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Der Rosa Rächer

Nico hatte nur zufällig auf den Boden gesehen. Er hatte dabei an nichts besonderes gedacht, nur daran, dass seine Mannschaft heute beim Sport gewonnen hatte. Aber ganz gleich, wo er mitspielte, die gewannen sowieso immer.
Nico stutzte: Sonderbare rosafarbene Linien zogen sich wie riesige Spinnenbeine über den regennassen Gehsteig vor dem Zugang zu seinem Haus. Straßenmalkreide. Hatte das etwas zu bedeuten? Nico legte den Kopf schief. Er stand mit dem linken Turnschuh in etwas Eiförmigem. Ein „O“? Nico wandte sich nach links.
Ein wackeliges Zickzackmuster, ein einzelner Strich und ein „C“. „NICO“ stand da. In Großbuchstaben. Mit einem Ausrufezeichen dahinter. „NICO!“ Nur „NICO!“?
Naja, schließlich wohnte er ja hier, das wußte jeder. Nico zuckte mit den Schultern und schlurfte zur Haustür. Die krakeligen Linien leuchteten auf dem dunklen Asphalt.
Als er am nächsten Tag von der Schule kam, stand auf dem Gehsteig immer noch „NICO!“. Doch wozu das alberne Ausrufezeichen? Wollte ihm da einer drohen?
Auf seinen Namen folgte ein „I“, ein „C“, ein „H“ ... „ICH“. Dann kam eine Lücke und ein „SCH“ und ein ... vielleicht ein „L“? „ICH SCHL“? Weiter nichts.
So ein Quatsch. Wer das geschrieben hatte, der war wohl leicht bescheuert. Wenn er, Nico, jemandem was vor die Haustür schreiben würde, dann etwas, das jeder verstand, wie zum Beispiel „Anna ist doof“ oder „Oliver! Du Arsch!“ oder „Thomas Hosenscheißer“ oder sonstwas, worüber man sich ärgern würde. Vielleicht noch ein paar Totenköpfe dazu mit gekreuzten Knochen oder was anderes Gruseliges ...
Besser als so‘n Unsinn, den man nicht richtig lesen konnte. Legastheniker! Aber vielleicht tat der ja auch nur so, als könne er nicht ordentlich schreiben. Klar, da hatte einer seine Handschrift verstellt.
Nico kratzte mit den Turnschuhen über die Buchstaben, aber die Kreide hielt gut auf dem Pflaster, sie verteilte sich nur noch mehr, so dass die Linien zwar unscharf aber dafür dicker wurden.
Am Mittwoch war länger Schule. Als Nico heim kam, sah er schon von weitem, dass jemand vor seinem Haus weitergeschrieben hatte. Jetzt hieß der Satz: „NICO! ICH SCHLAG DICH.“ Nico blieb eine Weile stehen.
Langsam zog er seine aufgekrempelten Ärmel wieder runter. Pfui Teufel, da klebte ja Rotze! Dabei hatte er diesen Spastiker doch nur kurz in den Schwitzkasten genommen und sofort wieder losgelassen, als Frau Lermer über den Schulhof kam.
Nico schaute sich die Botschaft auf dem Boden genau an. So so, da wollte sich einer mit ihm schlagen. Das war immerhin ,ne klare Aussage. Nur den Punkt hatte der Unbekannte vergessen. Rechtschreibung war wohl nicht seine Stärke.
Und wenn der glaubte, dass er, Nico, sich von so ein bisschen Gekritzel einschüchtern lassen würde, dann sollte er nur kommen. Wer immer es war, der könnte was erleben! Das würde man ja sehen.
Was aber, wenn der größer war als er selbst, stärker? Kein Problem. Er würde es sogar mit Superman persönlich aufnehmen. Er hatte vor niemandem Angst. Immerhin war er in der Schule der Beste und mit ziemlicher Sicherheit auch der Stärkste. Deshalb hatte er ja auch so viele Freunde. Und weil ihm immer was einfiel. Wenn er Quatsch machte, dann bogen sich die andern vor Lachen - jedenfalls alle, die nicht völlig auf den Kopf gefallen waren. Die paar Trantüten, mit denen man so gar nichts anfangen konnte, zählten nicht. Solche Puppenmamis wie die Anna oder Julia oder der fette Paul. Oder gar dieser Bekloppte, der Thomas, der rot anlief, wenn man ihn ärgerte, der keine drei Wörter richtig schreiben konnte und dem ständig die Nase tropfte. Weil er ja auch immer gleich losheulte, die Heulsuse, wenn man was über ihn sagte oder ihn nur ein bisschen anstupste ...
