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Traumreise

Marga und Alfred Henning waren in dem Alter, das man die besten Jahre des Lebens nennt. Beruflich hatten sie ihre Ziele erreicht, und ihre Kinder waren flügge. Eine lähmende Leere hatte sich in ihrem Alltag ausgebreitet und beide fragten nach dem Sinn eines weiteren Zusammenlebens. Eine einvernehmliche Trennung wäre vielleicht eine Lösung. Sie wollten während eines Kurzurlaubes über ihre Probleme ausgiebig sprechen. Ohne ein konkretes Ziel zu haben, setzten sie sich ins Auto und fuhren los. Irgendwo würden sie schon ein Hotel finden, glaubten sie.
An dem Novembernachmittag wurde es zeitig dunkel. Wegen der vielen Baustellen kamen sie nur langsam voran, die Umleitungen über eintönige Landstraßen waren schlecht ausgezeichnet und die nächste größere Stadt noch weit entfernt. Während der Fahrt unterhielten sie sich so angeregt, daß Alfred die Kraftstoffanzeige nicht beachtete. Nach etwa zwei Stunden war der Tank leer und eine Tankstelle nicht in Sicht. Sie schoben den schweren Wagen in einen schmalen Feldweg.
“Wenn niemand zufällig vorbei kommt, der mit Benzin aushelfen kann, müssen wir im Auto übernachten”, sagte Alfred.
“Das haben wir früher oft getan”, bemerkte Marga. “Erinnerst du dich noch an die Reise in die Hohe Tatra, damals, kurz nach unserer Hochzeit? Wir übernachteten illegal im Nationalpark neben dem Gebirgsbach. So einen schönen, klaren Sternenhimmel habe ich seitdem nicht wieder gesehen. Schade, daß es heute so bewölkt ist.”
Alfred zog den Zündschlüssel, die Instrumentenbeleuchtung erlosch und es wurde stockfinster.
“Die Reiseunterlagen hatten wir vergessen und die Pension nur rein zufällig am nächsten Tag doch noch gefunden”, erinnerte sich Alfred. Dann saßen sie schweigend und lauschten in die Nacht. Nach endlosen Minuten klarte der Himmel auf. Im fahlen Licht des Mondes, erkannte Alfred die Umrisse eines Hauses, kaum hundert Meter entfernt.
“Ich sehe mal nach, ob dort ein Hotel ist”, sagte er zu seiner Frau und eilte davon.
“Was wäre denn, wenn er nicht mehr wieder käme? Wäre das die Lösung?”, dachte Marga und schlief ein.
Kaum hatte Alfred die Stufen des Hauses betreten, ging im Flur das Licht an. Ein traurig wirkender Portier erschien und begrüßte ihn freundlich und so vertraulich, als würde er ihn schon lange kennen.
“Entschuldigen Sie, daß ich mitten in der Nacht störe, aber ich bin mit dem Wagen liegengeblieben und glaubte hier ein Hotel zu finden. Könnten Sie mir eventuell mit Benzin aushelfen? Telefonieren würde ich auch gern”, erklärte Alfred ungeniert.
“Sie stören nicht, wir haben durchgehend geöffnet, und Ruhestätten gibt hier auch genug. Wir haben noch nie jemanden abgewiesen. Kommen sie nur herein, der Meister wartet schon auf sie.”
Eine unheimliche Stille lag in dem Haus. Der Portier begleitete den Gast durch einen absteigenden Gang, an dessen Ende, wie von Geisterhand, sich eine Tür auftat. Das Echo ihrer Schritte verriet, daß sie einen großer Saal betreten hatten. Der Portier zog sich zurück. Im Zentrum eines schwachen Lichtkegels war ein ovaler Tisch, an dem neun Herren in dunklen, maßgeschneiderten Anzügen saßen. Dem Ankömmling gegenüber, auf dem größten Sessel, thronte der Chef der Crew, und die anderen gruppierten sich symmetrisch um ihn. Der gut genährte Boß hatte seine fettigen Haare in der Mitte gescheitelt. Die Krawatte war exakt gebunden und goldene Ringe zierten seine wulstigen Finger. Durch seine tief sitzende Brille musterte er Alfred.
“Wer bist du, Fremder? Wir haben dich nicht gerufen!”
Alfred fröstelte. “Ich bin der Henning, Alfred aus Kieckebusch”, antworte er, schlug den Kragen seiner Jacke hoch und sah sich ängstlich im Saal um, konnte aber nichts erkennen.
