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Die Grenzer
Plötzlich hatte die Welt wieder vier Himmelsrichtungen. Die DDR-Grenze bildete um das Dorf Frankenheim in Thüringen eine Schleife und die Bewohner konnten es nur nach Nordosten verlassen. Es gab ein Aufwallen großer Gefühle, Aufregung, Tumult, fast alle waren dabei, als im November 1989 die Straßen zu den Nachbardörfern Leubach, Hilders und Seiferts geöffnet wurden. Heinrich Lüders war nicht dabei.
"Die Grenze ist auf!" hatte Anna Lüders dem Schwiegervater ins Ohr geschrien, "hörst du, Heinrich, die Grenze ist auf."
Aber der kleine alte Mann hatte sie ungerührt angeschaut und war dann kopfschüttelnd hinausgegangen zu seinen Gänsen und Hühnern und den Kaninchen. Tag für Tag betreute er seine Tiere, sprach mit ihnen und war zufrieden. Das Leben der letzten Jahre war einfach, gleichförmig und still gewesen. Die ganze Unruhe, die nun aufkam, störte ihn. Es wurde viel und laut geredet, Anna kochte unpünktlich, sie kauften ein Auto, schleppten Sachen an und machten sich am Haus zu schaffen und nichts war mehr wie vorher. Er verstand nicht, was sie mit neuen Zeiten meinten, aber er stellte auch keine Fragen. Da er immer schon wortkarg und in sich gekehrt war, wußte seine Familie jetzt nicht recht, ob er wirklich nicht verstand, was man ihm zu erklären versuchte, oder ob er nur störrisch und mißtrauisch war.
"Komm", sagte sein Sohn eines Tages, "fahr mit Stefan und mir nach Hilders, wir wollen das Dach neu decken."
"Nach Hilders kommt man nicht."
"Aber Vater, das ist jetzt vorbei, es ist für alle Zeit vorbei. Komm mit, überzeug dich, es wird dir gefallen."
"So etwas geht nicht vorbei -." Er machte eine Pause und schaute dabei aus dem Küchenfenster hinüber zum Wachturm und auf die vertraute grauschwarze Linie, hinter der unerreichbar die Hochrhön lag. "Denkst du nicht an Otto - und an den toten Fremden, den sie vor dem Dreiländereck erwischt haben?" fügte er leise mit bitterem Ton hinzu.
"Ach fang doch nicht immer wieder davon an. Das ist Vergangenheit. Was wußten wir denn schon über den Fremden. Hier hat ihn niemand gekannt. Und daß sie Otto ins Bein ge-schossen haben, das war vor fünfundzwanzig Jahren."
"Ist ein Krüppel geworden, hatte nichts verbrochen."
"Er ist auf dem Zehn-Meter-Streifen rumgelaufen. Jeder wußte, was das bedeutet, Otto auch. Da haben sie eben ge-schossen, das wußte doch wirklich jeder. War so ein weggelaufenes Kaninchen das wert? Dein Otto war ein unbelehrbarer Dickschädel, hat es immer herausgefordert, hat sich in nichts eingefügt."
Der Alte machte brummend eine wegwerfende Handbewe-gung und stopfte sich dann bedächtig seine Pfeife. Daß auf einmal so guter Tabak da war, mehr dachte er nicht. Sohn und Enkel sahen sich achselzuckend an und fuhren ohne ihn.
"Stur, so alte Leute, einfach stur", sagte Stefan unterwegs, "sollte eigentlich froh sein, hat doch immer erzählt, wo er früher alles war, von der Wasserkuppe, von den Wanderungen über die Hohe Rhön und wie interessant das Moor gewesen ist. Das kann er doch jetzt alles wiedersehen."
"Das muß man verstehen, Junge. Er ist 82 Jahre alt. Seit dem Krieg hat er hier im Grenzgebiet als Bauer gearbeitet, mit Sonderstempel im Ausweis und ständiger Polizeibewachung, das weißt du ja auch. Ganz früher war das noch nicht so streng, als die Russen noch an der Grenze patrouilliert haben. Die gingen sieben bis acht Kilometer eine Strecke, da blieb genug Zeit, um rüber zu laufen. Dein Großvater ist mit seinem Freund Otto oft nachts nach Hilders, hat Sachen für uns besorgt, Lebertran, Schuhe und alles mögliche. Als 1951 die Deutschen die Grenzbewachung übernommen haben, war es vorbei mit dem Schmuggel. Die gingen kürzere Strecken und waren richtig scharf, das wäre dann Republikflucht gewesen."
