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Wetterleuchten

Tarja ging langsam über das Watt, die Augen unverwandt auf den Schlickboden gerichtet. Ihre dünnen, sonnengebräunten Beine, die aus den kurzen Sommerhosen herausstaken, waren übersät mit Sommersprossen, ebenso wie ihre Arme. In der Hand hielt sie einen kleinen roten Eimer, wie ihn ihre jüngeren Geschwister benutzten, wenn sie am Strand spielten. Bei jedem Schritt schlug er ihr im gleichmäßigen Takt gegen die Waden. Sie bemerkte es nicht.

Die Oberfläche des Wattbodens war von der Sonne angewärmt, aber im Untergrund war es kälter. Dieser feuchte, kühle Schlick kitzelte angenehm an ihren Füßen. Tarja genoss ihre einsame Wanderung über das Watt. Die späte Nachmittagsonne stand schon tief, ihre goldenen Strahlen fielen auf den feinsandigen Boden, der weiter draußen schnell fester wurde. Jetzt sackten die Füße nicht mehr ein, sondern sie hinterließen einen weichen Abdruck auf den wellenförmigen Rippelmarken. Die blonden Zöpfe des Mädchens reichten ihr weit über die Schultern hinab, fast bis zu den Ellenbogen. Einige Strähnen hatten sich daraus gelöst und klebten in ihrem vom Eifer und der Sonne geröteten Gesicht. Tarja suchte nach Muscheln. Ihre Sammelleidenschaft hatte in den erste Ferien begonnen, die sie mit ihren Eltern und Geschwistern hier auf der Hallig verbrachte. Seither waren sie jedes Jahr im August wiedergekommen, seit nunmehr acht Jahren. Tarja kannte inzwischen jeden Winkel auf dem kleinen Eiland. Sie war vertraut mit den Gezeiten, mit Ebbe und Flut und dem endlos weiten Himmel, der sich über das Meer zog. Sie fühlte sich den vielen Tagestouristen weit überlegen, die mit den kleinen Ausflugsdampfern vom nahen Festland kamen und die Hallig für kurze Zeit wie ein Ameisenvolk überschwemmten. In Scharen strömten sie von der Kirchwarft zum Königspesel, um anschließend in der Kneipe eilig einen Pharisäer zu trinken. Dann tutete schon wieder der Dampfer und sie hasteten, die nächste Hallig zu besichtigen. Tarja fragte sich oft, ob sie überhaupt einen Blick für die wirkliche Schönheit dieser kleinen Insel hatten, ob sie ihren Zauber spüren konnten in all dieser Eile. Tarja jedenfalls sah sie, sie fühlte sie. Sie hörte das Geschrei der Möwen und spürte die allgegenwärtige leichte Brise, die einen feinen Salzgeschmack auf ihren Lippen hinterließ. Sie sah die strahlende Sonne, die auf den schaumbesetzten Wellen der Nordsee ihre gleißenden Strahlen tanzen ließ, kleinen Elfen gleich, deren wispernder Gesang das Meeresrauschen war. Bei Ebbe sandte dieselbe Sonne eine wohlige Wärme, die sich wie ein flimmernder Schleier über den Schlickboden legte und das verborgene Leben in ihm hervorlockte. Diese Stunden waren Tarja die liebsten. Dann unternahm sie ihre ausgedehnten Wanderungen und suchte nach den verborgenen Schätzen, die das zurückweichende Meer freigab. Dieses Jahr hatten es ihr die kleinen rosafarbenen Herzmuscheln besonders angetan. In den vergangenen Jahren hatte sie alles gesammelt, was ihr gefiel, aber in diesem Jahr war Tarja wählerischer. Sie wollte nur Herzmuscheln und die waren nicht einfach zu finden. Ihre Stirn kräuselte sich nachdenklich. Sie spürte ein leichtes Brennen auf den Armen, wo das Hemd die Haut freiließ. Das war wohl ein beginnender Sonnenbrand. Die Mutter würde über ihre Unvernunft schimpfen, den ganzen Nachmittag auf dem Watt zu verbringen. Bei dem Gedanken legte sich die junge Stirn noch mehr in Falten. Die Eltern hatten in letzter Zeit ständig etwas an ihr auszusetzen, so sehr Tarja sich auch bemühte. Der Vater sah sie dann kopfschüttelnd an, sagte aber nichts. Das Reden überließ er Tarjas Mutter, die es laut und ausgiebig tat. Und dann waren da auch noch Maren und Frederik, ihre beiden jüngeren Geschwister. Die nervten ständig. Sie waren immer so wild und furchtbar albern. Am schlimmsten war es, wenn die Eltern beschlossen, dass die ganze Familie zusammen etwas unternehmen sollte. Gestern war es wieder so weit gewesen. Mit ihrer Gastfamilie zusammen waren sie aufs Festland gefahren. Schon die Überfahrt mit dem Dampfer war entsetzlich gewesen. Die vielen Touristen mit ihren Fotoapparaten und ihrem lärmenden Getue waren schlimm genug, aber als ihr Vater dann auch noch zu fotografieren begann, war es wirklich schwer zu ertragen gewesen. Verdrossen hatte Tarja in die Kamera geblickt.

