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Die Amsel sang so süß in Münstereifel

Wo einst das Häuschen stand, in dem ich so glücklich gewesen bin, wächst heute nur noch ein Brennesselbusch, und an der hochgelegenen Mauerecke fehlt die kleine alte Steinfigur des Heiligen Johannes. Sie ist jetzt im Heimatmuseum und soll, wenn genug Spenden zusammengekommen sind, durch eine Nachbildung ersetzt werden.
Ich wollte, ich könnte meinen Johannes auch einfach ersetzen; es tut immer noch weh, daß ich ihn verloren habe.
Dabei hatte ich ihn zuerst nicht einmal besonders gemocht. Als Hauptfigur in einem Roman, den ich als Auftragsarbeit für ein Sonntagsblättchen zu schreiben hatte, war er mir, weil ich die Auflagen der Redaktion erfüllen wollte, so entsetzlich bieder und hausbacken geraten, daß sich auch der frömmste Leser nicht für ihn interessieren würde. Ich mußte mir etwas Spannendes einfallen lassen, aber was? Der Mann war Bankbeamter und hieß Feddersen - auch nicht sonderlich spannend. Den Namen hatte ich mir aus dem Hamburger Telefonbuch herausgesucht. Ein Vorname war mir für ihn noch nicht eingefallen.

