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Omar, das Waisenkind

“Wundert es dich, Herrin, dass ich mein Brot mit ihm teile?" fragte mich Ahmed, der freundliche, dicke Hausmeister in Kairo, als ich ungläubig zusah, wie er einem Hund die besten Bissen seines Morgenmahles zusteckte.
“Ja, etwas!" erwiderte ich. “Ich dachte, der Prophet hat Hunde als unrein bezeichnet. Bist du denn kein gläubiger Moslem?”
“O doch, Saida", beteuerte er und lächelte mich an, “aber wenn du erlaubst, will ich dir meine Geschichte erzählen, dann wirst du mich besser verstehen."
Ich setzte mich zu ihm, und er fuhr fort:
“Bis vor einigen Jahren lebte ich in Luxor und verdiente mein Brot als Wächter in Dair Al Bahri, am Terrassentempel der Hatschepsut. Dort hatte ich einen kleinen zehnjährigen Freund. Er hieß Omar und war ein Waisenkind; ein prächtiger, ganz besonderer Junge. Als Ausgleich für die ‘Wohltat’, im Gesindetrakt des Hauses seines reichen Onkels wohnen zu dürfen, musste er Tag für Tag beim Tempel Andenken aus dem Laden des Geizhalses zu möglichst hohen Preisen an Touristen verkaufen. Der alte Pfennigfuchser verdiente gut daran, denn Omar mit seinem runden Kinderge­sicht und den dunklen Kirschaugen kam gut bei den Besuchern an, vor allem wohl deshalb, weil er zwar geschickt verhandelte, dabei jedoch immer Zurückhaltung und Würde bewahrte.
Gewöhnlich war der Junge schon kurz nach dem Morgengebet auf den Beinen, weil er durch Vermittlung von Freunden oft bei den großen Hotels im Stadtzentrum die Autos waschen durfte, bevor er zum Tempel kam. Das Geld, das er dabei verdiente, behielt er für sich. Er konnte bereits lesen und schreiben und sparte eisern, um sich eine bessere Ausbildung leisten zu können.

Wenn die Hitze dann am späten Vormittag flirrend über dem Sand lag und die meisten Touristen in die klimagekühlten Hotels geflüchtet waren, suchte er sich immer einen schat­tigen Platz unter den Säulen des Tempels, wo er ausruhen und sein mitgebrachtes Fladenbrot verzehren konnte.

Eines Tages, als er gerade in sein bescheidenes Mahl beißen wollte, sah er den Hund, der ungefähr 30 Meter von ihm entfernt im Sand saß und ihn aufmerk­sam beobachtete. Es war eines jener herrenlosen, mittelgro­ßen, sandfarbenen Tiere, wie sie überall hier im Lande zu finden sind. Wie seine Artgenossen war er sehr dünn, hatte aber - im Gegensatz zu ihnen - ein sauberes, gesundes Fell.
‘Bist du hungrig, du Palast der Flöhe?’ rief Omar ihm mitleidig zu. Der Hund rührte sich nicht, sondern beobachtete den Jungen nur weiterhin mit seinen klugen bern­steinfarbenen Augen.
Obwohl ihm selbst der Magen knurrte, brach Omar die Hälfte seines Brotes ab und legte sie zwischen sich und dem Tier im Sand nieder.
‘Ich muss verrückt sein’, dachte er dabei. ‘Wie soll ich durch den Tag kommen, wenn ich mein kärgliches Essen auch noch teile!’
‘Hast du das gesehen, Honey!’ rief in diesem Augenblick eine dicke amerikanische Touristin ihrem Begleiter zu. ‘Zum ersten Mal habe ich in diesem Land jemanden bemerkt, der gut zu einem Tier ist! - Hallo Kleiner’, wandte sie sich dann an Omar, ‘hier hast du noch etwas, das du mit deinem Freund teilen kannst!’ Damit stellte sie ihren Karton mit dem vom Hotel einge­packten Mittagessen vor Omar hin.
‘Du scheinst mir Glück zu bringen, du Vater der Läuse!’ murmelte der beim Anblick der dickbelegten Brote, des für ihn sonst uner­schwinglichen Kuchens und des verlockenden Obstes. Dankbar teilte er noch eines der Brote mit dem Hund, streckte sich dann im Schatten aus, um die heißen Stunden des Tages zu verschlafen und fühlte sich uner­messlich reich bei dem Gedan­ken, dass seine Verpflegung bis zum nächsten Tag gesichert war.

