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Das heimliche Leben der Fledermäuse
Mühelos orientieren sie sich in stockblinder Finsternis und flattern mit seltsam schwirrenden Flügelschlägen durch die Nacht: Die Fledermäuse. Ihr nächtliches Leben erschien den Menschen in vergangenen Zeiten so rätselhaft, dass man sie mit dem Teufel und Dämonen in Verbindung brachte. In manchen Gegenden Österreichs nennt man sie noch heute “Haar-Rafferl”, fest davon überzeugt, sie flögen Frauen in die Haare und würden sich so hartnäckig darin festkrallen, dass man sie mit einer Schere heraus schneiden müsse.
Doch manchmal wird die Legende von der Wahrheit noch übertroffen: Fledermäuse sind ein beispielloser Erfolg der Evolution. Seit 50 Millionen Jahren bevölkern sie nahezu unverändert unseren Planeten. Zusammen mit den tropischen Flughunden sind sie die einzigen aktiv flugfähigen Säugetiere. Eine ledrige Flughaut, die sich um den Körper herumzieht und zwischen Fingern, Fersengelenk und Schwanz straff aufgespannt werden kann, ermöglicht ihnen sowohl geschicktes Manövrieren auf engstem Raum als auch kilometerlange Streifzüge über Stadt und Land. Dank Ultraschall konnten sich die Fledermäuse die Nachtluft als Lebensraum erschließen. Durch Mund oder Nase ausgestoßene Orientierungslaute werden von Hindernissen wie Bäumen und Häusern reflektiert und vermitteln so dem Flieger ein präzises “gehörtes Raumbild”. Auch die Echos ihrer Beute, der nachtaktiven Insekten, treten von der kleinsten Mücke bis zum dicksten Brummer klar hervor. Die wendigen Jäger fangen hauptsächlich Käfer, Falter, Fliegen und Stechmücken. Bis zur Hälfte des eigenen Körpergewichtes müssen Fledermäuse jede Nacht an Insekten erbeuten, denn Fliegen benötigt enorme Energiemengen. Um den Tag und nasskalte Schlechtwetterperioden zu überstehen, schalten sie ihren Stoffwechsel auf Sparflamme. Dicht gedrängt in Baumhöhlen und Felsspalten fallen sie in einen besonderen Starrezustand, den Torpor: Die Körpertemperatur gleicht sich der Umgebung an. Während der mehrmonatigen Winterruhe sinkt sie sogar bis nahe an den Gefrierpunkt, so dass der Körper kaum noch Energie verbraucht und von den eigenen Fettreserven zehren kann. Danach müssen sich die kleinen Geschöpfe buchstäblich warm zittern um wieder voll flugfähig zu werden. Am Ende der Tagesruhe dauert es ungefähr eine halbe Stunde, bis sie sich auf ihre normale Körpertemperatur von ca. 35 - 42 °C aufgeheizt haben, nach dem Winterschlaf entsprechend länger.
Um überleben zu können, sind Fledermäuse auf ein ausreichendes Futterangebot angewiesen. Ihr ganzer Lebenszyklus ist daher auf den insektenreichen Sommer abgestimmt. Im Frühjahr, wenn es warm wird, erwachen die Fledermäuse aus monatelangem Schlaf und verlassen nach und nach ihre Winterquartiere. Die Weibchen finden sich dann in ihren traditionellen Wochenstuben ein, die oftmals schon seit Generationen benutzt werden. In großen Gruppen an warmen und geschützten Hangplätzen versammelt bringen sie dort den Nachwuchs zur Welt. Zwischen Mai und August werden die Jungen aufgezogen, meist eines oder seltener zwei pro Muttertier. Während der nächtlichen Beutezüge bleibt die Kinderschar allein zurück. Doch vor allem, wenn die Jungen noch sehr klein sind, unterbrechen die Mütter ihre Jagdausflüge mehrmals pro Nacht um in die Wochenstube zurückzukehren. Dort finden sie mit untrüglicher Sicherheit den eigenen Nachwuchs im Gewühl, säugen ihn und wärmen ihn tagsüber eingerollt in ihre ledrigen Flughäute. Im Spätsommer, wenn die Jungen flügge sind, lösen sich die Wochenstuben langsam auf. Nun schwärmen die Fledermäuse aus, und der Nachwuchs fliegt den Alttieren auf deren Streifzügen hinterher um so Wohnquartiere und Jagdgebiete kennen zu lernen. Manchmal kann man in Spätsommernächten solche Tandemflüge beobachten, bei denen ein erfahrenes älteres Tier einen Halbstarken in die Ortsverhältnisse einweist.