"Aber einen Zaun gab es doch da noch nicht."
"Nein, die Grenzlinie wurde gepflügt, zehn Meter breit. Dein Opa war einer der wenigen, die einen Traktor besaßen, er mußte das hier jahrelang machen, auch als er dann in der LPG war. Und immer das Gewehr im Rücken. Das brennt sich ein, das wird so selbstverständlich wie der Himmel blau ist und das Gras grün."
In der nächsten Zeit veränderten sich die Menschen und das Dorf innerlich und äußerlich, aber am alten Lüders perlte alles ab, das Leben floß um ihn herum.
Fast ein Jahr war vergangen, als eines Morgens ein LKW und eine Planierraupe am Haus vorbeifuhren. Zum ersten mal wurde er aufmerksam. Er ging ein Stück hinterher, nicht so weit, in sicherer Entfernung blieb er stehen. Diese Seitenstraße des Dorfes endete blind vor einem mächtigen Eisen-tor. Mehrere Männer öffneten es, lehnten seine schweren Flügel zurück und begannen mit der mühseligen Arbeit, den Zaun abzubauen. Gegen Abend, als sie weg waren, ging der Alte zögernd auf das offene Tor zu. Zehn Meter davor blieb er stehen und sah sich nach allen Seiten um, ging einige kurze Schritte weiter, blieb erneut stehen und spähte über den verbotenen Landstreifen hinauf zur Höhe und runter Richtung Leubach. Er strich mit der Hand über seinen borstigen Schnurrbart, unschlüssig, zweifelnd, machte noch zwei Schritte, sah gedankenverloren über die ungemähten Wiesen auf der anderen Seite mit den zerzausten Vogelbeerbäumen zwischen aufgehäuften Basaltbrocken, nur ein Meter trennte ihn von der magischen Linie. Er wartete. Es pfiff ein frischer Wind, Wolken trieben hastig wie eine Schar grauer Wölfe über ihn hinweg, einfach so rüber. Plötzlich, mit einer abrupten Bewegung, drehte er sich um. Der Weg zum Dorf war menschenleer. Es war wohl besser, zurück zu gehen, doch auf halber Strecke besann er sich und kehrte noch mal um. Wieder suchte er die Umgebung mit den Augen ab, wieder näherte er sich vorsichtig dem Tor, wieder blieb er wie gebannt davor stehen. Und dann, langsam, mit gesenktem Kopf und gebeugtem Rücken, nur ein Schatten, schlich er zurück zu seinem Haus.
"Sowas hört nicht einfach auf", murmelte er immer wieder. Er schlief nächtelang unruhig. In den nächsten Tagen wieder-holte er den Versuch, sah die Aufräumarbeiten vorangehen und kehrte trotzdem jedesmal um. Anna beobachtete ihn. Sie allein spürte, wie er sich quälte, und daß es vielleicht zu spät für ihn war. Einmal, als er wieder wortlos zurückgekommen war, setzte sie sich zu ihm.
"Sieh mal Heinrich, den Weg rüber zur Sennhütte und zum Schwarzen Moor, den kannst du jetzt wieder gehen. Du hast dich so oft danach gesehnt und du bist noch gut zu Fuß. Wenn du willst, geht auch mal einer von uns mit."
"Nein laß nur. - Irgendwo werden sie dann stehen."
"Niemand steht mehr irgendwo und du brauchst auch niemandem mehr deinen Ausweis zu zeigen."
Ganz langsam wichen Furcht und Vorsicht dann doch einem hoffnungsvollen Vertrauen. Dünnhäutig war es noch, aber es reichte zu einem Entschluß. Eines Tages, niemand war zu Hause, machte sich Heinrich Lüders nach seiner Mittagsruhe auf den Weg. Eigentlich war das Wetter nicht geeignet für einen längeren Spaziergang. Die Sicht war schlecht, die Wolken hingen tief und der Oktoberwind fegte über die Hänge. Doch es war ihm heute in den Sinn gekommen und nun wollte er gehen. Er zog seine verschlissene Jacke an und folgte seiner alten Erinnerung. Es machte ihm nichts aus, daß der Weg beschwerlicher war als damals. Mit jedem Schritt drang es heller in sein Bewußtsein, daß er sich frei bewegen konnte, daß er niemandem begegnete, der ihn fragte, wohin er ging und warum. Ein zufriedenes warmes Gefühl durchströmte ihn.
