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Intensivstation: Kevin, stabil, 856 Gramm

Gerade hatte er noch geschlafen, ganz ruhig hatte er dagelegen, nur der kleine Brustkorb hob und senkte sich regelmäßig. Plötzlich zucken seine Mundwinkel wie zu einem Lächeln, Arme und Beine rudern unkoordiniert, dann greift er mit den winzigen Händchen um den Beatmungsschlauch, der aus seiner Nase führt, wie selbstverständlich umschließt er ihn mit seinen fünf Fingern, als wäre er ein Körperteil von ihm.

Äußerlich ist er schon ein fertiger Mensch, die Händchen greifen fest zu, an den Füßchen sind winzige Zehen und sogar Zehennägel, aber die Ohren sind noch kaum geformt, die Ausreifung des äußeren Ohres findet erst sehr spät statt bei der menschlichen Entwicklung, dennoch kann er schon hören, sagen die Ärzte, und die Augen öffnet er auch manchmal.
Nackt und hilflos liegt er im Brutkasten, wie ein Küken, zu früh aus dem Nest gefallen, mit einer Haut, die zart, ganz dünn, rosig und etwas schrumpelig ist. 15 Gramm hat er an Gewicht zugenommen, berichten die Ärzte freudig den Eltern, heute wiegt er 856 Gramm. Er ist deutlich kleiner und leichter als eine Milchtüte, der Rumpf könnte sich gut in die Hand der Schwester schmiegen, die ihn versorgt, aber er wird nur ein paarmal am Tag gedreht und umgelagert, ganz sanft und behutsam, denn der kleine Organismus braucht viel Ruhe um zu wachsen.

Überleben kann er nur mit den zahlreichen Schläuchen, die in seinen Körper führen, zur Beatmung, Ernährung und Flüssigkeitszufuhr, zur Urinableitung und zur Überwachung der Herzschläge und der Sauerstoffzufuhr.
Leben, gelebt haben, Frühgeburt, Totgeburt, diese Begriffe müssen ständig neu definiert werden, und Kevin ist an die Grenzen gestoßen, direkt nach seiner Geburt, die unerklärlicherweise so plötzlich, so früh einsetzte. In einem anderen Land, oder vielleicht auch hier vor einigen Jahren, zu einem anderen Zeitpunkt, er wäre "im Eimer" gelandet, als Totgeburt registriert. Und als die Wehen bei der Mutter plötzlich und unaufhaltsam einsetzten, dachte sie - also jetzt doch ein Abgang. Die Urlaubsbräune von den Flitterwochen vor sechs Wochen war gerade verblaßt, im 4. Monat hatten sie noch rasch geheiratet, und jetzt also doch kein Kind.

Aber das kleine Ding lebte, das Herz schlug, und er kämpfte, bewegte Arme und Beine; gute Herzfrequenz, Tonus vorhanden, APGAR 5, sagte der rasch herbeigerufene Kinderarzt, warum haben Sie mich nicht schon vor der Geburt alarmiert, fragte er aufgebracht, die Ausgangsbedingungen wären besser gewesen. Aber wer hatte das wissen können, daß Kevin leben wollte?

Die Mutter war völlig unvorbereitet, und auf einen Namen hatten sie sich bislang auch noch nicht geeinigt, und da kämpfte das winzige Wesen, so fragil und doch irgendwie stark, war einfach plötzlich da.
Und er hatte Glück, er hatte eine Chance: Zustand stabil, Beatmung reduzieren, Nahrung weiter aufbauen, berichten sich die Ärzte bei der Übergabe. Er wird von Geräten mit modernster Technik überwacht, überall blinkt und piepst es, werden Kurven und Zahlen aufgezeichnet und registriert, nur die besten Intensivschwestern versorgen ihn, zahlreiche Ärzte sind wechselweise zuständig, 1150 Mark am Tag kostet die Intensivmedizin. Vielleicht kostet sein Überleben auch die Beziehung der Eltern. Hätte er nicht geatmet und gekämpft nach seiner Geburt, wäre er ohne Herzschlag geboren, als Abgang oder Totgeburt registriert, seine Eltern wären traurig gewesen, aber sie hätten den Schmerz gemeinsam verarbeitet. Ein paar Monate, vielleicht eine neue Schwangerschaft, dann die Normalität ... Jetzt können die Eltern kaum miteinander reden, der Vater, abends von der Arbeit kommend, steht müde und hilflos am Brutkasten. Die Mutter weicht kaum einen Moment von ihrem Kind, berührt den Arm, streichelt den Bauch, fühlt einen geradezu physischen Schmerz, wenn die Schwester ihrem Kind in die Ferse stechen muß, um einen Blutstropfen zur Untersuchung zu entnehmen, nachts beim Schlafen schwitzt sie viel.

Er wird wohl überleben. Aber bis zum errechneten Termin, dem normalen Zeitpunkt seiner Geburt, sind es jetzt noch 13 Wochen. Augen und Lunge, das Atemzentrum, der ganze Verdauungsapparat sind noch nicht ausgebildet. Die Widerstandskräfte sind schwach. Ein kleiner Windhauch kann ihn umpusten, sagt der Professor, ein paar Bakterien, über einen Luftzug in den Brutkasten gelangt, können eine schwere Infektion mit Schock auslösen. Aber bislang - gottlob - ist er stabil, keine Komplikationen.

Und später? Was ist der Preis für sein Überleben? Wie wird er sein, wenn er groß ist? fragen manchmal die Augen der Eltern. Bis jetzt haben sie nicht gewagt, diese Fragen auszusprechen. Die Ärzte wissen es nicht genau. Die Frühgeborenen, die jetzt das Schulalter erreicht haben, haben meist Schwierigkeiten. Sind motorisch ungeschickt oder gar behindert, schaffen die Schule nur mit Mühe. Aber ihre kritische Zeit ist schon 6 Jahre her. Seither hat sich viel verändert in der Intensivmedizin, in der Forschung und der Behandlung. Die Möglichkeiten sind heute viel besser, Beatmung, Überwachung und Medikamente wurden wesentlich weiterentwickelt. Doch auch für die heutigen modernsten Verhältnisse hat Kevin sich ganz dicht an der Grenze des Lebens und des überlebensfähigen bewegt. Er hat es wahrscheinlich geschafft. Über seine weitere Entwicklung, seine Zukunft, kann man nur spekulieren.

So genau will man es vielleicht gar nicht wissen, was würde es ändern? Jetzt ist er da, das Herz schlägt, die Finger umschließen den Beatmungsschlauch oder den Finger der Mutter, er hat einen Namen bekommen. Und er wird sehr geliebt, von der Mutter, auch vom Vater, von den Schwestern, die ihn rund um die Uhr versorgen. Er hat schon viel erlebt und erfahren in seinem kurzen Leben, hat Schmerzen gehabt, mußte Stärke und Überlebenswillen zeigen. Das macht ihn zu etwas ganz besonderem, und so wie er ist, egal wie er später sein wird, er ist etwas Einmaliges.

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