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Weißt du noch was Liebe ist?
Nichts deutete an diesem ganz gewöhnlichen Abend darauf hin, dass sich mein Leben ändern sollte. Mein Mann Kurt würde spät nach Hause kommen. Heute war sein wöchentlicher Familien-Saunatag, natürlich ohne Familie im engeren Sinne. Ich war gestresst aus dem Büro gekommen und briet mir Spiegeleier. Nebenbei führte ich den nahezu täglich ablaufenden Kleinkrieg mit unserer pubertierenden Tochter. Doch er regte mich schon längst nicht mehr wirklich auf. „Weißt du überhaupt noch was Liebe ist“ schrie sie mich gerade an. Herr Jauch hatte inzwischen seinen Kandidaten näher an die Million geführt. Nichts auf der Welt würde auch mich jetzt davon abbringen. Ich legte aufmüpfig die Füße auf den polierten Tisch. Eigentlich ging es mir verdammt gut. Mein Blick streifte durch unser Wohnzimmer im Kerzenschein. Meine kleine Insel im Chaos der großen, wirklichen Welt, sie schien nett und gemütlich. Da klingelte das Telefon. „Mary“, klang brüchig vor Aufregung eine mir gut bekannte Männerstimme ans Ohr. Es gab nur eine Person, die mich, Frau Marina Obermaier, vor drei Monaten vierzig geworden, so nannte. Irgendwie prickelte es dennoch wohltuend wie ein Glas Champagner in mir. In mich verliebt? Das war einfach Wahnsinn. Obwohl das natürlich ganz und gar unmöglich war und überhaupt nicht hinzunehmen. Oder hatte ich etwa schon immer ein ganz, ganz kleines bisschen im geheimen darauf gehofft? Du - hahaha, lachte die schrecklich realistische Vernunft in mir, zwölf Jahre älter und verheiratet mit seinem Bruder. Nie hätte ich mir das eingestanden. Bei meinem ganzen Stolz nicht. Schwager - welch ein spießiges Wort für André. Den Wilden, Unangepassten, den seine Familie noch nicht in das Schema des gut Funktionierenden pressen konnte. Und vielleicht hatten wir uns deshalb schon immer besonders gut verstanden. Meine unerkannte wilde Seite und sein offen rebellierendes Wesen... Das Gespräch beschäftigte mich doch mehr als gedacht. Es verunsicherte mich, dass ich in Aufruhr geriet. Das konnte nicht sein. Noch nie hatte mir ein fremder Mann solch ein Geständnis gemacht. Na ja, fremd war er ja nicht direkt. Was sich dann aber auch wieder als Nachteil erweisen würde, falls ich überhaupt an so einer Geschichte interessiert wäre. Eventuell gesehen, rein theoretisch natürlich. Aber doch nicht mit Kurts Bruder. Nein, wie sollte das gehen. 'Hey Marina Obermaier, du denkst gerade darüber nach, ob du deinen Mann betrügen solltest', rief ich mich viel zu spät zur Ordnung. Trotzdem führte mich mein nächster Weg folgerichtig vor Spiegel und Kleiderschrank. Auch zum Reden sollte man schön sein. Doch was ich erblickte, stimmte mich keinesfalls fröhlich. Weder mein blasser Teint, die lustlos über die Schulter fallenden Haare noch mein ausgebeulter Jogginganzug konnten mich begeistern. Das war kein Objekt der Begierde. Aber Kurt interessierte schon lange nicht mehr, was ich trug. Allerdings, Falten hab ich noch nicht und die Figur kann sich auch noch sehen lassen. Aber nicht mit diesen Klamotten. Wie schrecklich brav ich doch war. Da müssen sofort einschneidende Veränderungen getroffen werden. Auch wenn es nur für mich sein sollte, von betrügen konnte ja gar keine Rede sein. Der doch immerhin zwanzig Jahre lang Verzicht auf die gesamte Männerwelt bedeutet hatte. Kein einziger außerhäuslicher Kuss, kein Flirt, nicht mal in Gedanken, ich schwör's. Es war mir nicht schwergefallen, nein. Es war mir einfach nie eingefallen. Ich meinerseits hatte Kurt nicht zu fragen gewagt. Aus Angst, die falsche Antwort zu bekommen. Was aber wäre eigentlich falsch? Eine Lüge, um nicht weh zu tun oder die Wahrheit, wenn sie verletzend wäre. Später regte sich bei mir leise Empörung. Wieso wusste Kurt denn schon, dass ihm immer