Nachdem ich mich bis Seite 79 mit dem Langweiler durchgequält hatte, beschloß ich, einzugreifen. An der Stelle, an der Herr Feddersen pünktlich wie immer um 16 Uhr - es war ein Freitag im Mai - seine Bank verließ, um, wie gewohnt, mit dem Bus um 16.12 Uhr nach Hause zu fahren, warf ich schnell eine Bananenschale vor seine Füße, damit er darauf ausrutschte, sich ein Bein brach, ins Krankenhaus kam, sich dort in eine hübsche Krankenschwester verliebte ...
Oder besser: beim Ausrutschen fiel er auf den Hinterkopf, verlor sein Gedächtnis ...
Aber nichts dergleichen geschah. Feddersen sah die Bananenschale, schob sie mit der Schirmspitze ordentlich in den Rinnstein und verpaßte deswegen nicht einmal seinen Bus.
Ärgerlich griff ich in mein Manuskript, angelte Feddersen heraus und setzte ihn unsanft auf den Stuhl neben meinem Schreibtisch. Etwas überrascht blinzelte er mich an. "Was kann ich für Sie tun?" fragte er höflich.
"Bringen Sie mal ein bißchen Spannung in Ihr Leben, einen Konflikt oder dergleichen", forderte ich.
Er dachte nach. "Ich könnte - ausnahmsweise - mein Schlüsselbund im Büro vergessen haben ..."
"Wie aufregend!" höhnte ich.
"Urteilen Sie nicht voreilig, das kann spannend werden. Sehen Sie, so: Ich kehre um, finde den Wachmann blutüberströmt im Treppenhaus, der Tresorraum ist aufgebrochen, leer gähnen mich die offenen Schließfächer an ..."
"Hören Sie auf, wir sind in keinem Krimi, dies soll ein Liebesroman werden!"
Er hob die Hände und sah mich hilflos an. Ich bemerkte zum ersten Mal, daß er schöne, ausdrucksvolle Augen hatte.
"Was machen Sie eigentlich an den Wochenenden?" blaffte ich ihn an. ,,Wie soll ich das wissen? Sie sind die Autorin, - darf ich mal" Er rückte mit seinem Stuhl zu mir herum, und zusammen blätterten wir das Manuskript durch. Ich spürte seine Wärme neben mir, er war ein Mensch aus Fleisch und Blut, er war ein Mann.
Er legte den Arm um meine Schulter, und nun lasen wir Wange an Wange im Manuskript, aber nicht mehr lange. Gemeinsam gingen wir in die Küche, holten eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank und setzten uns aufs Sofa.
"Wie alt bin ich eigentlich", fragte Feddersen, "oder haben Sie sich darüber noch keine Gedanken gemacht?"
"Sie sind siebenunddreißig; meine Romanhelden sind immer siebenunddreißig. Vorher und nachher sind Männer uninteressant."
"Aber ich werde älter werden", gab er zu bedenken.
"Sie nicht", sagte ich kurz und sah das Erschrecken in seinen Augen. "Lassen Sie mich etwa vorher sterben?"
"I wo, bevor Sie achtunddreißig sind, ist der Roman zu Ende. Sie werden noch siebenunddreißig sein, wenn ich dreiundsiebzig bin. Und wenn dann auch keiner mehr meine Bücher liest, ich werde immer noch meine Freude an Ihnen haben."
Feddersen entspannte sich; aber als ich dachte, nun würde es richtig gemütlich werden - ich hatte zwei Gläser kurz hintereinander getrunken und wollte gerade meinen Kopf zutraulich auf seine Schulter legen -, wurde er unruhig. Er rutschte auf dem Sofa hin und her, sah verstohlen an mir vorbei zur Flurtür, knackte mit den Knöcheln, was ich nicht ausstehen kann, blickte auf die Uhr, und genau um Viertel vor sieben gab er sich einen Ruck und fragte, ob es hier einen Duschraum oder ein Bad gebe, und wenn ja, ob er es benutzen dürfe.
"Wie gedankenlos von mir", rief ich aus, "entschuldigen Sie vielmals, ich hatte ganz vergessen ..."
In meinem Roman hatte ich Feddersen so angelegt, daß er jeden Freitagnachmittag, wenn er aus der Bank kam, nach der Erledigung der notwendigen Hausarbeit unter die Dusche ging, und zwar um Punkt 18.45 Uhr. Jetzt war es schon zehn Minuten vor sieben, und ich hatte ihn aus meinem Manuskript und damit aus seiner Routine gerissen.
"Aber natürlich, kommen Sie", sagte ich, ging voraus ins Bad, machte das Licht an, nahm ein Handtuch aus dem Schrank und wartete.
Feddersen wartete auch, sichtlich nervös; es war inzwischen schon fast sieben Uhr.
"Na los", sagte ich, "vor mir brauchen Sie sich nicht zu genieren, ich bin Ihre Autorin, mir ist nichts fremd an Ihnen."
"Nun, ich weiß nicht recht", murmelte er, band den Schlips ab, zog seine biederen Büroklamotten aus und stellte sich mit dem Rücken zu mir unter die Dusche. Aus meiner Perspektive konnte ich zwar meine Augen mit Wohlgefallen auf seinen wirklich entzückenden Popobacken ruhen lassen, aber obwohl ich mir fast den Hals verrenkte, war mir der Blick auf seine maskulinen Körperteile, denen ich bisher keinen Gedanken und keine Zeile gewidmet hatte, nicht vergönnt.
Feddersen, der meine Anteilnahme sehr wohl bemerkt hatte, stieg aus der Wanne und begann sich abzutrocknen.
"Ich will Ihnen ja nicht in Ihr Werk hineinreden", begann er mit mildem Tadel, "aber finden Sie nicht auch, daß Sie in Ihrem Roman einen wesentlichen Teil meiner Persönlichkeit völlig ausgespart haben? War das ein Versehen, oder müssen Sie auf eine bestimmte Zielgruppe Rücksicht nehmen?"
"Sie haben es erraten", sagte ich, "ich bin sonst überhaupt nicht prüde, aber dies soll ein Fortsetzungsroman für den ,Medardusboten' werden." "Ich dachte, Sie hätten gesagt, Sie schreiben einen Liebesroman, oder habe ich Sie falsch verstanden?"
"Nein, nein, das haben Sie ganz richtig verstanden, aber keusch muß er sein. Der ,Bote' ist ein Blatt für die ganze Familie mit vorwiegend erbaulichen Texten."
"Ja, dann allerdings", sagte Feddersen ein wenig beklommen und trocknete sich weiter ab. Während des Sprechens hatte er sich mir zugewandt und blickte mit - wie mir schien - verschämtem Stolz auf die feuchten Löckchen nieder, die sich in seinem Schoß um ein Organ kringelten, das ein gewisses Eigenleben zu zeigen begann.
"Sehen Sie", sagte er, "jetzt haben wir die Bescherung!"
"Eine schöne Bescherung", pflichtete ich ihm bei, als ich sah, wie die Angelegenheit sich entwickelte, "nun halten Sie doch nicht immer das Handtuch davor!"
"Ich weiß ja nicht, ob Sie so etwas schon einmal gesehen haben", sagte er listig, wand das blöde Handtuch endgültig um seine Lenden und knotete es fest.
Ich ärgerte mich, während die angenehme Schwäche, die sich in meiner gesamten BeI-Etage auszubreiten begann, von einer spürbaren Enttäuschung abgelöst wurde. Was bildete sich der Typ eigentlich ein? Hatte er nicht selbst bemängelt, daß ich diesen Teil seiner Persönlichkeit bisher vernachlässigt habe?
Ich rettete mich in Blasiertheit. ,Alle Männer haben dergleichen', dachte ich, und erinnerte mich an den Ausspruch einer für ihre Mitteilungsfreude bekannten Psychoanalytikerin, die anläßlich einer der vielen Talkshows, zu denen sie sich gerne einladen ließ, die Frage aufgeworfen hatte, was denn an einem Penis so schön sei, schließIich habe man im Laufe des Lebens von den Dingern schon mehrere gesehen.
Trotzdem blieb ich unzufrieden. Ich weiß natürlich nicht, was und wen die Dame zu sehen gekriegt hat, meinen Feddersen wenigstens nicht, die Arme.
"Also, mein Freund, Sie können hier nicht einfach machen, was Sie wollen", sagte ich mißbilligend, "Sie haben selbst anerkannt, daß ich die Autorin bin!"
"Ja, im Roman", grinste er, "dann stecken Sie mich mal wieder in Ihr Manuskript zurück."
"Nicht doch", lenkte ich ein, "bleiben Sie, wo Sie sind und vor allem, wie Sie sind! Ich finde Sie im Leben viel interessanter als in meinem Roman." Wahrend ich tief in seine schönen Augen sah, entwand ich ihm sanft das Handtuch.