Auf der Höhe angekommen wußte er, daß er nicht weit von der Sennhütte entfernt war, aber er bog nach Südwesten ab Richtung Moor. Jetzt entsprach die Landschaft immer weniger dem Bild in seinem Kopf. Da gab es jungen Wald und neue unbekannte Wege. Irgendwo überquerte er eine Straße und nun wußte er nicht mehr so richtig weiter.
Am sichersten wäre es gewesen, einfach daran entlang zu gehen. Statt dessen zwängte er sich durch niederes Gebüsch und hoffte vergeblich auf einen vertrauten Ausblick. Er fand einen Graspfad und stand vor einem hohen Zaun aus Maschendraht. Erschrocken und verwirrt über diese plötzliche Erscheinung lief und stolperte er daran entlang ohne zu überlegen, das Gelände wurde unwegsam, er keuchte vor Anstrengung, fiel über einen im Gras verborgenen Ast und blieb erschöpft liegen. Als er zu frieren begann und aufstehen wollte merkte er, daß sein rechter Fuß heftig schmerzte. Die Dämmerung kam früh bei dem diesigen Wetter und so viel verstand er, daß er sich in Weg und Zeit vertan hatte und daß er von diesem verfluchten Zaun wegkommen mußte.
Inzwischen hatte man ihn zu Hause vermißt. Es war rasch geklärt, daß er nicht im Dorf war und Anna machte sich Vorwürfe. Um keine Zeit zu verlieren baten sie die Polizei, bei der Suche zu helfen. Längst war es dunkel geworden, als ein Polizist mit seinem Hund den alten Mann fand, an einen Baumstumpf gelehnt nahe dem Zaun, der das Naturschutzgebiet Schwarzes Moor begrenzt. Heinrich Lüders hörte zuerst den Hund, dann beugte sich eine Uniform zu ihm herab. Er wußte, daß es eine Uniform war, auch wenn er kaum etwas erkennen konnte. Augenblicklich erschütterte ihn panische Angst und verhinderte jeden klaren Gedanken. Sein Hals war zugeschnürt, für einen Moment drehte sich alles in seinem Kopf und ihm war, als stürze er rückwärts in einen Abgrund.
"Hallo, Herr Lüders, das sind Sie doch? Sind Sie Heinrich Lüders? Sind Sie verletzt?" Eine kräftige Hand packte seine rechte Schulter und im Licht der Taschenlampe bestätigte sich die schlimme Befürchtung, es war einer von der Polizei. Er war außerstande, auch nur den geringsten Laut von sich zu geben. Mit zitternden Fingern kramte er seinen Ausweis hervor und ohne den Blick vom Boden zu nehmen, hielt er ihn in die Höhe.
"Na Gott sei Dank, daß wir Sie gefunden haben. Können Sie gehen? Können Sie mit mir bis zum Auto kommen?"
Heinrich wußte nicht, wie gut er gehen konnte. Er ging davon aus, daß er gehen mußte. Er ließ sich hoch helfen, ließ sich stützen, es ging. Es hatte ja keinen Sinn, sich zu widersetzen. Der freundlich besorgte Tonfall des Polizisten drang dabei nicht durch den Filter seiner Furcht.
Sie fuhren zum nächsten Krankenhaus. In der Ambulanz wurde er untersucht, der Fuß war nur verstaucht, es war nicht weiter schlimm. Man benachrichtigte die Angehörigen, damit sie ihn abholten. Von alledem nahm er nichts wahr. Er sah und hörte, ohne irgend etwas zu verstehen, wie im Fieber, wenn alles weit weg ist, wenn man eingeschlossen ist in einer dicken grauen Masse, die alles verschluckt. Zusammen-gesunken saß er auf einem Stuhl und wartete.
Als sein Sohn und Anna zur Tür hereinkamen, flackerte ein kurzes Erkennen in seinen müden Augen auf.
"Ihr habt gelogen", sagte er mit aller Enttäuschung, die eine Stimme ausdrücken kann. Er begriff auch später nicht, wie er nach Hause gekommen war. Seine Seele und sein Geist hatten sich ausweglos verirrt, er fand den Weg in die Gegenwart nicht mehr. Er sprach nie wieder ein Wort. Den ganzen Tag saß er am Küchenfenster und schaute auf den Wachturm, von dem er nicht wußte, daß es nun ein Geschichtsdenkmal war, und auf die vertraute grauschwarze Linie, die es nur noch in ihm gab und hinter der unerreichbar die Hochrhön lag.
In diesem Winter starb er, am 2. Februar, zu Lichtmeß.



