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Was koche ich eigentlich morgen?

Ich saß am Küchentisch und schälte Kartoffeln.
"IMMER gibt es Kartoffeln!" dieser entsetzte, nervenzerreißende Aufschrei meines jüngsten Sprosses ließ mich in meinem derart verpönten Tun innehalten.
"Nie gibt es Nudeln! Ich will lange Nudeln!", bockig und trotzig blickten wir uns Auge in Auge! Julian stand und ich saß. Alles andere wäre unfair gewesen. Vorwurfsvoll baute er sich in der vollen Größe seiner fünf Jahre vor mir auf.
"Ja mein Kind", sprach ich zu meinem Sohn, "auch du hast deine Probleme mit mir. Aber auch wenn ich mich noch so sehr bemühe dir deine geliebten Spaghetti so oft es geht zu kochen, zu Kassler mit Sauerkraut schmecken die beim allerbesten Willen nicht."
Frustriert und schlechten Gewissens setzte ich mein unheilsames Tun fort. Es roch ja schon gut hier, in meinem Kämmerlein mit Herd und Kühlschrank. So zogs dann auch, wie jeden Abend, nacheinander alle meine Lieben zu mir an den Herd. Mit zuckenden Nasenflügeln und hellwachen Äuglein versuchten sie zu erspähen was denn wohl das allabendliche Mahl hergeben würde. Jeden! Lag das an den knurrenden Mägen oder am Familiensinn?
Ich mochte nicht weiter drüber nachdenken, diese trostlose Beschäftigung des Schälens warf mich sowieso jeden Tag um Jahre zurück. Und auf welch seltsame Gedanken man dabei kam. Fast wie beim Bügeln.

"Was gibt's denn heute?", hallte es fröhlich. Jörn hatte eigentlich immer gute Laune. Neugierig lugte er in die Töpfe.
"Kassler mit Sauerkraut, ohne Spaghetti!" erklärte ich ihm unumwunden.
"Igitt!"
"Bitte?"
"Spaghetti zu Sauerkraut?" Irgendwie war aus seinen Augen das Verlangen nach einer Zwangsjacke zu lesen.
"Ich sag ja ohne..."
"Aha?!?"
Mitleidigen Blickes schwebte er davon.
"Was soll ich eigentlich morgen kochen?" rief ich ihm hinterher. Knapp der Türöffnung entschwunden erhaschte ich gerade noch einen Blick auf seine ausgeprägte Rückansicht. Ganz schön stämmiger Kerl für seine fünfzehn Jahre, fuhr es mir durch den Kopf. Zur Antwort zog er die Schultern bis zu den Ohren hoch. Niemand mochte sich Gedanken machen.

Sven schlich an mir vorbei auf die dampfenden Töpfe zu.
"Isn dahas?"
"Kleine Hunde mit Perücken!"
Angewidert drehte er sich um. Den Spruch kannte er zur Genüge. Seit dreizehn Jahren. Von der Oma. Hatte ich mir ausgeliehen.
Ich preschte nach vorn. "Was wollen wir denn morgen essen?" Als Antwort bekam ich ein Gesicht zum Verlieben. Wie Essiggurken mit Erdbeeren auf Sauerkraut.
"Weißichdochnich!"
Auch `ne Antwort.

Nun lenkte Nina ihre Schritte erhobenen Hauptes am schnippelnden Dienstpersonal vorbei, genau dorthin wo's am leckersten roch.
"Sauerkraut?"
Das Fragezeichen stand drohend vor ihrer Stirn. Den Topfdeckel in der Hand sah sie mich verzweifelt an. Ich sprintete ihr entgegen. Gemeinsam schauten wir in den Topf.
"Lass mal sehen! Tatsächlich! Sauerkraut! Wie ist der denn dahin gekommen?"
Maulend schlich sie sich davon.
"Sollichnmorgnkochnnnnn?" rief ich aus der Ferne ihr nach.
"Eierpfannkuchen! Milchreis! Eier mit Senfsoße!" klang es schallend über die Schulter des pubertierenden Teenagers zurück. Der Unterton machte mir Kopfzerbrechen. Klang wie: ,Kannstenichalleinedenken?'
Na, dann hätt' ich ja wieder mein Reich für mich.

