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Das englische Pfeifchen

“Hallo, Tante Kläre, wie geht es dir?”
“Ah, Vicki. Du bist wieder zurück?”
“Ja, leider. Viel zu kurz, diese Bergwanderwoche. Aber am Montag fängt die Schule wieder an.”
“Hm, was für wunderschöne Astern, und die Farben! Ich danke dir. Aber komm doch herein, trink einen Kaffee mit uns!”
“Eigentlich wollte ich nur eben ‘Guten Tag’ sagen und dir den Baedeker zurückbringen. Ich hab Lutz versprochen, ihn um vier vom Bahnhof abzuholen.”
“Och, ein Viertelstündchen hast du noch Zeit. Komm, gib mir deinen Mantel.”
“Aber wirklich nur auf ein Viertelstündchen.”
Wenn ich gewusst hätte, was da auf mich zukam, wäre ich Tantchens Einladung bestimmt nicht gefolgt. Denn ehe ich mich’s versah, befand ich mich mitten in ihrem Freitagskaffeekränzchen.
“Das ist meine Nichte, Vicki Zager”, sagte die Tante. “Sie unterrichtet hier an der Comenius-Schule, als Sonderpädagogin, nicht?”
“Ja. Seit Anfang dieses Schuljahres”, sagte ich, vielleicht ein wenig schroff. Es paßte mir nicht, dass die Tante mich gleich so weitschweifig einführte; denn ich misstraute dem süßlichen Lächeln auf den angejahrten Gesichtern ihrer fünf Freundinnen. Wie recht ich daran tat, erfuhr ich, als Tante Kläre mich mit allen bekannt machte und abschließend betonte:
“Lauter gestandene Ehefrauen.”
Das mir, dachte ich, und nahm sofort Abwehrhaltung ein. Doch richtig unbehaglich wurde mir, als ich mich von den Augen der Damen, die denen von Katzen auf der Lauer nicht unähnlich waren, umzingelt sah. Ich ahnte, wonach sie gierten: nach frischem Plauderfutter. Und tatsächlich, kaum dass ich Platz genommen und noch ehe ich den Zucker in meinem Kaffee umgerührt hatte, warf mich Tante Kläre der Runde zum Fraß vor.
“Na, Kleine, was macht die Liebe? Wann wird geheiratet?”
“Ach Tante, dieses Thema ist längst abgehakt.”
Doch es war offenkundig, gerade dieses Thema war ganz nach dem Geschmack der Damen. Und die Tante ließ nicht locker:
“Na komm, mit neunundzwanzig ist man reif zur Ehe. Wer von euch bremst denn, Lutz oder du? Oder wollt ihr beide nicht?”
“Bitte, Tante Kläre, das gehört doch nicht hierher.”
“Warum denn nicht? Warum ist ‘heiraten’ ein solches Reizwort für euch junge Leute?”
“Ich halte nun mal nichts davon. Das ist alles.”
“Dabei gibt es vieles, was dafür spricht, für die Ehe meine ich”, sagte Frau Kühne. “Stellen Sie sich beispielsweise einmal vor, Sie sind zwanzig Jahre älter ...”
“Genau”, fiel Frau Fechter ein, “glauben Sie nicht, junge Dame, daß Ihnen dann noch die Männer zu Füßen liegen, glauben Sie das ja nicht!”
“Wenn man dann nicht jemanden hat, auf den man bauen kann - ich weiß nicht ...” Frau Murr wand sich unter meinem Blick und lenkte ein: “Doch ich will Ihnen nicht zu nahe treten.”
Genau das taten aber die Damen, und nicht ein Schlupfloch ließen sie mir.
“Also gut, ich will Ihnen sagen, was mich von der Ehe abhält. Es ist ganz einfach die Vernunft. Wie viel Ärger erspart man sich, wenn es zum Knaatsch kommt? Und der kommt ganz sicher. In einer losen Partnerschaft ist man doch wesentlich flexibler. Ich werde mich nicht mit Haut und Haaren in etwas hinein stürzen, wo ich doch nie wieder herauskomme, zumindest nicht, ohne Porzellan zu zerschlagen und ohne - Blessuren.”
“Ach”, sagte Frau Fechter, “und in einer Lebensabschnittspartnerschaft - was für ein Wort! - sollte es die nicht geben ... Blessuren?”