Jetzt fressen sich die Fledermäuse den nötigen Speck für die bevorstehende Winterruhe an, und die Männchen, die den Sommer in Junggesellenverbänden verbracht haben, besetzen ihre Hochzeitsquartiere. Eifersüchtig verteidigen sie diese gegen alle Rivalen und versuchen durch Lockrufe und besondere Duftstoffe paarungsbereite Weibchen auf ihr Liebesnest aufmerksam zu machen. Die Paarungen finden den ganzen Spätsommer und Herbst über statt, bei manchen Arten sogar noch im Winterquartier selbst. Damit die Jungen dann im nächsten Frühsommer alle zur gleichen Zeit geboren werden, hat sich die Natur einen raffinierten Trick einfallen lassen: Die Weibchen speichern das Sperma so lange in der Gebärmutter, bis der Winterschlaf vorüber ist. Anfang April erfolgt der Eisprung, und erst dann ist die Befruchtung möglich. Nach zwei Monaten Tragzeit werden die Jungen in den Wochenstuben geboren - der Jahreskreis hat sich geschlossen.
Meist findet dieses Fledermausleben vom Menschen völlig unbemerkt statt. Dabei sind sehr viele Fledermäuse zu Kulturfolgern geworden. Neben ihren angestammten Wohnplätzen wie Baumhöhlen und Felsspalten besiedeln sie auch menschliche Bauwerke, beispielsweise Dachböden und Kirchtürme, Mauerritzen, Vogelnistkästen und sogar ganze Brücken. So befindet sich in der Levensauer Brücke bei Kiel das bedeutendste europäische Winterquartier des Großen Abendseglers. Diese starengroße Art braucht für den Anflug viel Platz, denn mit 40 cm Flügelspannweite gehört sie zu den größten unter den einheimischen Fledermäusen. Da kommt die turmhohe Bogenbrücke, die sich über den Nord-Ostsee-Kanal erstreckt, gerade recht. Jedes Jahr versammeln sich dort bis zu 5000 Abendsegler, um in den Dehnungsfugen des Gewölbes zu überwintern.
Doch der unangefochtene Meister im Besiedeln neuer Quartiere ist die Zwergfledermaus. Mit nur fünf Gramm Körpergewicht ist sie der Winzling unter den hiesigen Arten. Akzeptable Wohnquartiere findet sie sogar noch hinter Gebäudeverschalungen oder unter Dachpappe, und oft genug zieht sie schneller als der Mensch in Neubausiedlungen ein, unbemerkt von denen, die ihr ahnungslos Unterschlupf gewähren.
Auch die nächtliche Insektenjagd findet erstaunlich häufig in dicht besiedeltem Gebiet statt, beispielsweise in Straßenschluchten, über Beleuchtungsanlagen von Park- und Sportplätzen, unter Autobahnbrücken, und auch auf Mülldeponien ist der Tisch für die Insektenjäger reich gedeckt. Besonders die Zwergfledermaus hat sich schon so sehr an das Leben in Städten und Parks gewöhnt, dass sie in der Dunkelheit um Lampen und Straßenlaternen kreisend ihrer Beute aus Nachtfaltern nachstellt. Der Große Abendsegler dagegen ist meist schon in der Abenddämmerung unterwegs und zieht in großer Höhe über der Stadt seine Kreise. Er teilt sich sein Jagdgebiet mit den Schwalben und Mauerseglern, so dass man sie oft zusammen umherfliegen sieht und leicht miteinander verwechselt. Recht häufig ist auch die Wasserfledermaus, die über Teichen, kanalisierten Gewässern und an Bachrändern auf Beutefang geht. In kleinen und kleinsten Schleifen saust sie so dicht über der Wasseroberfläche entlang, dass gelegentlich eine Flügelspitze eine kleine Furche durchs Wasser zieht. Während eines einzigen nächtlichen Jagdausfluges kann sie bis zu 4800 Exemplare ihrer Leibspeise, der Zuckmücken, im Fluge fangen und verzehren.
