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Die Wahnsinnszettel

Am 21. September des Jahres 1888 trifft Nietzsche endlich in Turin ein. Überschwemmungen hatten ihn in Sils-Maria zurückgehalten, seine Reise war begleitet von Zwischenfällen und sogar von Lebensgefahr im überschwemmten Como. Harmlose Episoden gemessen am weiteren Schicksal.
Er nimmt die gleiche Wohnung, die er bereits im Frühjahr bewohnt hatte, Via Carlo Alberto 6, III, gegenüber dem mächtigen Palazzo Carignano, mit Blick auf die Piazza Carlo Alberto. Es beginnen die letzten glücklichen Monate in seinem Leben. Nach eigenem Urteil ist er plötzlich frei von den Beschwerden, die ihn jahrzehntelang geplagt hatten, kein Kopfschmerz, keine Magenkrämpfe, kein Erbrechen von Blut. Zuletzt war er unfähig, seine Professur in Basel auszuüben, so dass man ihm ein Ruhegehalt für einige Jahre gewährte. Die Empfindlichkeit seiner Augen war damals fast unerträglich. In seinen Stunden mussten sogar bei mäßigem Sonnenlicht die Fensterläden herabgezogen werden. Hier, in Turin, genießt er auch die sonnigen Tage des Herbstes. Er glaubt, dass sich alle ganz besonders um ihn bemühen, die alten Höckerinnen, der Kellner, der Koch der Trattoria, deren Gäste. Er sitzt gern in dem Cafe, nimmt Anteil an seiner Umgebung. Als sich ein kleiner Hund die Pfote in der Tür quetscht, nimmt ihn Nietzsche auf die Knie und verbindet ihn mit seinem Taschentuch. Ihm fällt dabei eine Szene aus vergangener Zeit ein: ein gefühlloser, alter Fuhrmann uriniert am eigenen Pferd. Das Tier, „die arme, geschundene Kreatur“, habe sich dankbar umgeblickt.
Er schreibt tatsächlich „die arme, geschundene Kreatur“. Ist dies noch der gleiche Mann, der das Bild von „der freischweifenden, blonden Bestie“ schuf, die „frohlockend“ von den schlimmsten Untaten heimkehrte? Mit ihm vollzieht sich eine allmähliche Veränderung, die er selbst wahrnimmt und deren Ursache er in seinem Kopf weiß.
Vormittags arbeitet er mit unerhörter Intensität, dann isst er in seiner Trattoria. Er ist froh, dass die Preise seinen Verhältnissen entsprechen. Seine Vorliebe gilt einer guten Tasse Kaffee, einem Eis, einem Stück schmackhaften Kuchen. Sein körperliches Befinden zwingt ihn nicht zum Verzicht. Auch sonst muss er nicht - wie früher des öfteren - abseits stehen. Er besucht Konzerte, das Theater, blickt eleganten Damen hinterdrein, legt höchsten Wert auf sein Äußeres.
Sein Wirt, Davide Fino, der einen Zeitungskiosk auf der Piazza Carlo Alberto hat, lässt ihn das Klavier im Wohnzimmer benutzen. Die einfachen und liebenswürdigen Leute lauschen gern, wenn der Herr Professor spielt.
Nietzsche genießt diese Tage, seine unverhoffte Gesundheit, die plötzliche Lebenslust, das Glück. Dennoch steht sein Zimmer voller Fläschchen und Röhrchen mit Pillen und sonstigen Mixturen. Als Krankenpfleger hatte er gelernt, mit einigen Arzneien umzugehen und behandelte seine früheren Gebrechen oftmals selbst. Möglicherweise auch eine Lues, aber sicher ist dies nicht.
Am zweiten Dezember schreibt er - wie beiläufig - in einem Brief an Peter Gast „mein Gesicht macht fortwährend Grimassen“. Ein Ausdruck starker innerer Erregung, oder hat er wieder Rauschgift genommen? Seine Schwester berichtet später, dass er einmal zuviel von einem javanischen Beruhigungsmittel eingenommen und sich daraufhin unter Lachkrämpfen am Boden gewälzt hatte. Die Einnahme von Rauschmitteln könnte auch sein Wohlbefinden und seine erstaunliche Produktivität in der zweiten Jahreshälfte 1888 erklären. „Antichrist“, „Götzendämmerung“, „Ecce Homo“ entstehen oder werden vollendet. Seine Schriften sind zunehmend von Größenwahn und gesteigerter Selbstverherrlichung geprägt, wahrscheinlich Folge seiner Krankheit
Weihnachten 1888 schreibt er an Overbeck. Wieder glaubt er, dass sich alle besonders für ihn interessieren: „Was hier in Turin merkwürdig ist, das ist eine vollkommene Faszination, die ich ausübe, ...“ Overbeck hält es für eine scherzhafte Bemerkung, doch ist es krankhafte Selbstüberhebung.