“Man braucht es ja nicht so weit kommen zu lassen. Und man muss sich dem Anderen nicht auf Gedeih und Verderb ausliefern. Es will mir nicht in den Kopf, wie es zwei Menschen ein Leben lang miteinander aushalten sollen, die schon einmal nach Geschlecht verschieden sind, dann aber auch nach Herkunft, Erziehung und Charakter. Noch dazu bringen sie völlig ungleiche Erinnerungen mit, andere Stimmungen, andere Verdrängungen, jeder hat seine eigenen Träume und Sehnsüchte. Wie soll das alles zusammen gehen?”
“Alle Achtung, Vicki, du scheinst dich ja gründlich mit diesen Fragen auseinander gesetzt zu haben”, sagte Tante Kläre.
“Oh ja.”
“So ganz unrecht hat sie ja nicht”, räumte Frau Kühne ein, “manchmal gleicht die Ehe wahrhaftig einem Schlachtfeld.”
“Aber”, sagte Frau Willmann, “wenn dann die Schlacht geschlagen ist, ist der Friedensschluss um so schöner.”
Die Damen nickten verträumt, was mich zum Lachen reizte, doch ich hielt mich zurück.
“Fazit: Der Krieg ist das Salz der Ehe”, sagte Frau Fechter.
Auch darin waren die Damen sich einig.
“Also, ich kann mir das nicht vorstellen”, sagte ich, “Krieg hinterlässt doch überall verbrannte Erde. Wie kann denn da noch was wachsen?”
“Sag das nicht, Kind!” wandte die Tante ein. “Ein Ehekrieg kann äußerst fruchtbar sein. Willst du wissen, wie Onkel Theo und ich aus unserem ersten Gefecht herausgekommen sind?”
“Ja, erzähl!” Wieder kam dieses lüsterne Flackern in die Augen der Damen. Doch zum Glück galt es diesmal nicht mir.
“Glaub mir, Vicki”, begann Tante Kläre, “es ist schon so: Bei aller Friedseligkeit junger Paare, für uns kam damals ja nur die Ehe in Frage, muss es früher oder später zu kämpferischen Auseinandersetzungen kommen...”
“Eben.”
“Vorausgesetzt natürlich”, knüpfte Frau Willmann an Tante Kläres Worte an, ”man will in ihr, der Ehe meine ich, nicht alle tieferen Gefühle veröden lassen”.
“Genau”, sagte die Tante. “Öde wäre sie und flach wie ein seichtes Flussbett, in dem modriges Wasser sich träge dahin wälzt. Also: Onkel Theo und ich, wir hatten sechs traumhafte Jahre, bevor es zu unserem ersten Säbelrasseln kam. Wir wohnten zu der Zeit etwas außerhalb von München, herrlich im Grünen, für unsere Zwillinge, die damals vier Jahre alt waren, ein kleines Paradies. Ich sehe das alles noch deutlich vor mir. Es war ein brütend heißer Sonntag im August. Früher Nachmittag. Kein Wölkchen am Himmel, kein Lüftchen, kein Vogel - nichts regte sich. Nur die Stimmen der Kinder drangen schwach vom Planschbecken herüber, während ich auf der schattigen Terrasse im Liegestuhl vor mich hin döste. Da kam Theo zu mir heraus und fragte:
‘Sag mal, Liebes, wo ist eigentlich mein kleines Pfeifchen?
Ich such es im ganzen Haus.”
‘Was für ein Pfeifchen?’
‘Na, das englische mit dem ovalen, schwarzen Kopf.’
‘Ach, dieses alte Stinkding! Hab ich neulich weggeschmissen.’
‘Was? Du hast mein englisches Pfeifchen weggeworfen?’
‘Na ja, das Mundstück war doch schon ganz zerbissen.’
‘Du hast mein englisches Pfeifchen weggeworfen?’
‘Wo es doch so gestunken hat.’
‘Du hast mein Lieblingspfeifchen einfach weggeworfen?’
‘Aber ich wollte doch ...’
‘Du hast es einfach weggeworfen????’
‘Aber ...’”
Tante Kläre hatte sich ganz rot geredet.
“Wer möchte noch Kaffee?” fragte sie, womit sie ihre Erregung leidlich überspielte, keineswegs aber die Sensationslust der Damen milderte.
