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Mairevolution vor dem Frühstück

Viel bekam Kurt nicht mehr mit von dem, was sich am Sonntagmorgen auf der Wache abspielte. Die Polizisten unterhielten sich über einen Selbstmörder mit Schutzengel. "Tempo hundertzwanzig in der Stadt" hörte Kurt beiläufig. Aber die Augen hatte er geschlossen, und sein Kopf knickte schon wieder nach vorne weg, während der Arzt seufzte: "Diesmal wenigstens keine Schnapsdrossel. Vermutlich 'n Eheopfer. Er stammelt ständig 'Anna... Großer Gott, Anna...'" Kurt war dem Zusammenbruch nahe. Da tröstete ihn nicht mal der Text seiner kleinen Nachtmusik, die er immer beim Einschlafen zu vernehmen meinte - sogar jetzt hier, als Verzweiflung und Müdigkeit ihn übermannten:

"Ich glaub', es zählt im Leben
Nur, daß du in der Tat,
Wie es auch mit dir umspringt, vor dir selbst gradstehen kannst..."

Anna haßte seinen Musikgeschmack. Sie lebte überhaupt in ihrer eigenen Welt. Doch letzten Montag hatte sie Kurt gefragt, ob er sie nicht wenigstens ein einziges Mal auf ihrem samstäglichen Techno-Trip begleiten wolle. Und weil sie dabei einen ungewohnt scharfen Ton in der Stimme hatte - Kurt kannte diese Peperoni-Voice, wie er sie getauft hatte, sonst nur aus Ehe-Dramen von Kollegen -, entschied er spontan, sich ausnahmsweise zu opfern, obwohl die Freizeitlust seiner Frau ihm eigentlich gegen den Strich ging, denn während Anna, wenn sie nicht in ihrer Boutique war, ständig in der Welt herumjuchheite, entwickelte Kurt seine Computerprogramme in Heimarbeit und fühlte sich auch sonst zu Hause am wohlsten. Kurts Freund Ulf spöttelte bereits seit langem zur Begrüßung: "Wie geht's? Wie steht's? Für wann habt Ihr den Scheidungstermin angesetzt?"

Den letzten Versuch wolle er nun noch unternehmen, sagte Kurt sich. Was war schon eine Nacht? Die meisten Raver durchwachten schließlich tapfer drei davon hintereinander. Viel mehr wußte Kurt nicht über sie. Höchstens noch, daß sie sich von Freitagabend bis Montagmorgen ohne Pause in muffigen Kellern oder düsteren Lagerhallen tummelten und dabei monotonen Krach genossen, fabriziert von paritätisch besetzten Orchestern aus Preßlufthammern, Metallsägen und abstürzenden Hubschraubern. Mit Fluglärm konnte Kurt sich als eingefleischter Reinhard-Mey-Fan ja vielleicht sogar anfreunden. Hieß es doch in seinem Lieblingssong "Über den Wolken":

"Wind Nordost, Startbahn null-drei,
Bis hier hör' ich die Motoren.
Wie ein Pfeil schießt sie vorbei,
Und es dröhnt in meinen Ohren..."

Als Anna am Samstagmittag begann, sich für den bevorstehenden Groove zurechtzumachen, legte Kurz trotzdem vorsichtshalber den Walkman und "Die großen Erfolge" bereit. Zur Not würde sich hoffentlich irgendwo ein ruhiges Eckchen finden lassen...

Anna hatte andere Sorgen. "Wenn es nur nicht jedesmal dieses Theater mit dem Styling gäbe", stöhnte sie gegen halb eins, und bis zum Abend tapste sie dann in Abständen von zwanzig Minuten barfuß an seinem Zimmer vorbei, um vor dem großen Garderobenspiegel immer wieder ein neues Kostüm in Augenschein zu nehmen. Bläck-Fööss-Dressing ohne Salat nannte Kurt diese Performance im stillen. Und er schmunzelte dabei.