Mitten in der Nacht wachte ich mit Herzklopfen auf. Ich hatte schlecht geträumt, irgend etwas Beängstigendes im Zusammenhang mit Feddersens Bank. In der Dunkelheit ertastete ich auf dem Kopfkissen neben mir die weichen, warmen Ringelhaare an der Schläfe meines Geliebten, hörte seinen leisen, regelmäßigen Atem und war beruhigt. Er schnarchte nicht; auch das hatte ich als Autorin nicht besser erfinden können.

Als wir beim Frühstück saßen, wand sich Ramona von draußen durch die Katzenklappe. Sie machte große Augen, als sie Feddersen im seidenen Morgenmantel meines Letztverflossenen am Tisch sitzen und sein Brötchen mit Honig beträufeln sah. Ihr Erstaunen äußerte sich nur kurz, dann gab sie sich uninteressiert, trödelte eine Weile in der Nähe der Tür herum, schlug mit der Pfote nach einem Brummer, reinigte ihre Zehen, hieb die polierten, weißglänzenden Krallen in den Teppichboden und streckte sich schließlich ellenlang mit erhobenem Hinterteil aus. Dabei schielte sie unentwegt in Feddersens Richtung, der seinerseits tat, als wäre nichts.
"Ramona", schmeichelte ich, "sieh mal, wir haben Besuch."
Das Gesicht der Katze nahm jenen unnachahmlichen Ausdruck zwischen Herablassung und Ironie an, der besagte: "Das sehe ich selber, ich bin ja nicht bescheuert!"