“Hatte ich es nötig”, fuhr sie fort, “mir so über den Mund fahren zu lassen? Na warte! dachte ich. Nur, bevor ich mich wieder gefasst hatte, war Theo in seinem Arbeitszimmer verschwunden. Was war los mit ihm, fragte ich mich, warum spielte er sich so auf?”
“Oft steckt ja Ärger im Geschäft dahinter”, sagte Frau Murr.
“Nein, das war es nicht. Theos Architekturbüro lief damals schon recht ordentlich. Na, jedenfalls war ich geladen, kann ich euch sagen. Aber ich bezwang mich. Was hätte es gebracht, Theo noch mehr in Rage zu bringen? Wichtiger war doch, dachte ich ... na ja, ich wollte möglichst schnell wieder mit ihm ins Reine kommen. War ja auch nicht nett von mir, ich hätte ihn fragen sollen.”
“Aber gleich ein solches Getöse zu machen ...” sagte Frau Kühne.
“Na ja, wird schon nicht so schlimm sein, dachte ich, und glaubte felsenfest, Theo würde sich bald wieder einkriegen. Von wegen! Den ganzen Tag blieb ich Luft für ihn. Abends bei Tisch rührte er nichts an. Er saß nur da, ein Bild geballter Kampfkraft. Nachher, dachte ich, allein mit ihm, würde ich die Wogen wieder glätten können. Wogen glätten? Nicht die Spur! Er blieb stur wie ein Panzer.
“Das kennt man ja zur Genüge”, sagte Frau Kracht.
“Ja, und dieses zermürbende Spiel trieb Theo am Montagmorgen weiter. Bis ich es nicht mehr aushielt. Ich sprang vom Frühstückstisch auf und beschwor ihn: ‘Theo, nun rede doch endlich mit mir!’ Doch er starrte zum Fenster hinaus und ließ sich endlos Zeit, bevor er sich zu einem barschen ‘Nein!’ herabließ. Für dieses eine Wörtchen hätte ich ihn umarmen mögen, obwohl damit keineswegs der Bann gebrochen war. Theo bockte weiter. Und allmählich erstarkte mein Wille zum Widerstand, den Theo aber mit immer neuen und immer raffinierteren Kampfmitteln zu zersetzen suchte.”
“Wie spannend!” rief Frau Willmann.
“Spannend fand ich das damals nicht. Am Dienstagabend kam nämlich Theo nach der Arbeit ins Wohnzimmer geschlurft mit einer Leidensmiene, kann ich euch sagen - nicht mit anzusehen! ‘Ach komm, Theo’, sei stad’, sagte ich und versuchte, ihm noch einmal klar zu machen, was für ein zerkautes, stinkiges Ding diese englische Pfeife gewesen sei und dass er doch gewiss eine ähnliche wieder bekommen könne. Was meint ihr, wie er darauf reagierte? Er hatte nur einen unendlich müden, trauerumflorten Blick für mich und ließ sich gequält in seinen Sessel fallen, wo er schlaff und apathisch den ganzen Abend sitzen blieb. Ich machte noch einen zweiten Anlauf:
‘Aber Theo, nun sei doch ...’ Ach, es zwar zwecklos. Am Mittwochabend dasselbe Jammerbild. Ich versuchte es wieder: ‘Theo, ich wollte...’
Aber da sprang er auf und brach in ein bühnenreifes Lamento aus: ‘Und ich habe diese Frau sooo geliebt!’
Tja, ihr lacht. Damals war mir aber eher zum Heulen. Ob ihr’s glaubt oder nicht, ich war drauf und dran, mich ihm an den Hals zu werfen. Aber es kam noch schöner. Zur Demonstration des ganzen Ausmaßes seiner Seelenqual schreckte Theo am nächsten Tag nicht einmal vor dem Einsatz chemischer Kampfmittel zurück.”
“Chemische Kampfmittel? Was war denn das?” fragte ich.
“Das will ich dir sagen, Kleines, er griff zur Flasche. Ach was, zu mehreren! Er trank alles Mögliche durcheinander.”
“Dacht’ ich’s mir doch!” sagte Frau Fechter.
“Was ein Gutes hatte, das Gesöff löste seine Zunge. Schon nach dem ersten Glas legte er los:
‘Na ja, Mann und Frau - Welten liegen dazwischen. Eine Brücke gibt’s da nicht. Die Hölle ist das. Die Hölle, sagt Sartre, das sind immer die Anderen. Und die Hölle, das sage ich, die fängt in der Ehe an.’
