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Machen Mütter Machos?

Fast hör ich ihn, den Aufschrei der Entrüstung - ausgestoßen von Müttern männlicher Nachfahren - beim Lesen dieser provokanten Frage. Ist sie wirklich provokant? Nach dem Duden bedeutet Macho nur "Sich betont männlich gebender Mann". Weiter nichts Schlimmes, oder?

Als ich schwanger war mit meinem Sohn, begann ich systematisch, mich mit allem zu beschäftigen, was damit zu tun hatte. Ich las über all die Dinge, von denen ich glaubte, daß sie in nächster Zeit auf mich zukommen würden. Wie unter Zwang beobachtete ich alle Mütter. Es ging mir wie den meisten Frauen während der Schwangerschaft. Plötzlich sieht man überall Mütter mit kleinen Kindern oder schwangere Frauen - , auf der Straße , beim Einkaufen, im Theater. Man beurteilt deren Verhalten und geht insgeheim streng mit ihnen ins Gericht, wenn man glaubt, schlimme Fehler zu entdecken.

Auch meiner inneren Kritik entging kaum eine Mutter. Nein, solch krasse Fehler wie die würde ich nicht machen. Wenn eine junge Mutter wieder mal einen schreienden, um sich schlagenden Jungen aus einem Laden zerrte, war ich innerlich entrüstet: Welch ein Verbrechen an der Kinderseele! Und erst das maßlose Verwöhnen der Kleinen. Manche Kinder ersticken förmlich in Spielzeug. Daß dabei kleine Jungs noch viel mehr bekommen als kleine Mädchen ist nicht mehr zu leugnen.

Nein, nicht mit mir. Ich würde da nicht mitmachen. Schließlich hatte ich ein Verantwortungsgefühl. Solche Fehler würden mir nicht passieren. Ich war so sicher, alles richtig zu machen - weil ich keine Ahnung hatte. Ich hatte die Sicherheit des völlig Unwissenden, der glaubt, alles zu verstehen.

Ich gebe zu, ich schaute ein bißchen herab, auf die offensichtlich überforderten Mütter kleiner Buben. Schließlich war jeder Mann einmal so ein kleiner Junge gewesen. Und wer, wenn nicht die Mutter, konnte ihn formen. Sie hatte es doch in der Hand, aus ihm einen wertvollen, edlen Menschen zu machen. Die Mutter und nur sie, in ihrer mächtigen Schlüsselrolle, hatte die Macht, alles, was ihr wichtig war, weiterzugeben an ihr Kind. Ihr und nur ihr war es möglich, aus ihrem Jungen einen liebenswerten Menschen zu machen. Wo nur kamen dann all die schlechterzogenen, missgelaunten Männer her? Das Gerangel im Berufsleben erinnert stark an die Zeit der Machtansprüche im Sandkasten: "Gib her die Schaufel, oder du kriegst eine drauf!" Viele Männer behandeln ihre Frauen wie Bedienstete und heucheln nach außen den emanzipierten Ehemann. Wie war das möglich? Wo blieb der Einfluß der Mütter? Was war schiefgelaufen? Hatten alle Mütter, aus deren süßen, kleinen Jungen Machos wurden, jämmerlich versagt? Ich, das stand fest, würde es besser machen. Viel besser.

Und dann kam ER. Er, der männliche Erdenbürger. Und all meine wunderbaren Theorien flogen - flugs - zum Fenster hinaus. Natürlich nicht für immer, nein, nur bis später irgendwann einmal. Schließlich war er noch sooo klein. Ich hatte nur noch Augen für ihn. Er drängte sich als Lebensmittelpunkt in mein - bis dahin durchorganisiertes - Dasein wie eine Naturgewalt. Diese Naturgewalt hatte mich (einschließlich des liebenden Papas) von Anfang an in der Tasche. Alles drehte sich um IHN. Sein Rhythmus wurde unser Rhythmus. Er schrie - wir sprangen. Und er schrie lauter als die kleinen Mädchen, die zusammen mit ihm im Babyzimmer der Klinik lagen. Viel lauter... Wäre mein Gehirn nicht gelähmt gewesen vom Syrup der Mutterliebe, vielleicht hätte mich dies erste Warnzeichen noch erreicht.

"Ach, was war er für ein süßes Baby. Das allerschönste auf der Welt!" Ich gebrauchte diese schwer abgedroschenen Phrasen so, als wären sie die wichtigsten Erkenntnisse nach Einsteins Relativitätstheorie. Es war passiert. Ich hatte mich eingeliedert in den Kreis liebender Mütter. Zutiefst bedauerte ich nun die Frauen ohne Kinder, wie sie empört den Kopf schüttelten, wenn sie sahen, wie eine Mutter ihr Kind verwöhnte. Ich war ja nun auf der anderen Seite. Für meinen wundervollen Sohn sollte es nur das Beste geben. Hier schnappte sie dann zu, die Falle. Der kleine Mann bestimmte in dieser Zeit fast unser ganzes Leben. Und ich fand das gut so. Unseren Papa rettete nur der Job vor diesem Babysog.

