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Ein tierischer Glücksbringer
Wieder sah Hans Eder auf die große Uhr an der Wand des Wartezimmers. Wie oft hatte er das in der vergangenen Stunde getan? Und war wirklich erst eine Stunde vergangen? Ihm erschien es wie eine Ewigkeit. Das Wartezimmer der Tierklinik Hochberg war eingerichtet wie viele seiner Art - nur ein paar Stühle, ein kleiner Tisch, auf dem immerhin ein paar Zeitschriften lagen, um den Wartenden die Zeit zu verkürzen.
Hans hatte dafür keinen Blick. Nur ein Gedanke war in seinem Kopf: Gerade jetzt wurde Zera operiert. Oder hatte sie es schon überstanden? Wieder liefen die Ereignisse der letzten Stunden wie ein Film vor seinem inneren Auge ab.
Er wollte nur schnell zur Post gehen, ein paar Briefe einwerfen. An der Haustür wartete bereits Zera, seine schwarzbraune Collie-Mischlingshündin. Eigentlich hatte er sie doch gar nicht mitnehmen wollen! Aber sie blickte ihn so treuherzig mit ihren dunklen Augen an, und diesem Blick konnte er noch nie widerstehen.
„Na gut, mein Mädchen“, hatte er nachgegeben. Selbst jetzt konnte er sich fast übergenau an jedes Wort erinnern. „Ein bisschen Bewegung wird uns beiden gut tun!“ neckte er sie. Wo war die Laufleine? Ach, egal, für den kurzen Weg tat es die kurze auch. Warum hatte er nicht doch länger gesucht? Hätte er sie dann fester in der Hand gehalten? Es war nur ein kurzer Ruck, eine kleine Unaufmerksamkeit, normalerweise ohne Folgen, denn Zera gehorchte aufs Wort. Im nächsten Moment quietschten Bremsen, eine Frau schrie auf. Der Fahrer sprang aus dem Auto, redete irgendwas, aber daran konnte Hans sich merkwürdigerweise nicht mehr erinnern. Er sah Zera, die reglos auf der Straße lag, seltsam verdreht. Der Mann bot ihm seine Hilfe an, und sie fuhren gleich in die Tierklinik nach Hochberg, nicht erst zum Tierarzt der Kleinstadt.
Und nun wartete er hier. Sein Verstand weigerte sich, die Worte des Tierchirurgen anzunehmen, der ihm nur wenig Hoffnung machen konnte. Seine Zera würde leben, eine andere Möglichkeit durfte es nicht geben! Er war jetzt fünfundvierzig Jahre alt, und zehn davon hatte er mit dem Hund geteilt. Ohne ihn - das war unvorstellbar.
Jetzt hörte er Schritte und sprang auf.
Der Tierarzt und sein Helfer betraten den Raum, Letzterer trug noch seinen dunklen Arbeitskittel, während der Arzt sich einen weißen Kittel übergezogen hatte. Sekundenlang herrschte eine unnatürliche Stille im Zimmer, dann räusperte sich der Tierarzt.
„Es tut mir sehr leid, Herr Eder. Wir haben alles versucht, aber die inneren Verletzungen waren zu schwer. Sie ist nicht mehr aufgewacht, hatte keine Schmerzen.“
Langsam sank Hans auf den Stuhl. Sein Kopf war seltsam leer, und nur langsam drangen die nächsten Worte an sein Ohr.
„Wir haben hier auf dem Gelände einen kleinen Tiefriedhof. Wenn Sie möchten, wird sie hier begraben. Die Formalitäten regeln wir später.“
„Ja ... ja. Vielen Dank. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden...“
Wie betäubt verließ Hans das Gebäude. Er musste lange auf den Bus nach Hause warten, aber er spürte die Novemberkälte kaum.
Als er sein kleines Haus in der Altstadt betrat, traf ihn die Erkenntnis mit voller Wucht. Nie mehr würde ihn ein hüpfendes, schwanzwedelndes großes Wollknäuel begrüßen, die feuchte Schnauze in seine Hand drängen... Die Wohnung war leer, er war allein.
Die Tage vergingen, und wenn Hans von seiner Arbeit in der Bank nach Hause kam, brannten in vielen Fenstern schon die Weihnachtslichter. In ein paar Tagen war der erste Advent, aber er hatte keine Lust auf Weihnachtsstimmung. Wozu auch, dachte er, es ist doch niemand da, den es kümmert!
