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Der Alte an der Kreuzung

Als der Alte und sein Neffe auf der Flucht vor der heranziehenden Artillerie die Kreuzung erreicht hatten, waren dem Alten die Kräfte ausgegangen. Er brauchte Wasser und mußte essen, doch sie hatten alles aufgebraucht. Bei Einbruch der Dunkelheit war der Junge in die schmale Landstraße eingebogen, von der sie glaubten, daß sie in ein Dorf führte. Der Alte hatte ihm Geld gegeben und sich ins Gras gesetzt, um zu warten.

Die Sonne war noch nicht über den Horizont gestiegen. Es war neblig und kalt. Der Alte lag zusammengekrümmt auf der staubigen Erde am Rande der großen kahlen Asphaltstraße und ein donnerndes Geräusch, von dem er nicht wußte, ob es geträumt oder wirklich war, riß ihn aus dem Schlaf.
Er erschrak, als er sah, daß es hell war. Er versuchte aufzustehen. Er rollte sich auf die Seite, zog ein Bein an und stemmte sich mit dem Arm auf den Boden. Müde und widerwillig gehorchte ihm sein Körper. Nach einer Weile hockte er auf den Knien und ruhte aus. Es liegt nur an den Sachen, dachte er, ich bin nur wegen der warmen Sachen eingeschlafen. Bevor sie vor den Soldaten geflohen waren, hatte der Alte von den Kleidern, die er besaß, die wärmsten und robustesten übereinandergezogen, zwei wollene Unterhemden, ein Kattunhemd mit langen Ärmeln, eine derbe Lederweste, eine Strickjacke und darüber einen knielangen Wollmantel. Der Alte griff nach der kleinen Ledertasche, auf der sein Kopf gelegen hatte. Sein Paß war darin und ein paar lose Geldscheine. Langsam erhob er sich.

Die Asphaltstraße war breit, drei Wagen mochten aneinander vorbeipassen, aber sie lag verlassen. Der Alte kroch die Böschung hinunter und lief die wenigen Meter bis zur Abzweigung der Landstraße, die der Junge gegangen war. Er blieb stehen und suchte mit seinen Augen die schmale dunkle Linie ab, die am Horizont zwischen kahlen Hügeln verschwand. Der Alte lief noch ein paar Schritte, aber er wußte, daß er zu schwach war, das Dorf zu erreichen. Er konnte nichts tun, als an der Kreuzung zu warten.
Als es vollständig hell war, entdeckte er unweit der Stelle, wo Ratko und er am Abend ihren Marsch unterbrochen hatten, ein Buswartehaus. Busse fuhren seit Wochen nicht mehr. Das Haus hatte drei gemauerte Seiten. Die Frontseite war mit Brettern verschlagen, die nur einen türbreiten Eingang ließen. Es lag abseits, ein Haltepunkt für Leute, die weiter ins Dorf wollten, niemand konnte hier einen Menschen vermuten. Der Alte ging langsam auf das Haus zu.

Zwei kleine Stufen führten hinauf. Er setzte sich auf die obere.
Er wartete. Es war sehr still, das Land lag reglos und starr. Die Straße vor ihm blieb leer. Der Alte saß mit angehockten Knien auf den Stufen. Irgendwann wurden sie zu hart für ihn. Langsam stand er auf und ging in das Wartehaus. Die Wände waren dunkel und zerkratzt. Entlang der Längsseite zog sich eine glatte hölzerne Bank. Er wollte sich setzen, für einen Augenblick nur, bevor er wieder hinausgehen und nach Ratko Ausschau halten würde. Als er sich niedersetzte, fühlte er etwas Hartes in seinem Rücken. Vorsichtig tastete er hinter sich und brachte eine kleine stählerne Feuerwehr zum Vorschein, ein rotlackiertes Spielzeug, kaum größer als seine Hand. Er erinnerte sich, daß Ratko Dutzende dieser kleinen Autos besessen hatte. Der Alte hielt die Feuerwehr vor sich auf der Hand und betrachtete sie eine Weile. Dann nahm er den Ärmel seines Mantels und wischte mit dem Ellbogen Seite für Seite den Staub von ihr ab. Er bewegte die Räder und sah, das eines von ihnen klemmte. Einen winzigen Ast ertastete er, der sich in dem Rad verkantet hatte, und er mühte sich, ihn herauszubekommen. Als der Ast das Rad endlich freigab und auf den Boden fiel, lächelte der Alte und schob die Feuerwehr in seine Manteltasche.

