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Die Begegnung, oder - Eine fast wahre Geschichte

Als Mike eine Hand auf seiner Schulter spürte, wusste er gleich Bescheid.
"Mist", fluchte er innerlich. Fast hatte er es geschafft und wäre draußen gewesen. Und dann war plötzlich, wie aus dem Nichts, dieser Typ neben ihm aufgetaucht und hatte ihn festgehalten.
"Na, mein Freund, dann gib mir mal die ,CD', die du da in der Jackentasche hast! Die hast du doch nicht bezahlt, oder?" Der Kaufhausdetektiv sagte es ruhig und bestimmt und streckte die Hand erwartungsvoll aus.
,Natürlich nicht, das hast du doch genau gesehen', hätte Mike ihm am liebsten ins Gesicht geschrien. Doch er wusste aus Erfahrung, dass es besser war, in solchen Situationen den Mund zu halten. Statt dessen zuckte er nur mit den Schultern, was einem Geständnis gleichkam. Er reichte dem Mann die gestohlene "CD" und sah sich vorsichtig um.
Sie standen am Ausgang des Kaufhauses, und ein paar der vorübereilenden Kunden schauten zu ihnen herüber. Ein Kind blieb stehen und gaffte ihn an.
Peinlich, das Ganze! Er spürte, wie er rot wurde.
"Du kommst erst mal mit mir!", forderte der Detektiv ihn auf. Der kleine, grauhaarige Mann in der unauffälligen Windjacke nahm ihn mit festem Griff am Arm und schob ihn vor sich her. "Gehen wir erst einmal in mein Büro", sagte er noch.
Sekundenschnell schoss Mike der Gedanke an Flucht durch den Kopf. Aber tatsächlich hätte er es nicht geschafft, wegzulaufen. Als hätte er innerlich resigniert in dem Augenblick, als er gefasst wurde.
In dem kleinen Büro setzte sich der Detektiv gleich hinter seinen Schreibtisch. Als er sah, dass Mike an der Tür stehen blieb, deutete er auf einen freien Stuhl und meinte: "Setz' dich ruhig, es wird vielleicht länger dauern."
Mike fühlte sich unbehaglich, und das lag nicht nur an der unerfreulichen Situation, in der er sich befand. Er hatte gleich bemerkt, dass es in dem winzigen Raum kein Fenster gab. Damit war nicht einmal die Illusion eines Auswegs vorhanden. Er hasste das!
Dennoch ließ er sich demonstrativ lässig auf den harten Holzstuhl plumpsen und stierte auf den Kalender an der gegenüberliegenden Wand. Zwischendurch warf er einen verstohlenen Blick auf den Mann hinter dem Schreibtisch.
Der Hausdetektiv kramte langsam und umständlich aus einer Schublade ein paar Formulare hervor und beschäftigte sich länger als nötig mit seinen Schreibutensilien. Das gehörte zu seiner Taktik.
Er kannte diese Burschen zur Genüge und hätte nicht aufzählen können, wie viele von ihnen schon auf diesem Stuhl gesessen hatten. Am Anfang gaben sich alle gleichermaßen cool, erst später stellte sich heraus ...
Er würde bald wissen, was es mit diesem Jungen auf sich hatte. Er musterte ihn schweigend. Dreizehn, höchstens vierzehn Jahre alt war er, schmächtig und verloren wirkte er in der viel zu großen, schmuddeligen Jeansjacke. Unter den hellblond gebleichten Haaren, die ihm in die Stirn fielen, blickten blaue Kinderaugen ängstlich und unsicher, was so gar nicht zu der lässigen Pose passen wollte, mit der er die langen, dünnen Beine von sich gestreckt hatte.
Der Mann räusperte sich. "Also, ich heiße Finke", begann er, "und jetzt wüsste ich gerne deinen Namen und deine Adresse. Hast du zufällig einen Ausweis dabei?"
Mike schüttelte stumm den Kopf. Er fühlte sich erbärmlich. Vorhin war ihm alles so einfach erschienen. Er hatte sich vorgestellt, zwischen den vielen Menschen unbemerkt verschwinden zu können.
Und nun saß er hier und weigerte sich weiterzudenken. Seine Eltern, besonders sein Vater, würden durchdrehen. So etwas hatte gerade noch gefehlt!
"Ich frage noch einmal: Wo wohnst du und wie heißt du?"
Finke riss ihn aus einen Gedanken.
Als weiterhin keine Antwort kam, seufzte der ältere Mann vernehmlich und fuhr dann fort, auf den Jungen einzureden. "Hör zu, ich kann auch gleich die Polizei rufen. Die kriegen dann schon raus, wer du bist. Aber vielleicht können wir uns das ja sparen, und du sagst mir jetzt, was ich wissen will."