Und so hörte er sich nach dem fünften Glas an:
‘Wenn du zum Weibe gehst... Auch so eine Wahrheit! Und wir Vollidioten setzen uns für die Gleichberechtigung der Frau ein. Die Peitsche, sage ich, die Peitsche!’
Zuletzt lallte er, während er langsam von seinem Sessel herunter rutschte:
‘Eine erbarmungslose Fehde - seit Urzeiten ... keine Gnade ... völlig ohne Mitleid ...’”
Tante Kläre schwieg und sah ins Leere. Und die Damen schienen sich nicht schlüssig, ob sie lachen oder sich empören sollten.
“Na, hoffentlich hast du ihm seine ‘Hölle’ ordentlich heiß gemacht!” stocherte Frau Fechter weiter.
“Ach was, mir fiel nichts Besseres ein, als meinem Göttergatten die Stirn zu kühlen und ihn mit einer Wärmflasche ins Bett zu packen. Und nicht ein Wort verlor ich darüber am nächsten Tag. Theo auch nicht. Also ging der Kampf weiter. Aber zur Abwechslung waren es die lieben Kleinen, die Theo in die Schusslinie kamen. ‘Ruhe! Ruhe!’ schrie er am Abend, kaum dass er zur Tür herein gekommen war, und schleifte Fritz und Friederike ins Kinderzimmer. Ich verstand ihn ja, der Gelärm der beiden Racker musste sich in seinen Katerohren wie Presslufthammergestampfe ausnehmen, doch einen kleinen Rüffel konnte ich mir nicht verkneifen.
‘Für solche Fälle gibt’s doch Ohropax. Die Kinder können doch nichts für deinen Brummschädel.’
‘Ach ja, die Kinder! Immer die Kinder! Hätte ich mir denken können. Weißt du was, ich hab die Nase voll. Ich ziehe meine Konsequenzen.’
Damit schnappte er seinen Hut und stürmte zum Haus hinaus. Nun stand ich wieder da. Herr Gott noch mal! Stunde um Stunde verging, und ich machte mir die schwärzesten Gedanken. Was, wenn er ernsthaft irgendwelche Konsequenzen zog? Ich begann, die lächerlichsten Möglichkeiten an den Fingern abzuzählen.

1. Er suchte sein Heil erneut im Alkohol und versackte in
der nächstbesten Kaschemme. - Oh Theo!
2. Er lief schnurstracks zum Scheidungsanwalt. -
Schande! Schande! Und nur wegen dieser albernen Pfeife!
3. Er verlustierte sich in irgendeinem Lotterbett. -
Nein Theo, das bitte nicht!”
Die Tante seufzte. Und die Damen ergingen sich in Mitgefühl.
“Irgendwann ging dann die Haustür. Ich flog auf Theo zu und - prallte gegen sein unerhört selbstgefälliges Grinsen. Das war also das viel besungene Glück der Ehe, dachte ich. Die Ehe - ein immerwährender Kampf? In dem ich die ewig Unterlegene sein sollte? Ehrlich, ich zweifelte allmählich daran, dass das alles ein gutes Ende nehmen würde.”
“Weiß Gott, ein schwieriger Fall!” sagte Frau Kühne.
“Oh ja! Er schien unersättlich in seiner Kampflust.”
Tante Kläre stand auf und machte Licht. Wie die Zeit vergangen war! Doch ans Nachhausegehen war jetzt nicht zu denken.
“Gleich am nächsten Tag, Samstag war’s inzwischen, fuhr Theo das nächste Geschütz auf, diesmal mit Hilfe einer Verbündeten, unserer Tochter.”
“Also, das ist doch ... !” Frau Murrs Entrüstung pflanzte sich rund um den Tisch fort.
“Passt auf! Theo hatte sich wieder in einem Anfall von Melancholie in seinen Sessel verkrochen.
‘Was hast du denn, Pappa?’ fragte die Kleine.
‘Ich bin traurig.’
‘Aber warum denn?’
‘Mamma hat mein Lieblingspfeifchen weggeworfen.’
‘Du armes, liebes Pappamäuschen.’
Und dann kriegte ich mein Fett ab, verstärkt durch Friederikes meterlange Zunge: ‘Böse, böse Mamma, du!’