Mit Ramona, die sich vor drei Jahren spontan bei mir eingefunden hatte (niemals würde ich sagen, sie sei mir zugelaufen), und, sieht man von längeren Phasen der Aushäusigkeit ab, geblieben war, gestaltete sich das Zusammenleben nicht immer einfach. Sie war eine Katze mittleren Alters mit dem verhängnisvollen Blick einer Frau, die noch etwas vom Leben erwartet: jedes Jahr zwanzig Liebhaber, zwei bis drei Würfe Katzenbabies, ein paar Wochen Mutterglück, danach aufs Neue eine himmelschreiende Promiskuität, und im Winterhalbjahr den besten Sofaplatz in einem geordneten Haushalt mit Zentralheizung, Vollpension und menschlicher Wärme. Aber das Leben gab das nicht immer her. Sofa, Heizung, Vollpension und Wärme waren ihr bei mir zwar sicher; aber sonst! Die Kater Charly, Snoopy und Tommy aus der Nachbarschaft waren, jeder auf seine Art, bildschön; bloß in den Tierheimen, aus denen ihre Besitzer sie erlöst hatten, waren sie vorsorglich entwurmt, geimpft und - nun ja - auch kastriert worden.
Wenn Ramona frustriert war, hatte sie Macken. Sie mochte keine Dackel, keine Gewitter und keine kleinen Kinder; außerdem war sie eifersüchtig. Hoffentlich stellte sie sich nicht zickig an wegen Feddersen. Er war zwar kein kleines Kind, aber er war mein Geschöpf, und eine große Portion meiner menschlichen Wärme würde sie in Zukunft mit ihm teilen müssen. Er streichelte gerade meine Hand, die auf dem Tisch neben der Schüssel mit Rhabarber lag, und es ging mir auf einmal heiß durchs Blut, daß ich ihn behalten wollte, egal, was die Redaktion von mir erwartete. Keiner hübschen Krankenschwester würde ich ihn in den Rachen werfen, keinen Gedächtnisverlust sollte er erleiden nach der letzten Nacht, nie wieder würde ich ein Attentat auf ihn mit einer Bananenschale versuchen! Ich nahm seine streichelnde Hand, legte meine Wange hinein und seufzte. ,Ach, Feddersen', dachte ich, ,wie habe ich dich verkannt! Nicht einmal mit Genitalien habe ich dich in meiner Geschichte ausgestattet. Dabei hätte ich doch wissen müssen, daß in der zeitgenössischen Literatur ohne Geschlechtsorgane und die präzise Beschreibung ihres Funktionierens nicht auszukommen ist. Ich habe die Kunst verraten, einzig und allein um des Geldes willen!'

Ramona näherte sich dem fremden Mann, zitterte mit der aufgestellten Schwanzspitze, strich um seine nackten Beine, streckte sich schließlich zu seinen Füßen aus und schnurrte genüßlich. Der Punkt war also geklärt; Männer waren ihr niemals gleichgültig, den einen liebte sie heiß und den anderen konnte sie nicht ausstehen, und dabei blieb sie.
Feddersen blickte auf die Katze hinunter und erkundigte sich bei mir: "Was hast du für diesen Fall vorgesehen, bin ich ein Tierfreund oder ein Katzenhasser?"
"Du kannst sie auf den Schoß nehmen", sagte ich, "aber gib ihr nichts vom Frühstück ab; sie ist auf Diät."
Ramona warf mir unter halbgesenkten Lidern einen Blick zu, den sie für tückisch hielt, dann richtete sie sich umständlich auf der glatten Seide von Feddersens Schlafrock ein.

Mein Freund führte von nun an ein Doppelleben. Jeden Montagmorgen weckte ich ihn um 7.30 Uhr, und nachdem er mir das Frühstück ans Bett gebracht hatte, steckte ich ihn wieder ins Manuskript, damit er mit dem Bus um 8.42 Uhr zu seiner Bank fahren konnte. Es war die Jahreszeit der vielen Feiertage: Himmelfahrt, Pfingstsamstag, -sonntag und -montag, schließlich Fronleichnam mit einem anschließenden langen Wochenende. Deshalb änderte ich mein Exposé: statt Feddersen in einer norddeutschen Großstadt arbeiten zu lassen, transferierte ich ihn mitsamt seiner Bank ins katholische Rheinland, da hatten wir mehr davon.