“Hast du deinen Totenschein dabei?”, fragte der Chef im eiskalten, militärischen Ton.
“Nein!”, antwortete Henning zackig, und erst im nächsten Augenblick wurde ihm die seltsame Frage bewußt. Das Blut wich aus seinen Wangen und seine Knie wurden weich. Er setzte sich zögerlich auf den Stuhl, den ihn der Chef zuwies.
“Wo bin ich hier, und wer sind Sie?”, stotterte Alfred schüchtern.
“Ich bin der Tod und das sind meine Ressortleiter. Einer ist für die natürliche Todesfälle zuständig und ein anderer für die unnatürliche Todesfälle, wie Mord und Totschlag. Kriegsopfer versorgt der dritte, die Hungertoten und Magersüchtigen der vierte und der fünfte die Opfer von Naturkatastrophen. Der sechste kümmert sich um Epidemien, wie Pest, Cholera und Aids und der siebte um den sogenannten Blitztod, auch Herzinfarkt genannt. Der achte betreut Helden, wie Selbstmordattentäter und Kamikazekrieger. Ich selbst kontrolliere und koordiniere alles und kümmere mich, quasi als Hobby, um die Sonderfälle.”
Wie aus hundert Lautsprechern tönten diese Worte und durchdrangen Alfreds Körper. Er spürte ein flaues Gefühl in der Magengegend und war unfähig, irgend etwas zu entgegnen.
“Du bist hier im Totenreich, und dieses Reich existiert nicht Tausend mal Tausend Jahre, sondern ewig. Hier herrscht Ruhe und Frieden und vor allem Ordnung. Jeder Neuzugang wird akribisch erfaßt und von bedeutenden Persönlichkeiten werden sogar schon zu Lebzeiten Karteien angelegt. Dafür haben meine Ressortleiter zu sorgen.”
Den letzten Satz betonte der Chef besonders und blickte die Herren vorwurfsvoll an.
“Und was hat das mit mir zu tun?”, fragte Alfred aufgeregt.
“Wie schon gesagt, unsre Welt ist eine Welt der Ordnung, und es geht nicht, daß jemand so einfach daherkommt und um Einlaß bittet, ohne gerufen worden zu sein. Ohne amtlichen Totenschein führt normalerweise kein Weg zu uns hinab”, sagte er mit lauter werdender Stimme und wedelte dabei mit dem erhobenen Zeigefinger vor Alfreds Nase.
“Aber ich will doch noch gar nicht zu euch”, rief ihm Alfred verzweifelt entgegen.
“Lüg‘ nicht! Diese Ausrede kenne ich schon. Das sagen doch alle, die diese Schwelle dort übertreten haben”, herrschte er ihn an, und wies mit dem Zeigefinger in Richtung Tür.
“Aber das ist die Wahrheit, ich hatte eine Panne und mir ist gar nichts passiert. Eine Übernachtungsmöglichkeit suche ich, oder wenigstens einen Kanister Benzin und ein Telefon.”
“Was, ein Telefon? Hier?”
Der Tod lachte zynisch und seine Abteilungsleiter schüttelten erheitert ihre Köpfe.
“Hier gibt es kein Telefon, oder hast du schon einmal gehört, daß ein Toter den Pannendienst angefordert oder mit seinen Hinterbliebenen telefoniert hat?”
Das leuchtete Alfred ein und er fragte verständnisvoll: “Aber was sollen wir jetzt tun?”
Der Tod lehnte sich an und steckte die Daumen in Ärmelausschnitte seiner Weste. “Ich glaub‘ wir haben jetzt ein echtes Problem, einen Sonderfall, um den ich mich persönlich kümmern muß. Ohne Totenschein gibt es, laut Dienstvorschrift, keinen Einlaß. Das kann auch ich nicht ändern. Ohne Totenschein existierst du praktisch für uns nicht, also mußt du zurück.”
Die Ressortleiter nickten.
“Aber das geht doch nicht, so etwas hat es ja seit Jesus Christus nicht mehr gegeben. Außerdem, was sollen meine Hinterbliebenen von mir denken, wenn ich in das irdische Jammertal zurück kehre? Die sperren mich ja glatt in eine Irrenanstalt”, rief Alfred provozierend. Der Chef hob die Augenbrauen und rieb sein feistes Kinn.