Volltreffer! Und wieder Theos abgründiges Gewinnergrinsen! Wenn ich nun nicht endlich zum Gegenschlag ausholte, dachte ich, würde er mich bald total ausmanövriert haben. Morgen, schwor ich mir, morgen. Hätte ich doch gleich gehandelt! Denn am selben Abend schoss er noch einmal aus dem Hinterhalt. Nach dem Essen läutete es.
‘Wer mag das jetzt noch sein?’ fragte ich.
‘Ach, das werden die Eltern sein. Hab ich dir das nicht gesagt? Ich hab sie auf einen Schluck Wein eingeladen.’
‘Mensch, Theo ...’
‘Also bitte, Kläre! Jetzt keine Szene! Und überhaupt - kein Wort vor den Eltern!’
Ich kochte. Hätte es nicht zum zweiten Mal geklingelt, ich wäre ihm ins Gesicht gesprungen. Er aber stolzierte zur Tür, wo er sich seinen Eltern mit seinem gewinnendsten Lächeln präsentierte, während ich, innerlich wutbebend, brav Schwiegerpapas Gladiolenstrauß entgegen nahm. Und ich blöde Gans machte wieder den ganzen Abend gute Miene zu Theos bösem Spiel. Aber für mich war es ja schon lange kein Spiel mehr. Alles deutete doch darauf hin: Theo wollte mich vernichten. Und ich war mittlerweile so geschwächt, dass jede weitere Attacke mich endgültig zur Strecke gebracht hätte. Also, Kläre, jetzt oder nie! schärfte ich mir ein. Ich klaubte mein letztes bisschen Willenskraft zusammen und arbeitete eine Strategie aus: Theo ließ ich in dem Glauben, mich in der Hand zu haben, während ich in Wartestellung ging, um ihn im richtigen Moment zum Angriff zu bewegen. Am Sonntagmorgen regnete es Bindfäden, man hätte keinen Hund hinaus gejagt. Und Theo verkrümelte sich, so gegen elf, mit der Sonntagszeitung in seine Leseecke, ein Gläschen Cognac neben sich. Die Gelegenheit, dachte ich, und nahm ihn ins Visier:
‘Na siehste, es geht auch ohne Pfeife.’
Prompt fuhr Theo hoch und schrie, dass ich fürchtete, er werde an seiner Wut ersticken. Doch bevor es dazu kam, stürzte er Hals über Kopf hinaus in den Regen. Ich rieb mir die Hände. Und es dauerte nicht lange, da stand er triefnass wieder in der Wohnzimmertür. Aber da saß ich nun, las Zeitung, ein Gläschen Cognac neben mir. Ich stand dann wortlos auf und ging in die Küche, um den Braten zu begießen. Nun herrschte erst mal Waffenruhe. Aber am Spätnachmittag kam es schon wieder zu Unruhen. Die Kinder waren quengelig. Kein Wunder, bei dem Regen hatten sie den ganzen Tag im Haus bleiben müssen. Und Theo grummelte ständig vor sich hin. Ich hatte im Gefühl, dass er über kurz oder lang noch einmal explodieren würde.
Achtung, Kläre! sagte ich mir. Und dann war es so weit:
‘Mein Gott, Kläre, kannst du dieses Geplärre nicht mal abstellen? Wer soll denn das aushalten!’
‘Hab ich schon versucht, warum sprichst du nicht mal ein Machtwort?’
‘Ich? Die Kinder sind dein Ressort.’
‘Was du nicht sagst.’
‘Den Ton kannst du dir sparen. Damit kommst du bei mir nicht weit. Warum kümmerst du dich nicht lieber ums Abendbrot?’
‘Weißt du, Theo, das ist nun ein Ton, der mich kaltlässt. Und überhaupt: Kinder ruhig stellen, Abendbrot machen - lässt mich alles kalt.’
‘Nun mach aber einen Punkt! Was sind denn das für neue Sitten?’
‘Wirst du gleich sehen.’
Ich nahm den Stockschirm aus dem Ständer, klemmte mir die Handtasche unter den Arm und marschierte zur Tür.
‘Sieh zu, wie du ohne mich fertig wirst’, rief ich ihm noch zu, und draußen war ich.”
“Bravo!” warf Frau Fechter ein.
