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Kinderzimmer

Sie sind immer zu klein, immer zu voll und ganz, ganz selten aufgeräumt. Sie sind (meistens) ein Ärgernis für die Eltern, (manchmal) ein Refugium für die Kinder und (leider) das Stiefkind aller Architekten. Kinderzimmer: eines der letzten Rätsel unserer Zeit.
Am Anfang war das Chaos. Und das Chaos war überall, und Lukas meinte, dass es gut war. Und als ich meinen Sohn am Morgen wecken wollte, da krachte es, und unter meinem nackten Fuß starb ein Playmobil-Ritter. Mit letzter Kraft rammte er mir sein Schwert in die Haut. Und Lukas schrie: "Papa, du bist blöd", da kreischte auch noch der Radiowecker los, und Anna stand in der Kinderzimmertür und fragte: "Was is'n los?"
Kinder von heute sind glückliche Kinder, weil so viele von ihnen ein eigenes Kinderzimmer haben. Eltern von heute sind zu bedauern, weil es keinen schlimmeren Stress gibt, als in einem chaotischen Kinderzimmer Ordnung machen zu müssen. Warum das nicht die Kinder selbst tun? Ach, fragen Sie Lukas und Anna, Julia und Alexander doch selbst!
"Für das neugeborene Kind beginnt die Einrichtung mit einer Wickelkommode und einem Bettchen. Aus diesem Gitterstabbett wird dann das 'Juniorbett', etwa bis zum siebten Lebensjahr. Zur Wickelkommode, deren Aufsatz bald abgenommen wird, kommen dann der passende Schrank, die Regale, die mitwachsenden Stühle und Tische." So stellen sich das die Hersteller von Kindermöbeln vor, und irgendwo im Land muss es auch Eltern geben, die diesen Spaß mitmachen, setzt doch die Kindermöbelindustrie im Jahr über zwei Milliarden Mark um.
Die Millionen für die scheuerfesten Tapeten und die ungebleichten Gardinen, für die kindgerechte Bettwäsche im Pumuckl-, Micky-Maus oder Dino-Design (was ist das nächste?) oder für die Stehlampe in Form eines Pinguins sind da noch gar nicht mitgezählt.
Und dann die Katastrophe: Irgendwann, um drei Uhr früh, knarrt die Schlafzimmertür. Ein verschlafenes Etwas steht am elterlichen Bett, mit dem Teddy im Arm und der Nuckelflasche in der Hand: "Papa, ich hab' so furchtbar schlecht geträumt!". Oder fordernder: "Mama, mach' Platz!" Oder, quer über den Flur, aus dem liebevoll dekorierten Babyzimmer mit der Gaga-Entchen-Dämmer-Nachtbeleuchtung. "Waaaaa!" (heißt auf erwachsen: "Steh auf, du fauler Sack, und hol mich! Glaubst du, ich will allein in meinem Zimmer bleiben, wenn alle andern längst bei euch im Bett sind?")
Die Mutter seufzt und verbringt den Rest der Nacht seitlich hochkant, mit einem Babyhändchen im Gesicht und einer Strubbelmähne im linken Ohr. Der Vater aber, als nachgiebiger Mensch, hat sich beizeiten getrollt: Er erwacht Stunden später im "Junior-Bett", weil die "Enzyklopädie der Saurier" in seine Rippen drückt.

