Sie sind hier:Teilnehmer / Förderpreise / Archiv / 

Lisa

„Jetzt haben wir es gleich geschafft, Lisa.“ Anna machte die letzten Handgriffe und seufzte. Es war ein rechtes Stück Arbeit, ein siebenjähriges Kind zu wickeln, das ganz hilflos war. Anna nahm das Kind auf die Arme und trug es die Treppe hinunter. Sorgsam bettete sie es auf das Sofa. Sie öffnete das Fenster, liess frische Luft und Sonnenstrahlen herein. Sinnend schaute sie einen Moment in die blühende Landschaft hinaus. Eine Träne rollte verstohlen über ihre Wange.
„Spürst du die Sonne auf deiner Haut, Lisa?“
„Ja, die Sonnenstrahlen kitzeln mich in meiner Nase“, lachte sie.
„Das ist der Frühling“, sagte Anna, „hör nur die Vögel, wie sie singen und zwitschern!“
„Ist die Amsel auch im Garten?“
„Sehen kann ich sie zwar nicht, aber ich höre sie singen.“
„Und mein Flieder, blüht er schon?“
„Nein, aber es dauert nicht mehr so lange. Dann wirst du ihn von hier aus riechen können.“
„Ich freue mich schon darauf. Wenn ich ihn rieche, werde ich ihn vor mir sehen mit seinen schönen lila Blüten. Bringst du mir dann einen Strauss herein?
„Aber sicher, mein Schatz. Weißt du was? Wenn wir Glück haben, bringt Vati heute einen Rollstuhl nach Hause. Dann können wir morgen hinausgehen und den Frühling spüren.“
Lisa strahlte. Obwohl sie so krank war, war sie ein fröhliches Kind geblieben. Sie freute sich an dem, was sie noch machen konnte, und versuchte immer, Anna aufzuheitern.
Der Rollstuhl erwies sich als ein Geschenk des Himmels. Was sie nicht alles unternehmen konnten! Nach dem langen Winter, der sie zwang, die meiste Zeit im Haus zu verbringen, genossen sie es doppelt. Es war wie neu geschenktes Leben.
„Viele Bäume blühen. Sie haben ein weißes Kleid“, sagte Anna.
„Haben sie auch schon Blätter?“
„Die, die jetzt blühen, haben noch keine Blätter. Andere sind schon voll davon, und wieder andere sind erst von einem feinen grünen Schimmer überzogen. Die Wiesen
sind ganz gelb vom Löwenzahn. Das sieht wunderschön aus mit dem sattgrünen Gras und den weißen Bäumen.“
„Ich kann es mir gut vorstellen, Mama. Ich sehe es vor mir, wie es war, als wir im letzten Frühling über die Wiesen und Felder gelaufen sind.“
Anna schluckte. Es schmerzte sie so sehr, dass Lisa nichts mehr sehen konnte von all dieser Schönheit. Ein Gehirntumor zerstörte dieses wunderbare Kind nach und nach, nahm ihm immer mehr Sinne, bis er eines Tages das Leben selbst zerstören würde. Sie sah Lisa, wie sie vor einem Jahr über die Wiesen gelaufen war und gejauchzt hatte. Sie pflückte leidenschaftlich gern Blumen und deckte Anna mit unzähligen bunten Sträußen ein. Anna fand im Haus kaum noch ein freies Plätzchen dafür. Ach, wie hatten sie das genossen. Da hatten sie noch nichts gewusst von dieser katastrophalen Krankheit.
„Mama, pflückst du ein paar Blumen für mich?“
„Aber gern, du hast schon so viele für mich gepflückt.“
„Die stellen wir dann neben mein Bett, nicht wahr?“
„Natürlich, und wir werden auch noch einen Strauss pflücken für das Wohnzimmer, einverstanden?“
Lisa nickte und lachte. „Hörst du den Kuckuck, Mutti?“