Es war Freitagabend, und er überlegte gerade, ob er sich vor dem Spielfilm noch einen Tee aufgießen sollte, als es klingelte.
Unwillig schüttelte er den Kopf, denn er erwartete natürlich niemanden. Wahrscheinlich wieder ein Vertreter, der die Weihnachtszeit für irgendwelche Geschäfte nutzen wollte!
Die Frau vor der Tür sah eigentlich nicht danach aus. Mitte Dreißig, schätzte er, kurzes, dunkles Haar, und eine Aktentasche hatte sie auch nicht bei sich.
„Guten Abend“, grüßte sie freundlich. „Ich dachte mir, ich stelle mich Ihnen einfach mal vor. Wir sind ja Nachbarn, seit ich vor einer Woche hier eingezogen bin. Ich meine, da wird es Zeit, dass man sich einmal kennen lernt!“
Nachbarn? Ach ja, jetzt erinnerte er sich an den Umzugswagen. Es hatte ihn nicht interessiert.
„Ich würde Sie gern einmal einladen,“ redete sie weiter. „Vielleicht auf einen Kaffee, auf gute Nachbarschaft?“
Das fehlte noch, dachte Hans.
Hastig sagte er: „Vielen Dank, jetzt kenne ich Sie ja. Für Anderes habe ich keine Zeit. Auf Wiedersehen!“ Er schnappte noch ihren verwunderten Blick auf, bevor er die Tür schloss. Nein, danke, sollte sie sich doch jemand anderen suchen! Allein konnte er seinen Erinnerungen an Zera viel besser nachhängen.
Wieder verging eine Woche, das Wetter hatte umgeschlagen und war nass und kalt geworden. Hans schloss seine Tür auf und freute sich auf seine warme Stube.
Als er jedoch die Küche betrat, blieb er wie vom Blitz getroffen stehen. Ihm bot sich ein verheerendes Bild: Die Tüte mit altem Hundefutter, die immer noch in der Ecke stand, war umgeworfen, der Inhalt überall auf dem Fußboden verstreut. Schlimmer allerdings waren die Milchpfützen, die sich dazwischen breit machten - die offene Milchtüte lag umgekippt daneben.
Hans schnappte nach Luft. „Das ist doch...!!“
Er stürmte in die Stube, dann ins Schlafzimmer.
Hier hörte er ein Geräusch, knipste das Licht an - und blickte in zwei leuchtend grüne Augen. Einen Moment waren Mensch und Tier wie erstarrt. Dann plötzlich machte die große rote Katze einen Satz vom Bett, sprang auf das Fensterbrett und verschwand durch den offenen Spalt in die Dunkelheit des kleinen Gartens.
„So ein Katzenvieh“, schimpfte Hans und machte sich aufseufzend ans Aufräumen.
Am nächsten Tag war er sorgfältig darauf bedacht, sämtliche Fenster zu schließen, bevor er das Haus verließ. Eine solche Überraschung wollte er nicht noch einmal erleben!
Er öffnete das Schlafzimmerfenster erst, bevor er es sich abends vor dem Fernseher gemütlich machte - mit frischer Luft schläft es sich nun einmal besser.
Der Krimi war nicht besonders aufregend, und er war kurz vor dem Einnicken, als er plötzlich ein Geräusch hörte. Jetzt wieder hellwach lauschte er. Da - schleichende Schritte. Ein mulmiges Gefühl beschlich ihn, aber nun war es sowieso zu spät. Er sah auf die Wohnzimmertür, die nur angelehnt war. Sie bewegte sich und ein großer, roter Kopf lugte ins Zimmer.
Hans wusste nicht, ob er schimpfen oder lachen sollte.
„Du schon wieder!“ brummte er. „Hast wohl kein Zuhause?“
Das schien dem Kater zu gefallen, er kam näher und rieb seinen Kopf an Hans´ Beinen. Und wie er schnurrte! Wie ein Streuner sah er eigentlich nicht aus.
„Na komm, wo du schon mal hier bist, sollst du nicht leer ausgehen. Bist wohl so was wie der Nikolaus?“ Jetzt lächelte Hans doch. Er füllte ein kleines Schälchen mit Milch, was das Tier dankbar annahm.
Danach machten sie es sich gemeinsam vor dem Fernseher gemütlich - wie selbstverständlich nahm der Kater seinen Platz neben Hans auf dem Sofa ein.
Als er dann ins Bett ging, verschwand sein neuer Freund allerdings, wieder durch das Fenster.