“Ja, dann erklären wir dich einfach für scheintot. Du hättest sechs Tage vorläufiges Bleiberecht, bis wir die näheren Umstände geklärt haben. Dieser Service ist kostenlos. Außerdem mußt du einen schriftlichen Antrag stellen, damit wir eine Akte anlegen können. Allerdings müßtest du in dieser Zeitspanne beweisen, daß du einst gelebt hast und jetzt ordnungsgemäß tot bist. Schaffst du es nicht, müssen wir dich ausweisen.”
“Aber ich bin doch gar nicht tot, ja nicht einmal scheintot, und ich will auch nicht tot sein. Können Sie, oder wollen Sie das nicht begreifen?”
Der Chef winkte ab.
“Ja, ja, das sagen alle, die nicht bleiben wollen. Trotzdem müssen wir eine Akte von dir anlegen. Hast du wenigstens Personalausweis oder Führerschein dabei, damit wir deine Identität feststellen können? Schließlich haben wir noch nie von dir gehört. Wenn du wenigstens jemanden umgebracht hättest, so wärst du uns wohl bekannt. Oder wenn du Millionär wärst und den Hungernden der Welt Almosen gegeben hättest, stünde es sogar in deiner Akte! Du bist anscheinend auch kein Politiker oder Heerführer, der Soldaten in den Tod schickt, denn dann wärst du Ehrenmitglied in unsrem Verein. Und einem Waffenhändler hätten wir schon eine Luxusgruft, aus bestem Marmor, reserviert. Keine Zeitung, kein Journal hat je von dir berichtet. Du bist offensichtlich ein Nichts, also mußt du deine Identität beweisen. So sind unsre Vorschriften.”
Das ist doch die Lösung, ging es Alfred blitzartig durch den Kopf.
“Das ist kein Problem”, sprach er erleichtert und klopfte, Ahnungslosigkeit vortäuschend, seine Jackentaschen ab. Mit entschuldigender Miene sagte er dem Chef: “Papiere habe ich, aber die sind noch in meinem Wagen, da draußen vor dem Haus.”
Der Tod stand ruckartig auf, stützte sich mit den Händen auf den Tisch und befahl: “Dann gehe und hole sie!”
Alfred Henning eilte durch den langen Gang.
“Und wenn du wieder kommst, vergiß bitte nicht deinen Totenschein. Ordnung muß sein!”, rief der Tod hinterher.
Der Portier, völlig verwirrt, hielt schon die Tür offen. Ohne sich umzudrehen hastete Alfred zum Auto. Seine Frau schlief noch fest. Leise setzte er sich neben sie, verriegelt die Tür und versuchte ebenfalls zu schlafen. Es dauerte aber nicht lange, da hörte Alfred Schritte auf den Wagen zukommen. Ein Mann klopfte an die Seitenscheibe und leuchtete sich mit der Taschenlampe ins Gesicht. Es war der Portier aus dem Haus. Alfred öffnete die Scheibe einen Spalt. Marga schlief immer noch wie eine Meerkatze.

“Mein Kompliment, Herr Henning, das hat bisher noch niemand geschafft. Ich habe doch noch einen Kanister Benzin gefunden. Das nächste Hotel ist nur zehn Kilometer weit. Verraten Sie mich aber bitte nicht beim Chef, wenn Sie dermaleinst wiederkommen. So einen sicheren Job bekomme ich nie wieder”, flüsterte der Portier und er verschwand so schnell, wie er gekommen war. Alfred konnte sich nicht einmal bedanken, füllte Benzin auf und stieg dann wieder hastig in den Wagen, so daß die Tür krachend ins Schloß fiel. Aufgeschreckt griff Marga nach seinem Arm und schmiegte sich an ihn.
“Schön, daß du endlich wieder da bist, Alfi.”
“Wieso, ich war doch gar nicht lange weg.”
Alfred schnallte sich kopfschüttelnd an und drehte den Zündschlüssel herum.
“Drüben, das Haus ist kein Hotel, aber mit Benzin haben sie aushelfen können. Du hast so fest geschlafen, daß du nicht bemerktest, wie ich es nachfüllte. Übrigens, du hast im Schlaf um Hilfe gerufen. Zehn Kilometer von hier ist ein Landhotel. Dorthin fahren wir jetzt und übernachten.”
“Und morgen, gleich nach dem Frühstück rufen wir die Kinder an und sagen ihnen, daß wir im Sommer nicht Babysitter für sie spielen werden, sondern allein in den Urlaub fahren”, rief Marga begeistert.
“Aber eins unsrer Enkelkind nehmen wir mit, wenn wir dürfen”, ergänzte Alfred.

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