"Nach was riecht's denn hier so gut?" Mein Mann leckte sich die Lippen als er die Küche betrat. Nun waren wir vollständig.
"Sauerkraut! Mit Spaghetti!" antwortete ich brav.
"Mit was?"
"Auf Wunsch eines einzelnen Herren."
"Kannst du denn keine Kartoffeln dazu kochen?"
Nahm er es denn für Ernst? Anscheinend! Schien mich noch immer nicht zu kennen, mein geliebter Ehemann.
"Können kann ich, hab ich mal gelernt, auf der Hilfsschule für Kartoffelkocher! Was meinst du denn was ich hier schäle? Spaghetti?"
"Du machst doch nicht wirklich Nudeln dazu?"
"Nicht wirklich!"
Beleidigt zog er ins Exil.

Herrlich! So einsam und allein dazusitzen, die Schale von den Kartoffeln zu schnipseln, seinen mörderischen Gedanken nachzuhängen und hin und wieder mal Besuch zu bekommen. Was wollte man mehr? Konnte das Leben schöner sein? Meine Gedanken kreisten um die bevorstehende Mahlzeit des nächsten Tages. Was gibt's also morgen? Eingedeckt mit der Überzahl an gutgemeinten Vorschlägen konnt ich mich kaum noch retten. Ich ließ meine Seele baumeln und dachte an gar nichts. - Immer ich!

Meine Nachbarin und Rettung verlorener Kochtöpfe steckte ihren hübschen Lockenkopf zur Tür herein. Heike kam mir gerade recht.
"Nun sag du mir doch mal was ich heute kochen soll!"
"Das weiß ich doch nicht. Ich muss selbst jeden Tag auf's Neue überlegen".
Also doch. Nicht immer nur ich!
"Ich will doch auch nur einen Tipp. Irgendetwas brauchbares", ich bettelte geradezu. "Einen ganz klitzekleinen Einzigen. Mehr verlange ich doch gar nicht. Was gab's denn gestern bei euch?" In fremde Töpfe zu gucken war ja eigentlich nicht mein Ding.
"Bratwurst", kam prompt die Antwort.
"Isst bei uns niemand, von Julian und mir mal abgesehen, alle anderen sind absolute Gegner von Bratwürsten aller Art. Selbst vom Grill bevorzugt meine Familie deftige Stücken Fleisch."
"Auch keine Currywurst?"
"Traue ich mich nur alle vier Wochen mal. Hatten wir erst letzte Woche".
"Hm",
",Hm' höre ich jeden Tag fünfmal, hilft mir auch nicht weiter."
"Kartoffelpuffer!" sie strahlte über das ganze Gesicht.
"Prima Idee, nur für fünf Stück lohnt der ganze Aufwand nicht."
"Nimm eingefrorene",
"Die schmecken wie Gummisohlen mit Fett"
"Stimmt", und ihr Strahlen entwich ebenso schnell aus ihrem hübschen Gesicht wie es erschienen war.
"Nudelauflauf",
"Keine Aufläufe für meinen Mann, nichts was durcheinander ist"
"Erbseneintopf"
"Hatten wir gestern"
"Spaghetti mit Soße"
"Vorgestern"
Entnervt sah sie mich an. Verwundert, dass ich so ruhig blieb.
"Was essen sie denn überhaupt?"
"Fleisch!"
Stolz präsentierte ich dieses Wort wie eine Trophäe.

Fleisch essen alle.
Schnitzel mit Bratkartoffeln - Schweinebraten - Hackbraten - Rinderbraten - Eisbein - Geschnetzeltes - Kassler (ich hasse Kassler, doch wer fragt mich schon) - Buletten - Nur gegen Königsberger Klopse habe ich mich verweigert. Beim Anblick dieser kleinen, ekelig grünen und matschigen Kapern und den Gedanken, diese Dinger im Mund zu haben und versehentlich draufzubeißen bekomme ich eine Gänsehaut. Wird mir übel. Dieses Recht habe ich mir einfach herausgenommen. Soll die Oma kochen. Können sich ja dort einladen.
Rouladen - Gulasch - Sauerbraten -
Gemüse? Viel zu gesund! Muss nicht sein!

Und morgen? Sehr viel schlauer war ich bislang nicht geworden. Fing das ganze Drama wieder von vorne an?
Nein! Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Na klar doch!
Spinat!
Allein das Wort genügte um die gesamte Mannschaft rebellieren zu lassen. Wie eine Drohung. Die Resonanz war ungeheuerlich. Da sprudelten die besten Vorschläge hervor wie aus einer frischen Quelle. Ich brauchte mir nur noch etwas passendes herauszusuchen.
Na also!
Geht doch!
Bis es das nächste Mal Spinat gibt.

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