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Kanarienvogelzeit

„Ich möchte einen Kanarienvogel“, sagte meine Frau eines Tages zu mir.
Ich war gerade dabei, die neu angekommenen Briefmarken in meine Alben einzusortieren. Ich habe eine phantastische Briefmarkensammlung. Beinahe sämtliche Sätze aus der Ex-DDR. In fünfzig Jahren sind die sicher ein Vermögen wert.
„Wozu willst du einen Kanarienvogel?“ fragte ich sie, ohne mich zu ihr umzudrehen.
„Einfach so“, antwortete sie, und ich brauchte sie nicht anzuschauen, um zu wissen, dass sie dabei ihre Schultern hochzog.
Ich betrachtete einen Satz mongolischer Briefmarken, naive Pastelle von Landschaften aus der Wüste Gobi. Das ist das Schöne an diesen Marken: Sie bringen einem die ganze Welt in die gute Stube. Ich stellte mir vor, ich sei zu dieser Jahreszeit in der Gobi. Eisiger Wind pfeift mir um die Ohren, und der Himmel ist so blau wie die goldbestickten Gewänder der mongolischen Reiter auf ihren wollhaarigen zweihöckrigen Kamelen. Schließlich fiel mir meine Frau wieder ein und ihr unsinniger Wunsch nach einem Kanarienvogel. Wie sie bloß darauf kam?
Sicher, früher hatten wir allerhand Getier in der Wohnung: Wellensittiche, Kanarienvögel, sogar Zebrafinken, die sich als beängstigend fruchtbar erwiesen. Für unsere Kinder war das eine wichtige Erfahrungsquelle. Sie lernten daran, Verantwortung zu übernehmen.
Prachtvolle Kinder haben wir. Inzwischen sind sie längst aus dem Haus und leben ihr eigenes Leben. Der Große ist sogar schon verheiratet, ohne Kinder, versteht sich. Dazu entschließt man sich heutzutage nicht mehr so schnell.
Nun sind wir ungebunden, könnten reisen. Was will sie also mit einem Kanarienvogel?
„Der große Käfig steht ja noch hinten in der Kammer“, hörte ich sie hinter mir sagen.
Nun drehte ich mich doch nach ihr um. Sie saß in ihrem Lieblingssessel direkt an der Heizung und schaute mich mit ihren großen blauen Augen nachdenklich an.
Sie ist sonst eine vernünftige Person, meine Frau, zurückhaltend, unaufdringlich und bescheiden. Sonst hätten wir uns dieses hübsche kleine Haus auch nicht leisten können. Sie hat immer sparsam gewirtschaftet und trotz der Kinder voll gearbeitet. Das tut sie immer noch, obwohl es ihr mit ihrer Arthritis nicht leicht fällt. Sie ist Sekretärin in einer Schule hier in der Nähe. Sie hat sich nie beklagt. Das könnte sie auch nicht. Schließlich wollte sie damals unbedingt dieses Haus kaufen, wegen der Kinder. Nun hatten wir es für uns allein und könnten es uns gut gehen lassen. Aber ein Kanarienvogel war dazu wirklich nicht nötig. Den musste ich ihr ausreden.
„Wo willst du denn den Käfig hinstellen?“ fragte ich sie. Sie zog wieder die Schultern hoch.
„Irgendein sonniges Plätzchen wird sich schon finden“, antwortete sie, ihre unwahrscheinlich blauen Augen unverwandt auf mich gerichtet.
Mit diesen Augen hatte sie mich seinerzeit eingefangen. Ein solcher Blick von ihr, und ich konnte nichts tun, als meine Lippen sanft auf ihre Lider zu drücken.
Ich fand, ich müsse in dieser Angelegenheit bei klarem Verstand bleiben, und drehte ihr sicherheitshalber den Rücken zu. Ich griff eine weitere Briefmarke mit der Pinzette und sagte so beiläufig wie möglich: „Da ist nirgends Platz. Auf unsere hübschen Naturholzmöbel willst du ihn ja wohl nicht stellen. Das macht bloß Dreck.“
„In der Kammer ist es zu dunkel. Hier am Fenster wäre gut.“ Sie war nicht davon abzubringen.