“Nun ja, wart’s ab. Ich war noch keine drei Schritte gegangen, da verließ mich der Mut. Das kannst du nicht tun, dachte ich, und machte kehrt. Gerade wollte ich meinen Schlüssel ins Schloss stecken, da hörte ich von drinnen ein gewaltiges Gebrüll:
‘Ich will meine Mamma wiederhaben.’ Das war Friederike.
‘Pappa, ich hab Hunger.’ Das war Fritz.
‘Mammaa!’
‘Hungär!’
Dazwischen Theos ‘Ruhää!’
Nein! dachte ich, das ziehst du jetzt durch. Mal sehen, wie er das hinkriegt, und machte mich davon. Nach zwei Stunden etwa kam ich gut gelaunt zurück.
‘Kinder, ich hab einen phantastischen Film gesehen, den...’
‘Mamma! Mamma!’ stürzten die Kinder mir entgegen, während Theo, einer Nervenkrise nahe und um mehrere Zentimeter geschrumpft, in der Küchentür stand. Er sagte kein Wort und zog sich ins Arbeitszimmer zurück.”
“Herrlich. Das hast du prima gemacht”, sagte Frau Kracht.
“Ja, ich war auch richtig stolz auf mich. Nur war ja immer noch ungewiss, ob er sich nun auf Friedensverhandlungen einlassen würde. Aber am Montag, meine Lieben, am Montag kam er mit einem herrlichen Strauß roter Rosen nach Hause. Der erste Lichtblick seit Theos Kriegserklärung! Aber ich ließ ihn noch zappeln. ‘Oh nein’, sagte ich zu ihm, ‘damit fängst du mich nicht’ und ließ, so hart es mich auch ankam, die Blumen einfach auf dem Küchentisch liegen. Und dann Theo - ich sage euch, es war rührend, wie er sich Mühe gab. Er suchte eine passende Vase, tat Wasser hinein und stellte den Strauß ganz sacht neben mich hin. Dann schlich er hinaus. Also gut, sagte ich mir, was willst du mehr?
‘Hast du auch die Stiele unten abgeschnitten?’ rief ich ihm hinterher, ‘sonst sind sie nämlich gleich beim Teufel’.
Meine aufgehellte Miene signalisierte ihm, daß ich nun auch zur Kampfeinstellung bereit war. Unserer Versöhnung stand also nichts mehr im Wege. Und der zehnte Tag endlich - ja, was soll ich euch sagen, der zehnte Tag war die Krönung - glaub mir, Vicki, die absolute Krönung unserer sechsjährigen Ehe.”
“Ich glaub’s dir, Tante.”
“Vor dem Schlafengehen gab mir dein Onkel dann noch ein winziges Päckchen.
‘Da’, sagte er, ‘das Duftwässerchen wird dir helfen, den Gestank von meiner ollen zerkauten Pfeife eher zu vergessen.’
Damit war der Friede besiegelt. Natürlich gab’s auch eine nächtliche Friedensfeier, bei der das wiederhergestellte innen- und außenpolitische Einvernehmen eindringlich bekräftigt wurde.
‘Na’, fragte ich am nächsten Morgen, ‘vermisst du noch immer dein englisches Pfeifchen?’
‘Oh nein, jetzt nicht mehr!’
Das war das Ende unseres ersten Ehegefechts. Und es folgten noch etliche im Lauf der Jahre.”
Dass es sich die anderen Damen nicht nehmen ließen, nun aus ihren eigenen Nähkästchen zu plaudern, versteht sich. Ich freilich begnügte mich mit Tante Kläres Lektion und verabschiedete mich.
“Denk noch mal drüber nach”, sagte sie und begleitete mich zur Tür.
“Ja, Tantchen, mach ich.”

Damit trat ich hinaus in den scharfen Novemberwind. Oh je - Lutz! “Er wird hoffentlich ein Taxi genommen haben”, dachte ich und stieg in den Wagen, Lutz’ Wagen.
“He”, überfiel er mich gleich an der Tür, “das sag ich dir, das war heute das letzte Mal, dass du mich versetzt hast, das allerletzte Mal, verlass dich drauf!”
“Was sind denn das für Töne? Du drohst mir?”
Hatte ich das nötig? Und die Worte flogen hin und her und bald auch die Fetzen. So kam es, nach fast fünf immer gleichgestimmten Jahren, zu unserer ersten Schlacht. Vier Wochen später waren wir verheiratet.

 

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