender Kälteaus dem Schlaf gerissen. Im Winter trägt er alle seine Kleider auch inder Nacht. In dem dünnen Schlafsack würde er erfrieren. Wenn erbesonders traurig ist, lockt ihn dieser Gedanke sogar. Gross werden am Rande der Gesellschaft, das bedeutet für diese Kinder Kampf um ein Stückchen Brot, ein warmes Kleidungsstück und Bestehengegen die Stärkeren. Sie entwickeln dabei die Listigkeit einer streunenden Katze.
Andrej haust in einem verfallenen Haus am Rande der Stadt. Die einstigen Bewohner haben das einsturzgefährdete Gebäude längst aufgegeben, nur die Ratten sind geblieben, und vom obersten Stockwerk vernimmt Andrej das Geflatter der Tauben. Manchmal schiesst er mit seiner Steinschleuder nach ihnen, getroffen hat er sie nur selten, aber er freut sich über die wilde Unordnung, die für einen kurzen Moment etwas Leben in das Geisterhaus bringt.
Die klammen Hände tief in seine Jackentasche vergraben, beginnt Andrej seinen täglichen Rundgang. Es ist schon der zweite Winter, den er alleine verbringen muss. Vorher war er seinem älteren Bruder wie ein Schatten gefolgt. Aus dieser Zeit stammen seine wenigen Habseligkeiten: der Schlafsack, ein kleiner Spiegel der Kocher, zwei Teller und ein Topf. Juri hatte sie damals auf den Märkten zusammengestohlen. Einmal, als er gar zu dreist die Händler um ihre Waren erleichtert hatte, wurde er grausam verprügelt. Andrej musste ihn mehrere Tage pflegen. Doch Juri nahm das Leben leicht, und sie blieben beide voller Hoffnung.
Eines Morgens lag sein Bruder tot neben ihm. Andrej wusste nicht, ob der Alkohol oder die Drogen schuld daran waren, aber es war ihm klar, dass er sofort verschwinden musste, damit die Polizei ihn nicht zu fassen bekam. Man würde ihn in eines der vielen Kinderheime einliefern. Bitterkeit und Hilflosigkeit laugten ihn aus.
Seit Jahren schon hatten die beiden am Abgrund gelebt. Der Vater war ein tobsüchtiger Trinker, der seiner Familie mehr Schläge als Brot gab. Andrej war gerade zehn Jahre alt, da starb seine Mutter an Tuberkulose. Als der Vater wieder einmal wild um sich schlug, verliessen die Jungen die verwahrloste Wohnung. Die beiden genossen die ersten Wochen ihrer Freiheit. Es war Sommer, und Andrejs Bruder hatte flinke Finger. Sie mussten keine Not leiden, denn Juri verschaffte sich mit seinen Fäusten den nötigen Respekt.
Wenn Andrej jetzt allein durch die Strassen streunt, erdrückt ihn schier die Bürde einer hoffnungslosen Zukunft. Er kann kaum lesen und schreiben, noch besitzt er die nötige Gerissenheit der kleinen Gauner. Es ist mehr das Mitleid der anderen, das ihn am Leben hält.
Das kleine Café an der Strassenecke hat schon geöffnet. Der verführerische Duft nach frischem Gebäck hüllt Andrej ein. Von der Kellnerin bekommt er manchmal heissen Tee und eine Piroschki. Die Frau erinnert ihn an seine Babuschka, seine Grossmutter, denn wenn sie lacht, blitzen ihre Goldzähne. Andrej mag sie. Der heisse Becher wärmt seine Hände. Genüsslich schlürft er den Tee, den sie für ihn besonders stark süsst. Andrej liebt die Zuckerstückchen, die so herrlich auf der Zunge zergehen. Doch die anderen Gäste betrachten ihn misstrauisch, rücken ein wenig zur Seite. Niemand will etwas mit dem kleinen Jungen mit den verfilzten Haaren und der schäbigen Jacke zu tun haben.
Die Strassen füllen sich mit lärmenden Autos, Menschen strömen aus den tiefen Schächten der Moskauer Untergrundbahn. Die langen Gänge bedeuten für die Obdachlosen Schutz vor der schlimmsten Kälte. Kinder und Alte betrachten einander mit Argwohn, jeder darauf bedacht, sich einige Almosen zu erbetteln. Andrej schaut sich nach einem günstigen Platz um. Da sieht er die Frau mit dem teuren Pelzmantel, doch sie hastet ebenso schnell an ihm vorüber wie der Herr mit der dicken Ledermappe. "Merkt ihr denn nicht, dass ich Hunger habe?" will er ihnen entgegenschreien. Nur zwei alte Frauen stecken ihm einige Rubel zu. Auch sie scheinen arm , sehr arm zu sein. Inzwischen sind die grösseren Jungen auf ihn aufmerksam geworden. Andrej schaut sich wachsam um. Er weiss, dass sie gleich versuchen werden, ihm das Wenige wegzunehmen. Mit der nächsten Menschenflut, die sich aus einem der einfahrenden Züge ergiesst, flüchtet er aus der Metrostation.