Als er erwachte und aufstand, richtete sich der Hund, der fünf Meter von ihm entfernt im Schatten geschlafen hatte, ebenfalls auf.
‘Du hast heute einen Festtag gehabt’, rief ihm der Junge zu, ‘aber jetzt muss ich wieder an die Arbeit, und dabei kann ich dich nicht gebrauchen!’
Der Hund legte den Kopf schief und hörte aufmerksam zu, folgte Omar dann jedoch beharrlich in gebührendem Abstand. Der versuchte erst einige Male, das Tier zu verscheuchen, aber dann merkte er, dass viele der Ausländer nichts gegen den Hund einzuwenden hatten, sondern sich sogar über ihn zu freuen schienen. Sie feilschten weniger um die Preise, und so manche Münze für den ‘Kameraden’ wanderte an diesem Nachmittag in die Tasche des Jungen.

‘Er bringt mir wirklich Glück!’ erzählte mir Omar am Abend.
‘Lass ihn doch deine Andenken tragen’, schlug ich vor, ‘da wäre er wirklich von Nutzen!’
Aber das brachte der Junge nicht über sich, denn dabei hätte er den Hund berühren müssen - und der war, wie der Prophet sagt, unrein!

Im Eifer des Geschäfts hatte Omar an diesem Tag den letzten Trans­port zur Stadt versäumt. Doch das machte ihm nichts aus, denn er hatte schon oft im Freien geschlafen. ’Mich vermisst sowieso niemand!’ dachte er traurig und verstaute das eingenommene Geld in der Innentasche seiner gestreiften Gala­beya, dem langen, landesüblichen Gewand, das ihm schon oft ein Bakschisch für ein Foto als typischer Araberjunge einge­bracht hatte. Dann legte er dem Hund noch ein halbes Brötchen hin, dankte Allah für den reichen Tag und suchte sich anschließend einen weichen Platz im warmen Sand für die Nacht.

So heiß die Tage in der Wüste sind, so kalt können die Nächte sein. In den frühen Morgenstunden erwachte Omar, weil er vor Kälte zitterte. Der Sand war ausgekühlt, und das leichte Gewand bot wenig Schutz vor der Kälte. Er legte sich auf die Seite und rollte sich zusammen, um der Kälte so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten. Plötzlich merkte er, wie sich ein warmer Körper an seinen Rücken schmiegte und spürte durch seine dünne Galabeya ein weiches Fell. Der Hund! Omars erster Impuls war, aufzuspringen und von dem unreinen Tier wegzulaufen. Doch er blieb regungslos liegen und dachte: ‘Allah wird mir sicher verge­ben, wenn ich erst noch ein wenig die Wärme genieße!’

Aber nicht nur die Wärme tat ihm gut! Der pulsierende, lebendige Körper neben ihm erinnerte ihn an glückliche Zeiten, in denen ihn seine Mutter in den Armen gehalten und er sich geborgen gefühlt hatte, weil ihm die Berührung das Bewusstsein gab, nicht allein zu sein und geliebt zu werden. Ohne zu denken drehte er sich um, schlang seine Arme um den Hund und vergrub sein Gesicht in dessen weichem Fell, während ihm die Trä­nen über die schmutzigen Wangen liefen. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er sich nicht einsam, und bevor er wieder einschlief, murmelte er dankbar: ‘Vielleicht hat Allah selbst dich zu mir geschickt, Hund!’

Die folgende Zeit war voller Glück für Omar. Er konnte es kaum erwar­ten, morgens nach Dair el Bahri zu kommen, wo der Hund schon unge­duldig auf ihn wartete. Der kleine Junge mit dem Wuschelkopf und sein Begleiter, der das Bündel mit den Andenken auf dem Rücken trug, wurden in der Folge­zeit ein bekanntes Bild am Tempel. Omar nannte das Tier einfach ‘Hund’. - Du weißt, Herrin", erklärte mir Ahmed, "dass das Wort für Hund in unserer Sprache ‘Kalb’ lautet. Spricht man das ’a’ jedoch nicht hell, sondern ziemlich dunkel aus, bedeutet das Wort ‘Herz’. Dieser Übergang hatte sich in der Seele des Jungen wohl schon in jener ersten Nacht vollzogen.

