Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Die Straße nach Policnik
„Alenchen, morgen machen wir einen Ausflug mit dem Fahrrad. Und Omama kommt auch mit. Freust du dich?” Alena strahlte ihren Vater an, machte auf dem Absatz kehrt und lief laut jubelnd zu ihren Geschwistern in den Garten. Sie machten morgen einen Ausflug!
Spät abends hörte sie ihre Eltern unruhig im Haus hin- und herlaufen, sie redeten gedämpft miteinander, und manchmal schluchzte ihre Mutter leise auf.
Am nächsten Morgen wurde Alena früh wach. Sie weckte ihren Bruder und ihre Schwester mit einem lauten: „Aufstehen! Ausflug!”, was ihr ein ebenso lautes „Du nervst!” und „Raus, wir schlafen noch” einbrachte. Sie zog sich an und lief hinunter in den Garten. Die Fahrräder lehnten am Zaun und blitzten in der Morgensonne. Ihr Vater kniete vor ihnen auf der Erde und überprüfte die Reifen. Alena zeigte fragend auf die gepackten Rucksäcke, Satteltaschen und Schlafsäcke. „Vielleicht bleiben wir etwas länger weg”, antwortete ihr Vater gepresst, schlug sich kurz den Staub von den Knien und ging zurück ins Haus, um die restlichen Taschen zu holen. „Ich schau mal, ob ich Omama schon sehe”, rief Alena hinter ihm her und rannte um das Haus herum zu den Obstbäumen. Sie kletterte auf den höchsten und spähte durch die dichten Blätter den Berg hinauf auf die Landstraße nach Policnik. Die Sonne stach ihr in die Augen, so dass sie die zwei olivfarbenen Jeeps erst sah, als sie von der Straße in die Auffahrt einbogen und in voller Fahrt auf das Haus zuhielten. Alena duckte sich und zog ihre Beine eng an ihren Körper. Unter ihr bremsten die Wagen scharf, vier Männer sprangen heraus, sahen sich kurz um und gingen sofort ins Haus. Sie hörte ihren Vater laut fragen, was - dann hörte sie einen Schuß. Einen zweiten. Einen dritten. Dann lautes Johlen. Sie hörte ihre Schwester schreien, die Männer grölen, spitze Schreie, atemloses Lachen, Schreie, immer wieder Schreie, Lachen, einige dumpfe Schläge, Stille.
Einen vierten Schuß.
Langsam traten die Männer wieder ins helle Sonnenlicht heraus. „Hübsches Ding”, grinste der letzte und schloß den Reisverschluß seiner schmutzigen Hose. Die anderen feixten. Sie stiegen in ihre Autos und fuhren weg.
Alena kletterte vorsichtig den Baum hinunter und rannte auf das Haus zu. Vielleicht konnte ihr Vater ihr sagen, wo Omama blieb und wer die vier Männer gewesen waren.



