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Das Verlangen nach Staub

Friedhöfe sind Orte der Stille und Besinnung. Ich schlendere zeitlos durch Schatten und puste hier und da den Staub von der Vergangenheit. Eine Alte trauert am Grab unter der Ulme. Das letzte Mal sah ich die Frau bei einer Beerdigung. Auf dem Stein steht: "Meinem lieben Mann Franz Hart, der sich in der Stunde tiefster Trauer das Leben nahm." Ich hocke mich vor das Grab und wirble für euch den Staub auf.

Franz Hart parkte den Benz sacht vor der altersschwarzen Klinkerfassade eines Reihenhauses ein und befahl seiner Frau, den Motor laufen zu lassen. In zwei Minuten wollte er mit den Kindern wieder da sein. Als Offizier bat er nicht, er befahl. Während er aus dem Regen in den Hausflur flüchtete, dachte er daran, dass an einem genauso verregneten Novembertag seine Zwillinge geboren wurden. Mein Gott, jetzt waren sie schon in der Schule.

Damals, nach dem Krieg, war er, von den Polen vertrieben, von Oswice nach Lübecke gezogen. Dort bekam er eine kleine Wohnung, und dann waren sie auch schon da, Maria und Anna, sein Ein und Alles.

Er hämmerte gegen die Tür des Reihenhauses und beschloss, Zorn zu zeigen, denn die Kleinen hatten ihn nicht gefragt, ob sie zum Kindergeburtstag einer Freundin durften. Deren Vater hatte sie abgeholt und eine Nachricht hinterlassen, wo er, Hart, die Beiden abholen sollte. Die Tür wurde geöffnet.

"Bitte treten Sie ein, Julius Stern ist mein Name!"
Der Mann, der da zwischen Tür und Angel stand, hatte ein zerfurchtes Gesicht und Leere in den Augen. ,Sie sind hässlich', wollte Franz Hart sagen, grüßte jedoch steif und forderte seine Kinder.
"Ja, gleich. Bitte, setzen Sie sich erst! Meine Chava hat heute Geburtstag, und ich fand es passend, Ihre Kinder mitfeiern zu lassen. Ich hätte sie Ihnen auch wieder nach Hause gefahren, aber Sie sollten noch etwas von meiner Tochter erfahren!"
Nach einiger Diskussion lies Franz Hart sich verwundert auf einer Stuhlkante nieder.
Er wollte wüten, aber ein drohender Unterton zwang ihn, den Mann anzuhören. Julius Stern hockte sich auf den Boden, stützte mit der Hand die Stirn und begann, schwer zu erzählen, wie wenn man Stein für Stein Trümmer abträgt, in der Gefahr, unter der Ruine begraben zu werden.

"Ich erzähle jetzt ein wenig, damit Sie sehen, dass wir Menschen sind. Meine Familie war schon immer das, was man gutbürgerlich nennt. Die Väter waren Schneider und gaben ihr Handwerk an die Söhne weiter. Sie kennen doch sicher das Konfektionsgeschäft um die Ecke? Früher gehörte es uns, wie diese kleine Wohnung hier. Auf dem Stuhl, auf dem Sie sitzen, saß, solang ich mich erinnern kann, mein Großvater Moische Mendelson Stern. Kam ein Gast zur Tür herein, begann Großvater erwartungsvoll zu kippeln, vergaß seine Pfeife und blitzte diebisch aus den Augen, in der Hoffnung, der Besucher würde vergessen, die Schuhe auszuziehen, oder würde wenigstens den Hut aufbehalten. Dann fuchtelte Großvater wild mit der Pfeife und fuhr sein Opfer an, dass dies ein ordentliches Haus sei und ob der Herr nicht wisse, was sich gehört. Wenn meine Mutter dazu kam, lehnte er sich sofort still zurück, denn das Wort im Haus hatte sie. Ich liebte ihren Gesang. Wenn am Shabbat die Kerzen entzündet wurden, sang sie das Semiroht und webte mit ihrer verzaubernden Stimme einen Schleier, in dem wir nur noch Familie waren. Sie sang auch während der Arbeit, wenn sie Großvaters schwarzen Rock plättete, in dem ich ihn so fremd und fürchterlich fand. Selber wickelte ich mich gern darin ein und wälzte mich so über den Teppich."
Franz Hart hatte sich bequemer gesetzt und lauschte jetzt aufmerksam, als Julius Stern sich weiter erinnerte.
"Als man mich erwachsen nannte, meldete ich mich freiwillig zum Krieg. Für das Vaterland. Später wurde auch mein Vater eingezogen. Nach der Niederlage kam ich mit dem Eisernen Kreuz zurück und war stolz darauf wie auf meinen Vater, der als Held in Verdun gefallen war. Für das Vaterland, in dem es nichts mehr zu beißen gab.
In den Zwanzigern konnte ich Gehilfen für die Schneiderei einstellen und eine Hochzeit bezahlen. Meine Frau durfte ich mir selber suchen. Unser Kind nannten wir Chava, und es sollte genauso schön werden wie seine Mutter. Cheva war fleißig in der Schule, und alles schien wunderbar zu werden.