Also das war wirklich lustig: Man sagte was, irgendwas, sowas, wie „He, du da!“ oder „Na, was is?“, dann guckte er einen groß an, durch seine komische Brille, als habe er mal wieder gar nichts kapiert. Und - das war noch besser - wenn man etwas lauter sprach, da zuckte er richtig zusammen. Manchmal tat er auch so, als habe er nichts gehört, und ging weiter, aber an der Art, wie er die Schultern hochzog, sah jeder gleich, was der für ein Feigling war. Jedenfalls glotzte er einen starr an, wenn man ihn dann stellte, und ganz langsam füllten sich seine Augen mit Wasser. Man brauchte seinen Spruch nur ein-, zweimal zu wiederholen, und spätestens dann hingen ihm die Tränen schon an den Wimpern.
Noch nie, noch kein einziges Mal hatte Thomas sich gewehrt. Nicht so, wie der fette Paul, der plötzlich, ganz unerwartet, zurückgeschupst hatte. Thomas sagte höchstens „Lass mich halt in Ruhe.“ Das war schon alles, was er rausbrachte - so leise, dass man es kaum hörte, und das hieß für Nico nur, dass es jetzt erst so richtig losgehen konnte, wenn er wollte.
Dabei hatte Nico sich noch nie so richtig mit ihm geprügelt. Mit dem ging das gar nicht, der fühlte sich ein bisschen so an wie die Amsel, die kürzlich gegen das Wohnzimmerfenster geknallt war, so eigenartig leicht und schlapp und weich und drunter knochig, so dass man gar nicht richtig hinlangen konnte.
Nico spuckte in hohem Bogen auf die Buchstaben. Der Spuckebatzen landete mitten im „O“.
Nico hatte nicht erwartet, dass dem Schreiber noch mehr einfallen würde, deshalb sah er auch gar nicht mehr genau hin, als er Donnerstag Mittag heim kam.
Aus dem Augenwinkel schien es Nico, als sei die Kreidebotschaft ein klein wenig verändert. Er trat einen Schritt zurück und las das neu hinzugekommene Wort. „TOT!!!“ stand da. Mit drei Ausrufezeichen. „NICO! ICH SCHLAG DICH TOT!!!“. Jetzt war der Satz vollständig.
Das sollte wohl komisch sein? Als ob ihn so‘n bisschen Krickelkrakel beeindrucken würde. Sicher war es irgendein Witzbold aus seiner oder aus der Parallelklasse. Aber die 2b war im Landschulheim ... und der Oli, der einzige, dem er solche Späße zutraute, der hatte heute den ganzen Tag neben ihm gesessen. Außerdem hatte der einen ganz anderen Heimweg. Und eigentlich keinen Grund für sowas.
Vielleicht eines der Mädchen? Nico ging die Namen durch. Vielleicht die Julia? Die hatte heute gefehlt. Aber die Tage zuvor war sie immer in der Schule gewesen. Und Anna? Die wurde immer von ihrer Mutter abgeholt, weil sie weiter weg wohnte. Außerdem konnte Nico sich nicht vorstellen, dass jemand wie Anna, die immer alles fein säuberlich in Schönstschrift hinmalte, so krakelig schreiben könnte. Nicht mal, wenn sie sich besonders anstrengte.
Ne, das das sah eher nach Thomas aus, der schrieb fast so, wie er stotterte, wenn er sich aufregte. Aber der würde es nie wagen ... der machte sich ja schon ins Hemd, wenn er ihn bloß sah.
Einmal war Nico ihm auf der Wiese beim Spielplatz begegnet. Da hatte er doch tatsächlich mit irgendeinem kleinen Mädchen Puppen gespielt, wie ein Kindergartenbaby. Sie hatten für die Playmobilfiguren was im Gras gebaut. Nico war mit seinem Rad einmal quer durchgefahren, und prompt hatte Thomas alles panisch aufgesammelt. Während Nico ein paar Runden mit dem Rad um die beiden herum drehte, stand das Mädchen in seiner geblümten Latzhose nur da und sah ihn geradeheraus an. Ihre blonden Löckchen leuchteten hell im Sonnenlicht.
Thomas hatte sie ganz schnell weggezerrt, doch kurz vor der Straße hatte sie sich noch einmal zu Nico umgedreht und schrill geschrieen:“Hau ab! Du Blöder!“ Man hatte es über den ganzen Platz gehört.
