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Die Hintermänner

Als Christian die Augen öffnete, schien die Sonne schon so hell ins Zimmer, daß er blinzeln mußte. Auf dem Fensterbrett saß Omas Kater und leckte sich bedächtig sein samtschwarzes Fell. Die Zimmertür war einen Spalt weit geöffnet, und in der Küche nebenan hörte er seine Großmutter leise mit Frühstücksgeschirr und Bestecken hantieren. Es duftete nach süßem Kakao und frischem Toast. Christian atmete den köstlichen Geruch tief ein, er bekam Hunger.
Da durchfuhr ihn wie ein Blitz der Gedanke: Morgen ist Montag! Er zog sich das Überschlagslaken mitsamt der Wolldecke bis zur Nase hoch und kniff die Augen zu. "Lieber Gott", betete er, "mach, daß ich krank werde - mach, daß ich nie wieder aufstehn muß!"
Die Großmutter öffnete die Tür etwas weiter und streckte den Kopf herein. "Hallo Krischa, komm frühstücken!"
Sie sah, daß seine Augenlider flatterten, aber sonst rührte sich nichts. Von seiner Mutter wußte sie, daß er seit einigen Tagen völlig verändert war. Eine schwere Last schien den lebhaften, vergnügten Siebenjährigen zu bedrücken. Es war nicht außergewöhnlich, daß er das Wochenende bei der Großmutter verbringen wollte, aber als er am Abend seinen kleinen Rucksack mit Zahnbürste und frischer Unterwäsche auf das für ihn hergerichtete Gästebett warf, hatte das etwas Endgültiges gehabt, so, als ginge ein Schiff nach gefährlicher Überfahrt endlich im Hafen vor Anker. Lustlos und wortkarg hatte er mit der Großmutter Abendbrot gegessen und war anschließend ohne den üblichen Protest in sein Bett gekrochen. Keine Gute-Nacht-Geschichte, nur schlafen! Sie hatte sich große Sorgen gemacht.
Hedwig setzte sich zu ihrem Enkel aufs Bett und zog sanft die Decke ein Stück nach unten. ,Wie ein müder, alter Mann sieht er aus', dachte sie erschrocken. "Krischa, was ist passiert? Du mußt mit mir reden!"
Die Großmutter konnte sehr energisch sein, das wußte Christian. Deshalb flüsterte er mit geschlossenen Augen: "Geht nicht."
"Geht nicht gibt's bei uns nicht. Du kennst doch noch unser Lied, das von Heinz Erhardt: ,Wenn du denkst, es geht nich', geht nich', geht nich', geh zu Tante Hedwig, Hed...'"
"... zu Omi Hedwig!" unterbrach Christian sie vorwurfsvoll und riß die Augen auf.
"Na, siehst du, es geht ja!" Omi triumphierte. "Weißt du noch, immer wenn wir das gesungen haben, hat sich alles irgendwie wieder eingerenkt."
"Ach - das war doch alles Babykram! Jetzt bin ich zu groß dafür, und überhaupt - ist alles viel zu gräßlich!"
Hedwig gab so schnell nicht auf: "Trotzdem versuchen wir's nochmal: Du sagst mir, was los ist - und dann überlegen wir weiter."
Nach längerem Schweigen klang es dumpf unter der Decke hervor: "Aber Ben hat extra gesagt, ich darf kein einziges Sterbenswörtchen verraten - bei Sandras Leben nicht."
"Das klingt allerdings wirklich gräßlich! Aber was hat deine kleine Schwester damit zu tun, und wer ist Ben? Geht der mit dir zur Schule ... in diese Klasse?"
Der Junge schob die Decke ein bißchen beiseite und wurde lebhafter. "Ben ist doch schon groß, der geht eigentlich in die dritte Klasse! Aber er bleibt noch ein Jahr in der zweiten, damit er die Erstkläßler besser im Auge behalten kann, sagt Ben."
"Ah - so macht er das, das ist mir ja einer!"
Christian wunderte sich, daß seine Großmutter darüber lachen konnte. Er setzte sich im Bett auf. "Ben ist sehr groß, ein bißchen dick und mächtig stark!" berichtete er eifrig.
"Noch größer und stärker als ich?" fragte Hedwig, setzte sich kerzengrade auf und streckte ihren üppigen Busen vor, dabei rollte sie wild mit den Augen, um ihrem Enkel zu imponieren. "Also, was will dieser elende Schwächling Ben von dir?"
"Mein ganzes Taschengeld - jeden Montag fünf Mark!" Jetzt hatte er es doch verraten! Entsetzt rutschte Christian wieder unter die Decke und zog sie sich über den Kopf.
Aber die Großmutter blieb hartnäckig: "Wozu braucht er dein Taschengeld?"
"Er muß sich doch ein Tamagotschi kaufen", kam die Antwort. "Alle in seiner Klasse haben eins, sagt Ben."