Allmählich begann mich die Sache zu ärgern. Ich beschloss, ihren schönen blauen Augen zum Trotz der Diskussion ein für allemal ein Ende zu machen. Also wandte ich mich ihr noch einmal zu und sagte mit Nachdruck: „Begreif doch endlich, dass für uns die Zeit für Kanarienvögel vorbei ist.“
Ihre Lider senkten sich. Ihr Gesicht erlosch buchstäblich. Sie sagte nichts mehr. Daher nahm ich an, sie sei zur Vernunft gekommen und wir wären in der Sache einig.
Es war auch nicht mehr die Rede davon. Ich dachte mir nicht viel dabei, dass ich meine Frau noch seltener zu sehen bekam als sonst. Sie war immer ein stiller Mensch gewesen, der Bücher über alles liebte. Manchmal ärgerte mich das, weil sie über einem Roman alles vergessen konnte. Sowieso saß sie selten mit mir zusammen vor dem Fernseher. Also war eigentlich alles wie immer.
Einige Wochen später kehrte ich gegen Abend von einer Dienstreise heim. Es war März, unangenehmes feuchtkühles Wetter, die ersten Schneeglöckchen blühten in unserem Gärtchen vor dem Haus. Sonst hatte mich in solchen Fällen stets ein heißer Tee und ein warmes Essen erwartet. Als ich jedoch an diesem Abend die Tür aufschloss, wehte mir anstelle des wohlbekannten Duftes ein muffiger Geruch entgegen, so als wäre lange nicht gelüftet worden.
„Irene!“ rief ich in das Haus hinein. Keine Antwort.
„Irene?!“ versuchte ich es noch einmal. Aber ich bekam nur das Echo meiner eigenen Stimme zu hören. Etwas beunruhigt stellte ich meine Tasche ab, zog meine Stiefel aus und hängte meinen Mantel an die Garderobe.
In der Küche war alles an seinem Platz, nur nicht meine Frau. Sie war auch nicht im Wohnzimmer und nicht im Schlafzimmer. Vielleicht war sie zu ihrer Freundin Verena gegangen. Aber sie wusste doch, wann ich heimkommen würde.
Obwohl ich mich in den beinahe 25 Jahren unserer Ehe nie auf die Dienstleistungen meiner Frau angewiesen fühlte, konnte ich doch eine gewisse Enttäuschung vor mir selbst nicht verhehlen. Ich brühte mir meinen Tee allein, schnitt mir eine Scheibe von ziemlich altem Brot ab und aß etwas Dauerwurst dazu, erstaunt über die ungewohnte Leere in unserem Kühlschrank.
Im Wohnzimmer schaltete ich den Fernseher an. Tagesschau. Das Wetter in den nächsten Tagen würde eine Rückkehr des Winters bringen. Irgendein Krimi lief dann, aber ich war nicht recht bei Sache. Ich schaltete den Apparat ab.
Nachdem ich eine Weile ziemlich verloren herumgesessen hatte, suchte ich Verenas Telefonnummer heraus. Ihr Freund hob ab, mindestens der fünfte seit ich sie kannte. Verena sei seit einer Woche auf Klassenfahrt, erfuhr ich, und komme erst in ein paar Tagen zurück. Vom Gardasee. Womit sich Lehrer heutzutage so ihr Leben leicht machen!
Ich legte den Hörer auf und ärgerte mich darüber, dass ich mich ärgerte. Halb unbewusst wählte ich die Nummer meiner Schwiegermutter. Meine Frau stand sich zwar nicht besonders gut mit ihr, aber vielleicht wusste sie etwas.
Sie hatte natürlich keine Ahnung. Stattdessen strapazierte sie meine Geduld mit der Aufzählung ihrer sämtlichen Leiden und einer schlecht verhohlenen Klage über ihre wenig fürsorgliche Tochter. Ich versuchte, ihren Unmut ein wenig zu besänftigen und beendete schließlich das Gespräch, ohne überhaupt nach Irene gefragt zu haben.
Ich überlegte, ob ich nicht die Notaufnahmen in den Städtischen Krankenhäusern anrufen sollte. Doch dann erschien mir das lächerlich, und ich verwarf den Gedanken wieder.
Als meine Frau auch gegen Mitternacht noch nicht zu Hause war, ging ich allein ins Bett. Schließlich musste ich am nächsten Morgen wieder zum Dienst. Ich schlief schlecht. Mehrmals wurde ich wach in dieser Nacht. Das kalte Bett meiner Frau neben mir machte mich frösteln.