„ Ja, wie schön. Das bringt Glück. Man sagt, wenn man Geld in der Tasche hat, wenn der Kuckuck ruft, geht es einem das ganze Jahr nicht aus.“
„Wirklich? Stimmt das auch?“
„Ach, weißt du, ich denke, eigentlich glaubt das niemand so recht, und doch sagen es alle.“
„Und, hast du Geld dabei?“
„Nein, wir machen ja nur einen kleinen Spaziergang. Hier kommt Connie.“
„Hallo, Lisa!“
„Hallo, Connie.“
„Wie geht es dir?“
Gut, ich habe soeben einen Kuckuck gehört. Das bringt Glück, nicht wahr, Mama?“
„„Ja, Lisa.“
„Schau mal, Lisa“, erzählte Connie, „was ich gefunden habe: ein schönes Schneckenhaus. Ich leg’ es dir in die Hände, dann kannst du fühlen, wie es sich windet.“
„Schön! Ist es gestreift?“
„Ja, schwarz und weiß.“
Anna beobachtete die beiden Kinder, wie sie sich unterhielten. Sie hatten keine Berührungsängste. Die Erwachsenen wurden oft verlegen und wussten nicht, was sie sagen sollten. Sie konnte es gut verstehen, früher hatte sie auch nie gewusst, wie sie sich gegenüber Leuten mit einem kranken Kind verhalten sollte.
Viele Kinder spielten auf der Wiese - und Lisa konnte nie mehr dabei sein! Die Ärzte hatten ihnen von Anfang an gesagt, dass die Chance auf eine Heilung gering sei, aber Anna hatte sich immer an die Hoffnung geklammert, dass sich ja auch Ärzte irren könnten. Nach der Operation hatte sie fest geglaubt, dass Lisa wieder gesund werden würde. Die Chemotherapie war schrecklich. Auch an den Anblick von Lisa mussten sie sich gewöhnen, als sie ihre Haare verlor. Sie hatte so schöne blonde Haare gehabt.
Lisa musste schon länger gespürt haben, dass es hoffnungslos war. Sie wollte plötzlich die Therapie abbrechen, nur ihren Eltern zuliebe machte sie noch weiter. Immer war es eigentlich eher Lisa gewesen, die ihre Eltern tröstete, als umgekehrt. Sie hatte eine große innere Kraft.
Eines Tages, nach einer Kontrolluntersuchung, hatte der Arzt zu ihnen gesagt: „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass der Tumor wieder wächst. Eine neuerliche Operation wäre zwar möglich, es ist jedoch nicht auszuschließen, dass wir dabei einen Teil des Gehirns zerstören, und die Prognosen für einen Erfolg stehen schlecht. Es ist aber letztlich Ihre Entscheidung, ob wir noch einmal operieren sollen oder nicht.“
Sie waren wie erschlagen gewesen. Diese Entscheidung zu fällen, war das Schlimmste in ihrem Leben. Am nächsten Tag sagte Lisa: „Mutti, ich weiß, dass ich nicht mehr lange leben werde. Mach dir nicht solche Sorgen, mir geht es gut.“ Das hatte den Ausschlag gegeben. Lisa sollte nicht mit Operationen und Behandlungen gequält werden, die wahrscheinlich doch nichts mehr nützten. Sie wollten mit ihrer Tochter noch ein paar schöne Monate erleben und sie dann in Würde sterben lassen.
So lange wie möglich machte Anna einen täglichen Spaziergang mit Lisa. Es war Lisas grösste Freude. Zwei Dinge gab es, auf die sie sich jeden Tag besonders freute: Der Spaziergang und wenn Papa abends nach Hause kam.
Gerd kam immer so früh er nur konnte und verbrachte fast den ganzen Abend an Lisas Bett. Er erzählte ihr, was er erlebt hatte, und brachte ihr manchmal Kleinigkeiten nach Hause: Eine Blume, ein Stein, ein Schneckenhaus. Lisa freute sich immer sehr darüber. Sie hatte schon eine ganze Sammlung auf dem Tisch.
