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Der Mühlstein von Majdanek
Meine Reise in die Vergangenheit begann, als ich beim Durchblättern einer Illustrierten einen Artikel entdeckte, in dem die zähen Verhandlungen um eine Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter kritisiert wurden. Auf einem Photo präsentierte man die Unterhändler in der kühlen Atmosphäre einer Hotelhalle - und da erkannte ich ihn. Tatsächlich, es war der kleine Moische, mein Moische aus der Jerusalemer Ben Maimon-Straße. Er hatte es also geschafft! Ich versank in den entschlossenen Blick hinter der dicken Hornbrille, ein größeres Modell der gleichen Brille, die ich vor zwanzig Jahren so gefürchtet hatte, wenn ich durch das Treppenhaus schlich, um den alten Mann zu besuchen. Ein Strudel der Erinnerungen riss mich in den Tunnel der Zeit, den ich genau dort verließ, wo ich dem Alten erstmals begegnet war: Ich saß an meinem Schreibtisch, gebeugt über Dokumenten unfassbaren Leidens, die ich als Zivildienstleistender in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem vor dem Vergessen bewahren wollte. Erstaunt blickte ich auf, als sich die Tür einen Spaltbreit öffnete und ein fahles, eingefallenes Gesicht in der Lücke erschien, auf dem sich eine so grenzenlose Einsamkeit widerspiegelte, wie sie nur von einem grausamen Schicksal ausgelöst werden kann. Als der Alte mich erblickte, erbebten die zerfurchten Wangen zu einem melancholischen Lächeln und ich konnte nichts anderes tun als die Augen niederzuschlagen. Ich hörte den schlurfenden Gang eines vernichteten Mannes, der sich wie in Zeitlupe auf mich zu bewegte, wobei er sichtlich um eine aufrechte Haltung bemüht war. In der linken Hand trug er eine Plastiktüte, die von einem Schuhkarton ausgebeult war; den rechten Arm hielt er leicht vom Körper abgewinkelt, als läge hier die Balance, die er für seine schwerfälligen Bewegungen benötigte. Er war nicht der erste Lagerhäftling, mit dem ich in Yad Vashem zusammentraf. Es waren immer Begegnungen, die mich aufgewühlt und oft genug aus der Fassung gebracht hatten. Bevor ich ihn begrüßen konnte, war Hadassa von dem Schreibtisch hinter mir aufgesprungen und eilte auf den Greis zu, den sie mit der offenen Herzlichkeit umarmte, die ich an meiner Kollegin so schätzte. Hadassa Modlinger hatte Auschwitz überlebt und bis heute staune ich, wie vorurteilslos sie mich als Deutschen in ihrem Büro aufgenommen hat. Sie stellte mich dem Alten vor, der mir ein so ehrliches Lächeln schenkte, dass ich keine Worte fand, um seine Freundlichkeit zu erwidern. Verblüfft hörte ich, wie Hadassa mir eine kleine Sarah vorstellte und dabei auf die leere Hand deutete, die Dr. Körner noch immer seltsam gekrümmt abgestreckt hielt. Gerade rechtzeitig gewahrte ich die Zeichen, die sie mir gab und erschauderte. Mühsam beugte ich mich hinab, um das kleine Mädchen zu begrüßen, das es nicht mehr gab. Der alte Mann strahlte vor Stolz. Er legte die Plastiktüte auf meinen Schreibtisch und zog den Schuhkarton heraus. Vorsichtig öffnete er den Deckel, den er wie einen Schutzschild über rote Kinderschuhe hielt. "Es ist ein Geschenk. Sie soll es noch nicht sehen." Nach einigen Augenblicken beklommenen Schweigens fügte er flüsternd hinzu: "Rot ist ihre Lieblingsfarbe." Ich nickte sprachlos und kämpfte mit den Tränen. Hadassa führte Dr. Körner in die Bibliothek, wo sie ihm einige Dokumente zu lesen gab. Als sie zurückkam, erzählte sie mir die Geschichte des alten Juden, der bis zur Machtergreifung der Nazis eine angesehene Arztpraxis in Wien geführt hatte. Nach demütigenden Schikanen im grölenden Wien wurde er mit seiner Frau und den vier Töchtern auf Viehwaggons verladen und in das Ghetto von Lodz verschleppt. Wie durch ein Wunder gelang es ihm, die Familie zusammenzuhalten, bis zu dem Tag, an dem ihre Straße in das Vernichtungslager Majdanek deportiert wurde. Noch auf der Verladerampe in Majdanek war er bemüht, die erschöpften Frauen aufzumuntern. Erst als die SS-Ärzte ihn bei der Selektion von Frau und Kindern trennten, verlor er jede Hoffnung und bettelte flehentlich um das Leben seiner Liebsten. Kräftige Männer zerrten ihn zu der Schlange der Zwangsarbeiter, schreiend vor Schmerz musste er mit ansehen, wie seine Frau und die Töchter zur Gaskammer abgeführt wurden. Schon hatte er sie aus den Augen verloren, als ihm plötzlich panische Angstschreie der kleinen Sarah in den Ohren gellten, die noch in Wien kurz vor ihrer Deportation geboren war und um die sich der Vater ob ihrer freudlosen Kindheit stets besonders liebevoll gekümmert hatte. Er