"Jetzt könntest du doch eigentlich Johannes zu mir sagen", flüsterte mein Liebster an meinem Ohr und küßte meinen Nacken, als ich mich in unserer zweiten Wochenendnacht träge und zufrieden in seinen Armen räkelte.
"Möchtest du denn gern Johannes heißen?" fragte ich und erinnerte mich, daß ich eigentlich ,Karl' vorgesehen, mich aber noch nicht festgelegt hatte. "Okay, das läßt sich machen; ich denke, das wird auch den Lesern gefallen. - Jetzt müssen wir aber mal überlegen, wie wir Spannung in dein Leben kriegen."
"Dazu müßte ich dir zuerst vielleicht ein paar Informationen über meinen Beruf vermitteln, über Bankgeschäfte, Kredite, Anlagemöglichkeiten, Börsenspekulationen und solche Sachen. Dieser Bereich gehört ja auch zum Bild meiner Persönlichkeit und würde mir im Roman mehr Profil geben", sagte Feddersen eifrig.
"Um Himmelswillen, das ist doch nicht spannend, außerdem verstehe ich nichts davon", wehrte ich ab, ohne zu ahnen, daß ich diese Gleichgültigkeit teuer würde bezahlen müssen.
"Du bist die Autorin", sagte er gutmütig und schlief an meiner Schulter ein. Ich dachte noch ein bißchen über meinen Roman nach und beschloß, Feddersen in die Große Welt einzuführen und mit ihm zu diesem Zweck am kommenden Samstag das Spielkasino in Bad Neuenahr aufzusuchen. "Ich habe aber keinen Smoking", gab er zu bedenken, als ich ihm anderntags meinen Vorschlag unterbreitete, "du hast mich bisher ziemlich schlicht ausgestattet."
"Den brauchst du nicht", beruhigte ich ihn, "die Kasinos legen heutzutage nur noch Wert darauf, daß du einen Schlips um den Hals hast."

An den darauffolgenden Wochentagen war ich allein, Ramona trieb sich schon zum zweiten Mal in diesem Jahr mit irgendwelchen Kavalieren herum, und meine Geschichte bockte wie ein Esel, sie wollte nicht weiter. Ich hatte solche Sehnsucht nach Feddersen, daß ich schon am Mittwoch in mein Manuskript griff, um ihn herauszuholen, unter dem Vorwand, ihm die teure reinseidene Krawatte zeigen zu wollen, die ich für ihn gekauft hatte, zusammen mit einem Sommerkleid für mich aus weißem Leinen mit rotem Lackgürtel. Da ich schon dabei war, mein Konto zu plündern, hatte ich großzügig auch noch den Rest abgehoben, damit wir uns in Bad Neuenahr Jetons fürs Roulette kaufen konnten.
Aber soviel ich auch in meinem Manuskript herumfummelte, ich kriegte meinen Liebsten nicht zu fassen. Statt seiner hatte ich auf einmal einen Polizisten in der Hand.
"Was wollen Sie denn hier?" fragte ich entgeistert, "Sie kommen doch überhaupt nicht vor!"
"Vielleicht später? - Entschuldigen Sie die Störung!" Er grüßte stramm und verschwand wieder.

Am Freitag zwischen 16 Uhr und 16.12 Uhr klappte es dann endlich. Feddersen war schwerer als sonst, als ich ihn aus dem Manuskript zog, das lag daran, daß seine sämtlichen Jacken- und Hosentaschen mit Geldscheinen vollgestopft waren. Er hatte mit anvertrauten Kundengeldern spekuliert und unter Zuhilfenahme seines Insiderwissens hohe Gewinne erzielt. Am Montag würde er die Summe unbemerkt zurückerstatten.
"Ist das Spannung genug?" fragte er mich.
"Für den Anfang schon"; ich gab mich lässig, hatte aber Herzklopfen dabei.