„Lisa!“
„Papa!“ Was er wohl heute nach Hause brachte?
„Hallo, mein Schatz, wie geht’s dir heute?“
„Gut, ich bin nur etwas müde. Hast du mir etwas mitgebracht?“
„Oh ja, etwas ganz Besonderes.“
„Was ist es? Sag es schnell.“
„Eine Geschichte.“
„Eine Geschichte? Oh, erzähl bitte.“
Papa setzte sich zu ihr und erzählte die Geschichte vom Löwenzahn. Lisa hörte andächtig zu. Für Gerd waren das die schönsten Stunden des Tages, wenn er mit seiner Tochter zusammen saß und mit ihr sprach. Es schien ihm, nur das sei wirklich Leben. Alles andere, seine Arbeit, machte er wie im Traum.
Nach und nach verlor Lisa ihre Fähigkeiten. Sie konnte nicht mehr sprechen, sie konnte nicht mehr hören. Bald konnte sie sich auch nicht mehr bewegen. Tag und Nacht wachte jemand an ihrem Bett. Anna und Gerd nahmen sie oft in die Arme, damit sie spüren konnte, dass sie da waren und sich um sie kümmerten, um ihr auch ein Stück Geborgenheit zu geben. Wenn sie Lisa berührten, bekam sie einen aufmerksamen Ausdruck, und sie schien sich immer darüber zu freuen. Oft fragten sie sich, ob das Leben noch lebenswert sei für ihre Tochter. Doch diese kleinen Zeichen bestärkten sie immer wieder. Ihre ganze Kraft und ihre ganze Zeit widmeten sie Lisa.
Anna kam ins Zimmer, um Gerd abzulösen. Er hatte bis spät in die Nacht hinein an ihrem Bett gesessen. Jetzt war es Zeit für ihn, noch etwas zu schlafen, damit er morgen wieder zur Arbeit gehen konnte. Das alles konnten sie nur dank der Hilfe
von Freunden und Nachbarn durchhalten. Anna war zu tiefst dankbar dafür. So war es möglich, Lisa bis zum Ende zu Hause zu pflegen. Wie lange dieses Kind durchhielt! Es lebte jetzt schon viel länger, als es die Ärzte je für möglich gehalten hatten. Die liebevolle Pflege in der gewohnten Umgebung zu Hause war bestimmt der Grund dafür. Zur Begrüßung strich Anna ihrer Tochter zärtlich über die Wange. Es sollte das letzte Mal sein.
Anna hielt Lisa in ihren Armen, als sie starb. Sie weinte und schluchzte. Lange sass sie so da, klammerte sich an das Kind, bis die Tränen versiegten. Ob jetzt wohl aus dieser armen eingesperrten Seele ein Schmetterling geschlüpft war, wie es sich Lisa gewünscht hatte?
Einmal, es schien Anna schon eine Ewigkeit her, als Lisa noch hören und sprechen konnte, hatte sie gefragt: „Mutti, wie ist das, wenn man stirbt?“
„Ich weiß es nicht, wie stellst du es dir denn vor?“
„Ach, ich glaube, ich werde einmal ein Schmetterling sein, der von Stern zu Stern fliegt. Das wird wundervoll sein.“
„Das glaube ich auch, Lisa. Dann wirst du nicht mehr in diesem armen, kranken Körper eingesperrt sein. Dann wirst du dich wieder einmal so richtig wohl fühlen.“
„Ja, und frei. Ich freue mich darauf.“
Sinnend saß Anna da. Ja, sie war sicher: Lisa war jetzt ein wunderschöner, prächtig schillernder Schmetterling.

 

Entdecken Sie jetzt
Ihr Schreibtalent
 
  Schreiben lernen mit dem Leitfaden von der Schule des Schreibens Herr Frau
Persönliche Beratung Online anmelden Gratis-Newsletter