Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Das Bleed
Der Giebelseite von Großmutters kleinem Häuschen gegenüber lag das Anwesen der Familie Boisenberg. Vom Treppenfenster aus konnte ich in den schönen Garten mit den vielen bunten Blumen und den Obstbäumen sehen. Großmutters Häuschen hatte nur einen kleinen, von vier Seiten umschlossenen Hof, und so erschien mir Sechsjährigen der Garten der Boisenbergs wie ein Wunderland.
So oft ich aber in den Garten schaute, ein Kind sah ich niemals spielen. Nur zwei Liegestühle drückten, dicht beieinander stehend, ihre Spuren in den Rasen. Bei warmem Wetter lag Frau Boisenberg in einem der beiden Stühle und winkte mir freundlich zu. Ihre Schritte durch den Garten waren langsam und schleppend. Abends und am Wochenende saß Herr Boisenberg im anderen Stuhl. Mir gefiel, wie er seine Frau umsorgte. Auch wenn die Sonne warm schien, wickelte er sie in eine buntkarierte Decke. Diese Decke hatte es mir angetan. Sie besaß an allen vier Seiten lange Fransen und mußte schön kuschelig sein. Wie sie sich wohl anfassen mochte?
"Oma, warum haben die Boisenbergs keine Kinder? Und warum hat die Decke so viele Fransen? Warum läuft Frau Boisenberg so langsam?"
Großmutter war eine einfache Frau und antwortete auf ihre Weise: "De Boisenbergn is leidend und kriescht keene Kinder. Es is jammerschade um den scheenen Garten. Unsereens würde da schon was draus machen. Un was de Decke anbelangt, das is een Bleed (sie meinte ein Plaid). Das ham vornehme Leite. Grieße immer recht freindlich.
Als Nachbarn braucht ma immer mal de gegenseitsche Hilfe." Der Sommer nahm seinen Abschied und machte Platz für den Herbst mit seinen Malereien. Die Liegestühle verschwanden, der Winter nutzte den Schnee und vernichtete ihre Spuren. Ein neuer Frühling kam und mit ihm die Liegestühle, wieder dicht beieinander stehend.
Was für ein Tag. Die Schule war aus, die Sonne badete im blauen Himmel, die Vögel lärmten, und Großmutter empfing mich mit den Worten: "De Boisenbergn hat ausrichten lassen, du kannst, wenn de Schularbeiten fertig sin, in den Garten komm un spielen. Nimm deine Puppen mit, un wenn Herr Boisenberg da is, kommste rieber. Er is großer Scheff in der Braunkohle un braucht seine Ruhe."
Nun war ich im Wunderland.
"Gefällt dir die Decke? Komm her, ich hänge sie dir um."
Frau Boisenbergs Stimme klang leise und freundlich, nur ihre Augen blickten traurig. Das Plaid, jetzt durfte ich es anfassen, und ich wusste noch nicht, dass es ein Symbol der Wärme und Geborgenheit für mich werden sollte.
Der Sommer bot eine Meisterleistung. Herr Boisenberg baute einen Sandkasten und eine Schaukel für mich in den Garten. Frau Boisenberg zeigte mir, wie man mit Stricknadeln umgeht und freute sich über meine Fortschritte beim Stricken. Nun sah ich in ihren Augen auch Fröhlichkeit. Das Plaid hing über ihren Schultern, wenn ihr Mann sie behutsam durch den Garten führte.
Als der Herbst sich ankündigte, nahm Frau Boisenberg mich in den Arm und sagte: "Wenn der Frühling wieder zu uns kommt, werden wir ein Baby haben. Du darfst es dann im Garten spazieren fahren."
Mit Spannung erwartete ich den Frühling, bis eines Tages ein Amselhahn auf dem Fliederbusch seinen Einzug ankündigte. Großmutter beobachtete mich mit bedrücktem Gesicht: "De Boisenbergn is sehr krank. Der Schlag hat se getroffen. Wenn du rieber gehst, mach keene Umstände. Se ham een kleenes Mädchen gekriescht. Gottogott, nee, so een Schicksal."
Mit Schlag und Schicksal konnte ich nichts anfangen, aber das Baby wollte ich sehen. Ich hastete hinüber.
Die Boisenbergs hatten schon auf mich gewartet. Das heißt, eigentlich nur Herr Boisenberg. Frau Boisenberg saß regungslos im Liegestuhl. Ihr Gesicht war verzerrt, sie nahm mich nicht wahr. Im Kinderwagen lag ein kleines Wesen, das mich anlachte. Da die Sonne warm schien, war es nur mit dem Plaid zugedeckt.
"Unsere Eva wird nie laufen können. Sei trotzdem lieb zu ihr", sagte Herr Boisenberg und nahm das Plaid weg. Das Baby hatte keine Beine. Großmutters verzweifelte Worte!
Eva wuchs heran. Sie erhielt einen Wagen mit Haltegurten. Darin saß sie sicher, das Plaid um ihren kleinen Körper gewickelt. Ich richtete unsere Spiele auf ihren Zustand aus. So gut es ging, tobten wir umher, und Eva hatte ihre Freude daran. Sie wurde von Hauslehrern unterrichtet, und die mir von ihrer Mutter beigebrachten Handarbeiten gab ich an sie weiter.
Das Leben kann erbarmungslos sein. Frau Boisenberg starb, ohne ihre Tochter bewusst in den Armen gehalten zu haben. Nun saß Eva in dem Liegestuhl, vom Plaid liebevoll eingehüllt.
Die Jahre vergingen. Eva malte Bilder und stellte sie aus. Ich heiratete und zog in eine andere Stadt, aber der Kontakt zwischen uns ging nie verloren. Ich besuchte sie oft. Meine Kinder eroberten Sandkasten und Schaukel, und Eva sah ihnen begeistert zu. Aber der seltsame Ausdruck in ihren Augen machte mich nachdenklich. Wie gern wünschte ich ihr einen verständnisvollen Mann und eigene Kinder. Als ich sie einmal im Spätherbst allein besuchte und wir aus alten Kindertagen erzählten, wurde sie plötzlich ernst und sagte: "Ich werde auch ein Baby haben. Wenn du wiederkommst, wirst du es sehen." Welche Freude für mich. Es sollte jedoch unsere letzte Begegnung sein. Kurz danach schickte mir Großmutter die Todesanzeige.
Zwei Jahre später besaß ich den Mut, mein Kinderwunderland wieder aufzusuchen. Herr Boisenberg lebte im Pflegeheim. Ein Verwalter versorgte das Anwesen. Ich ließ mich zur Remise führen. Da standen die Liegestühle verschlissen in der Ecke. Der Verwalter erzählte, Eva habe sich eine Puppe gewünscht, so groß wie ein richtiges Baby. Eines Tages habe er sie im Liegestuhl gefunden. Die Puppe im Arm wie ein kleines Kind und in eine karierte Decke eingewickelt. Es war zu spät, zu viele Tabletten. Ich suchte das Plaid. Zwischen Gerätschaften fand ich es, schmutzig und durchlöchert.
"Was denn, den Fetzen wollen Sie mitnehmen?"
Ich hob es auf, drehte mich wortlos um und ging.



