Sie sind hier:Teilnehmer / Förderpreise / Archiv / 

Der Bergsteiger

Hamburg. Er erwachte kurz nach sieben. Dann reckte er sich, ging ins Bad, duschte zuerst heiß, dann kalt, und schwamm einige Runden im Swimmingpool, der sich im glasüberdachten Atrium seines Hauses befand. Danach zog sich Ralf Dumann einen Bademantel über und nahm in der Sitzecke neben der Tür Platz. Die Haushälterin brachte ihm das Frühstück. Als er den ersten Bissen in den Mund schob, kam das Mädchen, das sich seit letzter Nacht für seine Freundin hielt, die Treppe herunter.
"Guten Morgen, mein Schatz", sagte sie und setzte sich zu ihm. Ihr langes blondes Haar war noch feucht vom Duschen und bildete einen ungewohnten Kontrast zu dem blauen Handtuch, das sie um ihren Körper geschlungen hatte. Ralf Dumann betrachtete sie kurz. Wie alle anderen auch, dachte er und wandte sich wieder seinem Brötchen zu.
"Was unternehmen wir heute?" fragte Cindy und sah ihn erwartungsvoll an.
"Tut mit leid",sagte Ralf Dumann und erhob sich. "Ich muß geschäftlich fort. Annabell wird sich um dich kümmern."
Dann verließ er das Haus und eilte zum Flugplatz.

Frankfurt. Das Taxi bremste vor dem Bankgebäude. Ein Bediensteter öffnete die Wagentür. Als er Ralf Dumann erkannte, lächelte er. "Guten Tag, Herr Dumann", sagte er, "die anderen Herren sind auch schon da." Ralf Dumann nahm an der Schmalseite des Tisches Platz, an dem die Mitglieder des Aufsichtsrates auf ihn warteten. Er überflog die Tagesordnung und eröffnete die Sitzung.
Kurz vor Ende, es war schon gegen Mittag, passierte es zum ersten Mal.
Mitten im Satz versagte seine Stimme, ihm wurde schwarz vor Augen, und er sah einen länglichen Gegenstand, der auf ihn zuzufliegen schien. Als die Sitzung beendet war und die anderen Mitglieder des Aufsichtsrates den Saal verlassen hatten, wurde ihm bewußt, daß er die Kante des Tisches umklammert hielt, so fest, daß die Knöchel weiß wurden und er seine Hände nicht mehr spürte.

Bonn. Während der Zusammenkunft mit den Fraktionsabgeordneten überfielen Ralf Dumann heftige Rückenschmerzen. Eine Zentnerlast schien ihn niederzudrücken. Trotzdem zwang er sich, bis zum Schluß zu bleiben. Später, im Hotel, nahm er ein starkes Schmerzmittel. Als er am nächsten Morgen erwachte, ahnte er etwas von einem Traum, vermochte sich jedoch nicht mehr zu erinnern, wovon er gehandelt hatte.

Berlin. Während der Bauberatung am Potsdamer Platz passierte es zum zweiten Mal. Plötzlich tauchten schemenhafte Bilder aus seinem Traumes auf, Nebelschwaden gleich, Schnee im Hintergrund. Dann versagte Ralf Dumann die Stimme. Er konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen. In seinem Bewußtsein war ein weißer Fleck, wie das fehlende Teil in einem Puzzle. Aber er verspürte keine Angst. Merkwürdigerweise wußte er genau, was zu tun war.

München. Ralf Dumann war in seiner Heimat. Irgendwo, das wußte er genau, würde er das fehlende Teil entdecken. Er wanderte viel, sprach mit niemandem und aß wenig.
Er fand, wonach er suchte, als er eines Morgens einen grasbewachsenen Hügel erklommen hatte. In diesem Moment kehrte ein Bild aus seiner Kindheit zurück. Als Siebenjähriger hatte sich Ralf Dumann eines Tages den Wanderstab seines Großvaters genommen, den Rucksack aufgeschnallt, den er sonst nur bei den gemeinsamen Ausflügen tragen durfte, und war in die Berge gestiegen, geklettert, gelaufen, gerannt, weiter und immer weiter, fort von zu Hause, wo es ständig nur Streit gab.
Schließlich hatte er einen Gipfel erreicht, von dem er die Bergkette und die Täler überblicken konnte. Seitdem war Ralf Dumann ständig unterwegs gewesen, immer auf dem Weg nach oben.

Es war an der Zeit, umzukehren.

Entdecken Sie jetzt
Ihr Schreibtalent
 
  Schreiben lernen mit dem Leitfaden von der Schule des Schreibens Herr Frau
Persönliche Beratung Online anmelden Gratis-Newsletter