treu war? Glaubte er wirklich, ich hätte bei ihm nichts vermisst? Oder fand er mich so hausbacken, war ich so berechenbar, so uninteressant? War ich etwa langweilig? Blödsinn, es war Vertrauen. Vertrauen ist gut. Und so selten. Und noch seltener berechtigt. Aber bei mir stimmte alles. Ich war eine wahre Familien-Mutter Theresa. Wir konnten Pferde zusammen stehlen. Wir konnten bis ans Ende der Welt laufen. Aber vielleicht waren wir schon längst dort angekommen und hatten es nur noch nicht gemerkt. War es nicht schon eher Gewohnheit und was machte eigentlich Kurt? Er konnte mir viel erzählen. Außerdem, verwöhnt als Frau hatte er mich nun wirklich nicht gerade. Er war ein äußerst rationaler Mensch. Er behandelte mich gut, das ist schon wahr. Aber das tut man mit dem Hund auch. Ich war unentbehrlich, weil ich alles managte. Perfekte Köchin, Gastgeberin, Putz- und Waschfrau und das neben einem Full-Time-Job. Nur eine Rolle war in diesem Stück nicht vergeben, wie mir gerade schmerzlich bewusst geworden war. Die der Geliebten. Einmal, einmal würde ich es vielleicht ganz bestimmt tun. Es würde nicht auffallen, wenn wir uns trafen. Wir sind ja eine Familie. Ach wie praktisch. Irgendwie war ich bereits leicht vom Kurs abgekommen. Ein losgerissenes Schiff, das den Hafen nicht mehr finden sollte. Jetzt half nur planvolles, zielgerichtetes, schnelles Handeln. Als Erste-Hilfe-Maßnahme musste sofort ein Aromabad mit straffender Gesichtsmaske und bernsteinfarbene Haartönung her. Und morgen war ein kleiner Kaufhausbummel zwischen Büroschluss und Verabredung fällig. Zaghaft betrat ich die Dessous-Abteilung, an der ich bisher immer vorbeigelaufen war. Sowas brauchte ich ja leider nicht. Oh wie schön war es hier. Sinnliche Träume warteten nur auf Entdeckung. Und ich, ja jetzt brauchte ausgerechnet ich genau diese traumhaften Gebilde aus schwarzer Spitze. Dazu natürlich die glänzenden schwarzen Seidenstrümpfe, halterlos. Kurt wäre vor Schreck umgefallen, hätte er mich in diesem Aufzug entdeckt. Von meinen Schwiegereltern nicht zu reden. Meine Tochter wäre eventuell sogar begeistert gewesen. Zweifellos würde André das zu schätzen wissen. Richtig verrucht musste es sein. Ich zog mich sofort in der Kabine um. Der Verkäufer lächelte mich wissend an. Unter meinem klassischen Kostüm loderte das verbotene Feuer. Es fühlte sich unheimlich gut an. Mein Erscheinungsbild war äußerst professionell. Nichts deutete auf unmoralische Absichten hin. Sollte es also beim Reden bleiben, dann wäre das kein Problem. Aber ich war vorbereitet. Die Entscheidung lag immer noch bei mir. Ich hielt die Fäden in der Hand. Dachte ich. André empfing mich voller Ungeduld. Er schloss mich an der Haustür zunächst noch schwägerlich in die Arme. Etwas verlegen standen wir voreinander. „Ich hatte schon Angst, dass du nicht kommst“, sagte er leise. „Ja, es geht eigentlich auch gar nicht, wir müssen unbedingt vernünftig reden“ erwiderte ich betont mütterlich. Wir setzten uns streng getrennt. Ich achtete darauf, dass die Seidenstrümpfe unter meinem hochrutschenden Rock nicht zu erkennen waren. Das Spiel hatte noch nicht begonnen. Hatte es wirklich noch nicht begonnen? War es ein Spiel? „Du weißt, dass das nicht sein darf, was du dir vorstellst“ sagte ich streng. „Aber es ist ... Liebe und das kann nichts Schlechtes sein“ entgegnete André. Er wusste nicht, dass es gerade sein schüchternes Lächeln war, das mich so verzauberte. Er war kein Frauenheld, kein Sammler, ich spürte es. Seine Hände und Lippen berührten zögernd mein Haar. Sie wanderten langsam auf meiner Haut entlang und brannten ihre zärtliche Spur ein. Das absolut Verbotene geschah, und doch war es in diesem Moment die einzige Wahrheit dieser Welt. Ich wusste wieder, was Liebe war. |
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