Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Ein Paar Kirschen
Wenn ein Reisender sein Ziel erreicht, jenen fremden Ort, an dem er fortan leben wird, öffnet er ihm seine Sinne auf ganz eigene Weise. Ohne Kentnisse wählt er aus und beginnt damit, seine Geschichte an diesem Ort zu schreiben, vielleicht ohne es zu bemerken. So geschah es jedenfalls Nadine Streiff, die an einem frühsommerlichen Samstagmorgen das Bahnhofsgebäude verließ. Hoch über den Altstadtdächern sah sie die Kathedrale thronen, unten lag das Seeufer mit seinen Promenaden und Casinos. Ein Netz von breiten, steilen Straßen, Brücken, Aufzügen und Metrogleisen umspannte die ungleichen Teile der Stadt; Nadine aber schlüpfte durch die Maschen, ließ das Imposante unbeachtet. Sie tauchte ein in die schmalen Gassen der Altstadt, nahm den Rhythmus der vielen Schritte auf, lauschte dem Plätschern der üppig bewachsenen Brunnen und jener vertrauten, seltsamen Sprache, deren Betonung sie nie ganz beherrschen würde. Sie horchte hinein in die Melodie der Stadt - würde es die ihre werden können?
An einen kleinen Platz pausierte sie, lehnte sich gegen eine Mauer und sagte: "LAUSANNE...LAUSANNE...LAUSANNE..." Sie spürte den eigenen Atem, wie er sich mit den Klängen ringsum vermischte, ihr Herz klopfte rascher. Zugleich umfing sie ein Strom von Obst- und Blumendüften; sie lief los, eine steile Gasse hinab, vorbei an langen Reihen von Marktständen, wurde immer schneller, stolperte unter der Last ihres Gepäckes und prallte unten an der Ecke gegen einen dreirädrigen Karren. Sie sah Kirschen auf sich zurollen, verlor das Gleichgewicht, glitt aus. Hinter dem Karren kam ein schmallippiger junger Mann hervor, packte sie bei der Linken und zog sie aus einer großen roten Pfütze: "Sie wünschen, Mademoiselle? Ein Pfund, ein Kilo?" "Äh, pardon, ich..." "Fremd hier, hm?" Er liess die Hand los, sie hatte erstaunlich feste, schwielige Fingerkuppen und ganz kurze Nägel. Seine dunkelgrauen Augen wanderten an ihr empor, bis zum Hals, wo ein rötlicher münzgroßer Fleck prangte. Er nickte und reichte ihr eines der Gepäckstücke: "Geige, ja? Das Konservatorium ist in der anderen Richtung!" Eilig hob sie die restlichen Sachen auf: "Danke, zum Konservatorium muß ich erst übermorgen." Er rief noch: "Vergessen Sie nicht, Kirschen zu kaufen, Mademoiselle! Die Zeit ist kurz.", doch sie war schon um die Ecke gebogen.
In ihrem Zimmer hoch über der Place Riponne übte Nadine Geige - fünf, sechs, sieben Stunden am Tag. Bis sie feststellte, daß sie die eigenen vier Wände mit jemand Unsichtbarem teilte: Nebenan wurde gesungen. Tief, kräftig und manchmal genau passend zu ihren Melodien. Sie schlug wütend mit der Faust gegen die Wand, bis es ruhig wurde. Kurz darauf klopfte es an ihre Tür: "Hallo, ich bin Ihr Nachbar, Daniel Bertin. Ich studier` Gesang." "Achso!" Sie starrte in die dunkelgrauen Augen: "Ich dachte, Sie verkaufen Kirschen!" "Das auch, mittwochs und samstags. Ich hab` halt kein Stipendium oder sowas. Und Sie?" Heftige Röte kroch ihren Hals empor, sie fauchte: "Mein Name steht neben der Tür, und alles andere geht Sie nichts an!"
Von nun an übte sie im Konservatorium, denn der Gesang war ihr lästig. Sie übte energisch und besessen; und während jeden Tag die Sonne länger über der Stadt stand, die Rhododendronblüten am See aufbrechen ließ und die Leute in die Straßencafés lockte, wich immer mehr jene Leichtigkeit von ihr, die sie anfangs verspürt hatte. Am Montagabend erreichte sie erschöpft und hungrig ihr Zimmer. Sie wollte gerade die Tür aufschließen, da entdeckte sie über dem Knauf ein prächtiges Paar Kirschen. Sie legte sie im Zimmer in eine Schale, doch eine eigenartige Scheu hielt sie davon ab, sie zu essen.