Und dann kam jener Tag im November, der über so viele Schicksale ent­scheiden sollte und die Welt aufhorchen ließ, der Tag, an dem fanatische Eiferer ein Blutbad am Tempel anrichteten. Omar war an diesem Morgen aufgehalten worden und erst kurz vor neun Uhr früh dort angekommen, wo
der Hund stets auf ihn wartete. Als er das Tier nirgends erblicken konnte, machte er sich Sorgen und lief suchend zum Tempel. Plötzlich hörte er ein Knattern, gefolgt von lauten Schreien. Menschen liefen ihm entgegen und drängten aus dem Tempel heraus. Omar wusste nicht, was geschah, doch die Sorge um den Hund trieb ihn vorwärts. Um ihn herum herrschte Chaos: schreiende Menschen, die zu flüchten versuchten; dazwischen umher tanzende junge Männer, die ‘Allah, Allah’ sangen und dabei in die Masse der Flüchtenden schossen und mit Messern auf sie einstachen. Hinten, an einer der Säulenreihen, sah Omar den Hund auftau­chen und lief ohne zu denken weiter.
Er hörte den Schuss nicht, er hatte nur plötzlich das Gefühl, dass ihn eine gewaltige Faust in den Rücken schlug und einige Meter nach vorn schleuderte. Mit aller Kraft versuchte er, sich aufzurichten, schaffte es jedoch nicht und blieb benommen er auf dem Rücken liegen. In diesem Augenblick legte sich ein pelziger Körper über ihn und schirmte ihn ab.
‘Da bist du ja, mein Herz!’ murmelte Omar. ‘Ich habe mir solche Sorgen gemacht, dass dir etwas zugestoßen sein könnte!’ Er streichelte glücklich den Kopf des Hundes, der langsam in einer Welle der Dunkelheit verschwand."

Ahmed machte eine Pause. Die Erinnerung überwältigte ihn, und er musste noch einmal die schrecklichen Bilder jenes Tages verarbeiten. Dann räusperte er sich und fuhr fort:
"Wir Wächter blieben die folgen­den Tage im Tempel, um bei den Ermittlun­gen behilflich zu sein. Wir hatten uns daran gewöhnt, dass jeden Abend zur gleichen Zeit der Hund durch den Tempel schlich und die Nacht auf dem Platz verbrachte, wo er von Omar Abschied genommen hatte. Er konnte anschei­nend nicht glauben, dass er zu spät gekommen war und seinen kleinen Herrn nicht hatte schützen können. Man konnte zusehen, wie er schwächer und schwächer wurde. Jeden Abend stellte ich ihm etwas zu fressen hin, fand es jedoch am nächsten Morgen immer unberührt vor.
Ungefähr eine Woche nach den Überfall trieb mich eine innere Unruhe dazu, ganz früh - noch vor dem Morgengebet - nach dem Hund zu sehen. Er lag bewegungslos auf seinem üblichen Platz. Als ich mich näherte, erblickte ich einen kleinen Jungen, der von der Seite her auf ihn zulief. Der Hund hob aufmerksam den Kopf und fing an, freudig mit dem Schwanz zu wedeln.
Ich rieb mir die Augen! Das war doch nicht möglich! Ich war selbst dabei gewesen, als man den kleinen, toten Omar weggebracht hatte.
Der Junge kniete neben dem Hund nieder und putzte ihm mit einem Zipfel seiner Galabeya die staubige Schnauze ab, während ihm das Tier winselnd vor Glück die Hände leckte. Dann stand er auf und entfernte sich langsam wieder, während ihm der Hund, der am Abend vorher völlig entkräftet gewesen war, mit ausgelassenen Sprüngen folgte.
‘Omar’, rief ich, während ich atemlos hinterher lief. ‘Omar, warte doch!’
Aber als ich zu der Stelle kam, an der ich die beiden gerade noch gesehen hatte, war der Junge verschwunden, und zu meinem Füßen lag der tote Hund."

Ich war der Erzählung atemlos gefolgt und spürte am ganzen Körper eine leichte Gänsehaut. Bevor ich jedoch etwas sagen konnte, fügte Ahmed leise hinzu: "Siehst du, Saida, seit diesem Tag glaube ich, dass uns der Prophet zwar gute, brauchbare Gebote gegeben hat, dass Allah selbst jedoch in manchen Dingen anderer Meinung ist und seinen Himmel auch für die öffnet, die hier auf Erden verachtet werden!"

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