"Kannst du nicht mal ein freundliches Gesicht machen zur Abwechslung? Wir sind schließlich im Urlaub", hatte er gesagt. Gezwungen lächelte das Mädchen.

"Siehst du, so ist es doch gleich besser, du solltest viel öfter lächeln und nicht immer so düster dreinschauen!"

Tarja hatte sich gequält abgewandt. Sie wusste ja selber nicht, warum sie sich so unwohl fühlte. Sie konnte sich einfach selbst nicht leiden in diesem Sommer! Nur selten war sie richtig fröhlich und genoss die Ferien, meistens fühlte sie sich aus unerklärlichen Gründen schwermütig, fast traurig, und die Gesellschaft der Familie wurde zur Plage. Nichts war, wie es alle Sommer vorher gewesen war. Tarja suchte so oft wie möglich die Einsamkeit, um mit ihren vielen sonderbaren Gedanken und Gefühlen allein zu sein. Auch heute hatte sie wieder die Zeit der Ebbe genutzt, um aufs Watt hinaus zu wandern.

Tarja blieb stehen. So weit wie heute war sie noch nie gegangen. Sie spürte ein feines Kribbeln im Bauch, als sie sich umdrehte und den Strand nur als dünne Linie erkannte, die sich in der Ferne dunkel abhob. Mit den Zehen zog sie kleine Kreise und Linien in den feinen Schlickboden. Es war höchste Zeit umzukehren, die Flut würde bald auflaufen, das wusste Tarja. Aber sie hatte gar keine Lust dazu. Sie fühlte sich so wohl hier draußen, wo sie ganz für sich war. Die wenigen Wattspaziergänger, die sie unterwegs getroffen hatte, waren alle schon auf dem Rückweg und ein gutes Stück von ihr entfernt. Sie war allein. Als sie sich dessen bewusst wurde, durchströmte sie ein wohliges Gefühl der Wehmut .Die Kreise und Linien im hellen Untergrund fingen an, sich zu wiederholen, wie magische Symbole. Lange Zeit stand Tarja so da, gebannt auf die mystischen Zeichen unter sich blickend, in denen ihr ganzes Empfinden lag, welches sie niemals zu erklären vermocht hätte.