"Sehen Sie, wir waren Menschen. Dumm wie alle Menschen." "Herr Stern, das ist sicherlich eine nette Geschichte, aber ich gehe jetzt. Spielen die Mädchen im Nebenzimmer?"
"Sie bleiben sitzen!"
Und wieder zwang Franz Hart eine Ahnung zu Gehorsam.

"Wir waren dumm", erzählte Julius Stern weiter. "Wir winkten ab und lachten über den Lügner mit dem Bärtchen unter der Nase, bis es zu spät war. Dieser Mensch sagte den Deutschen, er sei Gott und sie müssten ihn anbeten, denn sie seien das erwählte Volk, und die, die ihn nicht anbeteten, müssten vernichtet werden. Und die Deutschen beteten und vernichteten. Der Lügengott verbot uns das Deutschsein und verbrannte unsere Synagogen. Immer weniger wurden wir. Schließlich war nach der letzten Razzia niemand mehr da.
Was ist, Herr Hart? Sie rutschen hin und her und zerren am Kragen. Ist Ihnen heiß vor Scham? Es geht noch weiter.

Auschwitz! An diesem eisigen Novembertag stand ich im Nebel und stierte, barfuss und halbnackt stand ich da und ließ mich abklopfen, ließ mir in den Mund schauen und war ein nummeriertes Stück Fleisch. Großvater musste in die andere Richtung gehen. Wir umarmten uns noch einmal, und er flüsterte mir schmunzelnd zu, dass der da oben jemanden bräuchte, der ihm einen neuen Gebetsschal näht. Dann ging er ins Gas. Stöße trieben mich weiter über den Lagerplatz, vorbei an Kindern, Frauen und Alten, die meinem Großvater folgen sollten. Halt! Eine Frau wurde gerade aus der Gruppe gesondert, eine Schönheit, vielleicht für das SS-Bordell. Man versuchte, ihr das Kind zu entreißen, sie wehrte sich.
Es war meine Frau und mein Kind, meine kleine Chava.
Ein Befehl schallte über den Platz. Nichts als ein Bellen unter tausend Hunden, doch er dröhnte wieder und wieder in meinen Ohren. Der Wachmann stieß meine geliebte Frau und unsere Chava in den Schlamm, zielte, viel zu lange, schien zu zögern, und drückte doch ab."

"Hören Sie auf! Schluss jetzt!" Franz Hart war bei den letzten Worten schreiend aufgesprungen. "Befehle! Es waren Befehle! Keiner konnte dagegenhalten! Ich war doch bloß Wachmann! Wo sind die Kinder?"
"Jetzt sind Sie Offizier, nicht war?" Stern überhörte die Frage nach den Kindern einfach. Hart rannte mit glutrotem Gesicht und irre flackerndem Blick durchs Zimmer und schlug gegen die Wände. "Das ist jetzt eine andere Armee. Hören Sie auf! Ich will nichts wissen, es ist vorbei, vergessen, verstaubt."
"Es waren ja auch nur zwei, zwei Leben unter vielen Millionen, was macht das schon? Ein Wachmann unter tausend Hunden, wer ist das schon? Das Mündungsfeuer brannte mir Leid ins Gesicht und die Fratze des Hundes ins Gehirn. Ich überlebte und kam nach Lübecke zurück. Vor ein paar Wochen habe ich Sie auf der Straße wiedererkannt. Sie sind gealtert, im Rang gestiegen in der neuen Armee des neuen Reiches. Ihr Gewissen haben Sie in den Trümmern des Alten verschüttet, und haben noch mal neu angefangen. Doch ich trage die Trümmer ab: Sie sind der Mörder meiner Lieben, und meine Rache ist Ihre Erinnerung. Von heute an, da meine Chava Geburtstag hätte, sollen Sie sich erinnern, und Ihr Gewissen wird eine Tat bestrafen, für die es keine Sühne gibt. Gehen Sie! Ihre Mädchen spielen im Nebenzimmer, sie haben mir nichts getan. Gehen Sie!"

Ich sehe vor mir, wie Franz Hart damals, in Schrecken und Verzweiflung aufgelöst, aus dem Haus stürzte. Ich fühle noch seinen Schmerz und das Unvermögen mit dieser Schuld zu leben. Die Raserei vor der eigenen Bestie. Doch schon trübt sich das Bild, und der Staub sackt gnädig in dicken Flocken über die Vergangenheit.
"Meinem lieben Mann Franz Hart, der sich in der Stunde tiefster Trauer das Leben nahm." Als ich mich zum Gehen wende, scheinen die goldenen Lettern etwas heller zu glänzen.

 

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