Bei dem Wort "Polizei" spürte Mike Panik in sich aufkommen. Innerlich verzweifelt, doch bemüht, so gleichgültig wie möglich zu klingen, machte er einen Versuch:
"Sie haben doch Ihre ,CD'", sagte er, "da können Sie mich doch eigentlich laufen lassen."
Und nach einer Pause kam noch etwas leiser: "Vielleicht hätte ich sie ja auch noch bezahlt."
"Na sicher", antwortete Finke gleichgültig. Er kannte auch diese Masche. Jedoch war ihm das Zittern in der Stimme des Jungen nicht entgangen.
"Pass auf", fuhr der Mann jetzt in förmlichem Ton fort, "wir bringen jeden Ladendiebstahl zur Anzeige, das kannst du überall auf großen Tafeln lesen. Es sei denn, du bist noch keine vierzehn Jahre alt - bist du doch nicht, oder? - , dann gibt es keine Anzeige. Dann benachrichtige ich nur deine Eltern, und die müssen dich hier abholen. Also, jetzt sag' endlich was, sonst sitzen wir beide morgen noch hier."
Finkes letzte Worte hatten einen ungeduldigen, wenn auch nicht unfreundlichen Ton angenommen. Dieser Bursche vor ihm gehörte nicht zu den Hartgesottenen, da war er sich sicher. Die bewusst arrogante Haltung konnte ihn nicht täuschen.
"Ich kann's abwarten, nach Hause zu kommen", kam es nach einer Weile trotzig von Mike.
"Gibt sicher Ärger zu Hause, ist klar", entgegnete Finke.
"Ärger!" Mike schnaufte verächtlich. "Verprügeln wird er mich nach Strich und Faden."
Bei der Vorstellung, was ihn erwartete, spürte Mike seine Selbstbeherrschung schwinden. Er kämpfte mit den Tränen, als er hervorstieß:
"Lieber säß' ich irgendwo einen Monat, als mich jetzt hier abholen zu lassen. Und das alles wegen einer dämlichen ,CD', für die ich kein Geld krieg', weil ... Und hier liegt das Zeug haufenweise herum. Fällt doch gar nicht auf, ob's eine weniger ist. Ist doch egal ..." Er stockte, wohl wissend, dass er im Unrecht war.
Und dennoch. Es war einfach ungerecht!
Finke schwieg. - Der Ausbruch des Jungen traf ihn, rührte an seiner eigenen Unsicherheit, die ihn in letzter Zeit häufiger zum Grübeln brachte.
Er ließ sich normalerweise durch nichts erweichen. Seit vielen Jahren war es sein Job, Ladendiebe zu stellen und sie ihrer Strafe zuzuführen. Dafür wurde er bezahlt, nicht für seine persönliche Einschätzung. Seine Gefühle hatten hier nichts zu suchen.
Doch etwas war anders geworden. Immer jüngere Menschen landeten in seinem Büro und brachten ihn um seine Ruhe.
Wie und warum sollte er weiterhin ein Gesetz hochhalten, das offenbar keinem mehr etwas nützte? Es schreckte weder irgendjemanden ab, noch veränderte es etwas in der Gesellschaft und an deren Moral.
Die Ordnung hier drinnen hatte keine Wirkung mehr, weil die Welt draußen immer ungerechter und gesetzloser wurde. Er sah die Mutlosigkeit des Jungen, der sich verstohlen die Tränen wegwischte.
Mike hatte es aufgegeben, seine coole Haltung aufrecht zu halten. War doch sowieso egal, was dieser Typ von ihm dachte. Er schniefte so geräuschvoll, dass Finke ihm ein Taschentuch herüberreichte.
Sie schwiegen beide lange. Jeder auf seine Weise erschöpft und müde.
Finke sprach schließlich als Erster wieder: "Vielleicht wolltest du die ,CD' ja doch noch bezahlen."
Er schaute Mike bei diesen Worten scheinbar ungerührt an.
"Beim nächsten Mal zahlst du lieber etwas früher, dann gibt es erst gar keine Missverständnisse. - Du kannst gehen." Mike war zu verblüfft, um irgend etwas zu erwidern. Der Detektiv schien ihn nicht weiter zu beachten, und er verließ schleunigst das Büro.
Finke starrte auf die Tür, die sich hinter dem Jungen geschlossen hatte. Früher war ihm keiner so davongekommen. Er sollte sich einen anderen Job suchen, bevor sie ihm auf die Schliche kamen.
Ja, das sollte er tun.

 

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