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Domino
Laut Statistik leben in deutschen Haushalten knapp sechs Millionen Katzen und haben den Hund vom ersten Platz der Beliebtheitsskala für Haustiere verdrängt.
Nur zehn Prozent aller Katzenbesitzer wollten eigentlich keine Katze haben, wurden aber mit Zähigkeit und Charme von ihrer jetzigen Gefährtin "überredet".
Die Bereitschaft, mit einer Katze zusammenzuleben, war bei allen anderen Katzenhaltern latent vorhanden. Ein Drittel von ihnen kam jedoch durch puren Zufall auf "ihre" Katze. Sie entdeckten ein niedliches Kätzchen auf einem Bauernhof, stießen auf eine Kleinanzeige in der Zeitung, die Nachbarn hatten einen ganzen Wurf Babys zu vergeben - oder eines Tages stand sie einfach vor der Türe und blieb.
Hinter jeder Statistik verbergen sich die unterschiedlichsten Geschichten. Vierzehn lange Jahre hatten wir, mein Mann und ich, unser Leben mit einem Dackelmischling verbracht. Er hörte auf den Namen Lumpi und stammte aus dem Münchener Tierheim. Man hatte ihn dorthin abgeschoben, weil er nicht den Rassemerkmalen entsprach. Kurze, krumme Beine mußten einen zu lang geratenen Körper tragen, in dessen Mitte man ihm ein weiteres Beinpaar gewünscht hätte, um seine Rückenprobleme zu lindern. Das rotbraune Fell hing lang und glatt am Körper, während die Haare an den Schlappohren aussahen, als ob sie mit einem Onduliereisen in Wellen gelegt worden wären. Ein fahnenartiger Schwanz, der nie zur Ruhe kam, rundete das Bild eines gelungenen Mischlings ab. Obwohl er zu Hause sehr lebhaft war und einen eigenwilligen Charakter besaß, durfte er uns überall hin begleiten, zeigte sich auch in allen Situationen gesellschaftsfähig. Seine Devise hieß: "Dabeisein ist alles !"
Als er starb, und wir ihn unter Tränen im Garten zwischen zwei hochgewachsenen Fichten begraben hatten, versprachen wir uns hoch und heilig, uns so einen Schmerz nicht mehr anzutun und kein Tier mehr zu halten. Auf sein Grab pflanzten wir rote Tulpen und blaue Vergißmeinnicht. Das abgenutzte Hundekörbchen landete im Ofen, Halsband und Leine hängten wir zur Erinnerung ans Schlüsselbrett in die Diele.
Mein Mann und ich trugen, und tragen auch heute noch, ein Foto von Lumpi in der Brieftasche und zeigten es damals jedem, der es sehen wollte oder nicht.
Die Tage und Wochen vergingen, und die Trauer um unseren langjährigen Gefährten bohrte nicht mehr so tief in unseren Herzen. Aber was für eine Leere - keine freudige Begrüßung mehr, wenn man von der Arbeit nach Hause kam, keiner, der immer gut gelaunt war. Er fehlte uns.
"Erinnere dich, was wir ausgemacht haben", sagte mein Mann, als der Wunsch nach einem Haustier allmählich wieder wach wurde.
"Ich weiß, jetzt müssen wir nicht mehr bei jedem Wetter Gassi gehen", antwortete ich.
"Du mußt vor allem nicht mehr dreimal täglich einen schmutzigen Hund baden, und mit den Nachbarn gibt es auch keinen Ärger mehr." Eine genervte Nachbarin hatte sich öfter beschwert, weil der Hund jedesmal, wenn er mit uns das Haus verließ, lauthals seine Freude hinausbellte. "Bei der Urlaubsplanung müssen wir keine Rücksicht mehr nehmen, können auch wieder länger als zwei Tage ausbleiben", seufzte ich. Lumpi hatte sehr wenig gefressen, wenn wir einmal ohne ihn verreisten und ihn ausnahmsweise nicht mitnehmen konnten. Seine Betreuer hatten jedesmal Panik, er könnte in der Zwischenzeit verhungern.
"Endlich können wir wieder einmal in die Ferien fliegen", sagte mein Mann. "Hundehaare liegen auch keine mehr herum."