erstarrte, als er den hünenhaften SS-Mann sah, der das verzweifelte Mädchen zu einer Gruppe von Offizieren zerrte, die sich lachend unterhielten. Ein gedrungener Bursche trat vor und spannte die Muskeln unter der schwarzen Uniform. "Weg mit dem Ungeziefer", brüllte er mit hassverzerrtem Gesicht und stürzte sich auf das entsetzte Kind. Überraschend bückte er sich vor dem schlotternden Mädchen, packte es am Fußknöchel und schleuderte es mit kräftigem Schwung über seinen Kopf. Ein fürchterlicher Schrei zerriss die Luft, der von einem dumpfen Knall abgeschnitten wurde, als der Kinderkopf auf einem blutverkrusteten Mühlstein aufschlug. Mit einem angewiderten Blick auf das zerplatzte Kindergesicht wandte sich der Mörder seinen Kameraden zu, die ihm anerkennend auf die Schultern klopften. Wie gelähmt stand Dr. Körner unter den entsetzten Häftlingen, teilnahmslos erwartete er den Abtransport in das Lager. Der letzte Schrei der geliebten Tochter hatte ihn wie einen Starkstromschlag getroffen, hatte auch seinem Leben ein Ende bereitet .Und doch musste er leben. Die erniedrigendsten Schindereien, Hunger, Krankheiten, das Leiden und Sterben um ihn herum konnten ihm nichts mehr anhaben. Dr. Körner und die kleine Sarah hatten sich in unzertrennbare Engel verwandelt, die nun sowohl im Himmel als auch auf Erden wandelten. In den Wochen nach unserer ersten Begegnung freundete ich mich mit Dr. Körner an. Er kam anfangs einmal, später zweimal wöchentlich in mein Büro und erzählte mir von seinem Wien, als man das Wasser noch aus Brunnen schöpfte und Pferdedroschken über Kopfsteinpflaster ratterten. Er lud mich ein, ihn zu besuchen und wir stellten fest, dass wir in der selben Straße wohnten. Die Ben Maimon-Straße im Zentrum Jerusalems bildete einst das Herz des deutschen Viertels, doch inzwischen gab es nur noch wenige deutschsprachige Juden, die meist zu gebrechlich waren, um Kontakte zu pflegen. Der alte Mann bewohnte ein bescheidenes Appartement im dritten Stock einer Mietskaserne ohne Aufzug und dort begegnete ich erstmals dem kleinen Moische. Moische wohnte mit seiner Mutter in der Wohnung neben Dr. Körner und umsorgte ihn mit einer stillen, aufrichtigen Zuneigung. Sein Großvater hatte sich schon in Majdanek um den Mann gekümmert, der nicht sterben durfte, weil er seine kleine Tochter beschützen musste und hatte ihn mitgenommen, als er nach Palästina aufbrach. Längst war der Großvater verstorben und Moisches Vater war im Yom Kippur-Krieg gefallen. Moische erschien immer, wenn der Greis auf Hilfe angewiesen war, half ihm die Treppe hinauf, versorgte seine Wohnung und brachte das Essen, das die Mutter zubereitet hatte. Er war sehr klein für seine 15 Jahre, weshalb ihn alle den "kleinen Moische" nannten, doch hinter einer dicken Hornbrille verbarg sich ein entschlossener Blick. Anfangs starrte er mich nur hasserfüllt an und wechselte kein Wort mit mir. Er hatte mich bereits im Visier, wenn ich das Treppenhaus betrat und fixierte mich stumm, während ich mit mulmigem Gefühl die endlosen Stufen hinaufstieg. Erst als er akzeptierte, dass der Alte sich immer mehr über meine Besuche freute, wich sein Hass einer misstrauischen Verwunderung. Er blieb stets in der Nähe und versorgte uns mit Kaffee, wenn Dr. Körner Wiener Geschichten aufwärmte. Wir hatten in Yad Vashem zahlreiche deutsche Magazine und Zeitungen abonniert, die in der Bibliothek auslagen. Gelegentlich nahm Dr. Körner ein älteres Exemplar mit nach Hause, was ihm gerne erlaubt wurde und zeigte mir Artikel über Wien, die er ausgeschnitten hatte. Später machten wir uns Vorwürfe, dass wir nicht darauf geachtet hatten, welche Zeitschriften der alte Mann ausgesucht hatte. Der Artikel über den Düsseldorfer Majdanek-Prozess muss ihm sofort ins Auge gesprungen sein Ein großes Photo zeigte die Angeklagten nach der Urteilsverkündung und hier erkannte Dr. Körner den Mörder der kleinen Sarah, der hinter einem großen Blumenstrauß hervorstrahlte - der drahtige SS-Mann triumphierte über seinen Freispruch. Der Schmerz der Erinnerung war so groß, dass es Dr. Körner nur mit einer letzten Kraftanstrengung gelang, einen Strick zu knoten. Es war der kleine Moische, der ihn fand, unter seinen Füßen das Bild des grinsenden Mörders. Als ich mich später von Moische verabschiedete, erzählte er mir, er habe sich entschieden, Anwalt zu werden und nach Amerika zu gehen. Es freute mich aufrichtig zu sehen, dass er diese Vorsätze erfolgreich wahrgemacht hatte. Es gibt noch viele Dr. Körners, die auf seine Hilfe angewiesen sind. |
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