Es ist früher Nachmittag, und es beginnt bereits zu dunkeln. Andrej hasst den Winter, die Kälte, die langen Nächte. Schneeflocken gaukeln vor seiner Nase, doch auf den Strassen verwandeln sie sich rasch in grauen Matsch. Heute wird er kein Geld mehr bekommen. Die Menschen wollen nach Hause. Knapp dreitausend Rubel zählt er zusammen. Das reicht gerade für ein Stück Brot.
Moskau ist in wenigen Jahren hell und bunt geworden; nur für die Gestandeten, die täglich ums Ueberleben kämpfen, verzerrt sich das strahlende Gesicht zu einer Fratze. Staunend betrachtet Andrej die vielen Auslagen in den Geschäften. Manche Dinge kennt er nicht einmal. Es sind trübe Gedanken, die ihn auf seinem Heimweg begleiten.
Die Tage verlaufen in lähmender Monotonie. Andrej magert ab, ein trockener Husten quält ihn, bis er erschöpft nach Luft ringen muss. Morgens hat er manchmal das Verlangen, einfach einzuschlafen, um dem brennenden Schmerz in seiner Brust zu entfliehen. Mühsam schleppt er sich wieder zu dem kleinen Café. Der winzige Hauch von Zuneigung, die ihm die alte Kellnerin entgegenbringt, lässt ihn nicht völlig verzweifeln.
Die Tage sind wieder länger geworden, da wird Andrej von der Miliz aufgegriffen und in ein Kinderheim eingeliefert. Er steht lange am Fenster und starrt in den milchig-grauen Himmel. Durch die undichten Fenster streicht ein eisiger Hauch. Hinter ihm lärmen die anderen Kinder, aber Andrej redet kaum mit ihnen. Er ist ein Einzelgänger geworden. In dem grossen Saal sind Jungen aller Altersgruppen untergebracht. Zur Schlafenszeit herrscht seltsame Spannung. Die Kinder verstauen ihre wenigen Schätze unter den Kopfkissen, dabei beobachten sie einander wachsam.
Ein kleiner Junge weint sich in den Schlaf. Keine tröstende Hand streicht ihm über den wirren Lockenkopf. Die Aufseherinnen verrichten pflichtbewusst ihre Arbeit, doch sie haben zu viel Elend gesehen, um noch Trostworte zu finden. Die Kinder reden miteinander kaum über ihre Erlebnisse, sie kennen keine Freundschaft. Jeder ist sich selbst der Nächste, es ist eine einsame Kindheit. Wie Samenkörner treiben die Kinder im Wind, doch der Boden, auf den sie fallen, ist karg, und wie zarte Schösslinge verkümmern sie, ehe sie Wurzeln schlagen können.
Nach dem Unterricht muss Andrej in der Küche helfen. Eines Tages sitzt eine ältere Frau auf der wackeligen Holzbank und hält eine grosse Schüssel mit Aepfeln im Schoss. Sie winkt ihn zu sich und drückt ihm ein Küchenmesser in die Hand. Aus dem Augenwinkel mustert er die Frau, die leise vor sich hinsummt. Andrej kennt das Lied. Seine Mutter hatte es gesungen, als er noch klein war. Gemeinsam schälen sie die Aepfel. Er steckt sich einige Schnitzel in den Mund, die Frau sagt nichts. Andrej ist dankbar, dass sie ihn nicht mit Fragen überschüttet. Auch in den folgenden Tagen kommt kaum ein Gespräch in Gang, aber er fühlt sich von ihrer Ruhe und Ausgeglichenheit angezogen. Jeden Nachmittag arbeiten sie zusammen. Zum ersten Mal in seinem Leben macht ihm eine Arbeit Freude.
Tage und Wochen reihen sich aneinander. In den Nächten gibt es nur noch selten Frost. Andrej gewöhnt sich an das Leben im Kinderheim, bis eines Tages die Frau nicht mehr da ist. Andrej fühlt einen Schmerz, wie er ihn seit dem Tod seines Bruders nicht mehr empfunden hat. Warum verlassen ihn alle? In dieser Nacht hat er einen Traum. Ein Schwarm Wildgänse zieht nach Norden. Das Rauschen ihrer Flügelschläge lockt ihn.
Geht man durch die Strassen der Stadt, sieht man viele Kinder wie Andrej. Sie kämpfen sich durch, hoffen auf ein Wunder. Vielleicht steht auch Andrej wieder an einer der Metrostationen, verloren im Irrgarten der Illusionen.