"Jeder Raver will nämlich in einem tolleren Look erscheinen als alle anderen, weißt du." Auf der Zehn-Vor-Vier-Durchreise lugte Annas Kopf einmal schnell um die Ecke. "Aber bei mir kann es gar nicht richtig hinhauen. Normalerweise gehören Zunge, Nase und Nabel gepierct. Muß ich demnächst wirklich auch alles mal machen lassen. Der verflixte Nasenclip flutscht dauernd ab, wenn ich bounce, und... Ach du Schreck, ich seh' grad, daß ich gegen den Kleber, mit dem ich mir den Neon-Sticker auf den Bauch gepappt hab', offenbar allergisch bin."

Als die Halb-Sechs-Anprobe ausfiel, wollte Kurt schon erleichtert aufatmen. Konnte das bedeuten, daß die gesamte Veranstaltung gecancelled war? Doch dann fand er vor dem Allibert im Badezimmer einen weiblichen Alien - umschmeichelt von einem schillernden Nichts aus fluoreszierenden Farbtupfern und damit beschäftigt, perlmutterne Sternchen auf das gelbliche Gesicht zu pinseln. Mußte man heutzutage etwa Hepatitis haben, um als schön zu gelten? Verständnislos wandte Kurt sich ab. Wenig später drückte er in seinem Zimmer die Repeat-Taste für den Song mit den Zeilen:

"Annabelle, ach Annabelle,
Du bist so herrlich unkonventionell,
Du bist so wunderbar negativ,
Und so erfrischend destruktiv."

Der sechste Durchlauf fing gerade an, seine besänftigende Wirkung zu entfalten, da kam die Außerirdische völlig aufgelöst in den Raum gebeamt.

"Himmel, Kurt, was machen wir überhaupt mit dir? Nimm's mir nicht übel, aber so kannst du ja wohl kaum... Hast du nicht wenigstens noch irgendwo 'ne alte Schlaghose?"

Kurt hatte nicht. Und selbst wenn... "Anna", er zwang sich, ruhig zu bleiben, "ich hab' mich bereit erklärt mitzugehen. Bloß: Der Star des Abends will ich nun wirklich nicht werden. Deshalb", vorsichtig schob er das Sternenwesen Richtung Diele, "laß mein Outfit mal am besten meine Sorge sein." "Make peace, not star war", ergänzte er unhörbar.

Das Problem hatte er damit allerdings nicht aus der Welt geschafft. Der dunkelblaue Edelzwirn für die Geschäftsessen war eindeutig zu schade, und ansonsten... Oh doch, die alten Wohlfühl-Klamotten mit dem gestreiften Hemd, die er immer beim Fernsehen trug, die würde er einfach nehmen. Wenn er das kleine Loch unter dem linken Arm noch schnell flickte, durfte er sich, ohne zu lügen, rühmen, die Raver im Nadelstreifen zu beehren. Also nichts wie her mit dem Nähkasten, CD-Player an, und dann ruhig Blut:

"Es gibt Tage, da wünscht' ich, ich wär' mein Hund.
Ich läg' faul auf meinem Kissen und säh' mir mitleidig zu,
Wie mich wilde Hektik packt zur Morgenstund',
Und verdrossen von dem Schauspiel, legt' ich mich zurück zur Ruh'..."

Wie laut Kurt die Musik jedoch auch stellen mochte, ein Rest von Unbehagen ließ sich nicht vertreiben, bis er gegen neun mit der Extraterrestrierin an seiner Seite Richtung UFO-Center aufbrach.

Die halbe Stunde Autofahrt zum Club nutzte Anna für eine Einführung in "Ravologie". Den Ausdruck hatte sie, wie sie ein wenig verschämt gestand, selbst erfunden, was Kurt wegen der Schlichtheit der Wortschöpfung mit einem Stirnrunzeln quittierte. Und auch an der Präzision von Annas theoretischen Erläuterungen hegte er vorübergehend Zweifel. Geräuschdonner werde es geben und Lichtgewitter aus dem Stroboskop - was immer das sein mochte -, hatte die Expertin erklärt, worauf Kurt "Aha" gemacht hatte, weil ihm sofort die "Diplomatenjagd" in den Sinn kam:

"Es knallen die Büchsen, ein Pulverblitz, -
Es wird soeben gesagt,
Daß Generalleutnant von Zitzewitz,
Den Verlust seines Dackels beklagt."