Über die letzten Tage vor dem Zusammenbruch ist kaum etwas bekannt. Er schreibt noch einige Briefe, wieder an Overbeck, an Gast - die letzten, die er mit seinem Namen unterschreibt, ausgenommen einen späteren Brief an Jacob Burckhardt.
Bis zum zweiten Januar 1889 setzt Nietzsche sein gewohntes Leben fort. Seine Stimmung ist weiter gehoben und abends phantasiert er stundenlang auf dem Klavier seines Wirtes Fino. Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung, keine böse Ahnung, keine Missstimmung.
Am dritten Januar verlässt Nietzsche wie gewöhnlich das Haus, um einen seiner langen Spaziergänge durch die Stadt anzutreten. Nur noch wenige Augenblicke sind es, ehe die glückhafte Fassade jener Tage wie dünnes Glas zerbirst.
Nietzsche hat eben das Haus verlassen, befindet sich noch auf der Piazza Carlo Alberto, als er bemerkt, wie ein brutaler Kutscher seinen alten, müden Gaul unbarmherzig mit der Peitsche schlägt. Was sich in diesen Sekunden in Nietzsche abspielt, kann man nur ahnen. Wieder ist es das bereits tief in ihm sitzende Bild eines durch einen gnadenlosen Fuhrmann misshandelten Pferdes. Er springt hinzu, fällt dem Tier schluchzend um den Hals, bricht zusammen. Fino, der die Szene von seinem erhöhten Zeitungsstand beobachtet hat, eilt herbei und führt seinen Mieter mit Mühe in die Wohnung zurück.
Nietzsche liegt stundenlang still auf dem Sofa. Dann erhebt er sich, sucht Büttenpapier und beginnt, es sorgfältig zu linieren. Mit grober, klarer Schrift schreibt er kurze, feierliche Mitteilungen an seine Freunde, danach kurze Erlasse an die Fürsten Europas. Es entstehen die „Wahnsinnszettel“. Nur ein Teil davon ist erhalten geblieben, aus allen spricht die Sorge um die Zukunft Europas. Die größte Gefahr sieht er im „Reich“ und in den Hohenzollern. An die deutschen Fürsten ergeht der Rat: „Kinder, das tut nicht gut, wenn man sich mit den verrückten Hohenzollern einlässt. Zieht euch bescheiden in das Privatleben zurück ...“ Dem vatikanischen Staatssekretär wird das Verlangen ausgedrückt, „Seiner Heiligkeit meine Ehrfurcht zu erweisen“. Dem König von Italien übermittelt er den Wunsch, „ihn neben seiner Heiligkeit zu sehen“. Alle diese Briefe sind unterschrieben mit „Dionysos“ oder „Der Gekreuzigte“.
An Cosima Wagner schreibt er: „Ariadne, ich liebe Dich. Dionysos“. Strindberg erhält einen Brief, unterzeichnet mit Nietzsche-Cäsar: „Ich habe einen Fürstentag nach Rom zusammenbefohlen, ich will den jungen Kaiser füsilieren lassen.“
Einige dieser Briefe und Erlasse müssen noch am Tag des Zusammenbruchs nachts zur Post gebracht worden sein.
Am sechsten Januar entsteht jener grandiose Brief an Jacob Burckhardt. Mit einzigartiger sprachlicher Meisterschaft vermischt Nietzsche darin tiefste Symbolik mit nunmehr unleugbarem Größenwahn.