Und dann liegt er wach und denkt nach: Über das Kinderzimmer als Wille und Vorstellung und als unaufgeräumte Realität. Wozu um alles in der Welt, hat er in diesem Haus all die Kinderzimmer ausgebaut, hat mit Banken verhandelt und mit Baubehörden um jeden Quadratmeter gefeilscht? Wozu hat er Wände tapeziert, Schränke zusammengeschraubt und Rollos montiert? (Haben Sie schon einmal ein Rollo an eine Gipskartonwand geschraubt? Ja? Dann werden Sie die Verzweiflung verstehen.) Wozu denn das alles, wenn es auch ein großer Familienschlafsaal getan hätte? Wenn Lukas seine Hausaufgaben am Küchentisch macht, Anna am liebsten im Wohnzimmer spielt und Alexander am liebsten im Badezimmer, weil er es aus der Dusche so schön spritzen lassen kann?
Nicht daß der liebevolle Vater seine Kinder in ihre Zimmer abschieben möchte, nein, er hat schon ganze Romane mit einem Baby auf dem Schoß gelesen, und es ist auszuhalten, wenn sich nächtens ein (ein!) Kind in seine Arme flüchtet. Aber wenn ein Kinderzimmer nur noch als Lagerraum für Spielzeug, zerfledderte Bücher und für die stinkenden Muscheln aus dem letzten Urlaub dient, wozu braucht es dann Tapeten? Und ein Rollo? Ist es dann überhaupt als Wohn- und Schlafraum im Sinn der DIN 283 anzusehen? Fragen über Fragen, es ist die Krise, die allen Eltern irgendwann ins Haus steht. Die Kinderzimmer-Sinnkrise. Ich erinnere mich an die erregten Debatten über längst veraltete Bauvorschriften, die Kindern weniger Platz zugestanden haben als einem deutschen Schäferhund. (Ritzt ein deutscher Schäferhund seinen Namen in das kindgerechte honigwachsbehandelte Echtholz-Hochbett? Na eben!)
Wahrscheinlich sind Eltern die Opfer eines heimtückischen Komplotts: Kindermöbelhersteller und Spielwarenindustrie haben sich zusammengetan, um sie fertig zu machen. Die einen verkaufen ihre Regale mit dem Slogan: "Damit Ordnung halten zum Kinderspiel wird", die anderen setzen auf den Reiz funkferngesteuerter Autos, auf Game Boys und Lego-Piratenschiffe. Und im Nu sind auch bei uns die Regale immer wieder voll. Bevor mir eine Gegenstrategie einfällt, ist es leider sieben Uhr früh. Und Julia will wissen, warum ich beim Frühstück so muffig bin.
Ach ja, Julia. Sie ist dreizehn, und wenn ich es mir genau überlege, habe ich seit gestern früh nicht gesehen. Als ich gestern Abend etwas später als sonst von der Arbeit kam, hörte ich nur ein melodiöses Düdl-dü-dü aus ihrem Zimmer. Seit sie ihr neues Computerspiel hat, ist sie gerne ungestört. Und seit sie den megageilen Manhattan-CD-Tower geschenkt bekommen hat, liegen ihre CDs nicht mehr auf dem Boden. Jetzt kann man ihr Zimmer betreten, ohne dass es knackt. Julia, ganz meine Tochter, entwickelt sogar ein Gespür für Geschmack, Design, Repräsentation. Bevor sie neulich Besuch bekam, lieh sie sich zwei Hochglanzzeitschriften von mir aus. "Nicht zum Lesen, nur zum Hinlegen, das sieht so gut aus!" Wir haben unser Kind stets zur Ehrlichkeit erzogen.

Was uns dieses Beispiel lehrt, mitten in der Kinderzimmer-Sinnkrise? Dass es Hoffnung gibt. Dass Kinderzimmer, alles in allem, eine Investition für die Zukunft sind. Dass Kinderzimmer einen Sinn bekommen, wenn Kinder mehr und mehr ihre eigene Persönlichkeit entdecken, ihr Bedürfnis nach Privatheit. Dass Kinderzimmer irgendwann sogar freiwillig aufgeräumt werden. Und dass man immer noch ein Gästezimmer oder einen Hobbyraum daraus machen kann, wenn die Kinder einmal aus dem Haus sind.
Am Wochenende haben wir aber erst einmal Lukas' Zimmer umgebaut. Mit zehn, hat er uns mitgeteilt, sei er für ein Hochbett eigentlich zu alt. Da oben unter der Zimmerdecke sei die Luft so schlecht und außerdem, das habe er leider jetzt erst entdeckt, sei er nicht ganz schwindelfrei. Wir haben das Hochbett zerlegt, die Einzelteile auf den Speicher geschafft und die Matratze direkt auf den Teppichboden gelegt. Wir haben Bilder umgehängt, Regale an eine andere Wand gerückt und sie wieder eingeräumt, Wir haben ein neues Leselicht montiert (zwei Dübel in Gipskarton!) Und als ich wenig später unser Werk noch mal besichtigte - tatsächlich, das Zimmer wirkte geräumiger und freundlicher -, saß Lukas auf dem Kleiderschrank, hoch oben unter der Zimmerdecke. "Das ist mein neuer Nachdenkplatz", tat er kund, "und mir ist schon etwas eingefallen: Ich werde einmal Architekt."
Soll er doch. Ich hätte da eine interessante Aufgabenstellung für ihn.

 

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