Von nun an fand sie nicht nur jeden Abend ein Kirschenpaar über dem Türknauf (das in die Schale wanderte, und diese dann in den Kühlschrank), sondern auch verschiedene Zettel, die jemand unter der Tür durchgeschoben hatte. Mal war es ein Kinoprogramm, mal eine Wanderkarte, der Schiffsfahrplan, dann eine Einladung zum Chansonabend - Solist: Daniel Bertin...
Am Sonntag hätte sie Zeit gehabt, auszugehen, doch als sie erwachte, fiel ihr Blick auf die Datumsanzeige des Weckers und eine panikartige Starre ergriff sie. Drüben begann sich Daniel einzusingen; er übte Lieder, Arien und Rezitative von Bach, Mozart, Reger und Hindemith, Stunde um Stunde, und sie saß regungslos auf dem Bett. Dann aber räusperte er sich und intonierte mit leiser, weicher Stimme: "Wenn die Zeit der Kirschen kommt, singen Amsel und Nachtigall und alle feiern ein Fest..." Sie versuchte, wegzuhören, doch da sieht sie sich auf einmal die Hände ausstrecken, ein kleines Mädchen von fünf Jahren, sie pflückt alles, einmal hat sie Vogelbeeren erwischt, und ihr ist es elend danach gegangen.
"Sie ist kurz, die Zeit der Kirschen, da wir träumend rote Ohrgehänge pflücken..." Sie hält ihre Ohren zu, doch die Erinnerung ist stärker. Zwölf Jahre alt, macht sie ihre erste Reise allein. Das Dröhnen wird immer stärker, und als das Flugzeug abhebt, schliesst sie die Augen, ihr schwindelt. Vor der Landung packt sie die Tüte mit Kirschen aus, Futter gegen den Ohrendruck. Sie ißt alle, bis auf zwei Paare, die hängt sie über ihre Ohrmuscheln. Später, hinter der Glasscheibe, die Ankommende und Abholende trennt, spürt sie die Blicke auf sich, ist voller Stolz auf ihren Schmuck, stolz, erwachsen zu sein.
"Sie ist kurz, die Zeit der Kirschen, sie fallen hinab wie Tropfen von Blut..." Plötzlich fiel die Starre von ihr ab, sie hörte sich schreien: "Aufhören! Aufhören!!", wie damals, vor genau einem Jahr. Nach dem Konzert hat Rombach sie in den Probenraum geschubst und ihn verriegelt: "Na los, was ist, Mädchen, wir sind doch ein gutes Duett, oder?!" - "Nein, laß mich in Ruhe!" - Er drängt sie immer weiter an die Wand: "Willst du nun dein Stipendium oder nicht?" - "Aufhören, aufhören!!" Ihr Kopf schlägt gegen die Wand, ihre Fäuste hämmern immer heftiger. Dann Stille. Sie fühlte, wie sie die Wand hinabrutschte und zitternd auf den Fußboden sank. Da sah sie, wie ein Zettel sich durch den Türschlitz auf sie zu bewegte: "Ausstellung Mario Avati; Gravuren schwarz-weiß-rot, in der Hermitage, Route du Signal 2." Das abgedruckte Bild trug den Titel: "Der heftige Eklat der roten Kirsche." Sie zerknüllte das Blatt und blieb auf dem Boden liegen, bis der neue Tag begann.
Als Nadine am Montagabend aus dem Konservatorium kam, trat ihr jemand auf der Treppe entgegen. "Hallo, Nachbarin, was macht die Musik? Schade, daß ich zuhause nichts mehr davon hören kann." "Das könnten Sie, falls Sie Ihre Stimmbänder mal schonen würden!" "Also, ich fand es eigentlich ganz hübsch im Duett!" Da geschah es. Sie schlug ihm ins Gesicht: "Hau ab!!" Er blickte ihr ruhig in die Augen, sagte leise: "Jetzt hör mir mal zu, Mädchen: Wenn du die andere Nadine, du weißt schon, jene von damals, vom Markt; also wenn du die eingepackt und dorthin zurückgeschickt hast, wo du herkommst, dann ist es besser, du reist ihr schleunigst hinterher. Denn wer einen Teil von sich verstößt, ist ohne Gleichgewicht und kann keine Wurzeln schlagen."