Plötzlich hörte er das ferne Summen eines Motors. Er rutschte auf der Bank in den hintersten Winkel des Hauses und lugte durch den Eingang hinaus. Auf der Straße, die vom Dorf her kam, näherte sich etwas Blaues, es mußte ein Personenwagen sein, doch der Alte konnte es nicht deutlich genug erkennen. Der Wagen verschwand zwischen den flachen Hügeln und tauchte wieder auf, aber er kam näher, das Motorengeräusch wurde lauter, und dann erreichte der Wagen die Kreuzung, bog auf die breite Asphaltstraße und fuhr an dem Alten vorbei, der mit schleppenden Schritten hinausgetreten war. Dem Wagen folgten noch ein paar andere, vollbeladen, eilig, das Unheil verkündend. Es waren alles Personenwagen, neun zählte der Alte, und als der letzte vorbeigefahren war, hörte er das dumpfe Tuckern eines Traktors, sah ihn bald darauf auf der schmalen Landstraße, sah den Erntewagen, den er zog und sah die Umrisse der Menschen, die auf dem Wagen saßen. Noch bevor der Traktor die Kreuzung erreichte, stieg der Alte die Stufen bis zur Straße hinunter und hob den Arm.
"Ratko!", rief er, als der Traktor gehalten hatte, "Ratko, Junge, bist du da oben?"
Ein Mann sprang vom Anhänger herunter.
"Wen suchst du?", rief er.
"Sie kommen doch von dem Dorf her dort hinter den Hügeln."
"Ja. Wen suchst du?"
"Ratko. Er ist in dem Dorf."
Vom Hänger drängten Stimmen herunter.
"Wir haben nicht viel Zeit", rief der Mann, "sie haben das Dorf am Abend überfallen, mit Panzern sind sie gekommen. Sie haben uns sieben Stunden Zeit gegeben, zu gehen. Kommen sie auf den Wagen."
"Haben sie geschossen?", fragte der Alte.
"Ja."
"Sie schießen nicht auf Kinder, nicht wahr?"
"Kommen Sie auf den Wagen", sagte der Mann ruhig und streckte dem Alten die Hand hin, aber der rührte sich nicht.
"Ich werde hier warten", sagte er.
"Passen Sie auf die Wagen auf", rief der Mann, während er auf den Anhänger sprang, "alle, die noch kommen, kommen mit den Wagen."
"Wieviele werden noch kommen?"
"Noch ein Lastwagen."
"Gut", sagte der Alte, "ich werde mich hier hinsetzen und warten."

Der Mann auf dem Hänger hob die Hand und der Traktor fuhr an. Erst jetzt bemerkte der Alte das Auto, das an der Kreuzung stand. Es mußte unmittelbar hinter dem Traktor gefahren sein. Es war ein alter Personenwagen. Der Motor heulte mehrere Male kurz auf, erstarb aber ebenso schnell wieder. Dann öffneten sich die Türen und Leute stiegen aus. Der Alte kniff die Augen zusammen, um zu erkennen, ob Ratko unter ihnen war. Er sah drei Männer, zwei Frauen und drei kleine Kinder, die jünger als Ratko waren. Die Männer schoben das Auto, aber der Motor sprang nicht an. Der Alte sah sie die Motorhaube aufreißen, hörte den hellen Klang von Metall, und zwischen die Geräusche mischte sich mit einem Mal das ferne Dröhnen eines großen Fahrzeuges.
Der Lastwagen kam. Der Alte sah ihn verschwommen zwischen den Hügeln auftauchen, und er griff nach der Feuerwehr in seiner Manteltasche, steckte sie unter seinen Arm und lief die Stufen hinab zur Straße. Dabei verlor er den Lastwagen in keiner Sekunde aus den Augen. Der Lastwagen stoppte neben dem alten Personenwagen, der an der Kreuzung liegengeblieben war. Das schwere Dröhnen des Motors erfüllte die Luft.
Der Alte strengte seine Augen an. Auf dem Hänger des Lastwagens sah er einen winzigen Punkt, der sich aus der Menge löste, der hinunter auf die Straße sprang, ein Kind war es, das erkannte der Alte sicher, ein Kind, das über die Kreuzung lief, auf ihn zulief. Der Alte breitete die Arme aus und schlurfte dem rennenden Kind entgegen, das kaum mehr dreißig Meter von ihm entfernt war. Eine warme Müdigkeit sank über den Alten. Er hielt die Arme noch immer ausgebreitet, als der Junge so nahe herangekommen war, daß der Alte sein Gesicht erkennen konnte. Es war ein fremder Junge.

Der Junge blieb stehen und sah auf die Hand des Alten, die die Feuerwehr hielt.
Er griff danach. Der Alte ließ sie los.
"Sie gehört mir", erklärte das Kind und sah den Alten an, der ihm ins Gesicht starrte, als verstünde er nicht. Langsam bewegte der Alte seine Lippen. "Dir gehört sie", sagte er, "Sie gehört Dir, nicht wahr? Du hast sie liegenlassen."
"Ja." Der Junge nickte eifrig. "Und dann durften wir nicht mehr rausgehen, weil Mutter Angst hatte. Ich bin vom Laster gesprungen, um sie zu holen."

Die Leute aus dem liegengebliebenen Auto hatten ihre Sachen auf den Lastwagen geworfen, waren selbst auf den Hänger gestiegen, der Laster war losgefahren, und nun bremste er an der Stelle, wo das Kind und der Alte standen.
"Hinauf, schnell!", rief eine Frauenstimme, "Sie auch, steigen Sie auf!"
"Ich warte auf Ratko", sagte der Alte müde.
"Steigen Sie auf, schnell! Die Häuser brennen. Es ist niemand mehr im Dorf. Hören Sie, es sind nur noch die Panzer dort. Es kommt niemand mehr."
"Ratko ist noch nicht gekommen."
"So steigen Sie doch auf!"
"Ich kann noch nicht weiterfahren", sagte der Alte, "ich bin zu müde, ich kann noch nicht fahren. Ich will hier noch sitzenbleiben und ausruhen".
Er hob den Kopf und sah zu den Leuten auf dem Hänger hinauf: "Sie müssen fahren, bevor die Soldaten kommen. Fahren Sie nur."
Einige riefen noch, aber der Alte hörte nicht mehr hin. Der Lastwagen setzte sich in Bewegung. Er verschwand auf der langen, weiten Asphaltstraße. Es war totenstill. Der Alte erhob sich, ging in das Buswartehaus und legte sich auf die Bank, um zu schlafen.

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