Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Das Verlangen nach Staub
Friedhöfe sind Orte der Stille und Besinnung. Ich schlendere zeitlos durch Schatten und puste hier und da den Staub von der Vergangenheit. Eine Alte trauert am Grab unter der Ulme. Das letzte Mal sah ich die Frau bei einer Beerdigung. Auf dem Stein steht: "Meinem lieben Mann Franz Hart, der sich in der Stunde tiefster Trauer das Leben nahm." Ich hocke mich vor das Grab und wirble für euch den Staub auf. Damals, nach dem Krieg, war er, von den Polen vertrieben, von Oswice nach Lübecke gezogen. Dort bekam er eine kleine Wohnung, und dann waren sie auch schon da, Maria und Anna, sein Ein und Alles. Er hämmerte gegen die Tür des Reihenhauses und beschloss, Zorn zu zeigen, denn die Kleinen hatten ihn nicht gefragt, ob sie zum Kindergeburtstag einer Freundin durften. Deren Vater hatte sie abgeholt und eine Nachricht hinterlassen, wo er, Hart, die Beiden abholen sollte. Die Tür wurde geöffnet. "Bitte treten Sie ein, Julius Stern ist mein Name!" "Ich erzähle jetzt ein wenig, damit Sie sehen, dass wir Menschen sind. Meine Familie war schon immer das, was man gutbürgerlich nennt. Die Väter waren Schneider und gaben ihr Handwerk an die Söhne weiter. Sie kennen doch sicher das Konfektionsgeschäft um die Ecke? Früher gehörte es uns, wie diese kleine Wohnung hier. Auf dem Stuhl, auf dem Sie sitzen, saß, solang ich mich erinnern kann, mein Großvater Moische Mendelson Stern. Kam ein Gast zur Tür herein, begann Großvater erwartungsvoll zu kippeln, vergaß seine Pfeife und blitzte diebisch aus den Augen, in der Hoffnung, der Besucher würde vergessen, die Schuhe auszuziehen, oder würde wenigstens den Hut aufbehalten. Dann fuchtelte Großvater wild mit der Pfeife und fuhr sein Opfer an, dass dies ein ordentliches Haus sei und ob der Herr nicht wisse, was sich gehört. Wenn meine Mutter dazu kam, lehnte er sich sofort still zurück, denn das Wort im Haus hatte sie. Ich liebte ihren Gesang. Wenn am Shabbat die Kerzen entzündet wurden, sang sie das Semiroht und webte mit ihrer verzaubernden Stimme einen Schleier, in dem wir nur noch Familie waren. Sie sang auch während der Arbeit, wenn sie Großvaters schwarzen Rock plättete, in dem ich ihn so fremd und fürchterlich fand. Selber wickelte ich mich gern darin ein und wälzte mich so über den Teppich." "Sehen Sie, wir waren Menschen. Dumm wie alle Menschen." "Herr Stern, das ist sicherlich eine nette Geschichte, aber ich gehe jetzt. Spielen die Mädchen im Nebenzimmer?" "Wir waren dumm", erzählte Julius Stern weiter. "Wir winkten ab und lachten über den Lügner mit dem Bärtchen unter der Nase, bis es zu spät war. Dieser Mensch sagte den Deutschen, er sei Gott und sie müssten ihn anbeten, denn sie seien das erwählte Volk, und die, die ihn nicht anbeteten, müssten vernichtet werden. Und die Deutschen beteten und vernichteten. Der Lügengott verbot uns das Deutschsein und verbrannte unsere Synagogen. Immer weniger wurden wir. Schließlich war nach der letzten Razzia niemand mehr da. Auschwitz! An diesem eisigen Novembertag stand ich im Nebel und stierte, barfuss und halbnackt stand ich da und ließ mich abklopfen, ließ mir in den Mund schauen und war ein nummeriertes Stück Fleisch. Großvater musste in die andere Richtung gehen. Wir umarmten uns noch einmal, und er flüsterte mir schmunzelnd zu, dass der da oben jemanden bräuchte, der ihm einen neuen Gebetsschal näht. Dann ging er ins Gas. Stöße trieben mich weiter über den Lagerplatz, vorbei an Kindern, Frauen und Alten, die meinem Großvater folgen sollten. Halt! Eine Frau wurde gerade aus der Gruppe gesondert, eine Schönheit, vielleicht für das SS-Bordell. Man versuchte, ihr das Kind zu entreißen, sie wehrte sich. "Hören Sie auf! Schluss jetzt!" Franz Hart war bei den letzten Worten schreiend aufgesprungen. "Befehle! Es waren Befehle! Keiner konnte dagegenhalten! Ich war doch bloß Wachmann! Wo sind die Kinder?" Ich sehe vor mir, wie Franz Hart damals, in Schrecken und Verzweiflung aufgelöst, aus dem Haus stürzte. Ich fühle noch seinen Schmerz und das Unvermögen mit dieser Schuld zu leben. Die Raserei vor der eigenen Bestie. Doch schon trübt sich das Bild, und der Staub sackt gnädig in dicken Flocken über die Vergangenheit. |
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