Krampfhaft suchten wir nach Argumenten, die gegen ein Tier sprachen.
Das Thema "Tier" war fürs erste abgehakt.
Eines Tages, nach gut einem halben Jahr, kam ich nach einem Ausflug mit Kollegen sehr spät nach Hause. Überall im Haus brannte Licht, mein Mann war aber nicht zu sehen. Plötzlich tauchte er hinter der Wohnzimmercouch auf.
"Was machst du denn hinter dem Sofa ?", fragte ich verwundert.
Die Antwort kam ein wenig stotternd: "Es ist ein Malheur passiert ! Der da hat sein kleines Geschäft in der Ecke verrichtet und leider auch bis unter die Fußbodenleiste." Mit dem Schraubenzieher in der Hand zeigte mein Mann auf einen Sessel. Auf einem unserer beigen Seidenkissen lag ein winziges, schwarz-weißes Kätzchen, die Beine nach vorn und hinten lang ausgestreckt und schlief. Es war gerade so groß, daß es bequem auf dem Kissen Platz hatte. Als ich es berühren wollte, wachte es auf, gähnte mit weit aufgerissenem Mäulchen, so daß die schwarzen Ohren nach hinten klappten und die rosarote Zunge sich rollte, wie beim "Bayerischen Löwen". Dann streckte es die Vorderpfoten weit von sich, krallte in das Kissen und hob das kleine Hinterteil. Gleich darauf machte es einen riesigen Buckel, setzte sich wieder hin und schaute mit großen runden Augen erwartungsvoll in die Welt.
"Du brauchst keine Angst zu haben, morgen bringe ich ihn wieder zurück. Er gehört Jimmy und bleibt nur über Nacht hier, damit er nicht alleine im Gewächshaus sein muß !", beschwichtigte mich mein Mann und schraubte die Holzleiste fest, nachdem er sie sorgfältig gereinigt hatte.
Jimmy war ein Freund von uns, der eine Gärtnerei besaß und offensichtlich den kleinen Kater als Mäusefänger anzustellen gedachte. Ich mußte mich setzen und den kleinen Wicht genauer betrachten. Die langen, weißen Barthaare bogen sich nach unten wie der Bart von Dschingis Khan, neben der schwarzen Nase saß ein schwarzer Fleck, so groß wie ein Pfennigstück und alle vier Pfötchen waren weiß, als ob er Handschuhe tragen würde.
"So ein hübscher Bursche braucht einen besonderen Namen. Findest du nicht, daß der Name Domino wunderbar zu ihm passen würde?", sagte ich entzückt. Währenddessen begann das Kätzchen sich gründlich zu putzen, leckte mit seiner rauhen Zunge über die Innenseiten der Vorderpfoten und strich damit wie mit einem Waschlappen über die Ohren, hin und her, immer wieder. Als es fertig war, sprang es auf meinen Schoß, als ob wir alte Bekannte gewesen wären und rieb schnurrend sein Köpfchen an meinem Arm.
Mein mütterlicher Instinkt war geweckt.
"Hast du ihm schon etwas zu fressen gegeben ?" fragte ich. Irgendwo in der Küche mußte noch eine Dose Hundefutter stehen. Das war zwar nicht das Richtige für ein Kätzchen, aber wo sollte man mitten in der Nacht Katzenfutter herbekommen ?
"Ein Klo brauchen wir auch. Sonst mußt du womöglich noch einmal deine handwerklichen Fähigkeiten beweisen", sagte ich schmunzelnd. Im Keller fand sich eine leere Obstkiste, die wir mit Material aus dem Sandkasten der Nachbarskinder füllten. Für diese Nacht war das die einzige greifbare Lösung. Am nächsten Tag würde das Kätzchen wieder seinen angestammten Platz im Gewächshaus einnehmen.
Inzwischen folgte mir der Winzling mit hoch erhobenem Schwanz in die Küche. Interessiert schaute er zu, wie ich die Futterdose öffnete und eine kleine Portion auf einen Unterteller füllte. Erwartungsvoll rieb er sein Köpfchen an meinen Beinen und miaute fordernd. Offensichtlich hatte er Hunger und konnte es kaum noch erwarten, bis ich den Teller vor seine Pfötchen stellte. Mit gutem Appetit machte er sich an seine Mahlzeit. Bis auf den letzten Krümel putzte er den Teller leer. Er blitzte hernach, als ob er nicht benützt worden wäre.