Nun werden sich Mütter und Väter von friedlichen Babys - deren Schreien sich in den bekannten Grenzen hält - über den Aufwand wundern. Mancher kennt ihn aber, den Dauerbrüller. Geplagt von schmerzintensiven Dreimonatskoliken schreit sich so ein armer Wurm von einer Erschöpfung in die nächste. Wer je ein Baby so durchdringend brüllen gehört hat, der weiß, daß auch die geduldigsten Eltern irgendwann einen Punkt erreichen, an dem sie alles tun würden, um den Kleinen zu beruhigen. Wir taten alles. So wurde auch unserem Kleinen früh eine Stellung zuteil, die nie für ihn vorgesehen war.

Meine wunderbaren Vorsätze hatte ich zurückgestellt für die Zeit nach den Koliken. Da würde der Kleine dann schon mal auf die Erfüllung seiner Bedürfnisse warten müssen. Da würden Mama und Papa nicht sofort springen. Oh, wir hatten uns mit psychologischen Ratgebern eingedeckt und wußten gut Bescheid. Nur, unser Sohn - der wußte das nicht.

Aus dem Schreikind entwickelte sich - Hiiilfe - ein liebenswertes Baby, ein richtiger Wonneproppen. Wer kennt sie nicht, diese knuddeligen, fröhlichen Geschöpfe, deren sonniges Wesen geradezu ansteckend wirkt. Sie lachen viel, freuen sich über jedes Spielzeug, jede Art der Beschäftigung.

Wirft man sie in die Luft oder rollt man sie über den Teppich, quittieren sie das mit herzhaften Lach- und Gluckslauten. Fast alles Eßbare scheint ihnen zu schmecken, ja sie entwickeln sich zu richtigen kleinen Genießern. Mit ihren großen, runden Babyaugen blicken sie so freundlich und vertrauensvoll in diese Welt, daß man..., ja, daß man wieder geneigt ist, alles, wirklich alles zu tun, damit dies immer so bliebe. Womit wir wieder beim Anfang wären, siehe Schreikind.

Gottlob - oder leider? - wird auch aus dem wunderbarsten aller Babys irgendwann ein Kleinkind, ein Kind. Betrachten wir mal das männliche Kind im Alter zwischen vier und fünf Jahren. Welche überzeugte Mutter bekommt da nicht leuchtende Augen? Die meisten Mütter sind verliebt in ihre kleinen Männchen. Mir ging es da nicht anders. Allein die Äußerlichkeiten: Diese feinen, schlanken, kleinen Körper. Die kleinen Gesichter mit samtigen, verklärten Augen und den langen Wimpern. Das feine Haar. Aber erst der Charme, den die kleinen Männer in dieser Zeit entfalten! Ohne jeden Mißton in der Stimme, ohne den leisesten Zweifel und aus tiefster Überzeugung sagen sie zu ihren Müttern: "Du bist die allerschönste Frau der Welt", (die objektive Richtigkeit spielt keine Rolle dabei). Selbst die drei - bei großen Männern so gefürchteten - Worte meistern die Kleinen problemlos. Jede Mutter schmilzt dahin, wenn sich zwei weiche Ärmchen um ihren Hals legen, während mit ernster, wichtiger Stimme die Worte `Mama, ich liebe Dich´ aus dem Kindermund kommen. Dies sind die Sternstunden jedes Mutterdaseins und keine Frau sollte es sich nehmen lassen, vorbehaltlos einzutauchen in diese wunderbare Liebe. Es ist eine einzigartige Beziehung zwischen Mutter und Sohn in dieser Zeit.

Papa darf in dieser Phase ruhig ein bißchen eifersüchtig sein. Er kommt noch früh genug dran, wenn in späteren Lebensjahren Rangeln und Kämpfen angesagt ist. Womit wir wieder beim Thema wären. Wächst er also heran, der kleine Mann, eingebettet in Liebe wie die Made im Speck, fühlt er sich sicher und selbstbewußt. Und zeigt es durch Macho-Gehabe.

Irgendwann kommt der Tag, da fällt die liebende Mutter aus allen Wolken. Ist das wirklich ihr kleiner Prinz, der da mit erhobenen Fäusten und wilder Gestik das kleine, niedliche Mädchen von der Schaukel vertreibt? Der wütend auf den besten Freund einschlägt? Mir ging bei so einer Situation jedenfalls endlich ein Licht auf: Mütter machen keine Machos - Mütter machen Männer. Nur - sie lieben sie eben und das ist gut so.

Der kleine Mann muß seinen Weg finden, und dazu gehört nun mal auch das "Sich messen", das "Kämpfen". Die Kraft dafür schöpft er aus dieser seiner ersten Liebe. Sind wir doch ehrlich, wir Mütter: Wir wollen ja auch keine "Weicheier". Wir wollen "starke Söhne", die klug agieren. Sie sollen eines Tages stark genug sein, um sich für Schwache einzusetzen.

Und wenn ich heute aufmerksam Ausschau halte, seh ich sie auch, die wirklich "starken Männer" : Da ist der Kleine, der seine gestürzte Schwester liebevoll tröstet. Da der rebellische Jugendliche, der, schwerbeladen, brav hinter seiner Oma hertrottet. Und ich seh den Familienvater aus Überzeugung, in dessen Augen das Bewußtsein steht, für das wenige, wirklich Wichtige im Leben.

Lassen wir uns also nicht beirren, wir Mütter von Söhnen. Versuchen wir unverdrossen, die männliche Energie in richtige Bahnen zu lenken. Und sparen wir ruhig etwas an den Spielsachen, niemals aber an unserer Liebe. Davon gibt es kein "Zuviel" für den kleinen "Macho".

 

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