"So, alle in seiner Klasse?" Oma schrie durch die Decke hindurch in Christians Ohr. "Die dürfen ja gar keine Tamagotschis mit in die Schule bringen, und wenn doch einer so ein Piepding dabei hat, wird es beschlagnahmt. Hast du so ein Ding?"
"Ha - so einen Kikikram! Was soll ich damit? Ich hab' doch meine Meerschweinchen!" Hedwig hörte den Jungen unter der Decke kichern.
"Aber der große, starke Ben braucht so einen Kikikram? Was macht er, wenn du nein sagst? Jede Woche fünf Mark - mindestens einen, nein, zwei Monate lang! Tamagotschis sind nämlich sehr teuer!" Die Großmutter war entrüstet.
"Wenn ich ihm mein Geld nicht gebe", flüsterte es unter dem Laken, "entführt er Sandra aus dem Kindergarten. Dann wird's wirklich teuer, sagt Ben. Millionen werden dann fällig, sagt Ben." "Sagt Ben!" wiederholte Hedwig grimmig.
"Sagt Ben auch, wie er das machen will - Sandra entführen, um an die Millionen zu kommen?"
"Ben sagt, er läßt Sandra schon lange von seinen finsteren Hintermännern beschatten. Was sind Hintermänner, Omi?" Der Siebenjährige streckte den Kopf hervor, sein kurzes, dunkles Haar war schweißnaß.
"Das sind ja richtige Gangstermethoden! Hast du diesem Ben nicht gesagt, daß Sandra natürlich ein Bodygard hat?"
"Was ist das, Omi? Und was macht Sandra damit?" Das lebhafte Kindergesicht kam wieder zum Vorschein.
"Bodygards sind starke Muskelmänner, Leibwächter, die alle wichtigen Personen bewachen, damit niemand sie überfällt und entführt, um Geld zu erpressen. Alle Kinder im Kindergarten haben ihre Bodygards, die sie hinbringen und wieder abholen."
"Ach - du meinst Väter, Mütter, Omas und sowas!" Christian war enttäuscht, er hatte sich das viel abenteuerlicher vorgestellt.
"Hast du eine Ahnung, wie mächtig diese Bodygards sind! Was glaubst du, wie schnell deine Mutter mit Ben und seinen Hintermännern fertig wird! Sie fegt mit links die Kerle weg, die Sandra was tun wollen. - Und ich erst! Laß die nur kommen, ha!"
Der Junge betrachtete seine kampfeslustige Großmutter aus großen Augen und schöpfte Hoffnung. "Und wenn Vati dann noch kommt!" setzte er noch eins drauf.
"Genau! Aber man muß den Bodygards einen Wink geben, damit sie auf der Hut sind. Hast du Vati und Mutti von Ben erzählt?"
Christian wurde blaß. "Ich darf meinen Eltern nichts verraten, sagt Ben, sonst bin ich eine Petze, dann rottet er die ganze Familie aus. Er hat nämlich eine Laserstrahlkanone zu Hause. Was ist das, Omi?"
Hedwig sah ihren Enkel nachdenklich an: "Ben scheint viel vor dem Fernseher rumzuhängen, was?"
"Klar, der darf alles sehen, weil er groß ist. Auch abends, bis er müde ist! Der hat's gut! - Aber weißt du, was er sagt? Er sagt, es langweilt ihn schon. Der spinnt doch!"
Christian wunderte sich, daß die Großmutter trotz der Gefahr, in der sie alle schwebten, lachen konnte.
"Der spinnt wirklich, Krischa! Der spinnt sich einen Fernsehfilm zusammen, in dem er die Hauptrolle spielt, und glaubt, du merkst nichts. Morgen spielst du einfach mit. Du sagst ihm gleich, wenn er wieder ankommt: Mein Geld brauch' ich selber! Und dann erzählst du ihm, daß du deine Bodygards überall im Hintergrund verteilt hast, natürlich unsichtbar für ihn. Und du sagst, daß du ihn jede Sekunde einfach weg-beamen kannst, das heißt, auf einem Lichtstrahl verschwinden lassen. Daran merkt Ben nämlich, daß du das Spiel schon kennst und sucht sich ein anderes Opfer. Oder ihr spielt zusammen, aber ohne Erpressung und so was. Es gibt so viele Abenteuer, die der noch gar nicht kennt!"
"Und du meinst wirklich, daß er mich dann in Ruhe läßt, Omi?"
"Du wirst schon sehen! Darauf möchte ich schwören, bei Peter Pan, Fufuhr, Nils Holgersson und der Wilden Dreizehn!"
Christian strahlte: hier kannte er sich aus, jetzt hatte er wieder eigenen Boden unter den Füßen. Er wollte seine Großmutter umarmen, die ihm immer die wunderbarsten Geschichten erzählte oder vorlas, aber bis er sich aus seinem Schutzwall aus Decken gewühlt hatte, war sie schon in die Küche entschwunden.
"Na - komm schon, Carlo!" lockte er, und der Kater, der schon lange darauf gewartet hatte, sprang mit einem Riesensatz vom Fensterbrett aufs Bett und schnurrte an seinem Ohr.

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