Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Therapeut Teddy
"Komm Teddy, sitz!" Eine schmale, runzlige Hand vergräbt sich im weichen Hundefell, krault hinter aufmerksamen Ohren, berührt eine kühlfeuchte Hundenase, lässt sich beschnuppern. Die Augen der alten Dame leuchten, aus ihrem Mund sprudeln die Erinnerungen: "Ich hatte auch einen Hund, einen schwarzhaarigen Mischling. ,Prinz' hieß er, und er benahm sich auch wie ein Prinz." "Meiner war ein richtiger Raufbold, deshalb hieß er auch ,Raudi'", mischt sich eine Männerstimme ein. Überrascht drehe ich mich um. Jetzt komme ich schon so lange hierher, und noch nie zuvor ist aus dieser Ecke ein Laut gekommen. Jedes mal hatte der alte Herr stumm und teilnahmslos in seinem Stuhl gesessen, sich nie an einem Gespräch beteiligt. Aber auch die übrigen Mitbewohner scheinen jetzt aus ihrer Lethargie aufgewacht zu sein. Alle wollen meinen Teddy anfassen, ihre kalten Finger in seinem Kuschelfell vergraben, ihre Seelen an Lebendigem wärmen. Schon mein Weg durchs Heim wurde von begeisterten Ausrufen begleitet: "Oh, so ein schöner Hund. Wie heißt er denn? Darf ich ihn streicheln?" Immer wieder musste ich stehen bleiben, Fragen beantworten und meinen Hund nah an einen Stuhl heranführen. Besuchsdienst mit Hund im Seniorenheim. Eine Fabel hatte mich zu diesem Versuch angeregt: "Es war einmal ein alter Mann, dem gefiel das Leben nicht mehr. Er wusch sich nicht, kochte kein Essen und ging nie aus dem Haus. Da kam ein großer Hund und sagte: ,Ich habe Hunger.' Der Mann ging in die Küche und kochte Brei für ihn. Als der Hund gegessen hatte, sagte er: ,Putz mir das Fell!' Der Mann nahm eine Bürste und striegelte den Hund. Als sein Fell glänzte, sagte der Hund: ,Geh mit mir spazieren!' Der Mann nahm seinen Hut und ging mit ihm spazieren. Das gefiel dem Hund, und er blieb bei ihm, und der Mann wurde seines Lebens wieder froh." (Aus: Tiere als Therapie; von Sylvia Greiffenhagen, 1993) Die alte Dame, die ich besuche, kann zwar weder für meinen Hund kochen, noch ihn bürsten und auch nicht mit ihm ausgehen. Trotzdem freut sie sich über Teddys Anwesenheit. Die Beziehung zwischen Mensch und Hund ist schon von besonderer Art und vor allem wer in seinem eigenen Haushalt mit einem Hund gelebt hat, weiß diesen Besuchsdienst zu schätzen. Eine Berliner Gruppe, "Leben mit Tieren e.V.", hat ein Hundebesuchsprogramm entwickelt. Angefangen hatte alles mit einem Forschungsprojekt des Psychologischen Instituts Berlin, zusammen mit dem oben genannten Verein. Eine Hundebesitzerin besuchte zunächst einmal wöchentlich für etwa eine Stunde eine Gruppe von vier bis sechs Seniorinnen. Sie wurde dabei von Psychologiestudenten begleitet, die die Reaktionen auf die Besuche dokumentierten und analysierten. Bereits vor dem Hundebesuch hatten die Studenten die ausgewählten Frauen regelmäßig aufgesucht. Nur so waren sie in der Lage, einen Vorher-Nachher-Effekt festzustellen. Immerhin waren die Ergebnisse so ermutigend und stimmten auch mit Berichten anderer Forschungsprojekte überein, dass der Verein inzwischen vierzehn Seniorenheime und Krankenhäuser in Berlin in sein Besuchsprogramm aufgenommen hat. Welche Anforderungen werden dabei an einen Besuchshund gestellt? Gesund muss er sein, regelmäßig entwurmt und geimpft, gepflegt. Gut erzogen, ruhiges Temperament, nicht schreckhaft, keinesfalls aggressiv. Zutraulich und verschmust, verspielt.