Da jede Fledermaus ganz bestimmte Jagdflugräume bevorzugt, kommen sich die einzelnen Arten nicht in die Quere. Allerdings liegen die Übertagungsquartiere und die eigentlichen Jagdgebiete oftmals kilometerweit auseinander. Fledermäuse sind deshalb auf Verbindungslinien angewiesen, denn die kleinen Nachtjäger fliegen nicht über freie Flächen. Vielmehr orientieren sie sich an linienförmigen Landschaftselementen wie Hohlwegen, Baumreihen, Hecken, Straßenlaternen etc. Zugute kommt ihnen dabei ihr hervorragendes Ortsgedächtnis, auf das sie sich so sehr verlassen, dass sie manchmal sogar längst gefällten Bäumen aus angestammter Gewohnheit ausweichen.
Die meisten Fledermausarten leben sehr ortstreu. Nur wenige sind wie die Zwergfledermaus Generalisten, die sich überall zurechtfinden, sowohl in der abgeschiedenen Waldeinsamkeit als auch im Gewühl großer Städte. Und nur selten kommt es vor, dass Fledermauspopulationen ihren Lebensraum vergrößern. So war die Weißrandfledermaus, eine mittelgroße Art mit 22 cm Spannweite und einem charakteristischen weißen Band am hinteren Flügelrand, ursprünglich im Mittelmeerraum beheimatet. Doch vor einigen Jahren überquerte sie die Alpen und breitet sich nun immer weiter nach Norden aus. Vielleicht macht die Klima-Erwärmung die nördlichen Landstriche für sie attraktiv.
Doch die Weißrandfledermaus ist eine Ausnahme: In den letzten Jahrzehnten sind die Bestände der meisten Arten durch den Einfluss des Menschen dramatisch zurückgegangen. Wohnquartiere in Dachböden und Kirchtürmen wurden durch Ausbau oder Renovierung zerstört, alte Obstbäume mit fledermaustauglichen Astlöchern und Höhlen gefällt, und Erdhöhlen und Bunker zugeschüttet, Eis- und Kartoffelkeller verschlossen, weil sie nicht mehr genutzt werden. Auch die Flurbereinigung hat viel zur Verdrängung der nützlichen Nachtgeister aus dem ländlichen Raum beigetragen. Monokulturen lassen die Insektenvielfalt verschwinden, der verstärkte Einsatz von Insektiziden in der Landwirtschaft belastet die Tiere stark mit Umweltgiften und führt zu Unfruchtbarkeit und Tod. Daher hat der Gesetzgeber alle 30 europäischen Fledermausarten unter Naturschutz gestellt. Erfolge und Misserfolge aller Bemühungen um diese Tiergruppe sind jedoch ebenso wie das gewöhnliche Fledermausleben im normalen Alltag so gut wie unsichtbar - zu sehr unterscheidet sich der Lebensrhythmus der Fledermäuse von dem des Menschen.
Eines steht allerdings fest: Je genauer die regionalen Ansprüche der einzelnen Arten erforscht werden, desto besser können Arbeitsgemeinschaften und Naturschutzverbände, die heute fast flächendeckend im Lande tätig sind, vor Ort aktiven und nachhaltigen Fledermausschutz betreiben. Beispielsweise kümmern sich in jedem Bundesland die Mitarbeiter des jeweiligen “Arbeitskreises Fledermausschutz” mit behördlicher Genehmigung um verletzte Tiere, die von Spaziergängern aufgefunden werden, oder suchen alte Stollen und abgelegene Höhlen auf, um dort im Winter durch Fledermauszählung die Bestandsgrößen einschätzen zu können. Am wichtigsten ist und bleibt jedoch die Landschaftspflege, denn von ihr hängen unmittelbar die drei Grundbedürfnisse der Nachtjäger ab: Erstens ein großes Angebot an störungsfreien Übertagungs-, Überwinterungs- und Wochenstubenquartieren. Zweitens abwechslungsreiche Jagdgebiete in strukturreichen, naturnahen Landschaften, die eine große Insektenvielfalt zulassen und die Nahrungsgrundlagen sicherstellen. Und drittens intakte Flugrouten zwischen Wohn- und Jagdgebieten.
Eine mindestens ebenso große Bedeutung liegt in der Öffentlichkeitsarbeit. Denn nur, wenn es gelingt, Sympathie und Verständnis für unsere nächtlichen Nachbarn, die Fledermäuse, zu wecken, wird man ihre Belange und Bedürfnisse berücksichtigen und sich mit Nachdruck dafür einsetzen, dass diese Tiergruppe nicht aus ihrem angestammten Lebensraum verschwindet.