Nico lachte. Seitdem traute der Thomas sich nicht mehr auf den Spielplatz. Und damit er nur nicht an Nicos Haus vorbei mußte, machte er sogar noch einen extra Umweg.
Nico fand, dass einer wie der Thomas auf seiner Schule nichts zu suchen hatte. So einer gehörte doch auf die Sonderschule. Sogar die Lermer hatte gesagt, dass der den ganzen Unterricht aufhalte. Das hatte Nico gehört, als er zufällig am Lehrerzimmer vorbei gekommen war.
Nico ärgerte sich schon, wenn er ihn bloß sah, mit seinen fransigen braunen Zottelhaaren und den verwaschenen Hosen. Aber das war momentan nicht so wichtig.
Er würde jetzt herausfinden müssen, wer da vor seiner Tür herumschmierte. „NICO! ICH SCHLAG DICH TOT!!!“ So eine Unverschämtheit!
Nico war sich sicher, dass es jemand aus seiner Klasse war. Die wollten nur testen, ob er Schiß bekam, das war alles.
Ein paar Tage lang geschah überhaupt nichts. Nur wenn man genau hinsah, merkte man, dass die Linien stets neu nachgezogen wurden, sobald die Buchstaben verwischten oder verblaßten.
Nico beschloß endgültig, sich einfach nicht mehr darum zu kümmern. Nur manchmal kurz vor dem Einschlafen mußte er plötzlich wieder an die geheimnisvolle Kreidebotschaft da unten vor der Haustür denken. Wenn er sich‘s recht überlegte, so konnte das keiner, den er kannte, geschrieben haben. Aber wer dann? Wer war „ICH“? Und warum wollte er ihn, Nico, gleich totschlagen? Er hatte doch nichts getan.
„Ich schlag dich tot“, das klang, als ob von oben plötzlich einer mit einer riesigen Fliegenpatsche käme ...
Aber was, wenn der Unbekannte ihn heimlich überraschte? So einer war raffiniert und hinterhältig, sonst hätte er sich doch schon längst gezeigt. Und deshalb mußte er ihn kriegen!
Also dachte Nico sich eine Falle aus. Er kehrte die Kreidestriche mit dem Besen weg. Jetzt brauchte er nur abzuwarten, wer den Satz neu hinschrieb.
Wie ein echter Detektiv würde er sich auf die Lauer legen und die Straße keine Sekunde aus den Augen lassen. Dazu mußte er natürlich zuhause bleiben.
Seine Mutter nahm ihm die vorgespielten Bauchschmerzen überraschend schnell ab.
Nico hatte den Eindruck, dass sie gar nicht so recht bei der Sache gewesen war.
Nun saß er seit halb acht am Fenster und spitzte die Ohren, um sofort ins Bett hechten zu können, falls Schritte von der Treppe her kämen. Doch von unten dröhnte nur der Staubsauger herauf, den Frau Mendel, die Zugehfrau, gleichmütig durchs Haus schob.
Nachdem der Wagen seiner Mutter aus der Garage heraus um die Ecke gebogen war, passierte lange Zeit nichts. Das war ziemlich langweilig, und Nico holte sich seinen Gameboy.
Blöderweise wurde ihm von der dichten Buchenhecke ums Haus die direkte Sicht auf den Gehsteig versperrt. Doch darüber hinweg konnte er immer noch die Köpfe eines jeden erkennen, der auf dem Weg entlang kam. Und das genügte ja auch.
Nico fand, dass er das ziemlich geschickt eingefädelt hatte. Irgendwann würde er sicher auftauchen, der geheimnisvolle Unbekannte.
Aber es kam niemand. Nur ab und zu mal ein Auto, Frauen, die ihre Kinder zum Kindergarten brachten, ein paar alte Leute, die einkaufen gingen oder ihre Hunde Gassi führten, sonst nichts.
Nico spielte zwei Runden und verlor, weil er zwischendurch immer wieder mal aus dem Fenster gucken mußte. Er war überrascht, wie gut man bei gekipptem Fenster jedes noch so leise Gespräch von der Straße her, Wort für Wort, mithören konnte.
„... Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schlimm das ist! Er hat sich schon immer bei allem so schwer getan. Und er hat überhaupt keine Freunde. Die Charlotte ist da ganz anders, die setzt sich durch. Aber er, er wehrt sich ja nicht mal! Und ich kann ihm auch nicht helfen, weil er mir einfach nicht sagt, was los ist ...“
Nico warf einen flüchtigen Blick auf die Straße und sah einen Kopf mit blonden glatten Haaren und einen mit grauen Locken hinter der Hecke entlangwandeln.
