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Randfigur

Die Verkaufsstände waren weihnachtlich dekoriert, und Düfte von Bratäpfeln, gebrannten Mandeln und Glühwein mit Nelken streiften die Nase. Doch das Gedränge der Menschen erweckte in mir den Eindruck von Weihnachtsrummel, Konsumterror und Hektik. Ich flüchtete mich in die Kirche, die sich an dem Marktplatz befand. Im Mittelgang kamen mir Menschen entgegen, die begonnen hatten, eine Weihnachtskrippe mit lebensgroßen Schnitzfiguren aufzustellen. Offenbar gönnten die Arbeiter sich eine Pause. Ich stellte meine Einkaufstaschen in die vorderste Kirchenbank und nahm müde Platz. Endlich Ruhe!

Ich betrachtete den Krippenaufbau: Maria kniete neben dem Jesuskind, das ihr lächelnd die Arme entgegenstreckte. Ochs´ und Esel waren auch vorhanden, aber noch nicht richtig plaziert worden. Joseph fehlte!

Das Portal hatte das Durcheinander aus Stimmen und Weihnachtsmelodien ausgesperrt. Wohltuender Friede machte mir das Kirchenschiff zu einem Ort der Besinnung. Ich streckte meine Beine aus und bewegte die kalten Zehen in den Schuhen auf und ab. Das Gotteshaus war an diesem Spätnachmittag beheizt, so daß ich mich, in meinen Mantel gemummelt, ein bißchen aufwärmen konnte. Ich schloß die Augen, um die Stille der Kirche besser hören zu können...

"Es ist sicher selten, daß ein Jude eine christliche Kirche aufsucht. Möchten Sie meine Geschichte hören?" Die Stimme in der Bank hinter mir schien einem älteren Mann zu gehören. Er sprach mit kaum wahrnehmbarem Akzent und einem gebrochenen, aber altehrwürdigen Tonfall, so daß es mich nicht störte, daß er die Stille durchbrach. Zu meiner Verwunderung erwiderte ich seine Frage mit einem kurzen Kopfnicken.

"Es ist lange her", begann er zu erzählen. "Meine Gemahlin hieß Salome. Sie war die Tochter eines Priesters mit Namen Haggia. Wir hatten vier Kinder: Jakobus, Joses, Simon Judas und Maria. Bei der Geburt unseres fünften Kindes starb meine Gattin. Ihr zur Ehre nannte ich die Neugeborene Salome. Ich war verzweifelt, und es begann eine schwierige Zeit für mich.

Zwei Jahre später lernte ich Miriam kennen, eine blutjunge, wunderschöne Frau. Der große Altersunterschied tat unserer Liebe keinen Abbruch. Als sie hochschwanger war, befanden wir uns gerade in Bethlehem. Von den Geschichtsschreibern werden diese Vorgänge immer geschildert, als wäre eine Volkszählung der Grund dafür gewesen, daß alle Juden kreuz und quer durch Israel reisten. Immerhin bedeutete dies für viele eine mehrtägige und nicht ungefährliche Reise durch Galiläa, Samarien und Judäa, um in die Stadt der Väter zu gelangen. Diese Darstellung ist nicht ganz richtig! Warum hätten die Machthaber auch Interesse an einer unruhestiftenden Massenwanderung ihrer Untertanen haben sollen? Es ging ihnen nicht um demographische Neugierde, sondern um den vollen Herrschaftsanspruch, den sie durch Steuereintreibung durchzusetzen versuchten. Diese wurde in rücksichtsloser Brutalität durchgeführt. Ahnten Sie, daß unser Aufbruch in die Heimatstadt keine Reise war, sondern vielmehr eine Flucht? Aufstände und Volkserhebungen gegen das Regime waren damals an der Tagesordnung und begannen ausnahmslos mit einer organisierten Steuerverweigerung: Wir verließen Nazareth nicht, um dem Kaiser seine Abgaben zu bezahlen, sondern um uns dem Steuerdruck zu entziehen. Inmitten dieser Turbulenzen, als wir uns in Bethlehem aufhielten, wurde unser Sohn geboren..."

"Wie hieß ihr Sohn?" fragte ich. Eine unerträgliche Spannung hatte sich in mir aufgebaut.

"Jeschuah!" antwortete der Mann, und ich spürte den Stolz hinter seinen Worten. "Das bedeutet: 'Gott wird erretten'. Alle meine Söhne hatten Namen, in deren Bedeutung ein Stoßgebet um nationale Befreiung anklingt!"

"Warum erzählen Sie mir das alles?" wollte ich jetzt wissen.

