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Novemberabend am Kanal
Langsam geht der Tag in den Abend über. Es ist neblig, trist und kalt. Die untergehende Sonne schwebt mattrot im fahlen Novemberdunst. Ich vergrabe meine Hände tief in den Hosentaschen und stapfe durch die Kälte.
Von der Schleuse bis zur Überführung sind es knapp sieben Kilometer. Ich mag diesen Weg, rechts in Fließrichtung am Kanal entlang. Irgend etwas zieht mich immer wieder hierhin, in die abendliche Tristesse des östlichen Ruhrgebietes: flaches Land, abgeerntete Maisfelder und Viehweiden. Wenige Kilometer von hier, fast schon in einer anderen Welt, brodelt der Autoverkehr, Stau von Schwerte bis Kamen.
Träge fließt das Wasser schnurgerade Richtung Westen, wo es südlich von Wesel in den Rhein mündet. Ursprünglich ist der Kanal ein kleines flinkes Flüßchen gewesen. Weiden, Pappeln und Haselnußsträucher säumten seinen weiten Weg. Doch das ist schon sehr lange her. Nur karges Gras belebt die steil ansteigenden Böschungen zu beiden Seiten der Fahrrinne. Im Sommer bis in den Spätherbst blühen hier Lupinen. Jetzt, Mitte November, sind Fahlgrün, Schwarz und Dunkelgrau die einzigen Farben.
Bruchsteinmauern und Waschbeton zwängen das Gewässer in sein Bett. Nur die Norm zählt: sechs Meter tief, zweiundzwanzig Meter breit, ökonomisch, effektiv. X Frachter mal Y Tonnen Nutzlast gleich soundso viel Gewinn. Für Binnenschifferromantik ist kein Platz.
Doch trotz aller Zweckmäßigkeit ist der Kanal kein totes Gewässer. Ein sanftes Gefälle zum Westen hin sorgt für eine mäßig starke Fließgeschwindigkeit. Keine Kloake wird hineingeleitet, Überlaufschotte an den Schleusen pumpen wertvollen Sauerstoff in das Wasser. Das Schicksal seines großen Bruders, der Emscher, ist ihm erspart geblieben.
Wenn dann Anfang März die ersten trügerisch warmen Sonnenstrahlen auch die hartnäckigsten Schneereste weggeschmolzen haben, versuchen Angler ihr Glück. Anscheinend in Meditation versunken, hocken sie zusammengekauert auf ihren Klappstühlen oder stehen sich die Beine in den Bauch und warten auf das Zucken an der Schnur. Diese Kerle sind mir sympathisch, wie sie stundenlang ohne äußere Regung auf das strömende Wasser schauen. Nicht einmal der rege Schiffsverkehr vermag sie aus ihrer stoischen Ruhe zu bringen. Und manchmal sind sie sogar gesprächig und erzählen ihre Geschichtchen: "nee, in echt, sonnen Kavenntsmann, sechsenhalb Pfund, hörnsemal..."
Einmal im Monat wird der Kanal gesäubert. Ein Reinigungsboot fährt die gesamte Strecke von der Schleuse bis nach Datteln ab. Kaum zu glauben, was dann alles herausgefischt wird: Reifen, Müllsäcke und sogar Autowracks. Und manchmal auch ein armer Teufel, der genug von allem hatte.
An so einem Novemberabend wie diesem muß es passiert sein. Ich kann es mir genau vorstellen. Still und düster fließt das Wasser, "Komm!" gurgeln die Strudel, der Nebel schweigt. Vielleicht ist ein Schiff vorbeigefahren, und er hat gewartet, bis es außer Sicht war. Vielleicht hat er auch vor Angst gezögert. Aber dann hat er es doch hinter sich gebracht. Der dolle Wawrczyniak - der weiß jetzt mehr als wir alle.
Allmählich ist das fahle Nebelgrau einem düsteren Zwielicht gewichen. Dampf steigt aus dem Wasser, es gluckert und rauscht. Auf der gegenüberliegenden Seite strecken Hochspannungsmasten ihre Arme weit von sich. Sie sehen aus wie monströse Skelette aus einer längst vergessenen Zeit. Ich kann die armdicken Überlandleitungen in der Dunkelheit nur erahnen, die roten Warnbälle scheinen in der Luft zu schweben.
Leises Tuckern durchbricht die Stille, wird lauter. Leichter Dieselgeruch liegt in der kalten Luft. Ein schwarzer Schatten schält sich aus dem Dunst. Rote und grüne Positionslichter spiegeln sich grotesk auf der Wasseroberfläche. Das Schiff schiebt eine weiße Gischtwelle vor sich her. Schwerbeladen quält es sich in Richtung Osten gegen den Strom. Ich kann nicht erkennen, was es geladen hat. Steinkohle aus dem Ruhrkohlebergwerk "Haus Aden", Flüssiggas oder Stahlblöcke? Tausende Tonnen Fracht, die in Hamm entladen und von dort mit der Bahn weitertransportiert werden.
Der Dieselmotor tuckert monoton, eine Pumpe spritzt Bilgewasser zurück in den Kanal. Träge kämpft sich der Frachter seinem Ziel entgegen. Auf der Bugseite ist in großen Buchstaben "Renate" gepinselt. Warum heißen Binnenschiffe immer nur "Renate", "Fortuna" oder "Irene"? Lächerliche Namen für solche Kraftpakete aus Stahl!
Zwei Männer lehnen an der Reling, die Unterarme auf das Holzgeländer gestützt. Beide tragen dunkelgrüne Overalls und Wollmützen. Sie reden nicht, starren nur müde in das Wasser. Ab und zu leuchtet ein Zigarettenglühwürmchen auf. Träge fährt die "Renate" an mir vorbei und verschwindet im Nebel. Eine Weile kann ich noch die Positionslichter sehen, der Dieselhauch verflüchtigt sich. Dann bin ich wieder allein mit meinen Gedanken.
Hartgestampfter Kies knirscht unter meinen Schuhen, mein Atem kondensiert zu Federwölkchen, zur Brücke ist es nicht mehr weit. Noch zwei Kilometer, dann werde ich umkehren. Ich bin zufrieden mit mir. Etwas mehr als 50 Minuten habe ich für die ersten fünf Kilometer gebraucht. Der beißende Schmerz, der während der letzten Wochen mein ständiger Begleiter war, ist ausgeblieben. Vielleicht kann ich in ein paar Tagen bereits mit dem Training beginnen. Und wenn wirklich alles gut geht, könnte ich diesen verdammten Königsforst-Marathon sogar in 3:30 laufen.
Doch bis dahin fließt noch viel Wasser westwärts nach Wesel.