Wie gerädert stand ich am nächsten Morgen auf, später als gewöhnlich, weshalb ich nur rasch einen heißen Kaffee in mich hineinschütten konnte, an dem ich mir kräftig die Zunge verbrühte.
Die erste Atempause hatte ich erst in der Mittagspause. Ich rief die Schule an, in der meine Frau arbeitete. Es versetzte mir einen Schock, als ich am anderen Ende der Leitung plötzlich ihre vertraute Stimme hörte, ganz ruhig und alltäglich, so als wäre alles wie immer.
„Robert?“ sagte sie überrascht, als sie mich erkannt hatte. „Ich hatte ganz vergessen, dass du schon gestern Abend zurückkommen wolltest. Ich hatte so viel zu tun. Ich würde dich gern einladen. Passt es dir heute Abend? So gegen acht, ja? Hast du was zu schreiben? Gut, dann notiere dir die Adresse: Amselweg 10, Wohnung 1005.“
Amselweg 10, das war das hässliche Hochhaus, das sie gegenüber unserem Siedlungsgebiet hochgezogen hatten. Was tat sie da? Ich kam nicht dazu, sie zu fragen.
„Ich muss auflegen“, rief sie durchs Telefon, „wir stecken mitten in den Anmeldungen fürs nächste Schuljahr. Bis heute Abend.“
Es knackte im Hörer, und ich fand mich mit mir und meinen Fragen allein an meinem Schreibtisch. Erstaunt bemerkte ich, dass mir die Hände zitterten.
Abends nahm ich meinen dunkelblauen Anzug aus dem Schrank, den meine Frau immer besonders gemocht hatte, legte ein nagelneues Oberhemd dazu und suchte eine ganze Weile zwischen den Krawatten herum, bis ich mich zu einer entschloss, die einen besonders intensiven Kontrast zu Farbe und Stoff des Sakkos bildete.
Wie ich mich so im Spiegel erblickte, ein noch immer stattlicher Mann in den späten mittleren Jahren, fand ich mich ziemlich beeindruckend. Dann musste ich über mich lächeln. Ich war aufgeputzt, als wäre ich zu einem Rendezvous mit einer heimlichen Geliebten verabredet und nicht zu einem Treffen mit meiner Frau.
Als ich am Amselweg 10 vor Wohnung 1005 stand, kam mir plötzlich der lächerliche Gedanke, mir fehle eigentlich noch ein Blumenstrauß. Komische Idee, seiner eigenen Frau den Hof zu machen nach beinahe einem viertel Jahrhundert Ehe. Mich beschlich sogar eine gewisse Unsicherheit. Ich atmete tief durch und drückte auf den Klingelknopf.
Meine Frau öffnete mir und bat mich herein auf eine Art, wie sie wahrscheinlich in der Schule jemanden in ihr Sekretariat bat. Sie trug einen dunkelgrauen Rock und dazu einen weinroten Pullover, der ihr nicht besonders gut stand. Ich kam aber nicht dazu, ihr das zu sagen.
Sie öffnete eine zu schmale Tür und ließ mich in einem von mildem Kerzenschein erleuchteten Raum allein. Im Halbdunkel erkannte ich die Umrisse eines hässlichen alten Kleiderschrankes an der Wand zu meiner Rechten, neben dem ein paar schmucklose Bücherregale aufgebaut waren. Vor dem dunklen Fenster stand ein großer, mit einem grünen Tuch zugedeckter Vogelkäfig. Ich nahm mir vor, zu Hause nachzuschauen, ob sich unser alter Käfig noch an seinem Platz in der Kammer befand. Schließlich setzte ich mich in einen alten Sessel gegenüber dem alten Klappsofa, das wahrscheinlich auch als Bett diente. Einen weiteren Raum gab es in dieser winzigen Wohnung nämlich nicht. Das war mir gleich am Eingang aufgefallen. Auf dem dreibeinigen Tischchen zwischen Sessel und Sofa flackerten die Kerzen auf einem dreiarmigen Leuchter, der einzigen Lichtquelle im Raum. Sie verbreiteten einen aufdringlichen Lavendelgeruch.