Inzwischen war es weit nach Mitternacht, und wir wollten ins Bett. Wie selbstverständlich folgte uns das Kätzchen über die Treppe hinauf in das obere Geschoß. Seine kleinen Pfötchen hinterließen absolut kein Geräusch auf den Holzstufen.
"Jetzt könnten wir das Hundekörbchen gebrauchen. Dann hätte der Winzling ein Bett", sinnierte mein Mann. Gewußt wie ! Schnell räumte ich den Zeitungskorb aus Weidengeflecht aus und polsterte ihn mit einem Stück eines alten Schaffells aus.
"Am besten ist es, wir stellen das Bettchen vor die Schlafzimmertür ", bestimmte mein Mann. "Dann ist der kleine Domino in unserer Nähe und fürchtet sich nicht."
Wir setzten das Kätzchen in seine Schlafstätte und schlossen die Tür.
Plötzlich ertönte ein zartes Miauen, das immer drängender und lauter wurde.
"Nicht hinhören, er wird sich schon daran gewöhnen", murmelte mein Mann im Halbschlaf und drehte sich auf die andere Seite. "Die Tür bleibt zu. Ein Tier im Schlafzimmer - kommt nicht in Frage."
Das Katerchen war darüber ganz anderer Meinung. Es klagte weiter und miaute herzerweichend. Schließlich kratzte es an der Tür. An Einschlafen war nicht zu denken. Mit einem Satz sprangen wir beide gleichzeitig aus den Federn und rissen die Tür auf. Darauf hatte das Kätzchen nur gewartet und marschierte schnurstracks auf das Bett zu, sprang elegant hinein und harrte der Dinge, die nun kamen
. "Es hat halt Angst ohne seine Mama und seine Geschwister", sagte ich mitfühlend und nahm das kleine Wesen auf den Arm. "Außerdem ist es doch ganz fremd hier."
Zufrieden plumpste der kleine Kerl auf das Kopfkissen und kuschelte sich an meine Schulter. Leise schnurrte er sich in den Schlaf.
Meine Nachtruhe war dahin. Ich hielt mich ganz still, damit ich das Katerchen nicht aufweckte. Außerdem konnte ich mit dem Schnurrkonzert im Ohr sowieso nicht einschlafen.
"Schau, wie niedlich er aussieht, wie ein Baby ", flüsterte ich. Mein Herz war bereits geschmolzen wie Butter an der Sonne. Ich liebte Katzen über alles, durfte aber in meiner Kindheit nie eine halten, weil sich meine Mutter vor ihnen fürchtete. Von mir existieren allerdings zahlreiche Fotos mit fremden Katzen auf dem Arm. Man sagte, ich schlüpfte hinter jeder Katze her, sogar durch Hecken und Zäune.
Und nun lag ein Kätzchen bei mir an der Schulter. Welch ein Gefühl ! Sein Fell roch nach Sonne und frischer Luft. Schade, daß er nicht mir gehörte und morgen wieder fort mußte!
Am nächsten Morgen wachte ich mit Nackenschmerzen auf. Der kleine Kater hatte es sich über meinem Kopfkissen gemütlich gemacht, und ich lag mit gestauchtem Genick im Bett. Vorsichtig stand ich auf, um das Kätzchen nicht zu wecken, und bereitete in der Küche das Frühstück. Als ich mich umdrehte, stand der Kater bereits hinter mir. Auch er bekam seine Portion und schleckte alles wieder fein säuberlich auf, putzte sich die Barthaare und suchte ganz selbstverständlich sein Kistchen im Keller auf. Zuerst scharrte er mit den Vorderpfoten ein großes Loch, verrichtete sein Geschäft und buddelte es sorgfältig wieder zu, daß die Sandkörner nur so durch die Gegend spritzten. Als er seine Arbeit gründlich erledigt hatte, inspizierte er unser Haus. Er strich an den Wänden entlang, schnupperte da und dort an einem Sessel oder an einer Möbelkante. Es schien ihm bei uns zu gefallen.