Plötzlich zuckte ein greller, lautloser Lichtblitz über den sandigen Meeresboden. Geblendet hob das Mädchen ihren Arm vors Gesicht, während die andere Hand krampfhaft den Griff des Eimers umklammerte. Als sie den ersten Schrecken überwunden hatte, legte sie den Kopf in den Nacken und suchte den Himmel nach weiteren Lichtblitzen ab. Nach ein paar Minuten zuckte es wieder aus der einsetzenden Dämmerung. Dieses Mal leuchtete es intensiver, vielleicht kam es ihr aber auch nur so vor, weil sie direkt in das Wetterleuchten hineinsah. Merkwürdigerweise verspürte Tarja keine Angst, vielmehr ein deutlich zunehmendes Kribbeln in der Magengegend, das keineswegs unangenehm war. Was wäre, wenn dieses lautlose Licht sie einhüllen würde, wie der Kokon die Raupe einhüllt, bevor sich der junge Schmetterling daraus befreit? Oder wenn dieser geheimnisvolle, gleißende Lichtstrahl sie direkt in ein anderes Leben katapultierte, was würde sie dort erwarten? Merkwürdige Gedanken gingen Tarja durch den Kopf, bruchstückhaft und unzusammenhängend. Wie hypnotisiert starrte sie zum Himmel hinauf, der Nacken wurde allmählich schwer und steif, sie nahm es kaum wahr. Ein weiterer Lichtblitz ging hernieder, lautlos und unweit von ihr entfernt glitt er über den nassen Schlickboden und spiegelte sich in der Feuchtigkeit. Schwindel erfasste das Mädchen.

Die Flut schlängelte sich heran wie ein dunkles Ungeheuer. Es fraß alles, was sich vor ihm befand und bahnte sich auf diese Weise seinen Weg. So wurde es immer größer und bedrohlicher. Weite Teile des Landes hatte es bereits erobert und unter seinen wogenden Massen begraben.

Die Zeit verging und Tarja stand noch immer reglos, wie versteinert. Sie fühlte eine bleierne Schwere in allen Gliedern, zugleich war sie schwerelos. Ihr Geist schien sich von diesem schweren Körper lösen zu wollen, konnte sich aber nicht aus seiner zerbrechlichen Hülle befreien.

Ein erneutes Wetterleuchten versank bereits in der herannahenden Flut.

Die zunehmende Dämmerung senkte sich um den erstarrten Mädchenkörper, einzig der kleine rote Kindereimer, den sie noch immer fest umklammert hielt, leuchtete wie ein Signal der drohenden Gefahr entgegen. Eine plötzliche Windböe ließ Tarja zusammenfahren. Sie begann am ganzen Körper zu zittern. Ihr Kopf und Nacken schmerzten, die Augen brannten. Sie fühlte sich benommen, Arme und Beine waren nahezu taub und eisig kalt. Es war, als erwachte sie aus einer tiefen Ohnmacht und nur langsam kehrte ihr Bewusstsein zurück. Dann erkannte sie die Gefahr.

Das Ungeheuer bleckte bereits mit den Zähnen. Weißer Schaum lief ihm aus dem weit aufgerissenen Schlund und umspülte Tarjas Füße, ehe er knisternd zerbarst. Panik erfüllte das Mädchen, sie begann zu laufen. Aber die tauben Füße und Beine wollten nur schwer ihrem Willen gehorchen. Taumelnd stolperte Tarja vorwärts, dem dunklen Streifen entgegen, der in der Ferne lag. Die Dämmerung nahm zu, getragen von dem zischenden Geflüster des unheimlichen Schaums, der mal vor und mal hinter ihren Füßen wispernd im ständig feuchter werdenden Untergrund versank.

"Lauf du nur, lauf!" flüsterte die heranrollende Flut, "du entkommst mir nicht. Ich habe die Kraft des Mondes in mir und beuge mich nur seinem Rhythmus, der Jahrtausende alt und für die Ewigkeit gemacht ist. Lauf du nur, lauf. Du, die noch nicht weiß, dass stets etwas Neues das Alte zerstören wird, um es abermals als etwas Neues zu gebären."