Jetzt tönte die Oma-Stimme zu ihm hoch:
„Aber Ihre Kleine, die Charlie, die ist doch so ein süßes Mäderl. Ein ganz ein vifes Persönchen. Die tut sich sicher mal leicht in der Schule. Sie ist ja ungeheuer ausdauernd. Stimmt das, dass sie jeden Tag mit ihrem Bruder die Hausaufgaben mitmacht ...? Mit dem ist sie ja ein Herz und eine Seele ...“
Diese Omas machten sich ständig Sorgen um irgendwelchen Kleinkram.
Seine Eltern waren da ganz anders. Die fanden immer alles toll, was er machte. Wenn was nicht klappte, sagte sein Vater nur „Du machst das schon!“ und klopfte ihm auf die Schulter, bevor er sich wieder seiner Zeitung zuwandte. Oder Nico bekam was Teures geschenkt. Nur manchmal hatte er das Gefühl, dass sie das alles im Grunde gar nicht so besonders interessierte.
Die beiden Frauen überquerten die Straße.
„Ich weiß wirklich nicht mehr weiter. Charlotte ist gerade auch furchtbar schwierig: Was meinen Sie, wie sie sich kürzlich aufgeführt hat, nur weil angeblich kein richtiges Rot in der Packung drin war ... ‚Dann nimm halt rosa‘, hab ich zu ihr gesagt. Aber die kann sowas von stur sein!“
Gelangweilt schaute Nico den Frauen nach. Die Alte bog nach links ab, die Blonde ging auf die Hochhäuser zu. Eine Katze schlich über die Straße, zwei Amseln hüpften hintereinander über den Asphalt. Ein VW fuhr vorbei, ein Mercedes, das Postauto und drei Fahrradfahrer. Die Katze tigerte über die Wiese beim Spielplatz. Ein Mann trug Flaschen zum Glascontainer. Nico malte mit Spucke fünf Strichmännchen aufs Fenster. Dann wischte er sie mit dem Ärmel wieder aus. Das war ja noch langweiliger als Schule!
Er war richtig froh, als irgendwann, Ewigkeiten später, die ersten Mütter ihre Kinder wieder vom Kindergarten abholten. Man hörte es kichern und plappern und kreischen. Auch die beiden Tanten vom Vormittag kamen wieder vorbei. Zwei Häuser weiter blieben sie stehen und unterhielten sich. Ab und zu blickten sie auf den Weg zurück, den sie gekommen waren.
Nico beobachtete die Leute auf der andern Straßenseite. Ein Kind verlor seinen Ball und rannte auf die Straße, die Mutter hinterher. Dann kam natürlich die Standpauke. Das Kind heulte. Langsam leerte sich die Straße, und auch die beiden Quasselstrippen wandten sich endlich zum Gehen.
„Mensch, Charlotte, jetzt komm schon!“ rief die Blonde ungeduldig, „was trödelst du denn dauernd rum?“ Nico hörte helles Schuhklappern und gähnte. Er hatte nichts gefrühstückt. Langsam bekam er Hunger. Die ganze Warterei umsonst! Denn er hatte nicht bemerkt, dass irgendwer auch nur einen Moment lang vor dem Hauseingang stehengeblieben wäre.
Eine halbe Stunde später kamen nach und nach die Schulkinder. Nico passte genau auf, aber heute hatten es alle eilig nach Hause zu kommen.
Dann sah er, wie hinter dem Spielplatz einer mit blauer Jacke und gelbem Schulranzen daher latschte. Alleine. Das war doch der Thomas! Nico presste die Nase an die Fensterscheibe. Jetzt hatte er ihn aber ... Doch die schmächtige Gestalt trabte weiter und verschwand schließlich in Richtung Hochhäuser.
Nico wartete. Der letzte, der vorbei kam, das war der fette Paul. Er trottete auf der gegenüberliegenden Straßenseite dahin, wie ein müder Elefant, ohne die kleinste Pause, ohne sich umzusehen.
Nico wartete weiter bis halb zwei. lnzwischen war seine Mutter zurück. Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Leise schlich er nach unten und spähte vor die Türe.
„NICO! ICH SCHLAG DICH TOT!“ stand da wieder, genauso krakelig wie zuvor, leuchtend rosa.

 

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