Mein Mann machte sich fertig, um den Kater wieder in die Gärtnerei zu bringen. Er setzte ihn in das Auto auf den Vordersitz, klappte die Tür zu und fuhr davon.
Während ich im Laufe des Vormittags meine Hausarbeit erledigte, ging mir das Katerchen nicht aus dem Kopf. Was würde es in der Gärtnerei tun ? Da hatte doch keiner Zeit für ihn. Der Kleine würde sich bestimmt langweilen. Kurz vor Mittag hielt ich es nicht mehr aus. Ich mußte mich vergewissern, daß es dem Kätzchen gut ging. Kurzentschlossen setzte ich mich in mein Auto und fuhr in Richtung Gärtnerei. Wie zufällig führte mich mein Weg an einer Zoohandlung vorbei.
Ich kaufte Futter für mehrere Wochen - das Tier sollte schließlich nicht Hunger leiden. In der Ecke entdeckte ich ein schönes Katzenklo. Es sah aus wie ein Häuschen und hatte sogar eine Schwingklappe. Der Verkäufer erklärte mir, daß sich Katzen bei ihren wichtigen Geschäften nicht gerne zuschauen lassen würden und ungestört sein möchten. Das war das Richtige für m e i n e n Kater. Spielzeug brauchte er selbstverständlich auch. Ich erstand eine graue Fellmaus, einen Tennisball, der mit Hanfseil umwickelt war und an dessen Kopfende bunte Federn angebracht waren und ein Duftsäckchen, das mit einem Glöckchen versehen war. Katzen würden diesen Geruch von Minze besonders lieben.
"Falls die Katze Flöhe hat, benötigen Sie ein Halsband. Das hilft auch gleich gegen Zecken", meinte der Verkäufer. Offensichtlich verstand er seine Sache.
"Wie wollen Sie das Tier transportieren, wenn Sie es zum Tierarzt bringen müssen ? " Daran hatte ich auch schon gedacht. Eine Transportkiste aus türkisfarbenem Kunststoff fand ich geeignet. Als ich an der Kasse bezahlte, riß dieser Großeinkauf ein empfindliches Loch in meinen Geldbeutel.
Je näher ich an die Gärtnerei kam, desto mehr regte sich mein Gewissen. Ob das alles nicht etwas übertrieben war ? Vielleicht durfte uns das Kätzchen gar nicht mehr besuchen ? Seufzend stieg ich aus dem Auto und betrat das Gewächshaus. In der Mitte stand ein langer Tisch, auf dem zentnerweise Pflanzerde geschüttet worden war. Obenauf saß Domino und scharrte gerade sein Geschäftchen zu. Na, die Gärtner würden sich wundern, wenn sie die Erde in die Töpfe füllten !
Da kam Jimmy, unser Freund, herein. Ohne lange Begrüßung fragte ich ihn streng, ob er mit dem Tier schon beim Arzt gewesen sei.
"Bei diesem Betrieb - wer soll denn da Zeit haben ?" Das war für mich die richtige Antwort. Ohne langes Federlesen schnappte ich mir den Kater, verpackte ihn in der neuen Transportkiste, stellte sie auf den Boden des Beifahrersitzes, machte leise die Tür zu - der Kater sollte sich nicht erschrecken - und fuhr davon.
Als ich zu Hause telefonisch einen Termin beim Tierarzt für den Nachmittag ausgemacht hatte, kam mein Mann und grinste über das ganze Gesicht. Er wußte bereits, daß ich den Kater abgeholt hatte.
"Weißt du eigentlich, daß ich Katzen besonders mag ? Und der hier ist doch besonders hübsch !", war sein Kommentar. "Ich bin froh, daß wieder Leben in die Bude kommt. "
Und Leben kam in unser Haus. Inzwischen wohnen nämlich fünf Katzen u n d ein Hund bei uns.
Jedes Tier hat seine eigene Geschichte, und wir gehören in der Statistik nun zu den Katzenliebhabern, die drei und mehr Katzen besitzen, und das sollen immerhin etwa 840.000 Deutsche sein.