Tarja spürte diese Worte mehr, als dass sie sie hörten konnte, sie durchdrangen ihre Seele, ihren Körper und füllten das Mädchen vollständig aus. Nur langsam erlangte sie die Kontrolle über ihre Kräfte und ihr Bewusstsein zurück. Wie hatte sie nur so lange hier draußen zubringen können, fragte sie sich. Sie kannte doch die Gefahr der auflaufenden Flut! Tarja hastete vorwärts bis ihr plötzlich der Weg versperrt wurde. Der Priel, den sie auf dem Hinweg als kleinen Rinnsal durchwatet hatte, lag nun tief und breit vor ihr. Bei auflaufender Flut füllen sich diese miteinander vernetzten Gräben im Watt als erstes mit Wasser. Flussähnlich durchzogen sie die Schlicklandschaft, von unterschiedlicher Größe und Strömungen geprägt. Tarja hatte keine Wahl, sie musste den Priel durchqueren! Tiefer und tiefer sank sie ein. Das Wasser stieg über ihre Knie und weiter bis zu den Hüften. Es zerrte an ihrem Körper und ihren Kräften. Mühsam hielt sie den kleinen Eimer vor die Brust gepresst, noch nicht bereit die Schätze ihrer Kindheit loszulassen. Sie musste es doch bald geschafft haben, so breit konnte dieser Priel doch gar nicht sein! Nach einer Unendlichkeit hatte sie die andere Seite erreicht. Aber auch hier war der ehemals feste Schlickboden schon aufgeweicht. Bei jedem Schritt sackten ihre Füße nun schwer in den morastigen Untergrund ein und erzeugten beim Herausziehen ein schmatzendes Geräusch. Das dunkle Ungetüm leckte sich schon das Maul! Verzweifelt kämpfte Tarja sich vorwärts. Das Wasser kam nicht länger nur von hinten, sondern auch von den Seiten strömte es auf. Sie konnte es sehen und hören, wie die dunklen Massen immer dichter krochen. Sie streckten ihre Fühler gierig aus und zogen sie wieder ein, nur um sie mit der nächsten Welle ein wenig weiter vor zu schieben. Tränen strömten Tarja übers Gesicht. Sie dachte an die Mutter, die jetzt vielleicht gerade das Abendessen vorbereitete, in der heimeligen kleinen Küche der Ferienwohnung. Sie sah den Vater vor sich, über den Tisch gebeugt, an dem er mit den beiden jüngeren Geschwistern `Mensch ärgere dich nicht` spielte. Was würde sie dafür geben, jetzt bei ihnen zu sein. Warum um alles in der Welt hatte sie sich so von ihnen abgesondert? Sie spürte tiefe Sehnsucht nach diesen Menschen in sich und die plötzliche Gewissheit um diese unzerstörbare Liebe, gab ihr ungeahnte Kraft. Sie wollte nach Hause! Mit diesem Willen bäumte sich ihr ganzes Wesen auf, sie schleuderte den Eimer weit von sich, um beim Laufen ihre volle Kraft einsetzen zu können. Erleichtert stellte sie fest, dass sie nun viel schneller voran kam. Hätte sie diesen dummen Eimer doch nur schon früher zurückgelassen, er hatte sie behindert, und unnötige Kraft gekostet! Das Wasser umspülte bereits ihre Knöchel und stieg schnell bis zu ihren Knien an. Das Laufen wurde unendlich schwer. Erschöpft ließ Tarja sich in die rasch ansteigenden Fluten fallen, um die letzten Meter zu schwimmen. Schreie ertönten vom nahen Strand. Irgendwann packten zwei kräftige Arme das halb bewusstlose Mädchen und zogen sie ans rettende Ufer. Sie sah noch die tiefe Erleichterung in den Gesichtern der Eltern, die sich über sie beugten, bevor sie in einen fiebrigen Schlaf der Erschöpfung fiel.

Draußen, in den dunklen Fluten trieb ein kleiner roter Kindereimer. Die Muscheln waren verloren gegangen, aber mit der nächsten Ebbe würde der Eimer wieder an Land gespült werden und irgendein Kind würde ihn freudestrahlend aufsammeln und in Besitz nehmen.

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