Eine harte Woche lag hinter ihr, jeden Tag Ensembleproben. Erst am Samstagmorgen, als der Lärm des Flohmarktes vor dem Palais de Rumine zu ihr hochbrandete, fiel ihr auf, daß etwas anders war. Sie ging im Zimmer umher und fand es leer und unbehaust: kein Zettel auf dem Boden, kein Gesang nebenan, keine Kirschen. Sie sah in den Kühlschrank, doch die Gaben der vorletzten Woche waren schon verschrumpelt. "Die Zeit ist kurz..." Ihr Blick fiel auf das zerknickte Bild von Avati - nächste Woche sollte die Ausstellung enden. Sie steckte den Prospekt ein, ging die Treppenstufen hinab, über den Flohmarkt, die Route du Signal hinauf, es war nicht weit bis zur Hermitage. "Ohne Gleichgewicht kannst du keine Wurzeln schlagen", hörte sie Daniels Stimme, als sie vor dem hochformatigen Original stand. Gegen den dunklen Hintergrund hoben sich zwei hellere Gegenstände ab: Von der Geige rechts im Bild war nur die linke Korpushälfte sichtbar; hingegen die weitausladende Schale mit dem sanduhrförmigen Fuß auf der linken Bildseite war vollkommen abgebildet. Dort, wo sich die Ränder beider Gegenstände berührten, war der Kontrast zwischen hell und dunkel am größten. Das stärkste Leuchten aber ging von der roten Kirsche aus, die über der Schale schwebte. Nadine meinte schon, das Bild lange genug betrachtet zu haben, da entdeckte sie eine zweite, gleiche Kirsche ganz unten in der linken Bildecke - dieselbe zu verschiedener Zeit oder die zweite aus einem Paar? "Der heftige Eclat der roten Kirsche", murmelte sie: "Eclat, das heißt Aufprall, Aufleuchten, Klirren, Platzen, ja...und der Skandal, das Aufsehen..." Sie schloss die Augen. Würde sie ihr Gleichgewicht finden? Erst fühlte sie heftigen Schwindel, als hätte sie einen Stoss bekommen, dann war es nur noch ein Schwanken, Schweben und endlich ein Vibrieren der Füße auf dem Boden. Die stumme Geige hatte zu klingen begonnen, sie war lebendig geworden. "Und weisst du, was ich glaube?" hörte sie es flüstern: "er hat das Bild allein für Sie geschaffen, der Avati." "Daniel?" sie blickte auf, doch da stand nur ein Wärter: "Mademoiselle, Mittagspause!" "Wie bitte, haben Sie etwas gesagt?" "Ich sagte gerade, Sie glauben wohl, er habe das Bild allein für Sie geschaffen, der Avati." "Ja." Sie lächelte. "Aber lassen Sie`s nur hier, ich bin auch mit einem Poster zufrieden!" Kopfschüttelnd verkaufte er ihr das Poster, sah sie bald darauf die kurvigen Parkwege hinunterjagen und hinter einem Zaun verschwinden.
Der Markt löste sich schon auf, als sie ankam. Atemlos stürzte sie auf den dreirädrigen Karren zu, der an der Ecke zur Place Madeleine stand. "Sie wünschen, Mademoiselle? Ein Pfund, ein Kilo?" Die dunkelgrauen Augen wanderten an ihr empor. Langsam streckte sie ihre Linke vor und öffnete sie: "Ein Paar, bitte." "Ein Paar Kirschen, ja?" Die Umstehenden lachten. Sie nickte und kramte nach Geld. Er winkte ab: "C`est gratuit, Mademoiselle", legte ihr ein tiefrotes, glänzendes Kirschenpaar in die Hand, flüsterte dann: "Aber du musst mir versprechen, daß du sie isst, Nadine!" "Ja, Daniel." Da stand sie nun mitten in der Fußgängerzone von Lausanne, die zwei rundlichen Früchte in der Hand und dachte an alles - an die Vogelkirschen der Kindheit, die Ohrgehänge der Mädchenzeit und die rote Pfütze, aus der er sie hochgezogen hatte. Ihre Lippen schlossen sich um die erste Kirsche, und während das Fruchtfleisch platzte und seine Süße und seine Säure auf der Zunge zu einem kleinen Schauer zusammenflossen, klangen die Schlussverse von Daniels Kirschenlied in ihr: "...ich trage seitdem eine offene Wunde im Herzen. Und doch liebe ich die Zeit der Kirschen und die Erinnerungen daran." Als sie sich umdrehte, räumte Daniel schon den Stand ab. "Na, junge Dame, noch etwas Wegzehrung?" "Danke, sehr lieb, aber ich hab`s nicht weit, bin gleich schon zuhause." Überrascht lächelte er: Sie hatte "zuhause" gesagt.