Bei herrlichem Frühsommerwetter machten wir uns am Samstag auf den Weg; das Geld - es waren so um die achtzigtausend Mark in meist größeren Scheinen -, mit denen wir spielen und die Bank im Spielkasino von Bad Neuenahr sprengen wollten, hatten wir aus Feddersens Anzugtaschen in einen Aktenkoffer umgepackt, der noch von meinem Vorletztverflossenen im Kleiderschrank herum- und im Wege stand.
An den Eifelhängen lohte goldgelb der Ginster, hohe weiße Wolken türmten sich am blauen Sommerhimmel, und die Luft, die durch das Schiebedach meines alten Käfers hereinwehte, schmeckte trotz ihrer Milde prickelnd wie Sekt. Feddersen saß am Steuer und sang. Wir machten einen Umweg nach Süden, fuhren durch ein leuchtendes Wiesental bis zu einem hübschen kleinen Ort, der Dümpelfeld hieß, ,vielleicht weil hier der Adenauer Bach in die Ahr dümpelt', kalauerte Feddersen nach einem Blick auf die Straßenkarte, dann an der Teufelsley ahrabwärts, wo der Verkehr immer dichter wurde. Eine dicke Wolke hatte sich vor die Sonne geschoben, und ich spürte plötzlich tief in mir eine angstvolle Seele voller Bangnis flattern. Am liebsten wäre ich umgekehrt.

Im elegantesten und teuersten Hotel von Bad Neuenahr stiegen wir ab; wir waren ein schönes Paar, wie ich an den Blicken der Rezeptionistin und der Gäste in der Halle ablesen konnte. Feddersen händigte dem Pagen mit leutseligem Charme den Autoschlüssel aus, damit er den Käfer in die Garage fahren konnte, und drückte ihm zehn Mark in die aufgehaltene Hand. Den Koffer mit den großen Scheinen schlenkerte er am rechten Arm - und von da an kann ich mich an nichts mehr erinnern. Das stimmt nicht ganz. Mein Gedächtnis bewahrt selige Augenblicke, als wir engzusammengepreßt in der Kasino-Bar tanzten, nachdem wir eine halbe Million gewonnen hatten, und den lähmenden Schock am Sonntagnachmittag, als wir alles wieder verspielt hatten.

Als wir am Sonntagabend zurückfuhren, knallte kurz vor Münstereifel ein liebestoller Fasan schwer und hart gegen unsere Windschutzscheibe, deren Sicherheitsglas auf der Stelle milchig undurchsichtig wurde. Feddersen bremste scharf ab, der Wagen stellte sich quer, und ich erwachte mit einem Ruck aus meinem Dämmerzustand. Mit gemeinsamer Anstrengung schafften wir es, auf den Seitenstreifen zu kommen, bevor uns von hinten jemand drauffuhr. Ich stieg aus und lotste Feddersen zum nahen Parkplatz. Blaue Lupinen leuchteten an der Böschung unter dem Waldrand, wo ganz verknorzte alte Hainbuchen ihre Stämme wie dicke Schlangen umeinander und in die Höhe wanden; Holunderbüsche drängten sich dazwischen und reckten die weißen Teller ihrer Blütendolden der Abendsonne entgegen, als wir, noch etwas zitterig, uns umsahen und tief Luft holten. Eine hohe Birke und eine blühende Wildrosenhecke trennten den Parkplatz von der Straße, der wir glücklich entkommen waren. Ich konnte wieder sehen, riechen, fühlen, den Wind hören, der durch die Blätter der Birke strich, und ich hatte Hunger! Wir nahmen unser bißchen Gepäck aus dem ordnungsgemäß abgestellten Wagen - den leeren Aktenkoffer ließen wir drin - und schickten uns an, ins Städtchen hinunterzugehen. Wir würden hier übernachten müssen, heute abend hatte bestimmt keine Reparaturwerkstatt mehr geöffnet.
"Hast du noch Geld?" fragte Johannes kleinlaut.
"Haufenweise, noch zweihundert Mark, die werden wir jetzt verprassen!" rief ich aufgekratzt.
Vor uns ragte ein Torturm mit einem blauglänzenden Schieferdach auf, er hatte Fensterluken mit rot- und gelbgestrichenen Läden, an der Seite führte eine eiserne Wendeltreppe zu einer dicken Holztür im ersten Stock. Im kopfsteingepflasterten dämmerigen Durchgang des Turmes blieben wir stehen und küßten uns ausgiebig. Es war kühl zwischen den dicken Steinmauern und mich überlief eine winzigkleine Gänsehaut.
Draußen wies ein buntbemaltes Schild nach rechts, ,Zum Burghotel 30 Meter' stand darauf. Schade, dafür würde unser Geld nicht reichen; wir mußten ja auch noch essen.