Die Einleitung ist für den Einsichtigen noch deutbar: „... zuletzt wäre ich sehr viel lieber Baseler Professor als Gott; aber ich habe es nicht gewagt, meinen Privat-Egoismus so weit zu treiben, um seinetwegen die Schaffung der Welt zu unterlassen. Sie sehen, man muss Opfer bringen, wie und wo man lebt.“ Dann aber erklärt er, der Frauenmörder Prado, Ferdinand des Lesseps, der Frauenmörder Chambige und der Kardinal Antonelli zu sein: „Ich bin Prado, ich bin auch der Vater Prado, ich wage zu sagen, dass ich auch Lesseps bin ... Ich wollte meinen Parisern, die ich liebe, einen neuen Begriff geben - den eines anständigen Verbrechers. Ich bin auch Chambige - auch ein anständiger Verbrecher ... was unangenehm ist und meiner Bescheidenheit zusetzt ist, dass im Grunde jeder Name in der Geschichte ich bin ... In diesem Herbst war ich, so gering gekleidet als möglich, zweimal bei meinem eigenen Begräbnis zugegen, zuerst als Conte Robilante (- nein, das ist mein Sohn, insofern ich Carlo Alberto bin, meine Natur unten) aber Antonelli war ich selbst.“ Am Ende des Briefes schreibt er, er „habe Kaiphas in Ketten legen lassen“, weil auch er selbst „voriges Jahr von den deutschen Ärzten auf eine sehr langwierige Weise gekreuzigt worden“ sei. Und Jacob Burckhardt erteilt er die Vollmacht, „von diesem Brief jeden Gebrauch zu machen, der mich in der Achtung der Baseler nicht herabsetzt“.
Burckhardt, der jetzt weiß, wie es um Nietzsche steht, eilt sofort zu Overbeck, der den Zeitpunkt für ein Einschreiten erreicht sieht. Er kündigt Nietzsche telegrafisch sein Kommen an und macht sich sofort auf die Reise. Gerade noch rechtzeitig, um einen öffentlichen Skandal zu verhindern, erscheint er in Turin. Die Italiener sind eben dabei, den deutschen Konsul einzuschalten.
Overbeck trifft Nietzsche in einem erbärmlichen Zustand an. Verfallen aussehend, kauert der in der Sofaecke und liest. Als er Overbeck sieht, stürzt er sich auf ihn, umarmt ihn heftig und bricht in Tränen aus. Dann sinkt er unter Zuckungen auf das Sofa zurück. Man gibt ihm Bromwasser zu trinken, er beruhigt sich und beginnt lachend von einem großen Empfang zu erzählen, den er für den Abend vorbereitet habe.
In der Folgezeit erschreckt er seine Umgebung mit lauten Gesängen und Rasereien am Klavier, die, sich maßlos steigernd, aus Fetzen der Gedankenwelt bestehen, in der er zuletzt gelebt hat. Es sind teils tiefsinnige, teils schauerliche Dinge über sich als den Nachfolger des toten Gottes. Dazwischen immer wieder Konvulsionen und Ausbrüche. Overbeck berichtet später in einem bewegenden Brief an Gast, dass „der unvergleichliche Meister der Sprache, kaum noch in der Lage ist, sich anders als durch skurriles Tanzen und Springen auszudrücken“.
Nietzsche hat die geistige Zwischenwelt, in der er vermutlich schon seit Jahren lebte, endgültig verlassen.
Overbeck bringt den Freund am 13. Januar nach Basel, wo er von seiner Mutter in Empfang genommen wird. Sie gibt ihren Sohn zunächst in eine Jenaer Irrenanstalt, holt ihn aber schließlich doch nach Naumburg, wo sie ihn bis an ihr Lebensende pflegt.
Nach dem Tod seiner Mutter 1897 wird Nietzsche nach Weimar gebracht, in ein Haus, das ihm eine Schweizer Verehrerin geschenkt hat, die „Villa Silberblick“, das heutige Nietzsche-Archiv. Er lebt dort bis zu seinem Tode unter der Obhut seiner Schwester. Die Krankheit Nietzsches entspricht in ihrem Verlauf keinem der bekannten Krankheitsbilder. Die Ärzte diagnostizieren fortschreitende Gehirnerweichung, wobei die Ursache strittig bleibt, vielleicht eine Infektion, vielleicht Vererbung. Eine Sektion, die Klarheit hätte schaffen können, wird durch seine Schwester verhindert.
Nietzsche stirbt am 25. August 1900 nach elf Jahren geistiger Umnachtung.

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