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Dünen - wenn sie wandern, wird alles zur Wüste

Die Sahara ist mit fast 8,7 Milliarden Quadratkilometern die größte Wüste der Erde. Sie erstreckt sich quer durch Nordafrika vom Atlantischen Ozean zum Roten Meer und breitet sich in der sogenannten Sahelzone noch stetig aus. Die Sandmassen, zu Dünen, Plateaus und Becken geformt, verändern langsam aber unaufhörlich ihre Lage, da der Wind sie ungehindert aufnehmen und transportieren kann. Mit verschiedenen Mitteln und Methoden wurde bislang versucht, diesen Vorgängen Einhalt zu gebieten. Der Erfolg ist eher spärlich. Jahr für Jahr werden weitere fruchtbare Flächen vernichtet. Nur in den Oasen, in denen das Grundwasser an die Oberfläche tritt, finden sich Lebensräume für Menschen und Tiere.

Afrika - das ist weit weg, meinen Sie. Aber: Auch im Land Brandenburg sehen sich Ortschaften von wandernden Sandmassen bedroht. Unmöglich, sagen Sie vielleicht, weil Wanderdünen nur entstehen, wenn über großen Trockengebieten der Wind die Sandkörner weitertragen kann - und so etwas gibt es in unserem wald- und seenreichen Land doch nicht! Doch weit gefehlt! In Jüterbog, einer kleinen Stadt im Land Brandenburg, wurde die Landschaft um die Stadt herum seit dem Zweiten Weltkrieg durch russische Armisten und deren Angehörige genutzt und belastet. Neben Wohnanlagen entstanden Kasernen, Schieß- und Truppenübungsplätze. 1990 zogen sie samt ihrer Technik wieder in ihre Heimat zurück. Was blieb, waren außer ruinenartigen Gebäuden riesige Flächen, die kahl und verödet waren. Auf ihnen wurde der Krieg geübt, auf die Vegetation jedoch keine Rücksicht genommen. Als Folge entstanden weite Sandflächen, baum- und strauchlos: ideale Voraussetzungen für die Entstehung der heute größten Wanderdüne Deutschlands. Sie überwälzt fruchtbaren Boden, Sträucher, Bäume und Straßen. Es entsteht Wüste. Vor nichts macht sie halt. Kein Foto kann den Eindruck vor Ort wiedergeben, den man selbst bei einer Besichtigung bekommt. Bisher hielt sich der angerichtete Schaden noch in Grenzen. Doch die Düne wandert unaufhörlich weiter. Noch hat sich niemand ernsthaft Gedanken darüber gemacht, was geschieht, wenn sie auf bewohntes oder bebautes Gebiet trifft. Der Truppenübungsplatz ist schließlich nicht unendlich groß.

Unsere nördlichen Nachbarn, die Dänen, können ein anderes Lied davon singen. An der nördlichsten Stelle des Landes, wo Ostsee und Nordsee zusammenfließen, kann der Wind seine ganze Kraft voll entfalten. Stetig türmt er Sandkorn um Sandkorn aus dem Strand und den Böschungen auf. Mit verheerenden Folgen. Die größte Wanderdüne Europas - sie heißt Rebjerg Müle - erobert seit Jahrzehnten das dänische Festland. Ein vor nicht einmal hundert Jahren auf einem Hügel errichteter Leuchtturm ist bereits Opfer der Sandmassen geworden. Früher wies er Schiffen den Weg, heute überragt er kaum noch den Kamm der Düne. Die Anlage taugt nicht einmal mehr zur Nutzung als Museum.

Im ehemaligen Ostpreußen (heute Litauen) haben die Bewohner vor zweihundert bis dreihundert Jahren nahezu den gesamten Waldbestand abgeholzt, ohne ihn wieder aufzuforsten. Die Gegend verödete, wurde erst zur Steppe, dann zur Wüste. Der Wind hatte nun leichtes Spiel und türmte Sandmassen auf. In der (Kurischen Nehrung) bei Nibben liegt die "Große Düne". Diese Region an der Ostseeküste gilt als beliebter Kurort wegen des sauberen Meerwassers. Bezeichnenderweise nennt man sie heutzutage die "Europäische Sahara". Die Düne ist sechzig Meter hoch und wandert jährlich um zwanzig Meter. Sie hat schon so manches Dorf unter sich begraben. Jetzt wollen die Menschen versuchen, die früheren Fehler wieder auszugleichen.

Aber es scheint, als stünde der Mensch den Sandmassen hilflos gegenüber, in der Sahara, Dänemark und im Bundesland Brandenburg. Muß man sich geschlagen geben? Bestimmen Sand und Wind in Zukunft unsere Siedlungspläne? Meistens ist der Mensch selbst schuld an diesem Desaster. Aber: kann er diesen Schaden auch wieder gutmachen?

Um eine Wanderdüne wirkungsvoll aufhalten zu können, muß man ihre Gesetze verstehen. Der Wind transportiert die Sandkörner auf der ihm zugewandten Seite der Düne stetig nach oben. Dort ist der Boden fest geschichtet, so daß man ihn begehen, teilweise sogar befahren kann.

Auf der vom Wind abgewandten Seite der Düne dagegen rutschen die Körner herab, teilweise lawinenartig. Kleine Sanddünen werden dabei schneller bewegt und überholen die großen, da sie leichter sind. So verlagert sich der Sand von der Vorder- auf die Rückseite - die Düne wandert. Je flacher eine Düne ist, desto schneller bewegt sie sich voran, weil die Sandkörner nicht so hoch über den Dünenkamm transportiert werden müssen. Die für eine Wanderdüne typische Sichelform entsteht dadurch, daß der Wind die Sandmassen an den flachen Rändern schneller forttragen kann als von der höheren Mitte. Somit wächst die Düne mit den Sichelenden voraus.

Die "Große Düne" bei Nibben sollte durch Bewachsen gebändigt werden. Zuerst versuchte man durch Ast- und Reisigsperren, in denen sich Sand verfangen sollte, die Wandergeschwindigkeit zu verringern. Dies gelang, erste Gräser siedelten sich an. Jetzt konnte mit der Baumpflanzung begonnen werden. Wichtig war, eine Art zu wählen, die anspruchslosen Boden bevorzugt und durch ihre starken Windungen in Ästen und auch im Erdreich dem Wind paroli bieten konnte. Man entschied sich für eine Bepflanzung mit Bergkiefern. Die Düne kam zum Stehen.

Doch bald tauchten neue Probleme auf. Zu spät erkannte man die negativen Seiten der Bepflanzung mit nur einer einzigen Art. Für Monokulturen typische Schädigungen ließen die Pflanzen erkranken, ein Teil starb ab. Im April 1995 geschah dann die Katastrophe: ein Brand vernichtete binnen weniger Stunden sechzig Hektar Wald, die Arbeit von Jahrzehnten war zerstört. Die eng verschlungenen Äste gaben dem Feuer immer wieder neue Nahrung. Was zunächst als Vorteil erschien, stellte sich nun als großer Fehler heraus.

Heute versucht man sich im Anbau von Mischwäldern auf Wanderdünen. Unterschiedliche Holzsorten bieten dem Feuer einen gewissen Widerstand, aber ihre Verästelung ist weniger ausgeprägt als bei der Bergkiefer.

Ob diese Variante zu gegebener Zeit auch die Düne in Brandenburg zum Stehen bringt, wird sich erst in den nächsten Jahren herausstellen. Unbegrenzt Zeit haben die Bewohner um Jüterbog nicht mehr: Die Sandmassen wandern immerhin (10)* cm im Jahr!

 

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