Welche Eigenschaften müssen nun Sie, der Hundebesitzer mitbringen, wenn der Besuchsdienst erfolgreich verlaufen soll? Vor allem müssen Sie auf Andere zugehen wollen. Dann sollten Sie ein geduldiger Mensch sein und auch ein wenig über altersbedingte Eigenarten wissen. Wenn Sie für ihren Besuch eine bestimmte Pflegestation ausgewählt haben, brauchen Sie Einfühlungsvermögen für die dortigen Bedürfnisse der Patienten und des Pflegepersonals. Dass Sie ein gutes Verhältnis zu Ihrem Hund haben, sollte selbstverständlich sein. Durchhalten, Misserfolge einfach wegstecken und trotzdem weitermachen - auch das sollten Sie können. Denn es kann vorkommen, dass Sie nicht gleich mit offenen Armen aufgenommen werden - weder vom Personal noch von den Bewohnern. Wenn Sie das Zimmer betreten und mit eisigem Schweigen begrüßt werden oder mit einem vorwurfsvollen "Was wollen Sie denn hier, ich kenn Sie ja gar nicht?", so liegt das nicht an Ihnen, auch der Hund hat keine Schuld. Darüber hinweggehen, einen Moment still am Bett sitzen, abwarten, ob doch noch ein Gespräch zustande kommt, schließlich versprechen, dass Sie nächste Woche wiederkommen, und gelassen nach Hause gehen - all das ist normal und darf Sie nicht aus der Ruhe bringen. Und haben Sie erst die Heimbewohner auf den Geschmack gebracht, ist es schwierig, sich nach drei, vier Besuchen zurückzuziehen. Bevor Sie sich also auf den Weg machen, muss Ihnen bewusst sein, dass Sie sich für länger engagieren. Einfach ist der Besuchsdienst nicht, aber Sie sind doch auf der Suche nach einer sinnvollen Aufgabe, oder? Jedenfalls lohnt sich die Anstrengung. Es macht Freude, zu beobachten, wie in stumm vor sich hinbrütenden Menschen das Leben neu erwacht, wenn plötzlich ein Lächeln in den Augen ist. Sie werden staunen, wie viel Erinnerung doch noch vorhanden ist. Denn vom Hund angestoßen, finden auch andere Ereignisse ihren Weg zurück an die Oberfläche. Vielleicht entsteht eine Beziehung zwischen Ihnen und der alten Dame, vielleicht wird aus dem grantigen "Was wollen Sie denn hier?" ein freudiges "Ach, dass Sie heute kommen, da freu' ich mich aber!" Wenn Ihr Interesse geweckt ist, wenn Sie einen freundlichen Hund haben und bereit sind, pro Woche eine Stunde Zeit herzuschenken - wie fangen Sie's denn an? Ganz einfach. Suchen Sie sich ein Seniorenheim in Ihrer Nähe, rufen Sie dort an und fragen Sie nach. Meine Recherchen bei Oldenburger Heimen haben ergeben, dass die Mehrzahl keine Einwendungen hatte gegen Hundebesuch. Das Beste ist, dass Sie vorher Kontakt zur Beschäftigungstherapeutin aufnehmen, damit sie Ihren Besuch in ihr Programm einbaut. "Was frisst denn Ihr Hund?" "Na ja, Fleisch und Kartoffelbrei. Aber am liebsten mag er diese Hundekuchen." Ich zeige der Seniorin die Dose. "Geben Sie ihm doch mal einen." Zögernd hält die alte Dame Teddy sein Leckerli vor die Nase, fasst es mit den Fingerspitzen am äußersten Ende an und strahlt, als der Hund schmatzend kaut und nach mehr verlangt. "Der kennt mich schon, der Teddy ist doch mein Freund." Als ich gehe und noch mal zurückschaue, liegt noch immer das Lächeln auf ihrem Gesicht. |
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