Doch als sie dann die Tür zu dem heruntergekommenen, in ein Raumschiff verwandelten Fabrikgebäude öffneten, wurde Kurt im wahrsten Sinne des Wortes schlagartig klar, daß er in dieser Location, wie die Raver sagten, wohl eher den Verlust seines Bewußtseins zu befürchten hatte: Auf dem Dancefloor vor ihnen zuckten in stickigen Nebelschwaden dichtgedrängt Körper mit rudernden Armen zu einem unvorstellbar lauten Geratter von mindestens hundertfünfzig Schlägen pro Minute. Und was war das? Wurde das Gelände jetzt auch noch von einem Erdbeben erschüttert? Anna nahm Kurts hilfesuchende Blicke schon nicht mehr wahr. So behende, als hingen über ihr unsichtbare Haltegriffe, hangelte sie sich voller Verzückung mitten ins Epizentrum. Wie konnte sie ihm all das antun? Nicht mal sein musikalisches Stoßgebet hatte in dieser Apokalypse eine Chance:

"Hilf mir, grade zu stehn,
Hilf mir, die Wahrheit zu sehn,
Hilf mir, mich gegen den Strom zu drehn,
Hilf mir, den schweren, den graden Weg zu gehen!"

Kurts Reise führte ihn in dieser Nacht geradewegs in das verwaiste Pförtnerhäuschen vor dem Techno-Hades. Von dort hatte er den Ausgang im Blick - falls Anna nach Hause wollte. Und außerdem ließ sich das Höllenspektakel aus dieser Distanz einigermaßen ertragen, auch wenn es den Einsatz des Walkman immer noch nicht gestattete.

Kurt war ein geduldiger Mensch, aber etwa um drei Uhr morgens begann er sich mürrisch zu fragen, wie wohl Zerberus mit der Eintönigkeit seines Jobs fertig geworden sein mochte. Und vor lauter Langeweile beschloß er, einmal nach seiner Frau zu sehen - offensichtlich in einem ungünstigen Moment, denn als er Anna nach langer Suche schließlich aufgespürt hatte, wurde er Zeuge, wie sie beim Tanzen angebaggert wurde von einem bulligen Kerl im Blaumann Marke:

"Ich bin Klempner von Beruf,
Ein dreifach Hoch dem, der dies gold'ne Handwerk schuf.
Es gibt immer ein paar Muffen
Abzubau'n und krummzubuffen..."

Dieser Bursche buffte, daß Kurt die Haare zu Berge standen. Vor allem winkten seine Hände nicht wie die der anderen Verrückten durch die Luft, sondern flanschten verdächtig an Anna herum. Im ersten Moment wollte Kurt seine Frau deswegen empört zur Rede stellen, doch dann fiel ihm ein, daß selbst die kräftigste Standpauke im Trommelfeuer der Synthesizer untergehen würde, und darüber hinaus stellte er fest, daß Anna auf die Bolzversuche des Installateurs überhaupt nicht reagierte. Sie jumpte unbeirrt weiter - wie in Trance. Womöglich hatte sie ja auch ein Stück von den skandalösen psychedelischen Pilzen genascht, die neben gelegentlichen Ecstasy-Pillen die einzige Nahrung waren, von der die rauschsüchtigen Hüpfer lebten. Sie brauchten sonst nichts - bei diesem Satz hatte Annas Stimme triumphierend vibriert. Ecstasy spielte selbst dem strapaziertesten Raver-Körper vor, es gehe ihm prächtig. Er schwebte - tagelang, sogar noch kurz vor dem Kollaps, der für den Tobenden völlig unvermittelt eintrat, denn er hatte zuvor weder Hunger noch Durst verspürt. Auch keine Müdigkeit.

Kurt quälte sich inzwischen mit allen drei Leiden herum. Die Pilze weckten seine Sehnsucht nach einer stinknormalen Party:

"Bei der heißen Schlacht am kalten Büffet,
Da zählt der Mann noch als Mann,
Und Auge um Auge, Aspik um Gelee,
Da zeigt sich, wer kämpfen kann, hurra!
Da zeigt sich, wer kämpfen kann!"