Wir wollten gerade die Treppenstufen des Johannisgäßchens hinuntersteigen, als Feddersen leise ausrief: "Sieh mal!"
Er deutete mit dem Kopf nach links, wo ein altes Ehepaar auf einer Bank von einem ganz krumm- und schiefgezogenen Fachwerkhäuschen saß. Im Fenster mit den rotblühenden Geranien neben der Haustür hing ein Schild, auf dem stand ,Zimmer frei'. Eine Bachstelze trippelte schwanzwippend vor uns her, als wir auf das Paar zusteuerten.
Das Zimmer - es war der ganze Raum unter dem Dach - war zu haben; wir bekamen sogar noch etwas zu essen: Eifeler Landbrot, Schinken und Käse, dazu stellte uns der alte Mann eine Flasche Walporzheimer auf den Tisch in der Geißblattlaube. Der Wein sank uns schwer in die Glieder, eine Grille zirpte ganz allein in der Nacht, ein Hund schlug an, dann löschte ich das Windlicht und wir stiegen die leise knarrende Treppe hinauf.

Ich erwachte, als die Frühdämmerung ihr erstes Tageslicht durch die beiden kleinen weitgeöffneten Fenster sandte. Es war vier Uhr. Johannes hatte die Decke abgeworfen, und als ich mich über ihn beugte und zärtlich die rötlichgoldenen Löckchen in seinem Schoß streichelte, begann sich seine Männlichkeit zu regen, erst langsam und stetig, bis sie in voller Pracht stolz und aufrecht stand.
"Komm", murmelte er schlaftrunken und zog mich auf sich nieder. Vor dem Fenster flötete süß eine Amsel.

Frische Morgenluft wehte von draußen herein und brachte den Duft von Holunderblüten mit sich, als wir langsam munter wurden. Durch die Türritze stahl sich verlockend der Geruch vom frischem Kaffee. Es war Montagmorgen; der Bus um 8.42 Uhr mußte längst weg sein. Feddersen hätte ihn sowieso nicht erreicht, denn mein Manuskript lag zu Hause auf dem Schreibtisch.
Während wir in dem kleinen Garten hinter dem Haus saßen und frühstückten, holte ein Automechaniker den Wagen vom Parkplatz in die Werkstatt; es werde eine Weile dauern, sagte er, die neue Windschutzscheibe mußte erst besorgt werden.
Wir blickten auf das Städtchen hinunter; die drei goldenen Kugeln auf den Münstertürmen glänzten in der Sonne, der gotische Treppengiebel des Rathauses leuchtete in sattem Rot herüber und von der Jesuitenkirche schlug es elf.
"Können wir nicht einfach hierbleiben, Johannes?" fragte ich wider besseres Wissen, lehnte mich zurück, reckte wohlig die Arme und streckte meine Beine weit unter dem Tisch aus.
Verloren betrachtete Feddersen das Beet aus Goldlack und Tränenden Herzen, das sich im Schutz des niedrigen Mäuerchens hinzog, während er die Frage gewissenhaft erwog.
"Ich müßte natürlich zuerst in die Bank zurück", sagte er nachdenklich, "und zwar so schnell wie möglich, und dafür sorgen, daß meine Manipulationen nicht herauskommen."
"Wie willst du denn das machen, das Geld ist doch weg!"
"Mir wird schon etwas einfallen", er zog mich von der Bank in die Höhe, "und nun komm, laß uns den schönen blauen Montag genießen, Frau Autorin!"