Meine Frau kam herein mit einem Tablett mit Teegeschirr. Der Duft des frischgebrühten grünen Tees vermischte sich mit dem der Kerzen. Meine Frau goss mir schweigend eine Tasse ein und stellte sie vor mich hin. Nachdem sie auch sich selbst bedient hatte, ließ sie sich mir gegenüber auf dem Sofa nieder.
Ich musterte sie, während ich vorsichtig einen Schluck Tee nahm. Meine vom Morgenkaffee verbrühte Zunge tat mir noch ziemlich weh. Mit einigem Befremden registrierte ich, dass sie trotz dieser desolaten Umgebung zufrieden, ja fast heiter wirkte. Ihre blauen Augen strahlten mich aus dem Halbdunkel an wie zwei Scheinwerfer eines Autos, das mir auf nächtlicher Landstraße entgegenkam.
Nach einem weiteren Schluck Tee stellte ich die Tasse ab, lehnte mich zurück und schaute sie fragend an. Ich fand, es sei an der Zeit, dass sie mir eine Erklärung gab für Wohnung 1005, Amselweg 10.
Wie gewöhnlich verstand sie mich sofort.
„Ich habe diese kleine Wohnung für mich gemietet. 530,- Mark Warmmiete. Die Möbel sind größtenteils geschenkt. Wir zahlen ja noch das Haus ab.“
Ich schüttelte unwillkürlich den Kopf.
„Und was soll das?“ fragte ich, ohne meinen Ärger zu verbergen. „Haben wir bei uns nicht Platz genug, seit die Kinder aus dem Haus sind? Bist du völlig übergeschnappt?“
Sie lächelte beinahe entschuldigend, wie sie es immer tat, wenn ich sie bei einer Ungeschicklichkeit ertappte.
„Wir haben Platz“, bestätigte sie mir, „aber nicht Platz genug.“
„Wieso nicht genug?“ wollte ich wissen.
„Zum Beispiel nicht für einen Kanarienvogel“, antwortete sie, noch immer lächelnd.
„Und deshalb mietest du dir eine extra Wohnung? Für über 500,- Mark? Du spinnst wohl!“ rief ich empört. „Pack deine sieben Sachen und komm sofort nach Hause!“
Ihr Lächeln erlosch. Wann hatte ich dieses Verlöschen schon einmal gesehen? Dieses Senken der Lider? Der Raum erschien mir mit einem Male noch düsterer.
„Wozu, Robert? Bei dir ist doch gar kein Platz für mich.“
„Was soll denn das nun wieder heißen? Wieso ist bei mir kein Platz für mich? Was redest du für dummes Zeug?“
„Du lebst für dich, und ich leb für mich. Aber wir können das nicht mehr im selben Haus tun. Da ist kein Platz für einen Kanarienvogel.“
„Für einen Kanarienvogel? Wegen eines Kanarienvogels ziehst du in dieses Mauseloch hier?“
Sie saß auf dem Sofa mit gesenktem Kopf und schwieg.
„Ich möchte wissen, was in dich gefahren ist“, redete ich weiter auf sie ein, „du hast ein hübsches Haus im Grünen, geschmackvoll eingerichtet, eine große Familie mit prachtvollen Kindern, einen Mann, der weder trinkt noch fremdgeht! Was willst du denn noch? Bist du neuerdings mit nichts mehr zufrieden? Musst du wegen eines blöden Vogels so ein Theater machen?“
„Wir haben keine Zeit mehr“, sagte sie still, „für uns sind die Zeiten für Kanarienvögel vorbei.“ Sie hob ihre Lider wieder. Ihre großen blauen Augen machten mich sprachlos. Eine Weile saßen wir einander stumm gegenüber. Mir kam der Gedanke, mich zu ihr auf das Sofa zu setzen. Aber das erschien mir unangemessen. Schließlich ärgerte ich mich über sie.
Endlich sagte sie, es sei besser, wenn ich wieder ginge. Ich müsse ja am nächsten Morgen zeitig aufstehen. Auf meine dringende Aufforderung, gefälligst mit mir nach Hause zu kommen, reagierte sie überhaupt nicht.
Seitdem leben wir getrennt, und ganz ehrlich gesagt, ich verstehe die Welt nicht mehr. Ich habe meine Frau an einen Kanarienvogel verloren. Das ist einfach verrückt. Das verstehe, wer will.

 

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