Von jetzt an wurde dieses jeden Abend geöffnet, und pünktlich stellte sich der rote Tiger ein - so hatte Hans ihn für sich genannt. Ab und zu hatte er auch schon mit dem Gedanken gespielt, seinen Besucher einfach zu behalten. Aber wer wusste schon, ob nicht jemand ebenso sehr auf seinen Liebling wartete?
So vergingen wieder zwei Wochen, und Weihnachten nahte. Fröhlich pfeifend, wie schon lange nicht mehr, betrat Hans seine Wohnung. Heute würde auch er einen kleinen Tannenbaum aufstellen, mit Leckerlis für seinen tierischen Freund. Zumindest für ein paar Stunden würde auch er am Weihnachtsabend nicht allein sein! Ein kleines bisschen von den Leckereien könnte er Tiger ja eigentlich heute schon geben, sozusagen als Vorgeschmack...
Es wurde spät und später, aber kein Kater schlich auf Samtpfoten in die Stube. Mehrmals schon war Hans aufgestanden und hatte aus dem Fenster gesehen. Nichts!
Die nächsten Tage vergingen, ohne dass sich auch nur eine rote Schwanzspitze zeigte. Einsam waren die Abende, und Hans erkannte schmerzhaft, dass ihm sein rothaariger Besucher fehlte. Am vierten Abend hielt er es nicht mehr aus. Er zog seinen Mantel an und beschloss, noch ein Stück durch die Stadt zu gehen.
Überall in den Fenstern waren nun die Lichter zu sehen, und der große Tannenbaum auf dem Marktplatz war hell erleuchtet. Zwar hatte es bis jetzt nicht geschneit, aber die weihnachtlichen Dekorationen in den Schaufenstern verbreiteten eine festliche Stimmung. Hans ließ sich davon nicht berühren. Nach einer Weile lenkte er seine Schritte wieder heimwärts, tief in Gedanken versunken.
Es begann zu nieseln, und den Kopf tief in den Mantelkragen gezogen, beschleunigte er seine Schritte.
Da er zwar auf den Weg, aber nicht auf seine Umgebung achtete, war der Zusammenstoß unvermeidlich. Seinem Gegenüber entfuhr ein spitzer Schrei, und aus einer Einkaufstüte kullerten ein paar Apfelsinen auf den Gehweg.
„Oh, Entschuldigung, das tut mir leid“, murmelte Hans erschrocken und bückte sich sofort, um beim Aufsammeln zu helfen.
„Macht nichts, ich glaube, es war genauso meine Schuld!“ antwortete eine fröhliche, weibliche Stimme, die ihm irgendwie bekannt vorkam. Er erhob sich und sah in zwei haselnussbraune Augen, umrahmt von einer dunklen Kapuze. Das war doch... natürlich, die aufdringliche Nachbarin. Verlegen lächelte er und reichte ihr die Früchte.
„Verzeihen Sie mir“, sagte er nochmals. „Ich war so in Gedanken...“
„In Ordnung, aber nur unter einer Bedingung.“ Sie griff nach ihrer Tasche. „Sie kommen jetzt mit und wir trinken einen schönen, heißen Tee zusammen!“
Er zuckte die Schultern.
„Da habe ich wohl keine Wahl. Aber geben Sie den Beutel ruhig her, das gehört schon zur Wiedergutmachung!“
Beide mussten lachen.
In ihrer Wohnung war es warm und gemütlich. Dunkle Tannenzweige standen in Vasen, alles war weihnachtlich dekoriert.
„Gehen Sie schon mal ins Wohnzimmer“, sagte sie. „Ich setze gleich das Teewasser auf!“
Er sah den kleinen Napf im Flur und spürte für einen Moment ein wenig Traurigkeit. Schnell unterdrückte er das Gefühl.
„Wie ich sehe, leben Sie ja doch nicht ganz allein“, rief er in die Küche, während er den Mantel aufhing.
„Ach, hat Sie Micky schon begrüßt?“ kam es zurück. „Das wundert mich, denn im Moment fühlt er sich gar nicht wohl. Er wollte die letzten Tage nicht einmal in den Garten!“
„Nein, nein, ich sah bis jetzt nur den Futterplatz“, antwortete Hans. Er setzte sich auf die dunkelbraune Couch.
Plötzlich spürte er eine Bewegung unter dem Tisch, und etwas strich um seine Beine. Er bückte sich und konnte nur mit Mühe einen Freudenschrei unterdrücken. Das war doch nicht möglich - oder etwa doch? Da saß tatsächlich sein Tiger vor ihm - die grünen Augen ganz unschuldig zu ihm erhoben. Jetzt sprang er wie selbstverständlich auf seinen Schoß, um sich streicheln und kraulen zu lassen.