"Ist Ihnen nie aufgefallen, daß ich in der Geschichte um die Heilige Familie immer weggeblendet werde? Niemand singt meinen Ruhm oder hebt meine Tugenden hervor. Allenfalls in ein oder zwei klischeehaften Weihnachtsliedern werde ich erwähnt. In den Krippen diene ich als dekorativer Hintergrund, als stummer und beinahe entbehrlicher Statist. Sogar die Vaterschaft wollten sie mir absprechen, wegen der angeblich 'jungfräulichen Geburt', wie die Griechen das seinerzeit nannten. Da machen sich die Chronisten aufgrund einer alten Prophezeiung die Mühe, meine Abstammung von König David über Jahrhunderte hinweg nachzuweisen, und im letzten Glied, beim entscheidenden Schritt, soll ich nicht der Vater sein? Würde das der Prophezeiung nicht zuwiderlaufen? Als bloßen Ziehvater stellten sie mich hin, der in tausend Kirchen und hundert Museen aussieht wie ein alter Tattergreis und anmutet wie Miriams Großvater!"

"Das tut mir sehr leid!" warf ich aufrichtig ein.

"Wissen Sie - ich habe viel Zeit mit meinem Sohn verbracht! Als gelernter Zimmermann brachte ich ihm das Tischlerhandwerk bei. Jeschuah war ein gelehriger Schüler. Sein Interesse galt jedoch mehr und mehr der Welt von Seele und Geist. Er litt mit den Armen und Gedemütigten, die voll von Selbstzweifel waren. Er wollte ihnen vor Augen führen, daß Gott sie nicht verdammt hatte, und daß sie es deshalb selbst auch nicht tun sollten. Er redete oft in Gleichnissen zu ihnen. Ich freute mich, wenn er dabei auf Vorgänge zurückgriff, die ich ihn gelehrt hatte. Kennen Sie den Vergleich mit dem Span im Auge des Nächsten und dem Balken im eigenen? Das hatte er von mir! - Aber wen interessiert das schon.... Die Schreiber der Evangelien haben das große Schweigen über mich gebreitet, sie haben mich ignoriert und tabuisiert. Der Vater des Heilandes: ein militanter Patriot, ein Steuerverweigerer und Aufrührer im aktiven Widerstand? Ein frommer Freischärler, der sich der Befreiungsbewegung Judas, des Galiläers angeschlossen hatte? Das paßte nicht zur Heiligen Familie! In den Evangelien ließen sich solche Tatsachen weder verharmlosen noch verniedlichen. Die Angst vor der römischen Zensur überwog! Und so entschloß man sich offensichtlich, mich zum blassen Requisit schrumpfen zu lassen und alles aus meiner Biographie zu streichen, was bei den Behörden hätte Anstoß erregen können. Übrig blieb eine fein säuberlich entpolitisierte Schilderung. So wurde mein Jeschuah zeitlebens als der Sohn meiner Miriam bezeichnet. Sie wurde zur Gottesmutter hochstilisiert, und ich wurde zum Nährvater degradiert! Ganze vier Auftritte gönnt man mir in den Überlieferungen. Eine flüchtige Schilderung meiner Verlobung mit Miriam. Die Geschehnisse der 'Heiligen Nacht'. Dann finde ich gerade noch bei seiner Beschneidung und bei der Bar-Mitzwah, dem Dankopfer für unseren Erstgeborenen in Jerusalem, Erwähnung. Kurzum: Sie lassen mich nicht zu Wort kommen, denn ich habe angeblich nichts zu sagen. Nach unserer Heimreise aus Jerusalem, wo wir Jeschuah drei Tage lang vermißt und gesucht hatten, um ihn endlich im Tempel zu finden, lassen Sie mich sang- und klanglos aus der Geschichte verschwinden, und nicht einmal der Hahn des Petrus kräht nach mir.

Wenn heute jemand fragt, was wohl aus mir geworden sei, dann wird über einen frühen Tod spekuliert. Das stimmt nicht! Ich war immer dabei! Ich war sogar mit unterm Kreuz! 'Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!' Das hat er zu mir gesagt! Darüber hinaus predigte mein Sohn unseren Gott als einen Vater über alle Geschöpfe. Ich denke, das haben die Menschen bis heute noch nicht begriffen. Ich verstand ihn sehr gut! Er wollte die Schranken der Religionen und des Glaubens in den Köpfen der Menschen niederreißen! Sie können selbst urteilen: Ist es ihm gelungen? - Ach Jeschuah!"

Als das schwere Portal geöffnet wurde, schreckte ich auf. Ich wandte den Kopf und sah, wie die Krippenbauer eine große Holzfigur durch die leere Kirche im Mittelgang nach vorn trugen.

"Willkommen Joseph!" sagte ich. "2000 Jahre lang haben wir dir Unrecht angetan. Du sollst nicht länger eine Randfigur sein! Du hast einen festen Platz in der Heiligen Familie, dort brauchen wir dich! Es gebührt dir Ehre, denn du warst entschlossen, deinen Jeschuah, den wir als Heiland verehren, von Kindheit an im Geist der Freiheit Gottes zu erziehen. Du hast seine Botschaft an die Menschen unterstützt und hast zu seiner Wegbereitung beigetragen. Habe Dank!"

Die Arbeiter stellten die Josephfigur ganz nahe an der Krippe auf. Ich sah Joseph aufmerksam an, und plötzlich hatte ich für einen kurzen Moment das Gefühl, als liege ein Lächeln in seinen Augen, wie es manchmal bei dankbaren Blicken der Fall ist.

 

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