Und plötzlich schoß es ihm durch den Kopf: "Es ist niemandem damit gedient, wenn ich jetzt hier den Heldentod sterbe. Anna hat mich in ihrem Nahkampf ja nun schon die ganze Nacht nicht vermißt - da kann ich auch mal kurz ausrücken und Proviant beschaffen." Zwei Straßen weiter stärkte er sich "Bei Alex" hastig mit einem Spaceburger sowie einer Dose Red Bull. Danach nahm er wieder seinen Posten an der böllernden Front ein.

Als RAVE-O-LUTION bezeichneten die Techno-Fans ihre Bewegung, hatte Anna stolz erklärt. Das gefiel Kurt, obwohl der Begriff, strenggenommen, nicht stimmte, denn der Geschützdonner täuschte. Die Raver besaßen kein politisches Bewußtsein - außer vielleicht in dem schlichten Sinn, daß sie jeden hopsenden Irren neben sich nicht nur tolerierten, sondern früher oder später sogar freundschaftlich knuddelten. Abgesehen davon hatte ihr Klamauk keinen theoretischen Überbau. Sie wollten nichts weiter, als der für sie nur scheinbaren Realität dieser Welt entfliehen, um in ekstatischen Trance-Erlebnissen die absolute Freiheit zu erfahren. Sicher, diese Vorstellung klang naiv. Aber das war's nicht, was Kurt störte. Von etwas Ähnlichem träumte er ja auch, wenn er mitsummte bei den Worten:

"Über den Wolken
Muß die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Alle Ängste, alle Sorgen,
Sagt man, blieben darunter verborgen,
Und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint,
Plötzlich nichtig und klein."

Was ihn, wäre er ausgeruht gewesen, rasend gemacht hätte, war die Sprachlosigkeit der Hoppeditze. Kein Gesang, kein Text zierte ihren Radau, bestenfalls Einzelworte, Fetzen. Und auch die Raver selbst redeten ungern. "Weil man sie nicht hören würde, weil es nichts zu sagen gab, weil sie nichts sagen wollten oder weil alles gesagt war", hatte Anna immer bereitwillig zugegeben. Und das ihm - ausgerechnet ihm!

Nein, auch wenn die Erkenntnis deprimierte und weh tat, es ging beim besten Willen nicht, er hatte sich die Nacht vergeblich um die arg geschundenen Ohren geschlagen: Er war weder fähig noch bereit, das stumme Glück seiner Frau zu teilen. Er hatte ihr Liebe und Treue gelobt, kein Stillschweigen. Und jetzt sollte Anna vielleicht langsam versuchen, wenigstens soviel Verständnis für ihn aufzubringen, daß sie ihn endlich von seinen Qualen erlöste.

Übernächtigt und gereizt tauchte Kurt noch einmal ein in das wogende Meer von gedankenlosen Kreaturen. Es dauerte ewig, bis er völlig sicher war, daß seine Frau nicht mehr mit den anderen Ausgeflippten herumzappelte, doch erst, als er wieder vor der Tür stand, dachte er daran, auf die Uhr zu sehen. Herrje, es war ja schon halb sechs durch. Das hieß ja... Ins Auto, schnell. Er mußte doch...

Nach vier Kreuzungen hatte der Streifenwagen ihn eingeholt. Und während der Polizeiarzt ihm für die Blutprobe im Arm herumstocherte, murmelte Kurt, wobei er vor Erschöpfung fast vom Stuhl rutschte, immerzu nur - denn was ging der Rest die Bullen an? -: "Anna... Großer Gott, Anna..." Wie sie daheim auf ihn warten würde! Das war doch der einzige Fixpunkt in ihrer modernen Ehe, daß sie morgens von sechs bis halb sieben engumschlungen gemeinsam aufwachten. Für alles, was das Schicksal ihnen in den kommenden Stunden auf ihren getrennten Wegen zumuten würde, tankten sie dann Kraft - bei der Musik von "Sommermorgen", dem einzigen Mey-Song, der sogar Kurts Anna aus der rave-o-lutionären Seele sprach:

"Wie hastig geht die Zeit später am Tage,
Komm' einen Augenblick noch nah' zu mir.
Wann sag' ich, wenn ich es dir jetzt nicht sage,
Daß ich glücklich bin mit dir."

 

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