„Du Schlingel, was für eine Überraschung! Wenn du wüsstest, wie ich dich vermisst habe!“
In dem Augenblick betrat die junge Frau das Zimmer. Sie sah die fröhliche Szene und lachte.
„Na, ihr scheint euch ja prächtig zu verstehen!“ Sie stellte das Tablett mit Tee und Lebkuchen auf den Tisch. „Normalerweise ist Micky gar nicht so nett zu Fremden!“
„Tja, das liegt wohl daran, dass wir uns nicht fremd sind“, sagte Hans leise. „Und wenn ich sein Frauchen damals nicht so unfreundlich weggeschickt hätte...“
„Vergessen Sie ´s einfach. Übrigens, mein Name ist Linda, und es würde mich freuen, wenn wir uns ab jetzt beim Vornamen nennen könnten!“
Dem stimmte er nur zu gern zu.
„Aber nun möchte ich hören, was es mit eurer Bekanntschaft auf sich hat! Da bin ich wirklich neugierig.“
Hans setzte das Teeglas ab und nahm sich einen Lebkuchen.
„Das tue ich gern. Es dauert vielleicht ein bisschen länger, und ich komme nicht immer besonders gut weg dabei. Also das war so...“
Als Hans sich später verabschiedete, waren drei Stunden wie im Flug vergangen. Sie hatten geredet und gelacht, er fühlte sich so zufrieden und glücklich wie schon lange nicht mehr.
Morgen war der letzte Tag vor Weihnachten, und sie hatten sich für den Nachmittag verabredet.
Linda erwartete ihn bereits dick eingemummelt an der Tür.
„Nanu, wollen wir einen Spaziergang machen?“ fragte er leicht verwundert. Die Luft war kalt, und dicke Wolken hingen über der Stadt.
„Warum nicht?“ antwortete sie nur. „Komm einfach mit!“
Lächelnd ließ er sich von ihr einhaken. Wie hatte er es nur geschafft, diese wunderbare Frau einmal einfach wegzuschicken?
Dann standen sie vor einem Gartentor, Linda öffnete es und klingelte an der kranzgeschmückten Tür. Die Frau, die ihnen aufmachte, begrüßte sie freudig.
„Dann kommt mal mit“, forderte sie das Paar auf. Sie schien über ihr Erscheinen überhaupt nicht überrascht zu sein, was Hans ein wenig verwunderte.
Sie betraten eine kleine Kammer, und bevor er es sich versah, wuselten drei schwarzweiße Hunde-Haarknäuel um ihn herum. Treue dunkle Augen blickten ihn an und er konnte gar nicht anders, als ihnen liebevoll über das Fell zu streichen.
„Tja, wenn das nicht Liebe auf den ersten Blick ist!“ lachte die Frau. Unsere Nelly kann nun ganz beruhigt sein, der Willy bekommt ein schönes neues Zuhause!“ Damit hob sie eines der kleinen Fellbüschel hoch und legte es Hans in die Arme. Sogleich kam daraus eine rosa Zunge zum Vorschein und leckte seine Hand. Er sah Linda an, die ein wenig verlegen zu Boden schaute.
„Ich weiß jetzt nicht, was ich sagen soll, aber ich bin überzeugt, wir werden uns prima verstehen“, sagte Hans und sah, wie Lindas Augen bei diesen Worten aufleuchteten.
„Dann wünsche ich euch viel Freude miteinander“, verabschiedete sie die Frau. „Besuchen Sie mich mal mit dem Schlingel, und frohe Weihnachten!“
„Ihnen auch, und vielen Dank!“ riefen die Beiden, bevor sie auf die Straße traten.
Dann sah Hans Linda an und machte plötzlich ein betont sorgenvolles Gesicht.
„Was, wenn Willy sich nun nicht mit Micky verträgt?“
Linda lachte hell auf.
„Darüber mache ich mir keine Sorgen. Er hat uns soviel Glück gebracht! Ich erinnere mich, dass es auch bei Menschen manchmal Umwege braucht...“
Hier legte Hans vorsichtig den Arm um sie, aus seinem Mantelkragen lugte eine kleine, schwarze Schnauze.
Als sie sich nun auf den Heimweg machten, fielen aus den Wolken die ersten, großen Flocken. Weihnachten konnte kommen.