Ich habe Feddersen nicht wiedergesehen.
Während seiner Abwesenheit waren Unregelmäßigkeiten bei der Kundenpost aufgefallen, in seinem Büro wurden belastende Unterlagen gefunden, und als er am Dienstagmorgen pünktlich um 9.15 Uhr in der Bank erschien, wurde er festgenommen, eingesperrt und am nächsten Tag dem Haftrichter vorgeführt, dem er auf die Frage, wo das Geld geblieben sei, eine derart haarsträubende Geschichte auftischte, daß er umgehend unter Bewachung durch zwei Polizeibeamte in die Psychiatrie überstellt wurde.
"Sie sind also nur eine Romanfigur, habe ich das richtig verstanden?" fragte der junge freundliche Assistenzarzt und bot ihm eine Zigarette an, die Feddersen höflich dankend ablehnte.
"Ich bin die Hauptfigur", korrigierte er und strich liebevoll über die seidene Krawatte, die ich ihm geschenkt hatte. "Das Geld sollte Spannung und Konflikte in die Geschichte bringen und die Vielschichtigkeit meiner Person verdeutlichen. Meine Autorin fand mich nämlich zu langweilig, deshalb habe ich mich selbst entworfen. Stellen Sie sich die Bandbreite meines Charakters vor zwischen äußerster Gewissenhaftigkeit und bedenkenloser krimineller Energie! Und dann der erbauliche Schluß: ich gehe am Ende bußfertig und geläutert aus allen Anfechtungen hervor!" ,Welch interessante Spielart von Persönlichkeitsspaltung', dachte der junge Psychiater, ,vielleicht kann ich darüber eine Fallstudie veröffentlichen; für meine Karriere habe ich ohnehin noch nicht die nötige Anzahl an Publikationen vorzuweisen.'
"Ja, nun, dann wollen wir es für heute genug sein lassen", sagte er und wollte aufstehen. Aber Feddersen war noch nicht fertig.
"Merken Sie etwas, Herr Doktor", flüsterte er.
"Was soll ich merken?" fragte der Arzt und sah seinen Patienten prüfend an.
"Nun, daß Sie gerade anfangen, in unserm Roman eine Rolle zu spielen, leider nur eine kleine, aber sehr realistisch gestaltete. Ich finde, man sollte unseren Dialog weiter ausbauen, um Ihnen mehr Profil zu geben. Wenn Sie daran interessiert sind, werde ich das bei der Verfasserin anregen."
"Danke, danke, sehr liebenswürdig, vielleicht später. Sie bleiben jetzt erstmal bei uns und wir geben Ihnen ein paar kleine Pillen, damit Sie nach all der Aufregung zur Ruhe kommen." Er kritzelte etwas auf seinen Rezeptblock, riß den Zettel ab und winkte den Pfleger herbei, der an der Tür stand, um den Patienten abzuholen. "Promazil und HaloperidoI", murmelte er und übergab ihm das Rezept.
Bevor er hinausgeführt wurde, drehte sich Feddersen noch einmal um. "Ich kann aber nur bis Freitag bleiben", erklärte er, "die Wochenenden verbringe ich immer mit meiner Autorin, wir lieben uns nämlich!" "Keine Sorge", beruhigte ihn der Arzt, "das wird sich alles finden."

All meine verzweifelten Versuche, Johannes Feddersen aus dem Manuskript wieder herauszuholen, schlugen fehl. Man behielt ihn in der Psychiatrie. Mein Roman blieb unvollendet; manchmal lese ich in dem Fragment. Ramona liegt dabei auf meinem Schoß und läßt sich streicheln; sie ist zurückgekommen, schwanger und zufrieden. Einmal habe ich ihr einen Vers von Heinrich Heine vorgelesen:

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

Ramona hat dazu geschnurrt; immer, wenn wir zusammen so richtig schön traurig sind, fühlt sie sich warm und behaglich.

 

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